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[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!

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[Nahdenken! #1] Auf Lesenszeit

Willkommen zum ersten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. In unregelmäßigen Abständen werden unter diesem Titel kurze und griffige Texte zu diversen Themen veröffentlicht werden. Auf dass sie zur herzlichen Diskussion anregen!

Hin und wieder hört man davon, dass immer weniger gelesen werde und, wenn man gerade einer sehr betrübten, pessimistischen Meinung begegnet, dass dies auch der Grund sei, dass Alles immer und immer schlechter wird. Man meint aus manchen Argumentationen den Kulturpessimisten laut schreien zu hören: „Und ich hatte doch Recht, schon immer!“. Und – ganz ehrlich – ab und an fürchtet man, dass es wahr sei.

Doch die Angst, dass immer weniger gelesen werde, hat verschiedene Hintergründe. Prominentester unter diesen ist die aktuelle Situation des guten alten Buches. Begehr Bibliophiler weltweit und schönste Handreiche für Vokabelverliebte, muss es aufgrund seiner elektronischen Verwandtschaft eventuell schon bald die Aufnahme in die rote Liste aussterbender Medienarten fürchten; und obgleich es nicht Thema dieses Beitrages ist, so hoffe ich, hoffentlich mit Ihnen zusammen hoffend, dass das E-Book nicht die MC des Tonbandes wird (was in Anbetracht der Tatsache, dass sich die LP noch immer großer Beliebtheit erfreut, glücklicherweise nur schwer vorstellbar ist).

Doch selbst wenn, und in diesem „wenn“ steckt viel melancholische Liebe, wenn es eines Tages überraschenderweise soweit sein sollte, dass das Lesen eines Buches im Lieblings-Sessel als nostalgischer Spleen angesehen wird, selbst dann wird mit der Abkehr vom Buch doch nicht die Abkehr vom Lesen erfolgen. Denn gelesen, so die These hier, wird immer und vor allem immer mehr.

Die Frage, die sich bei allen Überlegungen rund um den Rückgang der Lesewilligkeit der breiten Masse anonymer Leser stellt, ist doch die folgende: Was wird denn eigentlich immer weniger gelesen? Die Antwort darauf lautet, etwas abstrakt formuliert: Weniger gelesen werden kann immer nur ein Medium. Der Text als solcher bleibt und wird lediglich umdisponiert in eine neue Hülle.

So passiert es denn auch, dass man den Text, obwohl er doch angeblich immer weniger gelesen wird, immer häufiger überall findet. Plötzlich taucht er nicht nur in Form kleiner Zettelchen im Schulunterricht auf, sondern er huscht in Form von SMS oder E-Mail ungesehen von Mobiltelefon zu Mobiltelefon. Zugegeben, über den Textinhalt lässt sich wohl oft und gut streiten, doch dies beweist ja nur eines: dass er zumindest schon mal da ist, der Text.

Noch nicht lange ist es her, dass WhatsApp zum Marktführer kommunikationsorientierter Apps für Smartphones geworden ist. Tausende Nutzer verfassen im Sekundentakt unüberschaubare Fluten neuer Texte und beim Empfänger wird gelesen, was die Leitungen hergeben. Ebenso verhält es sich mit dem Internet als Informationsquelle par excellence. Denn mal eben was googeln, heißt immer auch, mal eben was lesen.

Egal ob auf dem Weg zum E-Mail-Postfach noch eben der Wetterbericht überflogen wird oder ob man beim Nachschlagen auf Wikipedia unbewusst drei Verlinkungen gefolgt ist und sich plötzlich darüber wundert, warum man nicht schon viel eher einmal nachgeschaut hat, was denn die Zahl im Mehl bedeutet. Viele Nutzer kennen wahrscheinlich das Gefühl, eigentlich gar nicht mehr lesen zu wollen, während sie sich von einem Facebook-Profil zum nächsten hangeln, um nur mal eben noch den aktuellen Status von ihm und die letzte Standortdurchsage von ihr zu lesen.

Nun wird man einwenden wollen, dass es wohl einen Unterschied gibt zwischen Tweets und Twain. Zugegebenermaßen ist dies wahr. Doch worin liegt der Grund, dass immer weniger Leser zu Twain greifen und stattdessen lieber hunderte Tweets lesen, die aneinandergereiht auch ein ganzes Buch ergäben? Der Unterschied liegt im Interesse der Zielgruppe. Da wo Twain immer öfter – natürlicherweise unberechtigt – auf der Seite liegen gelassen wird, da buhlen alle Formen moderner Texte um die Gunst der Massen und werden von einem breiten Publikum mit offenen Augen empfangen.

Schade ist es um das wohlige Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten und über typografisch makellos gesetzte Seiten genießend und schwelgend zu wandern und einer schönen Geschichte oder einer interessanten Argumentation zu folgen. Darum ist es wahrlich schade, sollte dieses Gefühl zusammen mit dem Buch aus Papier und Druckfarbe einmal verschwinden. Doch selbst dann kann nicht von einem Rückgang der Lesebereitschaft gesprochen werden. Auch ohne Bücher würden die Menschen lesen – und das mehr mit jedem neuen Tag, quasi auf Lesenszeit.

Die Kunst des Momentes besteht darin, die Lesebereitschaft der Menschen durch Verwendung aktueller Textsorten und Kommunikationsmöglichkeiten zu nutzen. Wo Inhalte immer schneller zugänglich und immer länger gespeichert werden, dort werden Menschen gierig auf sie zugreifen. Man stelle sich vor, man poste eine Geschichte auf Twitter, die auch nur ansatzweise interessanter ist, als ein durchschnittlich langweiliges Leben eines Unbekannten. Man stelle sich vor, per WhatsApp ginge die Nachricht ein, dass auf Facebook endlich wieder ein neues Stück Community-Roman online ist. Man stelle sich vor, wie eine neue unendliche Geschichte in der Cloud entsteht, geschrieben von einem Autorenkollektiv dass jede Zahl und jede Grenze sprengt. Man stelle sich all die noch unausgedachten Ideen vor und all die Augen, die verschlingend lesen und lesen und lesen.