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[Mainzer Minipressen-Messe] Sonntag, 02.06.2013 (Impressionen)

Tag 1
Tag 2

Zu Ende ging am vergangenen Wochenende mein dritter Tag in Mainz und damit auch die Minipressen-Messe, welche ich leider ein paar Stunden vor dem offiziellen Ende verlassen musste, um heimwärts zu reisen.

Die Messe war auch an ihrem letzten Tag wieder jede Minute wert, die man auf ihr verbrachte. Abgesehen von einem mittleren Fiasko, an dessen Entstehung ich wohl eine gewisse Teilschuld trage, verlief alles gewohnt friedlich und der Elan der Ausstellenden war ungebrochen, ihre Laune heiter. Ebenfalls schön: die Sonne schien zum ersten Mal so richtig hell vom Himmel herab. Und obgleich der Wind stark brauste, bemerkte man diesen nur dann, wenn man Nahrung und Kaffee nicht an der lokal eingerichteten Bio-Snackbar suchte, sondern kurz nach draußen ging, um Fritten zu holen.

Auf einer dieser Reisen in den Außenbereich der Rheingoldhalle passierte mir dann gegen vierzehn Uhr eine sehr dumme Sache. Die Situation war in etwa die folgende: Es gibt einen Haupteingang und daneben aufgereiht viele alarmgesicherte Notausgänge. Der Weg durch den Haupteingang hinaus zur Frittenbude auf dem Jockel‑Fuchs‑Platz ist der längste, derjenige durch einen der Notausgänge bedeutend kürzer. Einer dieser im Notfall notwendigen Wanddurchlässe war vorsorglich mit dickem roten Band versperrt, das unzweideutig den Eindruck vermittelte: Hier gehst du nicht raus! Bin ich auch nicht, sondern ich bin einen Notausgang weiter nach rechts gelaufen, froh darüber, dass nur der eine Ausgang nicht benutzbar war (schließlich war er der einzig versperrte). Also: zur Tür hin, ein beherzter Druck auf die Klinke – die Tür bewegt sich etwa zwei Zentimeter, dann ist der vordere Teil der Rheingoldhalle erfüllt vom unsäglichen Heulen einer Alarmanlage. Es war grauenhaft und peinlich, alles in Einem. Eilend und eilend fragend und Entschuldigungen herauspustend, fand ich letztlich einen Verantwortlichen, der mir versicherte, dass die Angelegenheit halb so wild sei, das sei schon des Öfteren passiert. Er brachte die Krawallsicherung mit Schlüsselkraft zum Verstummen. Eine vom Lärm besonders heimgesuchte Ausstellerin lobte zwar mitfühlend meinen Einsatz, eine Lösung für das von mir verschuldete Lärmproblem gesucht zu haben, da bisher alle Auslöserinnen und Auslöser immer geflüchtet seien, aber irgendwie macht das die Sache auch nicht besser. Nach ein paar letzten Entschuldigungen habe ich dann recht zügig den Weg hinaus durch den Haupteingang und zur Pommesbude gesucht. Ich schiebe die Schuld auf die verwirrende Absperrung, alle anderen wahrscheinlich auf mich. Moral: das nächste Mal gleich die 100 Meter Umweg gehen.

Doch diese kleine Episode soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Erwähnenswerteres gegeben hat. Erneut konnte ich mit vielen Verlegerinnen und Verlegern ins Gespräch kommen und erneut waren diese Gespräche lehrreich, interessant und immer freundlich. Ein Verleger erzählte mir von einer ganz gewitzten Idee für E‑Book-Anthologien, die ich hier jedoch nicht im Detail wiedergeben möchte. Sie nutzt auf jeden Fall die elektronischen Publikationsformen, bietet die Möglichkeit einer Individualisierung, optimiert die Bearbeitungszeiten für das Lektorat und steigert langfristig die Qualität der so entstehenden Erzeugnisse. Die Idee befindet sich zwar derzeit noch im Ideenstadium, aber ich denke, dass sie Potenzial hat, sehr interessante Ergebnisse zu liefern, sofern sie umgesetzt werden sollte.

Weiterhin scheint ein interessantes Konzept für Kleinverlage darin zu bestehen, dass sie sich thematisch öffnen. Ein überaus sympathischer Verleger bietet nunmehr schon einige Jahre eine Mischung aus wissenschaftlicher Literatur, erzählendem Sachbuch und Belletristik im Genre Kriminalliteratur an und hat in allen Segmenten durchaus interessante und anschauliche Veröffentlichungen ausliegen. Die Mischung sei zwar thematisch nicht unter einer Überschrift zu führen, andererseits sichere die Verlagerung und Hinzunahme publikumsorientierter Veröffentlichungen das finanzielle Bestehen. In meinen Augen ein Kompromiss, den man durchaus eingehen kann, solange die Qualität in allen Sparten erhalten bleibt. —

Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei der gesamten Redaktion der Asphaltspuren, bei Verena Rotermund vom Salonlöwe Verlag und selbstverständlich auch bei Michael Fischer von der Dahlemer Verlagsanstalt. Bei ihnen allen tauchte ich immer wieder am Stand auf, und immer wieder empfingen sie mich voller Herzlichkeit. Sie machten aus einem bloßen Aufeinandertreffen ein richtiges Zusammenkommen. Dankeschön!

Abschließend nun noch ein paar Impressionen aus Mainz und von der Messe:

Lebenskraft vor Mainzer Rathaus (1)

Andreu Alfaros Skulptur „Lebenskraft“ vor dem Mainzer Rathaus (1)

Lebenskraft vor Mainzer Rathaus (2)

„Lebenskraft“ vor dem Mainzer Rathaus (2)

Lebenskraft vor Mainzer Dom

„Lebenskraft“ vor dem Mainzer Dom

Rheingoldhalle morgens

Rheingoldhalle am Morgen

Lichtwolf

Lichtwolf – Zeitschrift trotz Philosophie

Edition Sand

Edition Sand

Salonlöwe

Salonlöwe Verlag

Kranichsteiner Literaturverlag

Kranichsteiner Literaturverlag

Mantikore

Mantikore-Verlag

Dahlemer Verlagsanstalt

Dahlemer Verlagsanstalt

Asphaltspuren

Asphaltspuren Literaturzeitschrift

schPeZi-Presse

schPeZi-Presse

Algenbart

Algenbart Kinderbücher

ViaTerra Verlag

ViaTerra Verlag

In zwei Jahren steh’ ich wieder vor dir, Rheingoldhalle, Mainzer Minipressen-Messe, so schön die Zeit war, so schön wird sie auch wieder werden, dessen bin ich mir sicher; und ich freue mich schon jetzt darauf.


Ausgelassen punkten …

Im Artikel des vorigen Sonntags erwähnte ich an einer Stelle die Auslassungspunkte. Seitdem schwirren mir diese drei Runden im Kopf herum, und die Idee, über diesen Kullerverbund einen separaten Artikel zu schreiben, hat sich hartnäckig festgesetzt. Hiermit gebe ich ihr nach.

Die Auslassungspunkte sind etwas eitel. Man sollte sie daher nicht verwechseln mit ihrer Verwandtschaft, den Satzpunkten. Denn Auslassungspunkte sind ein Satzzeichen und nicht etwa drei. Dazu ein Vergleich:

Faslch
(1) „Ich sah sie und ahnte ..​​.“

Richtig
(2) „Ich sah sie und ahnte …“

Dem kundigen Auge fällt wahrscheinlich schon am Schriftbild auf, dass es Unterschiede zwischen (1) und (2) gibt. Diese entstehen, da es sich bei den Auslassungspunkten nur optisch um drei einzelne Punkte handelt. Eine falsche Verwendung ist daher auch noch später im Druck sichtbar und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers im ungünstigsten Fall weg vom eigentlichen Inhalt.

Word und andere Programme verschleiern die falsche Zeichensetzung allerdings etwas, da sie die Eingabe von drei aufeinanderfolgenden Satzpunkten automatisch korrigieren. Das ist zweifelsohne gut für den Anwender, andererseits aber schlecht fürs Verstehen. Daher fallen die falschen Auslassungspunkte vorrangig immer dort auf, wo keine automatische Korrektur stattfindet: in E‑Mails, in Plain-text-Dateien aber auch in SMS‑ und Chat-Nachrichten.

Nun möchte ich keinesfalls behaupten, dass es einen großen Unterschied macht, ob Sie via WhatsApp die Nachricht „bin in 5min da..​​.“ oder „bin in 5min da…“ erhalten. Aber wenn es um Ihr Buch, um ihren Text geht, dann sollten diese Detail ebenfalls stimmen. Wie setzt man also sein Wissen um die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte konkret um, wenn sich auf der Tastatur dafür keine eigene Taste befindet?

Der umständliche Weg führt über das Kopieren und Einfügen vorhandener Auslassungspunkte. Einfacher ist unter Windows hingegen die Eingabe mittels verfügbarer Alt-Codes. Diese ermöglichen es Nutzerinnen und Nutzern, Zeichen zu erzeugen, die nicht als Tasten auf der Tastatur vorhanden sind, eventuell sogar im verwendeten Zeichensatz fehlen. Durch Halten der Alt-Taste und Eingabe einer spezifischen Ziffernkombination auf dem Ziffernblock lassen sich leicht die gewünschten Zeichen hervorrufen.

Für die Auslassungspunkte lautet diese Kombination „Alt + 0133“ (Apple: Alt + .-Taste). Nach Eingabe des Befehls erscheinen die Pünktchen sofort auf dem Monitor. Womit man zumindest schon einmal auf der sicheren Seite wäre, was die Verwendung des richtigen Zeichens betrifft. Doch damit nicht genug, denn in dem Dreigepunkt stecken noch mehr Schwierigkeiten Möglichkeiten.

Falsch
(3) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s …?“
(4) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich…“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Richtig
(5) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s…?“
(6) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich …“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Auch hier findet man die Unterschiede wieder im Detail. Allgemein gesprochen, werden die Auslassungspunkte verwendet, um anzuzeigen, dass etwas vom Satz weggelassen wurde. Dabei unterscheidet man, ob es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil wie in (6) oder einen Wortteil wie in (5) handelt. Daraus lässt sich folgende einfache Regel ableiten:

Handelt es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil, geht den Pünktchen ein Leerzeichen voraus. Handelt es sich um einen Wortteil, entfällt das Leerzeichen. Wird der ursprüngliche Satz nach den Auslassungspunkten nicht fortgesetzt, ersetzen die Auslassungspunkte den Satzpunkt, jedoch nie Ausrufungs- oder Fragezeichen.

Und weil das alles noch nicht verwirrend genug ist, so können die Auslassungspunkte auch zum Anzeigen von Sprechpausen verwendet, also immer dort gesetzt werden, wo weder Satzteil noch Wortteil weggelassen wird. In diesen Fällen werden die Auslassungspunkte eingeschlossen in Leerzeichen:

Falsch
(7) Ich glaube…ich…kann nicht…mehr.

Richtig
(8) Ich glaube … ich … kann nicht … mehr.

Mir ist bewusst, dass das recht viel ist, was man sich zu solch einem relativ selten verwendeten Zeichen merken soll. (Und wahrscheinlich tröstet der Hinweis darauf, dass es noch einiges mehr zu beachten gibt, das hier des Umfangs wegen nicht auch noch erwähnt wird, ebenfalls nur mäßig.) Trotzdem bin ich der Meinung, dass man gerade durch die Kenntnis solcher Feinheiten seine eigenen Texte verbessern kann. Denn wenn man die Kniffe beherrscht, erschließen sich neue Möglichkeiten für das Schreiben. – Oberflächlich betrachtet, macht es keinen großen Unterschied, ob man schreibt:

(9) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin …“
oder
(10) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin…“

 … nur eben schade um des Gesellen Finger.


[Mainzer Minipressen-Messe] Samstag, 01.06.2013

Seit dem letzten Artikel sind etwa 24 Stunden vergangen; vergangen ist damit auch mein zweiter Tag in Mainz auf der Minipressen-Messe.

Mainzer Minipressen-Messe 2013

Nachdem ich gestern Nacht noch den Messekatalog gelesen und mir für heute einen ungefähren Laufwegeplan erstellt hatte, gestaltete sich der Tag etwas strukturierter. Auffällig scheint zu sein, dass einige Standbetreiber die Situation gänzlich gegenteilig einschätzen. Der Umzug der Messe heraus aus den Messezelten vergangener Jahre und hinein in die Rheingoldhalle stößt nicht nur auf überschwängliche Freude. Die Stimmung wäre zurückhaltender, meinen die einen; die Bedingungen, gerade für bibliophile Ausgaben, hätten sich deutlich verbessert, die anderen. Ebenso verhält es sich mit der Zufriedenheit bezüglich der eigenen Standplatzierung: Wo die einen sich über viele Besucher nahe des Eingangsbereiches freuen, ärgern sich andere über die Positionierung in manchmal doch etwas abgelegenen Winkeln. – Das jedoch nur am Rande, denn mir als Besucher gefällt die Rheingoldhalle als Veranstaltungsort sehr gut und auch abgelegene Winkel hinderten meine Neugier auf Erkundung nicht.

Einer der interessantesten Stände für mich war heute ein Stand für Kinder-Märchenbücher. Die Verlegerin, die sich charmant von meinen Fragen löchern ließ, erzählte und zeigte Wunderbares. (Um auf direkte Werbung zu verzichten, bleibt der Verlag ungenannt, aber schon das Konzept ist umwerfend.) Robuste Kinderbücher auf hochwertigem Papier, in einmaligem Layout und ausgefallener Typografie, teilweise im Bleisatz gedruckt, ausgestattet mit fantastischen Zeichnungen und spannenden Geschichten. So treten sie die Nachfolge der grimmschen Märchen an. Das sind Bücher, die man als Kind zu lieben beginnt und die einem später das Gefühl geben, dass keine Bücher je mehr so gut waren, wie die, die man als Kind gelesen hat. Mit Detailverliebtheit und witzigen Geschichten machen sie Kindern Lust auf Lesen und vermitteln gleichzeitig eine Idee davon, was Buchkunst bedeuten kann. Diese bibliophilen und – wie mir die Verlegerin zusicherte – auf ihre Robustheit in und an der Praxis geprüften Bücher sind in meinen Augen ein erster Schritt, der Diagnose entgegenzuwirken, die ein handsetzender Handpressebetreiber im Gespräch formulierte.

Dieser meinte, dass, bedingt durch die kurzen Publikationswege der elektronischen Veröffentlichungsmöglichkeiten, die Liebe zum Buch und zum Buchdruck immer mehr verloren gehe. Er sagte weiter, dass der Nachwuchs an Bibliophilen schon lange so gering sei, dass die Buchkunst mehr und mehr aussterbe. Dem könnten nun, so meine ich, die oben genannten bibliophilen Kinderbücher Abhilfe bereiten, wenn sie von klein auf wieder den Wert des Buches als Medium unterstrichen, das eben nicht nur das notwendige Übel ist, um Inhalt irgendwie lesbar zu machen.

Ich will dies alles aber hier und heute nicht weiter kommentieren. Der Rest nur kurz: Beim Vorbeischlendern an einem Esoterikstand habe ich gehört, dass in einem der ausgelegten Bücher die Bewohner von Atlantis selbst sprechen würden … Weiterhin erlebt das alte Textadventure-Spiel seine Reinkarnation in Buchform. Und ich hatte das erste Mal in meinem Leben Kontakt mit Independent-Stadtplänen, die nicht nur sehr nett aussehen, sondern gerade für jüngere Zielgruppen attraktiver zu sein scheinen, als Stadtführer, wie man sie sich gemeinhin vorstellt. Es gäbe wohl noch jede Menge Interessantes zu berichten, aber ich denke, dass diese Einblicke die Vielfalt verdeutlichen, auf die man, so man will, auf der Minipressen-Messe treffen kann. – Morgen gibt’s dann noch einen letzten, etwas kürzeren Besuch und dann geht’s via ICE wieder nach Hause. Schade; doch aber gut auch, denn wirklich schön kann etwas nur sein, wenn es nicht ewig währt und zur Gewohnheit wird.

(Der Blog am Sonntag wird übrigens ganz regulär erscheinen, der liegt schon ein paar Tage im E-Schubfach. Am Mittwoch wird es statt des lyrischen Mittwochs ein paar Impressionen der Messe und ein paar abschließende Worte zu ihr geben.)


[Mainzer Minipressen-Messe] Freitag, 31.05.2013

Mainzer Minipressen-Messe

Leider ist mein erster Tag auf der Minipressen-Messe schon vorüber!

Meine Erwartungen haben sich gänzlich erfüllt: Kreative Menschen wohin man den Kopf wendet, ein Stand interessanter als der andere. Die Independents glänzen mit Ideen und Optimismus. Von vielen hört man, dass vor allem die Leidenschaft immer wieder vorwärtstreibe, weitermachen lasse; dass ein kleiner Verlag immer großes finanzielles Risiko bedeute. Doch trotz der Risiken sind die Verlegerinnen und Verleger mit dem Herz dabei, und man erfährt oft Witziges und Erstaunliches aus dem Verlagswesen abseits des Mainstreams. Viele Aussteller nehmen kein Blatt vor den Mund, erzählen Anekdoten, plaudern aber auch offen über Probleme.

Damit nicht genug: Man trifft an den Ständen Persönlichkeiten bunter als bunt. In der einen Ecke wird laute politische Literatur angeboten, daneben die besten Kniffe aus dem Esoterikbereich. Kunstdrucke liegen in der Nähe von Holzskulpturen in Buchform, ein paar Meter weiter kreative Sprach-Spiele für Kinder, die mich noch immer staunen lassen. Krimis, Kurzgeschichten, Kunstbücher und Lyrikbände in Ausstattungen, die Lächeln in Gesichter zaubern. Detailvernarrte kunstverliebte Bibliophile an jedem Stand, überall interessante Gespräche und überall Herzlichkeit. Die Messe in Mainz ist so farbig, so schön, wie ich sie mir wünschte, und ich freue mich auf die folgenden zwei Tage. – Wer es einrichten kann, sollte sich ein bisschen Zeit nehmen und vorbeischauen; für jeden, der Bücher und Kunst liebt, findet sich dort garantiert ein Schatz, der mit nach Hause genommen werden muss.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei all den netten Menschen, die ich getroffen und kennengelernt habe, und für die wunderbaren Gespräche. Schlaf gut und bis morgen, Mainz.


[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!