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[Der lyrische Mittwoch, Folge 1] Sybille Ebner: seidenblume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ganz herzlich begrüße ich Sie zum Eröffnungseintrag des lyrischen Mittwochs. Großer Dank gebührt Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel Blog, welche bei den Vorbereitungen half. Der erste Text stammt dann auch gleich aus ihrer Feder und wurde bereits zum Literaturwettbewerb 2011 der Akademie Graz zum Thema: „Zeitgenössische Liebesgedichte“ eingereicht.
Ihr Gedicht „seidenblume“ entführt ins Intime, schleicht um einsame Gedanken. Dem Innen eine Sprache geben; kein Reim, dafür das Intensive des Wahren, des Bekannten. Ganz nah, ganz tief drin, zum Anfassen – und dann lieber doch nicht.

seidenblume

kaum wage ich
dich anzusehn
schon ein blick in sehnsucht
könnte zuviel sein
dich zerbrechen
zerreißen
zerstreuen
und am ende wäre ich wieder
allein –
 
lieber werfe ich dir
gar keinen blick zu
lieber verzichte ich
auf jeden kontakt
und sei es nur
eine zarte berührung –
 
am besten wird es sein
ich nehme dich und
stelle dich an einen platz
an dem ich dir nichts
antun kann –
 
ich will dich nicht
verletzen
kleine seidenblume

Textbasis: Vielen Dank für dein Gedicht, Sybille! Ich freue mich, dass du gleich zugesagt und die Aktion auch auf deinem Blog sinn.wort.spiel vorgestellt hast. Du arbeitest als Lektorin und Korrektorin, welche Rolle spielt für dich das Schreiben eigener Texte?
Sybille Ebner: das schreiben eigener texte ist für mich schon sehr lange wie ein ventil. egal wie, egal wo, egal was – und wenn es nur drei worte auf einem aus einem notizbuch herausgerissenen zettel sind. schreiben ist im grunde die essenz dessen, was ich bin. was ich denke. und das ist auch der grund, warum ich anderen helfen möchte, ihre texte zu verbessern und fehler zu eliminieren.
zu lange habe ich ‚für die schublade‘ geschrieben – nun wage ich mich ins kalte wasser und siehe da: schon wird ein gedicht veröffentlicht und ich werde interviewt. danke!

Textbasis: Bitteschön! In einem Kommentar hast du geschrieben, dass du Gedichte liebst. Was zeichnet Gedichte für dich aus, spielt verdichtete Sprache heute überhaupt noch eine Rolle?
Sybille Ebner: natürlich spielt poetische sprache noch eine rolle! (also, für mich zumindest.) in zeiten, wo ‚oida‘ ein subjekt ersetzt, muss es einen gegenpol geben. und den gibt es – auch zeit.genössisch. wer wissen möchte, was ein gedicht für mich auszeichnet, dem sei der ‚panther‘ von r.m.rilke empfohlen.

Textbasis: Auf deinem Blog stellst du derzeit die Artikelfolge „einfach so.“ ein, die mit viel Sprachgefühl von einer einsamen Frau und vom Schaum handelt. Wie lange schreibst du schon, hast du Pläne, angefangene Projekte? Was würdest du gern einmal schreiben?
Sybille Ebner: noch ist die ‚einfach so‘.reihe nicht an ihrem ende angekommen. aber bald. am ende wird der schaum zu einem synonym. zu einem verlorenen traum. (zuviel möchte ich nicht verraten, selber lesen, lang dauert es ja nicht mehr bis zum ende.)
ich schreibe schon, seit ich schreiben kann. ich habe end.los viele pläne, immens viele angefangene projekte, ein ganzes notiz.buch voller ideen.fetzen – und wann immer es die zeit zu.lässt, widme ich mich diesen. etwas, das ich schon seit jahren schreibe, ist die novelle ‚roter regen‘ – mit viel glück bald auf meinem blog nach.zu.lesen.
was ich gerne schreiben würde … das kann ich so nicht beantworten. denn ich schreibe ja, was ich schreiben möchte. zumindest versuche ich das.

Textbasis: Abschließend: Wie kam es zum Gedicht „seidenblume“, was möchtest du den Leserinnen und Lesern verraten, das vielleicht so nicht direkt im Text steht?
Sybille Ebner: ich war auf der suche nach gedanken zur liebe. zeitgenössische liebes.gedichte – das klingt schwer, und ist es auch. schnell wird es kitschig, schnell platt und nichts.sagend.
’seidenblume‘ ist mein versuch, die mauern innerhalb einer beziehung, die uns von.einander trennen, in worte zu fassen. jene mauern, die uns belasten, erdrücken, und uns davon abhalten, glücklich zu sein.

Textbasis: Der Versuch ist dir gelungen. Letzte Worte?
Sybille Ebner: nein, danke, noch keine letzten worte. so weit bin ich noch nicht. 🙂

Textbasis: Vielen Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, die interessanten Antworten und dein tolles Gedicht. Ich wünsche dir für die Zukunft viel Erfolg, viele eifrige Leser und weiterhin so gute Textideen.
Für mehr großartige Lyrik und Prosa besuchen Sie bitte Sybille Ebners Blog sinn.wort.spiel – es gibt einiges zu entdecken! Bis zum nächsten lyrischen Mittwoch und eine gute Zeit bis dahin.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail. Ich würde mich freuen, von Ihnen zu lesen.


Ankündigung: Der lyrische Mittwoch

Sonnenaufgang

Am Horizont: orangegelbes Rot;
früh am Morgen,
der Wald steht finster
unterm Feuer
und Wolkenwellen wogen heran,
unendlich …
Nah weh’n die ersten Schneeglöckchen,
Gedanken im lauwarmen Wind —
weht er uns fort? Frühling,
Lichtpforten erhellt am Horizont,
Glanz, ein leuchtendes Schimmern,
schon klart der Himmel auf.

Ein etwas anderer Einstieg zu einem etwas anderen Artikel an diesem Sonntag. Ich möchte heute die Gelegenheit nutzen, um ein paar Worte über die Zukunft zu verlieren. Keine Prophezeiungen natürlich und auch keine leeren Versprechen sollen es werden, sondern schon bald wird der Mittwoch lyrisch hier auf dem textbasis.blog.

Innerhalb der nächsten Wochen soll zum sonntäglichen Artikel ein Eintrag am Mittwoch hinzukommen. Dort möchte ich gern jede Woche einen kurzen Text oder ein Gedicht aufstrebender Autoren vorstellen. Überdies soll jede Autorin und jeder Autor die Möglichkeit erhalten, ein paar Worte über sich – und wenn gewünscht auch über den veröffentlichten Text – zu sagen.

Ich stelle mir vor, dass der textbasis.blog in Zukunft nicht nur ein Platz für Theorie und Fachsimpelei über Texterstellung und Textbearbeitung sein wird, sondern auch ein Portal für das Ergebnis aller Theorie: für Textdiamanten von Autorinnen und Autoren. „Mehr Licht“ wünschte sich Goethe angeblich, mehr Lyrik, mehr Leben auf dem Blog wünsche ich mir.

Zur Zeit bin ich noch auf der Suche nach Möglichkeiten, die Idee bestmöglich umzusetzen. Wer Lust und Interesse hat, einen kurzen Text oder ein Gedicht für einen Artikel des lyrischen Mittwochs zur Verfügung zu stellen, kontaktiere mich bitte per E-Mail.

Überdies ist auch eine neue Artikelreihe geplant, welche sich nach und nach mit Überlegungen zum Verfassen von Lyrik beschäftigt; zu sehr habe ich mich hier ausschließlich der Prosa gewidmet bis jetzt. Dies wird sich ändern. Ihnen allen einen schönen Sonntag!


Von pfeifenden Schweinen und überlaufenden Fässern

Haben Sie schon einmal von Eheringen aus Gummi gehört? Oder von einer Urkunde auf Küchenkrepp? Hoffentlich nicht – und damit auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum Blog am Sonntag.

Es ist nicht sonderlich schwer, sich die genannten Dinge vorzustellen, aber aus gutem Grund sind Gold und Urkundenpapier verbreiteter und geeigneter als Gummi und Krepp. Besitzt etwas Wert, so muss in vielen Fällen auch die Verarbeitung diesen Wert unterstreichen. Das kann man sich bei materiellen Sachen leicht vorstellen, aber auch bei Dingen, die uns nicht als greifbarer Gegenstand vorliegen, gilt dieses Prinzip. Ein Beispiel ist in meinen Augen der Text, welcher edler und wirksamer wird, je weniger er auf Redewendungen und allzu gebräuchliche Fügungen zurückgreift und stattdessen einmaliges Sprachmaterial verwendet. Im heutigen Artikel soll dies an einem Beispiel demonstriert werden; der Beispieltext dazu steht etwas weiter unten.

Um Texte hinsichtlich des Einsatzes von Redewendungen zu verbessern, sind im Wesentlichen drei Schritte nötig. 1. Das Auflisten der Redewendungen, 2. Die Unterscheidung zwischen Figurenrede und Erzählerrede, 3. Das Ersetzen unpassender Redewendungen durch Umformulieren. Dabei möchte ich schon an dieser Stelle herausstellen, dass nicht jedes Vorkommen von Redewendungen ein stilistischer Mangel ist und richtig eingesetzt, sogar ein sehr kunstvolles Gestaltungsmittel sein kann.

Bevor wir uns der Ausführung der drei genannten Punkte widmen, eine letzte Vorbemerkung, warum ich es überhaupt für gewinnbringend halte, dass man in Texten auf ein Übermaß an Redewendungen verzichtet. Dies hat damit zu tun, dass jede Autorin und jeder Autor die Sprache liebt und sie als Werkzeug für seine Kreationen nutzt. Soll ein Text bewundernswert und gut sein, so reicht es oft nicht, auf das schon Vorhandene zurückzugreifen. Denn dies wirkt auf den Leser oft so, als habe man gerade keine Einfälle gehabt oder so: „als fehlten einem die Worte“. Der Einsatz von Redewendungen muss dabei keinesfalls gleich zu schlechten Büchern führen, aber er zeigt zumindest, dass beim Schreiber auf sprachlicher Ebene noch Potenzial zur Verbesserung besteht – und dies ist nicht der schönste Eindruck, den man dem Leser vermitteln möchte, lenkt er doch ab von der eigentlichen Handlung oder dem eigentlichen Inhalt des Buches.

Führen wir also nun die drei genannten Schritte aus. Ich fasse dabei gleich Schritt 1 und 2 zusammen, indem ich zu jeder Redewendung dazuschreibe, ob sie der Figurenrede („die Figur spricht oder denkt“) oder der Erzählerrede („der Erzähler spricht oder denkt“) zuzuschreiben ist. Hier der Beispieltext:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Schritt 1 und 2: Redewendungen erfassen und zuordnen

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede)
  • „Ich kann nicht fassen“ (Figurenrede)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede)

Es ist deutlich erkennbar, dass der Text, absichtlich, mit vielen Redewendungen und Redensarten gefüllt ist. Nicht alle von den aufgeführten sind störend oder unnötig. Doch wie kann man herausfinden, an welcher Stelle man lieber ausbessern sollte? Das ist schwierig und hängt oftmals vom eigenen Stil und vom Stil des Textes ab. Dennoch kann man sich mit einer einfachen Regel aushelfen: Der Erzähler spricht im Normalfall etwas nüchterner als die Figuren. (Ausnahmen von dieser Regel finden sich oft dann, wenn der Erzähler ein Ich-Erzähler ist oder wenn, wie beispielsweise bei Terry Pratchett oft, der Erzähler selbst eine wichtige Figur mit eigenem Charakter ist).

Lassen wir jedoch diese Sonderfälle hier unbeachtet. Ziel ist es ja auch keinesfalls, das künstlerische Schaffen zu limitieren, sondern lediglich den eigenen Stil etwas zu verbessern. Die Idee zu diesem Artikel bekam ich, als ich die Parabel „Das Seil“ von Stefan aus dem Siepen las. Ein Wortkünstler durch und durch, ein Stimmungszauberer, der mit wenigen Worten lebendige und starke Eindrücke vermittelt. Und dennoch kommen in der Figurenrede seiner Personen oft Redewendungen vor. Wie passt das zusammen? Ganz einfach, denn Unvermögen ist es nicht, sondern der bewusste Einsatz von Sprache. Die Hauptpersonen in „Das Seil“ sind Bauern und den harten, einfachen Ton ihrer Sprache fängt aus dem Siepen dadurch ein, dass er bewusst auf einfache Formulierungen zurückgreift, welche den Charakter der sprechenden Personen unterstreichen. Ganz anders der Erzähler, der weiß mit Worten aufzuwarten, die beim Lesen vor Freude lächeln lassen. Das heißt also: In der Figurenrede sind Redewendungen ein durchaus effektives Mittel, wenn sie den Charakter der Person unterstreichen – und das bedeutet, dass man vor allem bei der Erzählerrede ansetzen muss, will man den Stil heben.

Schritt 3: Umformulieren (mit Erklärung)

  • „stolzierte … entlang“ (Erzählerrede) zu „ging … entlang“ (nüchterner, klarer)
  • „keinen Deut“ (Erzählerrede) zu „nicht“ (weniger umgangssprachlich, weniger derb)
  • „einen Schritt vor den anderen setzte“ (Erzählerrede) zu „wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen“ (Perspektivenwechsel, Stimmungsaufbau, sonst zu platt)
  • „Ich glaub mein Schwein pfeift“ (Figurenrede) zu „Potztausend“ oder härter: „Verdammt!“ (ansonsten unschönes Bild, zu bunt für einen Gedanken)
  • „Ich kann nicht fassen (belassen, wenig auffällig und überdies unterstreicht es die „Sprache“ der Hauptperson)
  • „mit Sack und Pack“ (Figurenrede) zu „eiskalt“ (Reim „Sack – Pack“ wirkt unschön, viele andere Varianten möglich, aber „eiskalt“ unterstreicht die Sprache der Hauptperson gut)
  • „rausgeschmissen“ (Figurenrede) (belassen, in diesem Fall typische Sprache der Hauptperson)
  • „bringt das Fass echt zum Überlaufen“ (Figurenrede) zu „damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand“ (kreative, sinngleiche Umformulierung, um das Langweilige der originalen Redewendung zu tilgen)
  • „lief gerade alles wie geschmiert“ (Erzählerrede) zu „war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden“ (distanziertere Ausdrucksweise, auch um den Erzähler vom Sprachstils der Hauptperson abzugrenzen)
  • „Haareraufen“ (Erzählerrede) zu „ewige Streit“ (nüchterner, dem Erzähler angemessener, „Haareraufen“ könnte eventuell die Hauptperson in der Figurenrede verwenden)
  • „den Stier bei den Hörnern packen“ (Figurenrede) zu „endlich mal was hinbekommen“ (ausgeleierte und bildlich unpassende Metapher durch emotionale Figurenrede ersetzen, welche Rückschlüsse auf deren Gefühlsleben zulässt)
  • „Pantoffelkino und Papierkrieg“ (Figurenrede) (belassen, drückt Wortwitz und Kreativität der Hauptperson aus, verleiht ihr einen Anflug von Sympathie durch humoristische Darstellung der zukünftigen Situation)
  • „hoffend auf die schnelle Mark“ (Erzählerrede) (belassen, wirkt als Pointe des Erzählers, der das Geschehen aus seiner Sicht kommentiert und bewusst die Stilebene der Hauptfigur aufgreift. Könnte umformuliert werden, verleiht dem Text in der ursprünglichen Form aber einen eigenen, ungezwungen Klang.)

Für jede Veränderung gibt es natürlich Alternativen, ich möchte hier auch nur Vorschläge zur Verbesserung aufzeigen und keinesfalls Normen vorgeben; diese würden kreatives Schreiben nur einengen. Dennoch hoffe ich, demonstriert zu haben, wie man auf langweilige Standardformulierungen verzichten und seinen Text durch wenige Umformulierungen stärker und eigenständiger machen kann. Setzen wir zum Schluss also die vorgeschlagenen Ersetzungen in den Beispieltext ein. Hier beide Versionen im Vergleich:

Original:

Karl-August stolzierte die Straße entlang und bemerkte keinen Deut, wie er einen Schritt vor den anderen setzte. „Ich glaub mein Schwein pfeift“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich mit Sack und Pack rausgeschmissen wurde; das bringt das Fass echt zum Überlaufen.“ Dabei lief gerade alles wie geschmiert und das ständige Haareraufen hatte auch aufgehört. „Ich muss den Stier bei den Hörnern packen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Umformuliert:

Karl‑August ging die Straße entlang und bemerkte nicht, wie finstere und erleuchtete Fenster langsam an ihm vorbeizogen. „Potztausend“, dachte er, „ich kann nicht fassen, dass ich eiskalt rausgeschmissen wurde; damit schwappt nun endgültig das Wasser über den Fassrand!“ Dabei war es auf der Arbeit gerade ruhiger geworden und der ewige Streit hatte auch aufgehört. „Ich muss endlich mal was hinbekommen, sonst heißt es bald wieder: Pantoffelkino und Papierkrieg“, sagte er zu sich selbst, zähneknirschend, inständig hoffend auf die schnelle Mark.

Wie Karl‑August auf die Mark, so hoffe ich, dass Ihnen dieses kleine Beispiel Lust macht, Ihre eigenen Texte noch weiter zu perfektionieren und durch gekonnten und kreativen Sprachgebrauch lebendigere, unverwechselbare Texte zu schreiben, die neu erfinden, wo andere einfach nur in den Topf des Immergleichen langen. Denn durch unsere alltägliche Sprache greifen wir oft unbemerkt hinein in diesen Topf, aber da Ihre Bücher nicht alltäglich, sondern besonders sein sollen, muss man anpacken und feste Formulierungen aufbrechen zu schöner und einfallsreicher Sprache. Einen Ehering aus Gummi will man seiner Geliebten oder seinem Geliebten schließlich auch nicht unbedingt schenken.


Mit dem 52×1 zum ersten Buch

Im Vergleich zu Kilogramm oder Meter ist die Einheit Buch ganz anders. Man kann zwar zählen 1 Buch, 2 Bücher und so fort, genau wie bei den Maß‑ und Gewichtsangaben auch, aber irgendwie gibt es schon einen Unterschied. Im Artikel dieser Woche soll es jedoch nicht darum gehen, zu zeigen, was genau die Eigenschaften eines Buches sein müssen, damit wir es Buch nennen (denn das bereitet uns im Alltag kaum Probleme). Vielmehr nämlich ist das, was viele vom Schreiben abhält, die Frage: was genau und wie viel muss ich denn eigentlich tun, damit am Ende ein Buch herauskommt?

Dass niemand Angst vor einem Meter hat, weil er aus 1000 Millimetern besteht, verwundert kaum. Aber dass manche Bücher 1000 Seiten haben, das ist für viele, die überlegen ihr erstes Buch zu schreiben, oft etwas abschreckend. Denn 1000 Seiten Text schreiben sich nicht an einem Tag und die meisten Menschen trauen sich nicht zu, soviel zu schreiben (vor allem dann nicht, wenn sie keine geborenen Viel- und Gernschreiber sind). Daraus entsteht dann womöglich eine Art Angst, die sich vom Umfang eines Buches herleitet: Das schaffe ich nie!

Diese Angst ist unbegründet und entsteht einerseits dadurch, dass man sich vom Buchumfang abschrecken lässt („So viel kann ich gar nicht schreiben!“), und zweitens dadurch, dass man sich das Schreiben eines Buches falsch vorstellt („Das würde mir gar nicht alles einfallen!“). Diese beiden Angstursachen lassen sich dabei leicht beseitigen und ich gebe im Folgenden ein paar Tipps, wie sich jeder selbst diese Schreibangst nehmen kann.

(Hinter allen folgenden Ratschlägen steht immer die eine, grundlegende Regel: Man muss Spaß am Schreiben haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist alles andere vergebens.)

Widmen wir uns zuerst der Angst vor den fehlenden Ideen, die ganz eng mit den falschen Vorstellungen vom Schreibprozess selbst verknüpft ist. Eine Idee, um die man das Buch herum schreiben will, die braucht es freilich am Anfang immer. Sonst würde man ja gar nicht erst anfangen. Wenn Sie jedoch Ihre Idee haben, um die ein Buch entstehen soll, dann kann es auch sogleich losgehen. – Aber nicht mit dem (Buch)Schreiben!

Denn das ist (ganz gleich, ob es sich um ein Fachbuch oder einen Roman handelt) der Fehler, der möglicherweise viel zu oft passiert: Man schreibt einfach drauflos und wundert sich dann, dass einem auf dem Weg die Ideen ausgehen, dass das Buch nicht den gewünschten Umfang hat, oder dass man eigentlich nur einen guten Anfang, ein gutes Ende aber einen schnarchlangweiligen Mittelteil zu Papier gebracht hat. Denn solche Meister gibt es nur wenige, die während des Schreibens ihre Bücher erfinden (und dann heißt das auch noch nicht, dass am Ende ein gutes Buch herauskommt).

Den meisten Textschaffenden wird es ähnlich gehen: Ein Buch schreiben, das ist mehr, als wild in die Tasten zu hämmern. Texte schreiben bedeutet: Wissen, worüber man schreibt. Dieses Wissen kann sich dabei je nach Buch ganz unterschiedlich zusammensetzen. Eingehende Recherche bei Fachbüchern ist immer ein guter Beginn, eine Auflistung aller wichtigen Themen schon fast der Startschuss. Ähnlich ist es auch bei Romanen. Auch dort kann in bestimmten Genres eine eigehende Recherche notwendig sein (historischer Roman etc.)

Gehen wir an dieser Stelle davon aus, dass die Recherche erledigt ist und man sich wohlfühlt in dem Thema, über das man schreiben möchte – auch dann sollte man noch nicht mit dem Schreiben selbst beginnen. Denn obwohl die Grundlage schon eine sehr gute ist, so fehlt dem Buch doch noch sein eigentliches Skelett. Dieses zusammenzukitten ist von den wichtigen Vorarbeiten die notwendige. Denn eine Idee ist noch kein Buch. Die Idee muss ausgeführt werden, sie muss zu etwas werden, das länger hält als die Dauer eines Geistesblitzes. Hier liegt nun auch der Dreh- und Angelpunkt aller guten Bücher: Die Idee muss zu einem Text werden.

Das genaue Vorgehen lässt sich nicht beschreiben, wie dieser Schritt bewerkstelligt werden kann. Hier muss jeder seinen eigenen Stil finden. Jedoch ist es immer wichtig, dass man sich über den Anfang und das Ende hinaus überlegt: was passiert eigentlich genau in der Mitte des Buches? Um diese Frage dreht sich dann alle weitere Beschäftigung. Man muss Personen erfinden, ihnen eine Biografie verpassen, man braucht Handlungsmotive, man benötigt Handlungsstränge. Eben all das, was der Schriftsteller erfinden muss, damit er sein Buch schreiben kann.

Je genauer man bei der Planung seines Buches vorgeht, desto mehr bildet sich schon vor dem ersten Wort des eigentlichen Textes die Geschichte im Kopf heraus. Je mehr man Handlungsskizzen, Charakterskizzen und –motive entwirft, umso mehr spinnt sich von ganz allein eine Geschichte im Kopf zurecht. Das beste Buch schreibt man demnach, wenn man vor dem eigentlichen Niederschreiben schon grob (und im Idealfall: genau) weiß, was ein paar Kapitel später passieren wird und warum das wichtig ist für den Mittelteil des Buches. Denn so erzeugt man auch über viele Seiten hinweg Spannung (man muss wissen, was man spannend macht und wie und wo man die Spannung auflöst).

An dieser Stelle haben Sie noch kaum etwas vom Haupttext Ihres Buches notiert, aber Sie sind ausgerüstet mit allem, was Sie brauchen, um sich später beim Schreiben wohlzufühlen: Sie wissen Bescheid (Recherche) und sie haben ihrer Idee Leben eingehaucht (Buchkonzeption und Skizzen). Sind Sie an dieser Stelle angekommen, werden Sie merken, dass die zweite oben genannte Angstursache (die vielen Seiten, die es noch zu schreiben gilt) schon weit in den Hintergrund gerückt ist. Denn nun wissen Sie, was sie alles auf diese vielen leeren Seiten schreiben können. Aber dennoch: Es steht noch nichts da, was mal ein Buch werden könnte, und Sie haben schon viele, viele Stunden an der Ausgestaltung Ihrer Idee verbracht. Jetzt heißt es: letzte Vorbereitungen treffen, sich selbst motivieren und dann wird losgelegt.

Der letzte Schritt, bevor es an die Schreibarbeit geht, ist das Organisieren der Handlung in Kapitel. Sie wissen, was Sie alles behandeln wollen, Sie wissen, was alles vorkommen muss, und Sie wissen, wodurch Ihre Spannung erzeugt wird. Diese Textknochen fügen Sie jetzt zu einem Textskelett. Entwerfen Sie die ersten 10 bis 20 Kapitel Ihres Buches, notieren Sie sich, was darin geschehen soll. Und fertig ist Ihre eigene Buchvorlage, der Sie im letzten Schritt nun „bloß“ noch Leben einhauchen müssen. Es spielt übrigens keine Rolle, wenn Sie nicht alle Kapitel des Buches durchplanen, lassen Sie sich Spielräume für Eingebungen während des Schreibens. Aber orientieren Sie sich immer an Ihren Skizzen, auch wenn Sie die Kapitel später noch einmal umarbeiten.

Und jetzt der Clou: Sie haben die Idee und diese zu einem Konzept gemacht. Aus dem Konzept sind die (noch leeren) Kapitel entstanden. Sagen wir, Sie gliedern Ihr Buch in 52 Kapitel. Und bevor Sie mit Schreiben anfangen, lösen wir noch kurz eine Rechenaufgabe (nicht zufällig entsprechen die 52 Kapitel den 52 Wochen des Jahres). Ihr Ziel ist eine spannende Geschichte mit dem Umfang von 400 Taschenbuchseiten. 400 Seiten ÷ 52 Wochen = ca. 8 Seiten in der Woche. Die weitere Rechnung könnte man sich schenken, aber sie tut gut: 8 Seiten ÷ 7 Tage = etwas mehr als 1 Seite pro Tag.

Lassen Sie uns darüber kurz nachdenken: Sie haben die Idee und Sie wissen, worüber Sie schreiben wollen, und Sie haben Ihre Kapitel und Sie wissen, dass Sie, wenn Sie jeden Tag etwas mehr als eine Seite schreiben, innerhalb eines Jahres Ihr erstes Buch fertiggestellt haben. Da Sie gern schreiben und weil für Sie eine Seite Text am Tag keine Herausforderung ist und weil Sie wissen, was Sie auf diese eine Seite schreiben wollen (aufgrund Ihrer gründlichen Vorarbeiten) – deswegen wissen Sie auch, dass Sie es schaffen, Ihr Buch zu schreiben und keine Angst haben müssen, dass Ihnen nichts mehr einfällt oder dass Sie der Umfang überwältigt.

Um sich noch weiter zu motivieren, rechnen Sie so: Schaffen Sie ca. 3 Seiten an einem Tag, dann haben Sie binnen eines Jahres Ihren 1000 Seiten-Wälzer (wofür natürlich auch genug Stoff da sein muss!). Oder so: Mit 5 Seiten am Tag, haben sie Ihre 400 Taschenbuchseiten in 80 Tagen fertig. Oder rechnen Sie so, wie es Sie motiviert. Wenn Sie die magische Einheit, 1 Jahr, in Ihre Berechnungen einbringen, dann kommen Sie für fast alle Bücher immer zu demselben Ergebnis: Das schaffe ich!

Es sei zum Schluss dieses Eintrags noch angemerkt, dass es in diesem Artikel darum ging, ein Buch in einem Jahr zu schreiben. Die Ideenfindung und Konzeption sind da nicht mit eingerechnet. Aber wenn Sie am Tag etwa 3 Seiten schreiben, dann haben Sie noch 6 Monate, um Ihr Buch zu planen. Erliegen Sie dabei bitte nicht der Illusion, dass eine gute Planung auch zu einem sicheren Erfolg führt. Denn der Erfolg bestimmt sich durch viele zufällige Faktoren am Buchmarkt. Dennoch können Sie Ihre Chancen erhöhen, je besser Ihre Idee ist und umso gründlicher Ihre Vorarbeiten sind.

Denken Sie aber auch daran, dass 100 Autoren aus einer Buchskizze 100 verschieden gute Bücher machen können. Sie müssen zu den besten dieser 100 gehören. Also lassen Sie all Ihr Sprachgefühl und Ihre Kreativität in Ihre Sätze fließen, nachdem Sie festgestellt haben, dass Ihr Buch schon in greifbarer Nähe (1 Jahr!) ist. Denn das ist die zweite Seite des Autorenhandwerks, neben dem Erfinden und Planen des Inhalts: das Schreiben (und das geht umso besser, wenn Sie sich nicht immer Gedanken machen müssen, was Sie schreiben, sondern nur noch: wie Sie es am besten zu Papier bringen).

In diesem Sinne: Wir lesen uns – spätestens in einem Jahr!