Schlagwort-Archive: gedicht

GEDichTE. Überlegungen zum lyrischen Ich entlang dem Lyrikband Privataufnahme.

Wie ein unscheinbarer Wind durchweht die Frage nach dem lyrischen Ich, nach seiner Verwurzelung im Autor und seinen Händen hin zur Leserschaft, zu Zeiten die Artikel dieses Blogs. Sie haben darüber hier verstreut in einigen Zeilen schon gelesen; jetzt ist es an der Zeit, dem etwas wärmer hinterherzuspüren.

Privataufnahme. Junge deutschsprachige Lyrik. Herausgegeben von Marius Hulpe. Dahlemer Verlagsanstalt 2009.

Seit der Mainzer Minipressen-Messe 2013 steckt ein Gedichtbändchen in meinem Regal, dem ich schon lang überfällig ein paar Worte schulde, hat es sich die Erkundung des lyrischen Ichs in der modernen Lyrik doch gerade zur Herzensangelegenheit gemacht. Nicht theoretisch versucht es, das lyrische Ich zu ergründen, sondern vielmehr zeigt es die Facetten des Ich-Bezuges direkt am Text und seine Möglichkeiten für die zeitgenössische Dichtung. Die Autoren wurden um ihre „persönlichsten (und darum, so das Experiment glücken will, evidentesten) Gedichte“ gebeten, herausgekommen ist eine Sammlung von intimen, gebrochenen, oft deutlichen und mehrdeutigen Texten, denen gemeinsam das Greifen in die Tiefe ist, hinunter zum empfindlichen Grund der Verbindung zwischen Autor, eigener Realität und Gedicht.

Im Vorwort schreibt Marius Hulpe, dass dem Gedicht als Ausweg oft nur noch der Rückzug ins Private übrig geblieben sei: „Tunnel graben unterhalb des Dickichts der medialen Form- und Farbenwirtschaft, in hermetischeren als den öffentlichen Räumen sein Glück zu strapazieren.“ Die Reichweite der Gedichte, der Lyrik im Allgemeinen ist kürzer geworden. Das liegt nicht darin begründet, dass das Gedicht ohnmächtig wäre, aber es befindet sich selbst in einer allumschließenden Ohnmacht, in einem großen weißen Rauschen, in dem die leisen Störsignale der Lyrik ungehört verklingen. Anrennen gegen Soap-Opera, Klatschpresse und Werbung: vergeblich.

Vergeblich deswegen, weil das Gedicht es nicht schaffen will und nicht schaffen darf, seine Verse zur Message zu verdichten, die Crowd mit blöden, ausgehöhlten Phrasen zu erreichen. Damit würde es sich selbst seiner Berechtigung berauben. Allerdings: So ganz passt die Beschreibung nicht, denn bei der Rede über das Gedicht und die Poesie lohnt es mit zu erinnern, dass auch diese nicht aus Liebe und Luft entstehen. Das Gedicht, so autonom es sein mag, ist das Resultat eines künstlerischen Aktes, und dieser Akt bedarf der Agierenden, der Dichterinnen und Dichter. Wohin also in diesem Konflikt zwischen tauber Welt und gewollter Nicht-Anpassung? Wohin als Dichter, wenn der Ruf im Rauschen verebbt, wenn mehr Dezibel bedeuteten, immer dumpfer zu werden? Marius Hulpe nennt den Ausweg zurecht einen Rückzug, eine Rückbesinnung auf dasjenige hinter den Gedichten, auf das Private. Wo etwas keinen Anklang findet, da kann es klingen, wie es will, da darf, ja muss es manchmal dissonant, manchmal naiv ertönen und für Dritte sich mitunter unverständlich oder trivial geben – zumindest wenn es sich um ehrliche Verse handelt.

[…]
du sagst: mond. und ich vergleiche
die monde. ob lüdenscheider mond
ob diedenhofener mond. […]

(S. 31: Adrian Kasnitz: „september in der provinz“. Auszug)

Die größten Worte scheitern an der geringsten Menge, darum sind viele der Gedichte in diesem Band ganz nah an dem, was im Alltag passiert, sie sind die Versuche, licht das Empfinden und die Erinnerungen in Worte zu legen, sie in die horizontale Progression des Verses einzupassen. Sie sind keine Versuche, Kritik auszusparen und angepasst mitzuschwimmen, aber der Kritik wird das Allgemeine genommen, ihr wird ganz deutlich in Abrede gestellt, dass sie auf Massen mit Idealen wirken könnte, denn diese Massen erreicht das Gedicht nicht mehr. Kritik nimmt die Form von Erinnerung, die Erinnerung die Form von Versen an.

ich lehne an der wand
eingegraut ist sie wie das haus wie das viertel
ich lehne an der wand
während an der kreuzung der preßluft-
hammer zuschlägt […]

(S. 64: Adrian Kasnitz. Auszug)

Nicht ohne Grund wird Adrian Kasnitz bereits zum zweiten Mal zitiert, schafft er es doch, das lyrische Ich und seinen Bezug zum Privaten auch für den Leser fassbar zu machen. Die Details, die Motivationen bleiben dem Leser freilich verborgen, das Vorkommen des Wortes „ich“ ist keine Freikarte für Erklärungen, für triste Auslegungen. Allerdings ist Kasnitz’ „ich“ ein besonderes, denn transzendiert es einerseits die Erinnerungen des Autors in die Verse, so transzendiert es gelichzeitig ein Ich, an dem der Leser sich halten, das er in sich selbst hineinlassen kann. Was es da für dieses „ich“ zu finden geben mag, sei dahingestellt. Aber das Aufnehmen des fremden Ichs in den Leser, das setzt das Leser-Ich mit lyrischen Ich in eins, da verschmilzt dann eventuell zu einem Sinn, was große, allgemeine Worte gar nicht mehr zusammenbringen können.

Gerade in den Versen, die Erinnerungen, die Privates zeigen, findet sich erst in einem zweiten Schritt der Reflexion, was allen sogenannten Weinerlichen zu oft abgesprochen wird: die Möglichkeit wieder in die Rezipienten vorzudringen, indem diese in sich selbst vorstoßen. Das passiert nicht, kann nicht ohne Zutun der Leser passieren, aber ohne das passiert im Gedicht ohnehin nicht viel. Wer moderne, intime Lyrik liest wie eine Tageszeitung, wie einen Sachtext, der uns vorlügt, was Sache ist, der scheitert an der Moderne. Eröffnungsverse wie die von Katharina Schultens, in ihrer Naivität wirken sie beinahe trivial, wenn man sie lediglich überfliegt. Doch wie anders kann man sie als Leser erschließen, sie nutzen, wenn man sie als Blaupause für die eigene Vergangenheit verwendet mit den ganz anderen aber dafür ganz eigenen Erinnerungen und Bildern?

ich bin ein gnadenloses kind gewesen
zu gewissen zeiten, ich zupfte an ganz gewissen saiten
mir die finger krumm & blutig; es gab herrliche rupturen
von knoten auf den stimm- & andren bändern. […]

(S. 104: Katharina Schultens: „suppenapostel/in“. Auszug)

Anders, als nur dieses lyrische Ich als Schlüssel zu sich selbst zu nutzen, zeigen die Gedichte in Privataufnahme, dass Privates keineswegs ausschließlich an feste Worte gebunden ist, schon gar nicht an das Wort ich. Denn privat kann eine Erinnerung ebenso sein, wenn sie wie ein Bild aufscheint. Dieses Bild in seiner Neutralität für den Leser verzichtet auf den direkten Bezug zum Subjekt, es ist eine Einweg-Spiegelbrücke, die der Rezipient nicht selbst gebaut hat, an deren Anfang er nur immer sich erkennt, deren anderes Ende er aber als fremdes Bild deutlich vor sich sieht.

Das lyrische Ich tritt zurück hinter die Erinnerung, die Verse bilden kein Ich mehr ab, das man in sich hineinlassen könnte. Moderne, private Lyrik ist nicht egoistisch, nicht narzisstisch, erst recht nicht ignorant allem Großen gegenüber. Sie ist notwendig rückbezogen in einem lauten Raum, in dem lautes Brüllen nur immer mehr Verstimmung hervorruft. Einerseits ist das Ich in der modernen Lyrik also ein leiser Anker, an dem man sich in sich selbst hineinziehen kann, andererseits kann die moderne Lyrik so leise sein, dass sie ganz auf diesen Ich-Anker verzichtet, kein Ich mehr auswirft, rein in der Rückschau abbildet und damit intern aufarbeitet und extern anregt.

der august mit seinem ende
sie legten sich träge in die losen rahmen der fenster
hielten die augen auf
wie um ausschau zu halten
[…]

(S. 56: Anja Kampmann: „ausblick“. Auszug)

Was kann in einem lauten Raum, in dem die kraftvollste Stimme nur noch Noise neben anderen ist, größere Wirkung entfalten als ein schlichtes Bild, das ablenkt von unseren Anstrengungen, doch endlich wieder richtig hören zu können, um uns daran zu erinnern, einmal wieder die Augen zu öffnen. Mögen keine vier Augen je das Gleiche sehen, aber sehen, das können gesunde Augen doch allemal. Manches Mal bedarf das Öffnen dieser Augen jedoch erst den Künstler, der uns Privates, intime Momente des Sehens und der Erinnerung, von sich offenlegt, damit wir uns selbst anstupsen und uns erinnern, die Ohren zu schließen, die Augen zu öffnen und das Private in seinem Nutzen für das Allgemeine ernst zu nehmen.

Damit wir uns neu in uns selbst verorten, Zeichnungen von uns erstellen und diese ausstellen, unser Ich, unsere Bilder den anderen darbieten, damit sie zu eigenen Bildern wie wir zu uns selbst finden können. Das ist weder Emo noch Biedermeier, das ist eine Chance für alle, das kann Dichtung für alle sein, das sind die erwähnten „Tunnel […] unterhalb des Dickichts der medialen Form“, das ist ein Bild für andere von uns selbst für uns, das sind Privataufnahmen – „ein mögliches Medium gesammelter authentischer Gegenwart in Form von Poesie“ (wie die Klappe der Broschur dieses fein gestalteten und editierten Bändchen es nicht treffender hätte sagen können).

Ich vergesse oft, dem Waschbecken morgens
unverzüglich zu trinken zu geben.
weil ich abgelenkt bin.
[…]

(S. 70: Ron Winkler: „Nofretetelle“. Auszug)

Privataufnahme enthält Gedichte folgender Autorinnen und Autoren:

Anke Bastrop, Crauss, Daniela Danz, Carl-Christian Elze, Roman Graf, Alexander Gumz, René Hamann, Marius Hulpe, Anja Kampmann, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Björn Kuligk, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Ulrike A. Sandig, Nathalie Schmid, Katharina Schultens, Florian Voß, Jan Wagner, Christoph Wenzel, Ron Winkler

Advertisements

[Der lyrische Mittwoch, Folge 24] Lilo Wessel – so/weit ist alles fern

im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern

Liebe Leserinnen und Leser,

heute als Gast im lyrischen Mittwoch begrüße ich ganz herzlich die Autorin Lilo Wessel, und ich freue mich, eines ihrer Gedichte vorstellen zu dürfen. Die in Deutschland und Griechenland lebende Autorin widmet sich seit ihrer Pensionierung und nach 40-jähriger Lehrerinnentätigkeit in den Fächern Deutsch und Sozialkunde wieder vermehrt dem Schreiben. Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin kehrt damit nun stärker zu ihren akademischen Wurzeln zurück, wendet sich bevorzugt der Prosa zu, besitzt aber ein ausgesprochenes Talent für eingängige Verse und eigenwillige Gestaltung.

Eines ihrer experimentellen Gedichte fand heute seinen Weg in den lyrischen Mittwoch. In Anlehnung an ein Lied Miriam Makebas entsteht eine Momentaufnahme, die so bunt ist wie ein Testbild, jedoch ungleich mehrdeutiger. Die Vermengung von Wahrnehmung und Reiz, die subjektive Interpretation der Situation wird hier nicht als Ganzes vollzogen, sondern geteilt in ihre Momente. Entlang den Textzeilen von Makebas Ring Bell, die von Hoffnung und schöner Erwartung erzählen, rieselt auf das lyrische Ich der gesamte Rest der Welt ein. Von Flughafendurchsagen über Hunde, die sich durch ihre Namen mit Sternzyklen vermischen, aber sich dann auflösen in einen „sternhimmel / mit typischem winter / charakter“. – Und das lyrische Ich in dieser Flut von simultanen, chronologisch freigelegten Erfahrungen? Es bleibt trotz der Fülle doch irgendwo verloren in sich, im „spiegelkabinett leerer versprechungen“ und am Ende „in erwartung des maximalen nichts“, verharrend in den Gegensätzen –


.

so/weit ist alles fern

miriam makeba münchen 1972 E0719
if i could be a shimmering star
….i’d shine now. how i would shine.
realiter paris (05/01/05) betrachtender: sternenhimmel
mit typischem winter
charakter dem himmels
jäger folgen
zwei hunde sothis & prokyon die erde (lucy)
passagiert sonnennächsten punkt acht minuten &
zehn sec. – sonne licht erde (conakry cky – paris cdg?)
………someone
i love has promised to be mine now
im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern
ich immer noch
geschlagen
mit blindheit usw.
in erwartung des maximalen nichts

Porträt Lilo Wessel

Lilo Wessel

Textbasis: Hallo Lilo, ich freue mich, dass du dich heute den Fragen des lyrischen Mittwochs stellst und eines deiner Gedichte für einen schöneren Mittwoch gespendet hast. Ich möchte gleich zu Beginn von außen an deine Tätigkeit als Autorin herantreten. Nach vielen Jahren Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen veränderte sich dadurch auch deine eigene Art zu schreiben oder wirken diese Eindrücke im Schreibprozess weniger nach als man meinen mag?

Lilo Wessel:
Das Zusammensein mit den jungen Menschen hat mich in meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung geprägt. Das schlägt sich unter anderem nieder in meiner Art des Denkens … Ich denke zwar logisch und kritisch, aber nicht in festumrissenen, eingefahrenen Bahnen wie viele in meinem Alter. Ich experimentiere gedanklich, treibe Gedankenspiele. Aber immer schaue ich auch hinter die Dinge, bis dorthin wo sie kompliziert und traurig werden. Das habe ich bereits als jugendlicher Mensch getan, aktuell scheint mir das weniger verbreitet. Damals war ich sehr stark von Thomas Manns „Tonio Kröger“ beeinflusst, wie du vielleicht an der Formulierung merkst. –

Mir ist Jugendsprache vertraut, deren Entwicklung. Natürlich gibt es eine Menge Ausdrücke, Wörter und Phrasen in meinem Wortschatz; inwieweit ich sie aktiv verwende, hängt im realen Leben vom Adressatenbezug ab, im fiktionalen von der Konzeption der jeweiligen Figur.

Heute gehe ich salopper, unverkrampfter um mit Sprache, andererseits wiederum sehr präzise; das stellt für mich keinen Widerspruch dar.

Textbasis: Salopp, aber präzise. Das klingt nach: Wer die Regeln kennt, der darf sie auch brechen. Ist es das, woran man vor allem auch angehende Schreibende erinnern sollte, dass Wagnis nie ohne Wissen funktioniert? Und dann eher in der Lyrik oder der Literatur ganz allgemein – wie ist dein Eindruck der gegenwärtigen Situation?

Lilo Wessel:
Um deine These aufzugreifen: Das Kennen der Regeln ist meines Erachtens Bedingung dafür, dass man sie brechen kann. Wagnis ohne Wissen funktioniert nicht! Und zwar in allen Bereichen, natürlich auch in der Literatur. Die Frage ist, was man kennen/können muss fürs literarische Schreiben, was man lernen kann, was nicht. Gegenwärtig boomt der „Creative-writing-Markt“: Zahlreiche Schreibratgeber, Schreibseminare online und live, Autorenforen und Schreibgruppen im Internet sowie universitäre Studiengänge suggerieren, dass man literarisches Schreiben lernen könne. Klar, ein Autor muss  entsprechend seiner Gattung mit den Bauformen des Erzählens, des lyrischen und dramatischen Schreibens vertraut sein, mit rhetorischen Stilmitteln; das Regelsystem seiner Sprache kennen, überhaupt meisterlich sein im Umgang mit Sprache. Allerdings reicht selbst die perfekte Beherrschung eines entsprechenden Instrumentariums nicht aus, um einen wirklich guten Text hervorzubringen. Dazu bedarf es einer literarischen Begabung, eines Talents, das sich weder durch Fleiß noch durch wie auch immer geartete Schreibkurse ersetzen lässt.

Es gibt genügend Bücher auf dem Markt, die handwerklich perfekt sind, aber immer nette „Einmal-Bücher“ bleiben werden. Und vermutlich noch mehr, die es gar nicht erst auf den Buchmarkt geschafft haben.

Textbasis: Nun sind nicht alle deine Gedichte so experimentell wie das oben stehende „so/weit ist alles fern“. Dennoch wird darin, ganz unabhängig vom Inhalt, dein Hang zum Spiel mit Sprache deutlich, deine Lust, Wirkung durch Abweichung zu erzielen. Was zeichnet für dich ein gelungenes Gedicht aus?

Lilo Wessel: Wenn du mich als Germanistin fragst: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es den Erwartungshorizont des Lesers destruiert. Denn sonst hat ein lyrischer Text lediglich Konsumcharakter. Über jedes erdenkliche Thema ist bereits geschrieben worden. Ein gelungenes Gedicht muss daher inhaltlich, sprachlich, textlich und konzeptionell, eventuell auch medial neu konstruiert sein. Mich begeistert die – oft atemlose – Fetzensprache von Friederike Mayröcker in ihren scheinbar formlosen Gedichten genauso wie die strengen Formen von Durs Grünbein im Zusammenspiel mit ihrer eigenen Tonalität. – Ich kann aber ganz banal antworten: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es mir gefällt, dergestalt, dass es eine bestimmte Befindlichkeit trifft, in der ich gerade bin. Auch das leisten die Gedichte meiner beiden Lieblingslyriker Mayröcker und Grünbein.

Textbasis: Das sind zwei interessante Punkte, die du nebeneinander aufführst: der Bruch mit dem Erwartungshorizont einerseits und andererseits das subjektive Gefallen. Es scheint so, als solle die Dichterin ihre Leserschaft aus der Reserve locken mit Zuckergebäck, um es bildlich zu sagen. Worin besteht die Kunst, diese beiden Ebenen zusammenzubringen, zu destruieren und dabei zu gefallen? Oder ist das zu theoretisch und Lyrik besteht – im Endeffekt – doch eher im Drauflosschreiben?

Lilo Wessel:
Nein, nicht im Drauflosschreiben. Das wenigste entsteht spontan. Basis für gelungenes Schreiben ist – ich sagte es bereits – handwerkliches Können und Talent. Bruch des Erwartungshorizontes und subjektives Gefallen schließen sich nicht aus. In seinem „Don Quijote“ bricht Cervantes strukturell und inhaltlich mit der Tradition des Schäferromans und des ritterlichen Abenteuerromans. Er spielt mit den Lesererwartungen, die, zunächst auf diese Tradition ausgerichtet, im Laufe der ersten dreißig Seiten systematisch zerstört werden. Sein Roman wurde schon zu Erscheinungszeiten ein Riesenerfolg.
Durs Grünbein arbeitet mit klassischen Strophenformen und füllt sie mit einer neuen, saloppen Sprache. Er zählt zu den bedeutenden Lyrikern des deutschsprachigen Raums.

Mir persönlich gefallen lyrische Texte, die meine Erwartungen demontieren; ich begreife derartige Texte als Herausforderung zur stilistischen, formalen und inhaltlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig als Horizonterweiterung. Aber eine solche Leseweise ist nicht jedem eigen. Und ehrlich gesagt lese ich ganz gerne auch mal nur zu Unterhaltungszwecken. Ob ein (lyrischer) Text gefällt oder nicht, hängt von der Lesehaltung des Einzelnen ab. Hat einer eine identifikatorische Lesehaltung, eine analytisch-kritische? Geht es um ästhetisches Lesen, um unterhaltendes oder um pures Statuslesen? Inwieweit ein Lyriker solche Fragen bei seinem Schreibprozess berücksichtigt, sei dahingestellt.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du mir, dass du dich sehr zur Prosa hingezogen fühlst und dich ihr wieder stärker widmen möchtest. Gibt es schon konkrete Pläne, Wünsche, Hoffnungen, wo deine literarische Reise hingehen soll? Was wäre denn so ein Traumziel, dem du gern nachhängst?

Lilo Wessel:
Zurzeit arbeite ich an Erzählungen mit der Thematik „Misslungene Kommunikation und Interaktion“. Deren Inhalte basieren auf skurrilen Erlebnissen, die ich während meiner zahlreichen Aufenthalte in Griechenland hatte. Ein befreundeter Künstler entwickelt derweil Illustrationen zu den Texten. Der schwierigste Part wird wohl die Suche nach einem geeigneten Verlag sein. Self Publishing oder ein Bezahlverlag kommen für mich nicht in Frage. –

Mein Traumziel: Endlich Zeit haben, nur fürs Schreiben. Ich habe Stoff und Ideen für drei sehr unterschiedliche Romane im Kopf. Da hat sich im Laufe der Jahre vieles angesammelt und festgesetzt, was sich gedanklich stets weiterentwickelt hat. Leider hatte ich berufs- und familienbedingt niemals Zeit, um kontinuierlich an langen Texten zu schreiben. Angesichts meines numerischen Alters muss ich mich nun ranhalten. Aber zunächst einmal die Kurzformen. Natürlich habe ich auch Lust, wieder Gedichte zu schreiben.

Textbasis: Das klingt im ersten Moment hart, wenn du schreibst, dass Self Publishing nicht in Frage komme (vom Bezahlverlag sehe ich aus offenkundigen Gründen einmal ab). Bieten sich für Self Publisher nicht auch Möglichkeiten, die vor allem in den schwächeren Marktsegmenten (Kurzgeschichten, Lyrik et cetera) Möglichkeiten bieten? Wie bewertest du diesbezüglich heute noch die Rolle der Verlage?

Lilo Wessel:
Mir ist bekannt, dass mittlerweile namhafte Autorinnen und Autoren den Weg über Self Publishing gegangen sind, weil sich zunächst kein Verlag fand, der ihre Texte publizieren wollte. Die gegenwärtig sehr erfolgreiche Krimi-Autorin Nele Neuhaus ist ein Beispiel dafür; sie wurde später von Ullstein unter Vertrag genommen. Und man weiß, dass die Verlage inzwischen unter den Self Publishern nach Talenten stöbern. Insofern hast du natürlich Recht, dass sich hier neue Möglichkeiten auftun. Andererseits findet man in diesem Bereich eine Fülle von Texten, die besser niemals das Licht der Welt erblickt hätten. – Laut dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels werden in Deutschland jährlich rund 350 Millionen Bücher verkauft, davon 30 Prozent Belletristik. Angesichts solcher Zahlen ist ein Ende der herkömmlichen Verlage noch nicht in Sicht, wenngleich große Umstrukturierungsprozesse in Gang sind.

Was Bücher betrifft, bin ich altmodisch. E-Books lese ich keine, besitze kein digitales Lesegerät; ich brauche das Haptische. Ich möchte Papier fühlen, unterstreichen, markieren, anmerken können … alles mit Bleistift in Habachthaltung der Hand.

Ich liebe es, Zeit in Buchhandlungen und Bibliotheken zu verbringen, mit den Leuten dort zu plaudern, zu stöbern, mag diesen speziellen Geruch, der dort vorherrscht, mag es, mich dort in eine kuschelige Leseecke zu verziehen. Und wenn eines Tages dort ein Buch von mir im Regal stünde, wäre ich überglücklich.

Textbasis: Ich zumindest halte dir die Daumen, dass schon bald auch Bücher aus deiner Feder sich mit in die Regale reihen. Gerade im Spannungsfeld zwischen elektronischem Publizieren und klassischer Verlagsveröffentlichung bieten sich Möglichkeiten (einfache Publikation) aber auch Risiken (unbemerktes Untergehen). Die persönliche Vorliebe zum Haptischen, zum Buch in der Hand, prägt noch viele Autoren, wie auch in deinen Antworten deutlich wurde. Dennoch meine ich: Wer heute schreibt, der muss sich mehr Gedanken machen über die Publikationsform als vormals. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Veränderungen am Buchmarkt auch die Textproduktion und das Schreiben beeinflussen werden. Jedoch eines, Lilo Wessel hat es erwähnt, ist immer von Vorteil: Sein Handwerk zu beherrschen, auch wenn es womöglich einen Rest gibt, der nur durch Talent ausgefüllt werden kann. Vielen Dank für das Interview!

Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


– Lebenslauf eines Gedichts- Einblicke in die Werkstatt & das Lektorat

Vor Kurzem habe ich mit Matthias Engels an einem seiner Gedichte gearbeitet – und als wir zu einem ersten Ergebnis gekommen waren, hatte er die Idee, daraus einen Blogeintrag zu machen. Eine schöne Sache fand ich, und so ist auf dem Dingfest-Blog nun ein Artikel zu lesen, in dem man hineinschnuppern kann, wie die gemeinsame Arbeit an einem Gedicht aussehen könnte. Das Lektorieren eines Gedichtes erfordert von Autor und Lektor viel gegenseitiges Vertrauen; es ehrt mich, dass mir Matthias dieses Vertrauen ausgesprochen hat. Eventuell bereitet Ihnen die Lektüre so viel Freude, wie sie Ihnen auch Inspiration für eigene Textarbeit ist.

DINGFEST

notWie genau entsteht ein Gedicht? Wie verändert es sich während der eigenen Arbeit daran? Und im Lektorat?-diesen Fragen möchte ich einmal am Beispiel eines eigenen Textes nachgehen.

Es handelt sich um ein recht frisches Gedicht, das -wie so oft bei mir- aus ein, zwei einzelnen Formulierungen entstanden war, dann wuchs, dann schrumpfte, neu angereichert wurde und so weiter…. . (Es ist sicher nicht das Gedicht des Jahrhunderts und zählt auch bestimmt nicht zu meinen 10 Besten, aber als Anschauungsobjekt taugt es ganz gut.)

Im Folgenden möchte ich nun einen 1zu1 realen Einblick in die gemeinsame Arbeit von Autor und Lektor an einem solchen Text vermitteln.

Ich hatte also ein (noch titelloses) Gedicht, das bereits zahllose Bearbeitungen erfahren hatte und meines Erachtens relativ fertig war. Es war  über mehrere Wochen im Rohzustand zwischengelagert gewesen und basierte auf der Grundidee, ein weißes Blatt Papier und eine unberührte Schneelandschaft zu überblenden…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.661 weitere Wörter


[Ausschreibung] Die Gewinner stehen fest!

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ausschreibung,

nun ist es so weit! Alle Benachrichtigungen sind verschickt und zu allen, die einen Text eingesandt hatten, habe ich inzwischen Kontakt aufgenommen. Besonders habe ich mich gefreut über die interessanten Gespräche, die sich während und im Anschluss der Ausschreibung ergeben haben. Diese Ausschreibung war und ist ein tolles Erlebnis für mich, das jetzt in die zweite Runde geht, und nun hoffentlich auch zu einem schönen Erlebnis für alle Mitlesenden wird. Denn natürlich stehen die Veröffentlichung der Gewinnertexte sowie Interviews und ein paar Folgen des lyrischen Mittwochs bevor, die direkt an die Ausschreibung anknüpfen.

Die Auswahl der Gewinnertexte war am Ende sehr schwer für mich. Denn nach einer sorgfältigen Vorauswahl und ab einem (un)bestimmten qualitativen Punkt konnte ich nicht mehr objektiv entscheiden, warum eine Einsendung tatsächlich besser gewesen ist als eine andere. Das liegt wahrscheinlich auch im Wesen der Kunst selbst begründet, da sie sich objektiver Beurteilung geradezu entzieht und letztendlich immer das Persönliche, das Subjektive einfordert. Mir erging es nicht anders, und schließlich habe ich zu einem gewissen Teil auch „aus dem lyrischen Bauch heraus“ entscheiden müssen.

Doch der vielen Worte nun genug! Ganz herzlich darf ich den Gewinnern der Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“ des textbasis.blogs gratulieren!

Den zweiten Platz belegt mit einem hypnotischen Sommergedicht, entlang eines verschwommenen Weges, auf dem sich Außenwelt und Impression ineinander verschränken,

Benjamin Bläsi.

Sein Gedicht trägt den Titel „Violetter Wind“ und dieser vermittelt bereits einen Vorgeschmack auf die starken Verse, die Sie bald erwarten werden. Ich verspreche, dass sie mit magischem Sprachgefühl und intensiven, kraftvollen Bildern ganz wunderbar zaubern. Herzlichen Glückwunsch. –

(Denken Sie sich bitte einen anschwellenden Trommelwirbel!) Und nun der erste Platz der aktuellen Ausschreibung, der nach einem knappen Kopf-an-Kopf-Rennen mit Benjamin Bläsis Gedicht dem Gewinner zufiel: Auch ihm darf ich aus ganzem Herzen gratulieren – zu einer wunderbaren kleinen Geschichte, die in wellenschlagender Form zwischen sommerlicher Urlaubsstimmung und Selbstreflexion hin und her wechselt und dabei, auch für den Erzähler, zusehends Nachdenken und Wirklichkeit vermischt und verwebt. Unaufgeregt entspannt und komplex wogend-verwoben erreicht den ersten Platz die Erzählung „– Seestück –“ von

Matthias Engels.

Auch dieser Text wird bald auf dem textbasis.blog veröffentlicht werden. Ein Interview mit Matthias Engels folgt überdies, zugesagt hat er bereits. Sie dürfen sich demnach freuen – ich tue es ebenfalls – auf ein interessantes Gespräch mit dem ehemaligen Teilnehmer der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs!

Vielen, vielen, vielen Dank abschließend noch einmal an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ohne Sie und ohne euch hätte es diese kleine Ausschreibung nicht geben können! Ich war erstaunt, wie viele mitgemacht haben; es war mir eine große Ehre!

Die Überraschungsgedichtbände werden natürlich ebenfalls in Kürze auf die Reise gehen.

Matthias Engels, Platz 1, gewinnt: eine signierte, limitierte Ausgabe von Ingolf Brökels Gedichtband „im abraum“!

Benjamin Bläsi, Platz 2, gewinnt: den aktuellen Gedichtband von Tristan Marquardt „das amortisiert sich nicht“!

Ich wünsche den Gewinnern viel Spaß mit diesen wunderbaren Lyrikbänden, mögen Sie unterhalten, inspirieren und faszinieren ohne Verfallsdatum.

Bis bald, und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 20] Sophie Reyer – Zuerst

Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zur zwanzigsten Folge des lyrischen Mittwochs! Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie viel Bewegung in der Lyrik ist, auch abseits jeder kommerziellen Aktivität. Möge es die poetische Kraft einrichten, dass sie nicht nur im Dunkel eingeweihter Kreise verharren muss, sondern den Schritt zurück auch in die größeren Verlage schafft.

Eine besondere Ehre ist es, Ihnen diese Woche ein Gedicht einer Dichterin und Künstlerin vorstellen zu dürfen, deren Werke schon den schwierigen Pfad aus der Finsternis heraus gefunden haben. Freuen Sie sich bitte auf das Interview mit der in Wien und Köln lebenden Sophie Reyer. Von der Autorin erschienen zuletzt das Prosawerk „Marias. Ein Nekrolog“ (2013), ihr aktueller Gedichtband „die gezirpte zeit“ (2013) sowie die beiden Lyrikbände „binnen“ (2008) und „flug(spuren)“ (2012). Letzterer erhielt noch im Erscheinungsjahr die Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Seit 2011 studiert die Autorin, die bereits einen Master in Komposition und ein Diplom in „Szenisches Schreiben“ führt, Drehbuch‑ und Filmeregie. Von Ihr erschienen bereits zahlreiche Theatertexte unter anderem „vogelglück“ beim S.‑Fischer-Verlag. Die beiden letzten Filme der Künstlerin tragen die Titel „dizzy’s pub“ und „stutzflügel“, mit dem letztgenannten wurde sie 2012 zum Zebra Poesiefilm Festival eingeladen.

Schauen wir zuerst aber ein bisschen auf das heutige Gedicht: Wenn man eine Handvoll Würfel auf einen Tisch wirft, befinden diese sich eindeutig beschreibbar in Abständen zu den Tischkanten. Jeder Würfel wird bestimmt durch die Zahl, die er nach oben streckt. So klar die Tatsachen sind, so sinnlos ist diese Scheinordnung des Geworfenseins. – In „Zuerst“ treffen wir anfangs auch auf solch eine unbestimmte Ordnung. Bilder und Wörter greifen ineinander, spannen ein Gitter in der Zeit auf, um die „Menschen“, die „hinein gestreut“ wurden, aufzufangen, sie im Rasanten des Zeitstrahls irgendwie zu fixieren. Nahezu mechanisch greifen „Falten“ und „Ritzen“ nach sich selbst und nach allem, in das sie sich einhängen können. In diesem architektonischen Gebilde aus verhakten Leibern schaukeln alle im Takt jedes anderen. Wir, die Würfel, schreiben uns ganz langsam Sinn zu, „spielen miteinader Vater Mutter Kind“ und „geben einander Wörter“. Eine, unsere Welt entsteht – mit Menschen, denen der Zeitwind noch immer durchs Haar pustet, die jedoch so fest und gefügt verwoben sind, dass die Zeit scheinbar still steht, nur noch im Hintergrund ein bisschen säuselt und dann sogar „leuchtet“ –

Zuerst

:
Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo-gemusterte Wörter. Gemolkene und

milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Sophie Reyer

Sophie Reyer

Textbasis: Ich freue mich, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen zu dürfen, Sophie, und danke dir für deine Zusage. Wenn man die Eckpunkte deiner Biografie etwas wirken lässt, erkennt man eine strahlende Begeisterung für die Kunst. Ist das bloße Neigung oder verbirgt sich dahinter auch eine Antwort auf die Frage, was die Kunst heute noch bewirken kann, wo sie doch – im Falle der Poesie – nicht einmal mehr von großen Verlagen, geschweige denn von der breiten Masse wahrgenommen wird?
Sophie Reyer: Ehrlich muss ich gestehen, dass diese Begeisterung für die unterschiedlichen Medien einfach so gewachsen ist. Ich habe immer gerne verschiedene Formen, Materialien und Medien ausprobiert. Wen ich damit erreichen kann, darüber habe ich in meiner Naivität nie nachgedacht. Ich war auch viel zu jung, als ich angefangen habe. Mich hat es da einfach hingezogen: Musik, Film, Text, und die Ränder dazwischen, die Überlappungen. Das hat mich fasziniert.

Textbasis: In deinen Arbeiten verbindest du Videokunst, Sprache und Komposition. Bist du der Meinung, dass das Gedicht als gedruckte Wortfolge auf Papier bestehen bleiben wird? Oder öffnet sich auch die Poesie mehr und mehr der Interdisziplinarität?
Sophie Reyer: Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst ja von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen. Wobei ich diese Strömungen auch nicht in allen Fällen gutheißen würde. Wenn zum Beispiel das Visuelle nur eine Bebilderung vornimmt, der Klang nichts ist als eine breiige Schichte, die unter die Worte geschmiert wird, dann wäre mir selbst das pure Wort lieber, weil ich im Kopf schönere Bilder und Klänge kriege, wenn ich dem puren Wort zuhöre. Interdisziplinarität birgt eine unglaubliche Chance, aber es kommt immer auf die Umsetzung an.

Textbasis: Ich habe das Gefühl, dass sich die Poesie zur aktuellen Stunde in zwei Stränge teilt. Einerseits in den eher traditionellen mit regulären Veröffentlichungen, andererseits in den der Internetveröffentlichungen. Dieses Spannungsfeld scheint mir wichtig für die nüchterne Beschreibung der gegenwärtigen Lyrik. Welche Chancen, welche Gefahren siehst du in dieser neuen Offenheit für das Gedicht?
Sophie Reyer: Ich glaube, ich würde das nicht so streng einteilen. Es gibt auch einzelne wunderbare kleinere Verlage, die sehr spezielle und ganz und gar individuelle Ansätze vertreten und mit ihren Publikationen etwas riskieren. Dass man mit Lyrik nicht reich wird, ist klar, aber deshalb schreibt man ja auch nicht. Oder ich zumindest nicht. Ich sehe in Internetveröffentlichungen dennoch eine große Möglichkeit. Man ist nicht abhängig von einer Lobby, das ist eine überaus wichtige Entwicklung, die eigenständiges künstlerisches Schaffen ermöglichen und dem Künstler selbst helfen kann, frei von Ideologien zu bleiben. Siehe hierzu zum Beispiel auch Elfriede Jelinek, die nur noch im Netz publiziert, was ich für ein wichtiges politisches Statement halte. Auf der anderen Seite birgt dieses neue Medium natürlich auch Gefahren. Jeder kann jetzt veröffentlichen, sich als Autor fühlen, was zu einer Unmenge an Daten und Material führt. Die Verantwortung liegt beim Rezipienten. Wie filtere ich, was mir da entgegen geschleudert wird?

Textbasis: Eine berechtigte Frage, die wohl auch auf Seiten der Leserschaft die Bereitschaft – und die Fähigkeit – zum reflektierten Abwägen und Entscheiden voraussetzt. Für dich und deine Texte haben sich die Leserinnen und Leser unterdessen schon entschieden. Aus deiner Hand sind zahlreiche Veröffentlichungen entwachsen, deine Texte werden gelesen, deine Kunst wird beachtet. Beeinflusst dich das, gibt es Sicherheit oder drängt es sich manchmal auch heimlich hinein in den Schreib‑ und Schaffensprozess?
Sophie Reyer: Natürlich ist das ein ganz großes Glück. Vor allem die Tatsache, dass ich vom Schreiben leben kann – wobei ich auch zum Leben nicht soviel brauche –, gibt mir immer wieder Mut. Aber freilich besteht gleichzeitig ein gewisser Druck, sicherlich auch innerhalb der Szene, immer wieder Neues zu publizieren, große Verlage zu finden und so fort. Davon muss ich mich auch stets frei machen. Das beeinflusst aber mein Schreiben an sich nicht, sondern eher mein Ego. Die Sprache macht dann zum Glück doch immer, was sie will.

Textbasis: Es tut gut, das zu hören, weil es doch aufzeigt, dass der freie Geist, die Sprache, auch in geordneten Bahnen noch ungehindert wirken kann. Wie ist das bei dir, finden die Themen dich oder begibst du dich auf die Suche nach Ideen? Was braucht es, damit du ein neues Projekt beginnst?
Sophie Reyer: Das ist unterschiedlich. Bei „Marias“ hat das Material mich gefunden. Ich hatte eine Freundin, die einen „Frauenwanderweg“ auf den Spuren der Kindsmörderinnen des 17. und 18. Jahrhunderts gestaltet hat, und das Thema wollte mich nicht mehr loslassen. Manchmal begebe ich mich aber auch ganz bewusst auf Recherche; im Moment beschäftige ich mich mit der Situation von Gefängnisinsassen in Guantanamo, und suche da nach einem Ansatzpunkt für die eigene Arbeit. Ich bekomme hin und wieder auch einfach Aufträge. So war zum Beispiel die Arbeit über Kaiserin Elisabeth in der Villa Feldafing etwas, das mir zwei Freundinnen – Augusta Laar und Judith Pfeifer – vorgeschlagen haben. Im ersten Moment dachte ich: „Jemine, dieser Kitsch?“ Aber wenn man tief genug in ein Thema eindringt, kann man überall äußerst spannende Aspekte entdecken.

Textbasis: Im März dieses Jahres ist das gerade von dir erwähnte Buch „Marias. Ein Nekrolog“ erschienen. Es versteht sich als „außergewöhnliche Form profanen Totengedenkens“, wie auf deiner Internetseite nachzulesen ist. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, diesen bewegenden Stoff als Buch aufzuarbeiten?
Sophie Reyer: Was an dem Thema so spannend ist, ist die Tatsache, dass wir von den Frauen dieser Gesellschaftsschicht zwischen 1500 und 1800 nichts wissen würden, gäbe es nicht diese „Täterinnen“. Die Geschichtsschreibung war ja eine, die von Adeligen betrieben wurde und sich demnach nur um Adelige drehte. Das „gemeine“ Volk kam nur vor, wenn etwas nicht funktioniert hat. Nämlich dann, wenn zum Beispiel Verbrechen begangen wurden. Diese Gerichtsakten sind das Einzige, was von den Mägden, den Dienstbotenmädchen geblieben ist. Unterschrieben wurden sie – da diese Frauen alle Analphabetinnen waren – mit einem X. Diesen Menschen im Nachhinein eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Das war der Ausgangspunkt; dann habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Kindesmord“ an sich auseinanderzusetzen, der Medea-Topos hat sich angeboten, die Frage nach der Verbindung von Weiblichkeit und Monstrosität hat sich mir gestellt, et cetera. Es war eine sehr aufreibende und schwierige aber auch wunderbare Arbeit.

Textbasis: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in den Entstehungsprozess von „Marias“. Abschließend noch eine Frage zur Form. Du besitzt ein ausgeprägtes Verständnis für Komposition. Lässt sich dieses auch auf Textebene übertragen? Und wenn ja, wie viel bleibt dennoch immer intuitives, freies Gestalten?
Sophie Reyer: Absolut. Wenn man sich ansieht, wie die Wiener Gruppe oder wie Oulipo mit Texten umgegangen ist, so waren das immer kompositorische Prinzipien, die auf das Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Prinzipien der Komposition lassen sich wunderbar auf die Sprache übertragen: Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten? Das ist die eine Ebene. Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die sich in beiden Fällen anwenden lässt. Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“. Oft ist es so, dass ich einen intuitiven Wurf mache und den als Steinbruch für eine Komposition nehme, ihn in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel Anagramm, Liste, Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Das ist immer eine Gratwanderung. Es bleibt wahrscheinlich auch immer ein Versuch. Aber wenn man arbeitet und sich Zeit nimmt, werden die Versuche besser.

Textbasis: Eine sehr schöne letzte Antwort, Sophie, welche die theoretische Begründung auch gleich in Schreibtipps zum Nachmachen übersetzt. Gerade die zweite Variante scheint mir eine besonders reizvolle zu sein, nicht zuletzt deswegen, da ich mir vorstellen kann, dass sie verhältnismäßig selten angewandt wird. Es war wunderbar, mit dir ein Interview zu führen und eines deiner Gedichte vorzustellen; doch auch diese Folge erreicht nun bald Ihr Ende und mir bleibt nicht viel mehr, als dir ein letztes Mal herzlich zu danken, dass du dir Zeit genommen hast, um beim lyrischen Mittwoch mitzumachen. – Mehr, sehr viel mehr Informationen über das Schaffen der Autorin finden Sie auf ihrer Internetseite: www.sophiereyer.com. Und damit Sie schnellstmöglich dorthin navigieren können, ist hier nun Schluss. Bis zum nächsten Mittwoch.