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Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 1

Text zitiert aus (mit freundlicher Genehmigung des Autors):

Adriaen Cliffhanger. Sein letztes Abenteuer.“ (S. 643)

„… Adriaen ließ los und stürzte in die Tiefe. Er hatte all die Jahre gesucht, hatte sich verrannt und war dem Tod nicht nur ein Mal haarscharf entkommen. Er schlug hart auf. Weit über ihm schlossen sich gerade die schweren Steintüren, die riesige Halle um ihn herum zitterte. Er wusste, er durfte jetzt nicht an die Schmerzen oder den Rückweg denken, alles was zählte, war die Frau. Sie stand in einem Mantel aus warmem Licht vor ihm, schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden. Wer war sie? Der Schatten eines Felsvorsprungs verdeckte hüpfend ihr Gesicht im Schein der Fackeln. Für ihn gab es nur noch den Weg nach vorn, er ging auf sie zu. Langsam legte er seinen Kopf nach hinten, seine Augen fuhren über ihren weißen Körper und über ihre feenzarten Brüste. Wer war diese Frau? Seit zwanzig Jahren suchte er die Antwort, und jetzt sollte er in ihr Gesicht blicken, mit ihr sprechen können? Er konnte sie sehen, ihr Wesen erschien ihm unendlich fremd – und doch so vertraut wie das einer Freundin. Seine Gedanken spielten Himmel und Hölle, ja, es gab sie wirklich, er hatte sie endlich gefunden! Das war das grand final seines Lebens; nun würde alles gut werden …“

Ende

Einleitung

Kaum etwas in der Welt der Literatur ist mit solch schönen Gefühlen behaftet wie der Cliffhänger. Ist er doch am Ende eines jeden Buches Garant dafür, dass man am liebsten in die Seiten beißen würde. Kein Film ist so schön, wie derjenige, der im Kino mit einem romantischen „Fortsetzung folgt …“ endet. – Der Cliffhänger besitzt die Kraft, gleichzeitig unbändige Wut und ein hohes Maß an Ernüchterung hervorzurufen, eine Fähigkeit, die er wohl mit keinem anderen Stilmittel sonst teilt.

Wahrscheinlich sind es gerade solche Beispiele, die den Cliffhänger unbeliebt und etwas anrüchig machen, weshalb sein Einsatz nicht mehr ganz zum guten Stil unserer Zeit gehört. Gerade dann nicht, wenn Leserinnen und Leser aufgrund des stressigen Alltags ohnehin nicht mehr so viel und auch nicht mehr so lang am Stück lesen. Falsch eingesetzt ist der Cliffhänger eine Garantie, dass Sie Ihre Leser verärgern werden, im schlimmsten Fall sogar enttäuschen. Doch was so starke Emotionen auszulösen vermag, das kann unmöglich an sich schlecht sein. Die Kunst ist es also, den Cliffhänger bewusst einzusetzen und so seine nützliche Wirkung auszuschöpfen. Darum soll es in diesem und in den beiden kommenden Teilen dieses Artikels gehen.

Lesen als Reise

Um zu verstehen, wie man den Cliffhänger am besten einsetzt, ist es erforderlich ein bisschen nachzudenken. Nämlich darüber, wie und warum der Cliffhänger eigentlich funktioniert. Dies soll hier daher an erster Stelle geschehen, bevor wir eingehen auf Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen. Stellen wir uns zu Beginn die einfache Frage: „Warum nervt es uns, wenn wir am Ende nicht erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?“ Die Antwort darauf ist verhältnismäßig simpel und nachvollziehbar:

Jeder der freiwillig einen Text liest, der möchte irgendwie unterhalten werden (sonst würde er nicht lesen). Die meisten Texte sind so angelegt, dass sie von ihrer Struktur her die Leserschaft an die Hand nehmen und sie durch spannendere und weniger spannende Textbereiche führen. Immer so, dass der Leser das Gefühl hat, sacht geleitet zu werden ohne je vor Langeweile einzuschlafen oder in wirrer Action völlig den Überblick zu verlieren. Zumindest im Idealfall sollte das so sein. Damit Lesende jedoch überhaupt an die Hand genommen werden können, bedarf es eines Zieles; und das ist – ganz pragmatisch gesprochen – das Ende des Buches.

Sie haben ihr Ziel (nicht) erreicht

Am Buchende will die Leserin erfahren, warum es sich gelohnt hat, will der Leser erfahren, was er nicht wusste. Nämlich das, was die Geschichte die ganze Zeit ausgespart hatte: ihre Auflösung; ihr Finale; eine letzte große Wendung; ein Rätsel, das plötzlich keines mehr ist; den Kuss der Verliebten oder, oder, oder (nicht selten auch die Rettung der Welt im letzten Moment). So sind wir es als Leser gewohnt und so funktionieren auch die meisten Bücher. Am Ende steht das, was man am Anfang noch nicht wissen soll. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten, kreativ mit diesem Strukturmerkmal aller Prosa umzugehen. Etwa in der Kurzgeschichte, die oft das offene Ende zum Stilmittel erhebt, um genau zwei oder mehr Lesarten anzubieten, und den Leser, quasi interaktiv, entscheiden zu lassen. Doch das ist die Ausnahme.

Wenn also nun eine Geschichte, zu deren Ende man hin lesen möchte, dieses Ende ausspart, aber vorher im Text keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass am Ende eben nicht das Ende, sondern lediglich ein Cliffhänger stehen wird – natürlich!, dann enttäuscht das alle, die am Ende auch das Ende erwartet hatten! Dann hat der Cliffhänger es wieder einmal geschafft, er hat erbost, die Leser haben keine Lust mehr. Sie werfen das Buch womöglich in die Ecke oder aus dem Fenster (oder ganz tief ins Regal, da müssen sie es hinterher nicht einmal mehr wegräumen). Und Sie, die Autorin, der Autor, haben nur eines erreicht: Ihr gesamtes Buch zu ruinieren und sich selbst zu schaden. Alles wegen ein paar Zeilen, die ebenso gut noch hätten stehen können.

Denn nichts ist für die Schaffung einer langfristigen Bindung zwischen Ihren Werken und Ihren Lesern hinderlicher, als die Leser nicht strahlend und zufrieden im Lesesessel zurückzulassen. Wenn nicht die Situation entsteht wie nach guten Filmen, wo man noch kurz in Gedanken verharrt und heimlich immer denjenigen verflucht, der zuerst „Ja, war nicht schlecht, oder?“ et cetera sagt, dann fehlt etwas Entscheidendes: Das Glück und die Freude der Leserin, des Lesers, ihr Buch gelesen und es unglaublich toll gefunden zu haben.

Ausblick

Bis hierher scheint der Cliffhänger also recht wenig sinnvoll zu sein, spielt er gerade mit dieser sensiblen Stelle der Leserzufriedenheit. Wenn man nun ein bisschen um die Ecken denkt und nachfragt, wie man dieses gefühlige Verhältnis nutzen könnte, ohne es auszunutzen, dann muss man fragen, an welchen Stellen der Cliffhänger überhaupt eingesetzt werden kann, ganz unabhängig von der Wirkung die er erzielt. Wo also die Stellen im Manuskript sind, wo man auf dieses Stilmittel gewinnbringend zurückgreifen kann.

Im zweiten Teil dieser kleinen Artikelserie wird es um genau jene Fragestellung gehen: Welche Stellen bieten Ihnen als Autorinnen und Autoren die Möglichkeit zum Einsatz des Cliffhängers? Im dritten Teil wird dann zusammen mit den Überlegungen der ersten beiden Teile geprüft werden, wie sich der heikle Einsatz des Cliffhängers risikofrei bewerkstelligen lässt und wie sich das auf das Lese-Erlebnis auswirkt. Doch für nun erst einmal genug Gedankennahrung. Bon appétit!

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[Gute Dialoge schreiben #1] „Ob es wohl regnen wird?“ – „Woher soll ich das wissen?“, oder: Grundlegendes und die »Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene«

„Kommst du heute zum Fernsehen?“
„Wie spät soll ich kommen?“
„Um fünf Uhr.“
„Was schauen wir an?“
„Keine Ahnung.“
„Ob es wohl regnen wird?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Hätte ja sein sein können“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Okay, tschüss.“
„Ja, tschüss.“

Ich hoffe, Sie sind nicht bereits eingeschlafen. Als bittere Schlaftablette erfüllt oben stehender Dialog sicherlich gut seine Aufgabe. Wenn schon elf Dialogzeilen es schaffen, so uninspiriert und lustlos zu sein, wie wird es sich dann erst mit dem restlichen Buch verhalten? Im heutigen Artikel (und in den folgenden dieser Reihe) soll es darum gehen, wie man seine Dialoge ein bisschen aufpeffert und wie man Charaktere schafft, die schon an ihrer Stimme und ihrem Sprechverhalten zu unterscheiden sind.

Damit ein Dialog im Buch funktionieren kann, sollte man sich über drei Punkte klar sein. Der erste ist dabei ganz fundamentaler Natur: Ein Dialog in einem Buch ist nicht wie ein Gespräch im wirklichen Leben. Der zweite hat mit dem Inhalt selbst zu tun: Es muss einen Grund geben, warum gesprochen wird. Schlussendlich der dritte Punkt: Personenstimmen im Roman haben nur eine zweitrangige Akustik. Das bedeutet, dass die Stimmen der Personen im Kopf der Leser zwar irgendwie „klingen“, dass sie aber nicht wirklich hörbar sind. – Im Folgenden sollen diese drei Aspekte ein bisschen näher betrachtet werden.

1. Ein Buch-Dialog ist kein wirkliches Gespräch

Das klingt nicht unbedingt nach einem Geheimnis. Sich dessen bewusst zu sein, ist für gute Dialoge dennoch schon der wichtigste Schritt. Hauptunterschied zwischen Gesprächen im Buch und Gesprächen in der Welt: Gespräche im Buch finden nicht wirklich statt, sie werden geschaffen. Ganz anders im Alltag, hier werden Gespräche nicht geschaffen, hier entstehen sie: in der Warteschlange der Kantine, im Haarstudio oder an der Ausleihe in der Bibliothek. Im realen Leben kann man sich verquatschen oder man gerät in Rechtfertigungsdruck, wo man am liebsten geschwiegen hätte.
In einem Buch wird es nicht passieren, dass eine Person zu lange geschnackt hat und daraufhin den Bus verpasst – wenn die Autorin das nicht will. Darin liegt der Unterschied.

Wer wem begegnet, das ist keinesfalls zufällig, auch wenn es auf den Leser so wirken kann. Warum sollte im Buch also gerade nicht nach dem Wetter gefragt werden, wenn es doch ums Fernschauen geht (wie oben)? – Weil die Dialoge im Buch nicht so funktionieren wie im Leben. Das äußert sich schon darin, dass gesprochene Sprache und Schriftsprache ungefähr so ähnlich sind wie eine lila Socke und eine Aubergine. Gemessen an der Schriftsprache ist gesprochene Sprache ein heilloses Durcheinander, oder andersherum: Gemessen an der gesprochenen Sprache ist Schriftsprache ein Betonkorsett. Wie man es auch wenden will: Als Autor muss man sich von dem Gedanken lösen, dass Gespräche im Buch auch nur ansatzweise Gespräche des wirklichen Lebens wiedergeben (weder in der Themenentfaltung, noch sprachlich). Sie sind weniger schweifend, sie sind sprachlich geglättet, sie entstehen nicht zufällig und sie dauern nur so lange, wie die Autorin die Personen sprechen lässt.

2. Es muss einen Grund geben

Halten wir fest bis hierhin: Gespräche im Buch sind, gemessen an der Realität, sehr eigenwillig. – Und da sie nicht zufällig passieren, muss es irgend einen Grund geben, warum sie stattfinden. Diese Gründe können vielfältig sein. Befinden sich beispielsweise zwei Personen in einem Raum, wird es nahezu unumgänglich sein, sie miteinander sprechen zu lassen. Hat eine Person eine Frage, muss sie eine andere Person fragen. Das scheint so selbstverständlich, dass es kaum der Erwähnung wert ist. Und diese allgemeine Tatsache, dass in einem Buch oft Dialoge vorkommen, soll hier auch nicht thematisiert werden. Weitaus wichtiger ist die Frage, warum die Personen im Buch überhaupt sprechen und warum dies für die Geschichte wichtig ist.

Bleiben wir bei den beiden Personen, die sich gemeinsam in einem Raum aufhalten. Dass sie miteinader sprechen werden, ist ohnehin wahrscheinlich, schließlich sind sie gemeinsam in einem Raum. Aber worüber sie sprechen werden, das ist der Dreh- und Angelpunkt eines guten Dialoges. Denn obschon die Situation Rechtfertigung zum Miteinadersprechen ist, so muss doch wenigstens eine der sprechenden Personen ein Anliegen haben, ein Ziel verfolgen. Dieses Ziel darf nicht die reine Neugierde sein („Sagen Sie mal, Sie haben aber schöne Schuhe, wo haben Sie die denn gekauft?“) Der Dialog muss dazu dienen, die Handlung voranzubringen und das, worüber gesprochen wird, muss zumindest einer Person nutzen. Tut es das nicht, so tritt einfach folgender Fall ein: Sie langweilen Ihre Leser, diese erfahren nichts Neues und das, was sie erfahren, ist für die Handlung uninteressant.

3. Die Buchstaben müssen tönen

Diese zwei grundlegenden Dinge zusammengefasst: Es gibt ein Buch, in dem finden buchtypische Dialoge statt (keine realen), und das Stattfinden dieser Dialoge hat einen Grund, der für die Handlung wichtig ist. – Damit ist nun die Voraussetzung geschaffen, dass Sie einfallsreich werden können, denn jetzt geht es an die kreative Substanz. Sollen ihre Dialoge mehr werden als sich abwechselnde Zeilen im Buch, so brauchen sie zuerst Figuren und diese Figuren benötigen Stimmen. Zur Stimmgestaltung finden Sie weiter unten ein paar Hinweise, für das Ausdenken von Figuren möchte ich hingegen auf die sehr schöne Artikelfolge „A Typical Hero“ bei Katharina V. Haderer’s Kaleidoskop verweisen.

Also zur Stimme. Damit sich nicht zwei Pappenstiele unterhalten, ist es wichtig, die Sprache der Personen einzufärben. Das hat nichts damit zu tun, theoretisch und verkopft an die Sache zu gehen, sondern damit, wie Sie es verstehen, Ihre Charaktere einzigartig zu machen. Die erste Faustregel, eine Charakterstimme markant zu gestalten, ist: Die Eigenheiten seines Charakters sehr gut zu kennen. Ist er zurückhaltend, dann wird er weniger sprechen, ist er aufdringlich, wird er unterbrechen und dauernd schwätzen. Redet ihr Charakter schnell oder schläft er fast ein, ist er ein Obdachloser, ein Arbeiter, ein Professor, ein Lügner, ein Prophet oder ein Weltherrscher? Lassen Sie Merkmale wie Dialekt, grammatikalische Richtigkeit sowie Wortschatzbreite (wiederholt er oft Wörter, spricht er gehoben, variantenreich …) und Höflichkeit mit einfließen.

Doch da es sich, wie in Punkt 1 angesprochen, nicht um reale Gespräche handelt, ist es damit noch nicht getan. Sie haben die Kontrolle über die gesamte Situation. Beschreiben Sie zwischen der wörtlichen Rede der Personen, was die Personen tun, wohin sie schauen. Wenn ihr Erzähler das zulässt, beschreiben Sie auch, was die Personen denken. Haben Sie einen Ich-Erzähler, legen Sie Pausen ein. Obwohl real das Gespräch direkt weitergehen würde, können Sie ab und an den Gedanken Ihres Haupt-Protagonisten nachhängen. Lassen Sie ihn sein Gegenüber bewerten, sodass der Leser indirekt einen weiteren Eindruck des Dialogpartners erhält, eventuell auch einen ganz überraschenden. (Stellen Sie sich eine geifernde Hexe vor, über die der Ich-Erzähler denkt, sie würde engelsgleich sprechen.)

Eine weitere nahezu unerschöpfliche Möglichkeit, einem Protagonisten eine eigene Stimme zu verleihen, funktioniert allerdings gar nicht über die Art und Weise, wie derjenige spricht, sondern mittels seiner Sichtweise auf die Dinge. Nehmen wir an, zwei unterhalten sich über den Tat-Hergang eines Verbrechens. Der klassische Fall: Beide sehen dasselbe, aber einer sieht immer nur die Fakten („Aber da waren doch die Fußabdrücke!“), der andere das Psychologische („Aber warum sollte er das getan haben?“). Diese Personen werden unterscheidbar. Schaffen sie sich Inspector Lestrade/Sherlock Holmes-Situationen, in denen die Gesprächspartner den Gegenstand der Unterhaltung aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachten und jeweils andere Aspekte betonen.

Schreibübung: Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene

Da es sich bei diesem Beitrag um den ersten einer Reihe von mehreren Beiträgen handelt (die irgendwann einmal folgen werden), bitte ich um Nachsicht, dass ich hier ganz allgemein spreche und die einzelnen Fälle nicht im Detail durchspiele. Dies soll Material für spätere Artikel werden. Dennoch! Leicht lässt es sich üben, an der Sprache einzelner Personen zu feilen. Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene eignet sich hierfür sehr gut.

Anleitung (siehe Skizze):

Wir brauchen: eine Bestie von einem Hund (#nn~), eine breite hohe Wand (|=|) und eine geheimnisvolle Person (?). Weiterhin: ein Rollenmodell (R). Und die Spielregeln: Unser Rollenmodell soll die geheimnisvolle Person davon überzeugen, hinter der Wand hervorzutreten, den Hund zu beruhigen und so den Weg freizugeben. (Unnötig zu erwähnen, dass die geheimnisvolle Person hinter der Wand gerade das nicht tun möchte, nämlich unter gar keinen Umständen).

R____#nn~__|=|__?

———————————–>

Und nun ist es nur noch eine Frage von Ideenreichtum und Kreativität, aus dieser Situation die besten Figuren und Figurenstimmen zu entwickeln.

Ein Beispiel zum Abschluss:

R = Fischverkäufer in Eile

„Ich muss zu meinem Fisch! Wenn ich nich in den nächsten fünf Minuten Nachschub in’er Auslage liegen hab, bringt mich der Boss um!“ Noch während er die Worte sprach, ging er auf die Wand zu, die der Unbekannte vor der Tür zum Fischvorratslager errichtet hatte.
„Du wirst deinen Fischvorrat nie wieder sehen, sag Adieu zu deinem fischigen Leben.“ Zusammen mit diesem Satz schoss hinter der Mauer ein Monster hervor, das direkt dem Grimpon Myre zu entstammen schien. Zähnefletschend postierte es sich sich zwischen dem Fischverkäufer und der mysteriösen Wand.
„Schon gut, is schon gut, so war das nich gemeint, Meister, nehm’ Sie die Töle weg.“ Langsam wich der Verkäufer ein paar Schritte zurück, strich sich nervös blinzelnd das Transpirant von der Stirn.
Das Kläffen des Hundes hallte im Korridor wider und schaukelte sich auf zu einhundert Gespensterschreien.
„Nie wieder sollst du frischen Fisch haben!“
„Mensch, was soll’n der Scheiß, ich mach hier nur meine Arbeit, ich hab keine Nerven, mich noch beim Fischeholn rumzuärgern. Den verfluchten Hund weg oder ich kümmre mich um die Sache.“
„Der Hund bleibt – für immer! HAHAHAHA!“
„Du Nase has’ es so gewollt!“ Der Fischverkäufer verschwand hinter seine Theke im Nebenraum und kehrte mit einem mächtigen Zander zurück.
„Wenn du das Viech nich freiwillig aus’m Weg schaffst, dann mach ich das eben.“ Er blickte dem Zander ein letztes Mal tief in die Augen (ganz so als wollte er sich von ihm verabschieden), dann warf er den Fisch nach dem geifernden Hundemaul.
„Dumm, was, dass dein Hund nich zwischen Fleisch von ’nem Menschen und ’nem Fisch unterscheiden kann, was, Meister? Jetzt setzt ’s Prügel.“ Am Hund und an der dicken Mauer vorbei stürmte der Hüter der Fischtheke.
„Du wirs’ meine fischigen Finger zu spüren bekommen“, donnerte es aus dem Bierbauch des Verkäufers. – Aber hinter der Wand war niemand, er schloss kurz die Augen – Wie konnte das sein? –, als er sie wieder öffnete stand er ganz allein mit glibberigen Händen vor der schweren Tür des Kühlraumes. Nur ein halbzerfledderter Zander lag hinter ihm auf dem Boden. Erneut strich er sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn und mischte unappetitlich Schweiß und Zanderschleim.

Viel Spaß beim Ausprobieren, bis bald.


„‚So!‘?“, oder: Zeichensetzung bei wörtlicher Rede.

Ab und an trifft man auf sehr abenteuerliche Zeichensetzung, wenn wörtliche Rede verwendet wird. Der heutige Artikel soll etwas Licht zwischen die Punkte und Kommata bringen.

Oft werden vier Arten der Zitation verwendet. Unser Beispielsatz zur Verdeutlichung soll lauten:

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Im Text kann er folgendermaßen verwendet werden:

1) Direkt, wenn die Sprecher bekannt und unterscheidbar sind. Der Satz wird ganz normal in Anführungszeichen eingeschlossen. Regel: Die Zeichensetzung erfolgt ohne Veränderung.

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
„Der Abend geht auf’s Haus, Frank!“
„Na, da dank’ ich schön!“

2) Direkt, mit Nennung des Sprechers. Oft in dramatischen Texten zu finden, trifft man auch in Prosatexten auf die eindeutigere Variante. Regel: Die ursprüngliche Zeichensetzung wird unverändert übernommen, der Satz selbst folgt jedoch der Personennennung und einem Doppelpunkt.

Alle blickten sich im Lokal um, plötzlich erhob einer seine Stimme. Frank (sagte): „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass der Erzähler weitestgehend unsichtbar bleibt. Zudem wird die ursprüngliche Zeichensetzung beibehalten.

3) Die dritte Variante bedient sich der Inquit-Formeln und findet dann Einsatz, wenn die Sprecher nicht eindeutig unterscheidbar sind und wenn aus stilistischen Gründen eine vorausgehende Nennung unterbleiben soll. Regel 1: Endet der Satz der wörtlichen Rede mit einem Satzpunkt, entfällt dieser; Ausrufungs- und Fragezeichen bleiben erhalten. Regel 2: Der angehängten Inquit-Formel geht ein Komma voraus.

Falsch: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“, schrie Frank aufgeregt.

Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung!“, schrie Frank aufgeregt.

4) Variante vier unterscheidet sich von den vorher genannten dadurch, dass sie die wörtliche Rede unterbricht. Die Gründe für eine solche Unterbrechung sind unterschiedlich, dienen aber oft der besonderen Betonung von Satzteilen. Regel 1: Die Unterbrechung wird durch Kommata eingeschlossen; nach dem zweiten Komma wird klein weitergeschrieben. Regel 2: Erfolgt die Unterbrechung an einem Komma, dann entfällt dieses.

Falsch: „Herr Ober,“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Richtig: „Herr Ober“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.

Besonderheiten, Ausnahmen und Kuriositäten

Alle Regeln besitzen sie – die Ausnahmen. Auch hier ist es so. Eine sture Anwendung kann in seltenen Fällen zu unschönen, mehrdeutigen Ergebnissen führen.

Besonderheit: Zitat im Zitat

„Wo bist du?“, hörte man Frank schnaufen.
„Wie bitte, was hast du gesagt?“, fragte Miriam.
–> „Ich sagte ‚Wo bist du?‘.“ oder: „Ich sagte ‚Wo bist du?‘!“

Unschön, aber notwendig ist der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen am Schluss. Denn das Fragezeichen gehört zum Zitat, der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen schließt ganz regulär den Satz ab. An solchen Stellen empfiehlt sich jedoch meist eine Umformulierung, um nicht etwa zu Zeichensetzungen wie der folgenden Kuriosität zu gelangen:

„Ich hab das Ende nicht verstanden, aber hat der zu mir gesagt ‚Bist du noch ganz saube’ …?!‘?“, fragte Joachim.

Zwar korrekt, aber ein Angriff auf die Augen. Die Zeichenfolge ’ …?!‘?“, sollte in keinem gedruckten Satz auftauchen dürfen. Es handelt sich dabei um einen Apostroph () zur Verdeutlichung, dass „sauber“ nicht ausgesprochen wurde; die Kennzeichnung, dass ein Satzteil von Joachim nicht verstanden wurde, geschieht durch Auslassungspunkte (); gefolgt von „?!“, welches die Betonung des zitierten Satzes anzeigt. Dann folgt das einfache Ausführungszeichen () der im Satz zitierten wörtlichen Rede; gefolgt vom Fragezeichen (?), welches die wörtliche Rede von Joachim zusammen mit den regulären Ausführungszeichen () beendet. Zu guter Letzt noch das Komma, welches die Inquit-Formel anhängt. – „Das“, betonte er mit Nachdruck, „ist eindeutig zu viel.“

Ausnahme: Komplizierte Sätze

Der Satz der wörtlichen Rede laute:

„Mensch Frank!, jetzt schrei doch nicht so herum.“

Soll dieser Satz zusammen mit einer Unterbrechung wiedergegeben werden, und soll diese Unterbrechung  nach dem Ausrufungszeichen erfolgen, kann es zu folgendem seltsamen Gebilde kommen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein, „jetzt schrei doch nicht so herum.“

Hier empfiehlt es sich nicht, an der Regel festzuhalten, dass nach der Unterbrechung klein weitergeschrieben werden soll. Denn dann wirkt es so, als habe sich ein Fehler eingeschlichen. Hier sollten Sie zu folgender Variante greifen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein. „Jetzt schrei doch nicht so herum.“

Das bedeutet zwar eine minimale Abweichung vom ursprünglichen Satz (da es nun zwei Sätze sind), aber dem Leser und sich tun Sie einen großen Gefallen, indem das Geschriebene eindeutig ist.

Stilblüte: Falsche Auslassungspunkte

Unnötig und unschön wirken Sätze wie der folgende:

„Das ist doch …“, meinte er, „… nicht dein Ernst!“

Nicht nur sieht es befremdlich aus, es ist auch überflüssig. Dass eine wörtliche Rede geteilt wurde, wird nämlich angezeigt durch die Kleinschreibung bei Wiederaufnahme des Zitates:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Obendrein lässt sich der Satz mit den Auslassungspunkten auch nicht auflösen, denn es kann nicht heißen:

„Das ist doch … … nicht dein Ernst.“

Soll (als zu unterbrechende wörtliche Rede) dennoch unbedingt folgender Satz verwendet werden:

„Das ist doch … nicht dein Ernst!“

Dann empfiehlt sich höchstens:

„Das ist doch …“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Aber auch hier scheint es wohl ratsam umzuformulieren und die Auslassungspunkte wegzulassen. Die Sprechpause, die „Er“ einlegt, wird durch die Unterbrechung des Erzählers ganz von allein erzeugt. Das ist zwar ein bisschen gemogelt, aber immer noch besser, als Verwirrung zu stiften. Im Zweifel also einfach und schlicht:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“


[Kurze Schreibtipps #3] Manuskript 2.0, oder: Schreiben, wieder und wieder schreiben

Auf der Internetseite von Jesse Kellerman, eines Autors, dessen Büchern der Verfasser sehr zugeneigt ist, finden sich Schreibtipps für aufstrebende Autorinnen und Autoren. Griffig und bündig kann daraus jeder, der schreibt, etwas in seinen Korb packen. Einen Punkt aus diesem konglomerierten Fundus möchte ich mir für diesen Artikel herausgreifen. Kellermann sagt, dass er seine Texte mehrmals umschreibe, so lange bis er das Gefühl habe, sie könnten nicht mehr besser werden. Er begründetet dies damit, dass heutzutage viele Lektoren und Agenten nicht mehr die Zeit hätten, gemeinsam mit den Autoren Manuskripte aufzuarbeiten, und es wichtig sei, schnell verkaufbares Material zu liefern.

Seine Begründung soll hier nicht näher betrachtet werden, auch ist der Publikationsweg in Amerika ein anderer als in Deutschland, da noch stärker durch die Arbeit von Literaturagenten geprägt. Allerdings scheint mir die Überlegung des Umschreibens eine durchaus interessante zu sein, die sich in die alltägliche Praxis des Schreibens integrieren lässt. (Auch wenn ich für diesen Artikel eher den Aspekt des Erneut-Schreibens hervorheben möchte, also die radikale Variante des Umschreibens)

Dieser Nutzen nämlich erschließt sich gar nicht so unmittelbar, wie man meinen könnte. Denn nachdem ein Kapitel des eigenen Buches – endlich! – verfasst ist, wer verspürt da die Lust, alles noch einmal zu schreiben? Das lässt sich ungefähr mit dem Hochgefühl vergleichen, welches einen beschleicht, wenn das Schreibprogramm versagt, nachdem man gerade den ganz besonders langen und fantastischen Abschnitt geschrieben hatte – ohne zu speichern.

Dennoch. Tief in dieser Unlust steckt ein großes Potenzial. Stellen Sie sich vor, das unschöne Szenario träte ein und Ihre letzten 3000 Wörter wären verloren. – Es nützt ja nichts, man muss wieder an die Sache rangehen, noch einmal alles tippen … Aber hier, genau an dieser Stelle, züngelt der Kreativitätsfunke. Denn wer schreibt, was er schon geschrieben hatte, der schreibt ganz anders, meist besser.

Denn dann ist es so, als schreibe man über ein schönes Erlebnis. Man kennt alle Details schon ganz genau im Vorfeld. Natürlich, die ein oder andere raffinierte Wendung wird für immer verloren sein, aber es wird sicher auch die ein oder andere dazukommen, die vorher nicht stand. – Ist die Unlust erst einmal verflogen, dass man noch einmal tippen muss, dann schreibt man in einem anderen Modus.

Dieser Modus ist ein zur Kreativität hin weit offener, um es etwas technisch auszudrücken. Denn weil man thematisch wiederholt, was man schon weiß, kann man viel präziser die Facetten herausarbeiten von dem, was man eigentlich sagen will. Man kann schon ganz am Anfang dezente Hinweise und Happen einstreuen, welche die Leserschaft erst am Ende richtig zu verdauen weiß. Das macht aus einer Rohfassung einen garen Text, der mundet.

Nun muss es nicht so weit kommen, dass man immerzu seine Texte löscht, nur um noch einmal schreiben zu müssen. Die Hemmschwelle, Geschriebenes noch einmal zu verfassen, lässt sich auch abtrainieren, meist ist sie ohnehin nur hervorgerufen von der Ausrede, dazu gar keine Zeit zu haben. Und das perfekte Mittel zum Abtrainieren sind Erfolgserlebnisse.

Probieren Sie es ein paar Mal aus, schreiben Sie Ihre Texte ein zweites Mal, ein drittes Mal, machen Sie eventuell dazwischen ein paar Pausen, um nicht doch vom Unlust-Faktor gefressen zu werden. Und dann vergleichen Sie die aktuelle Version mit den vorigen Versionen. Sie werden feststellen, dass die letzten Versuche viel mehr Dynamik und Tiefe haben werden als die ersten; und sie irgendwie auch viel besser das ausdrücken, was Sie wirklich schreiben wollten.

Dieses Vorgehen schärft dabei nicht nur Ihr Fingerspitzengefühl und das Gefühl für kreative Stoffgestaltung während des Schreibvorgangs. Es wird Ihre Texte auch für Dritte attraktiver machen, die zwar nicht den langen Weg zum Resultat kennen, die aber vom ausgereiften Ergebnis, vom Manuskript 2.0 angetan sein werden.


[Kurze Schreibtipps #02] Die Abtöner, oder: „Ich war eigentlich wohl irgendwie doch schon zu spät.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche nur ein kleiner Bissen für zwischendurch. Aber zwischendurch bessere Texte zu schreiben hat ja auch seinen Reiz. Oder sollte es heißen: „… hat seinen Reiz.“? Womit wir mittendrin im kurzen Artikel dieses Sonntags wären.

Abtönungspartikel oder Modalpartikel nennen sich die kleinen Wörtchen, die zu Unrecht oft einen schlechten Ruf genießen. Wohl besitzen sie für die Aussage eines Satzes manches Mal die Nützlichkeit einer dritten Schulter („Willst du ein Eis?“ – „Irgendwie schon.“ – „Ja oder Nein?“ – „Sag ich doch: Ja.“). Aber was zählt allein die Satzaussage, wenn es um Lesefluss, Satzrhythmus oder Figurenrede geht?

Denn anhand folgender zwei Punkte, können Sie ganz einfach überprüfen, ob die Verwendung eines Abtönungspartikels gerechtfertigt ist: Verschleiert ein Abtönungspartikel die Verständlichkeit, wo es auf diese ankommt, sollte er vermieden werden („Man nehme so 10 Gramm Salz …“). Dient der Abtönungspartikel jedoch dazu, etwas abzutönen, das heißt etwas auf bestimmte Weise zu sagen, ihm einen persönlichen Anstrich zu verleihen, dann ist er überaus nützlich („Oh nein, ich habe mir das Bein gebrochen. Ein Glück, dass Sie gerade Ihre Doktorarbeit schreiben, wissen Sie nicht, was ich jetzt tun soll?“ – „Das weiß ich doch nicht, ich promoviere schließlich in Betriebswirtschaftlehre!“).

Allgemein gilt: Je wissenschaftlicher der Text, umso weniger Abtönungspartikel, denn umso deutlicher muss die Aussage sein. Dasselbe gilt auch für den Erzähler: Je distanzierter und unauffälliger der Erzähler sein soll, umso weniger Abtönungspartikel sollten verwendet werden. Anders die Figurenrede. Hier kann durch bewussten Einsatz der Abtönungspartikel individuell und nuanciert gestaltet werden. Denn im alltäglichen Sprechen wimmelt es nur so von diesen Modalpartikelchen, im alltäglichen Sprechen Ihrer Figuren darf es das auch tun; achten Sie lediglich darauf, dass Sie nicht ins Belanglose driften.

Wenn Sie sich dieser Unterscheidungen bewusst sind, dann brauchen Sie keine Angst davor haben, zu sehr in die Umgangssprache abzurutschen. Denn Abtönungspartikel sind wirkmächtige Werkzeuge, wenn man sie nicht irgendwie falsch einsetzt.