Schlagwort-Archive: kunst

[Der lyrische Mittwoch, Folge 22] Wiebke Plett und Hanna Scotti – Sommerliebe; oder: Das Projekt „kunstvollaltern“ vorgestellt.

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

eine ganz besondere Folge des lyrischen Mittwochs erwartet Sie heute nach langer Abstinenz! Gemeinsam mit den Bremerinnen Hanna Scotti und Wiebke Plett möchte ich Ihnen das Projekt „kunstvollaltern“ vorstellen. Die Autorinnen, Dichterinnen und Bildkünstlerinnen rücken das ins Licht, was oftmals dunkel Schatten, zumindest aber Falten wirft: das Altern. Auf ihrer Internetseite, die kombiniert ist mit den Blogs Mundwerkerin und Bildwerkerin, entsteht ein Projekt, welches sie selbst wie folgt umschreiben: „Die Kunst ist das Altern. Sie beschäftigt uns, manchmal lustvoll, manchmal nackt, demütig oder dynamisch – alternativ. Gelegentlich schlingern wir auch in unsere bodenlosen Hautschluchten und stürzen ab. Aber eben nur beinahe.“ Das Altern als Kunst bietet nicht nur Möglichkeiten zur Bewältigung, sondern auch für einen kreativen Prozess hin zu Neuem und dadurch zu einem Verständnis der Generationen untereinander. Denn wo die Hülle als solche entlarvt wird, da will man weiter fragen, mehr über das erfahren, was eventuell schon lang darin und darunter verborgen liegt. Denn beides hängt aneinander, auch wenn es zuweilen weit entrückt scheint.

Doch ganz ohne lyrische Handreiche geht es natürlich auch in dieser Folge nicht, deswegen ist es umso schöner, dass Hanna Scotti Ihr wundervolles Gedicht „Sommerliebe“ unseren Augen als Rauschmittel dargereicht hat. Jedoch, allein auf die Augen zielen diese Verse nicht. Eine Festivität der Sinne, von Würzigem, von Düften, die aus den Buchstaben kriechen, strömt heraus. Vereint im knusprigen Mantel von Erotik und der Exotik des Unbekannten wehen uns Worte so zart wie „Fisch gewürzt mit Anis“ oder so geheimnisvoll wie „Mandeln in saurer / Abschiedsmilch“ entgegen. Das ist eine Reise der Sinne, die Nase vergraben in Haut – und doch immer reich gegen den warmen Wind –

Sommerliebe

iftha ya semsem

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze
weit öffnete Sesam deine
Dschellaba aus den Narben
quollen die Düfte der
Kasbah mit Gassen aus
Zitronen und getrocknetem
Fisch gewürzt mit Anis und
Kardamom scharf oder
süß oder bitter wie
Mandeln in saurer
Abschiedsmilch

Porträt Hanna Scotti und Wiebke Plett

Hanna Scotti und Wiebke Plett

Vorgeplänkel:

Textbasis: Bitte verratet mir doch, was „iftha ya semsem“ heißt.

Hanna:
Sesam öffne dich ist die Übersetzung.

Textbasis: Oh, vielen Dank.

Wiebke:
Auch mich öffnet dieses Gedicht – zu Bildern im Kopf und zur praktischen Umsetzung in Digital Art. Hanna und ich ergänzen uns gut : Sie ist eine Frau des Wortes und der Taten, ich dagegen eine Frau des Schweigens und der Taten.
So antwortet Hanna hier in gemeinsamem Sinne. Ich lege dann notfalls von hinten ein Veto ein.

Interview:

Textbasis: Ich freue mich, dass ihr heute zu Gast seid im lyrischen Mittwoch, Hanna und Wiebke. Nun habe ich in der Einleitung schon ein paar Worte zu eurem großen Projekt „kunstvollaltern“ geschrieben. Was ist euch besonders wichtig in all der Kreativität und der Kunst, die ihr darauf verwendet, und wie kam es überhaupt zu der Idee, das Altern und die Kunst zu verbinden?

Wiebke und Hanna:

Altern macht Angst, besonders auch uns. Was tun wir also? Liften, Botox und andere Kleinigkeiten? Neee, Sport also und Veganerin werden! Wir könnten eine Menge Gegenmaßnahmen aufzählen – sterben und uns einfrieren lassen ist auch ein guter Vorschlag.

Über diese Vorstellungen entschlüpfte uns ein unbändiges, sehr lautes (ähem!) Gelächter. Das war wohl nix: Wir essen gern, Sport findet eher beim Fotografieren oder beim Clownsspiel statt und Falten sind hart erarbeitetes Leben. Punkt.

So haben wir das Altern selbst zu unserer Kunst erhoben. Wir sind sozusagen Künstler und Objekt.
Die Kreative in uns beobachtet das sich unentwegt wandelnde Objekt, also uns selbst. Das erfordert ein hohes Maß an Abstraktion, der wir uns aber aufgrund unseres reflektierten Lebens gewachsen fühlen – immer wieder mit Versuch und Irrtum natürlich. Schließlich stecken wir ja mitten drin im Prozess.

Dann setzt die künstlerische Arbeit ein, es wird gedichtet, fotografiert, Videoclips werden gedreht und seit Neuestem auch Musik gemacht, immer mit Fokus auf dem Alterungsprozess und der Gewissheit des Todes.
Wir stellen uns vor, dass diese Haltung auch für andere Menschen interessant sein könnte.

Textbasis: Und mit den „anderen Menschen“ meint ihr eigentlich „alle Menschen“, wenn ich euch recht verstehe. Denn im Prinzip ist das Altern ja ein Prozess ganz unabhängig vom Alter. Würdet ihr das unterschreiben wollen?

Hanna:
Ja, alle Menschen sind gemeint, auch die die sich mit diesem Thema nicht beschäftigen können oder wollen. Das ist ihr gutes Recht. Wir allerdings suchen nach Wegen, diesen Lebensabschnitt im Hinblick auf den demografischen Wandel lustvoll lebbar zu machen. Das bedeutet für uns Solidarität – besonders auch mit den jungen Menschen, wir haben zu diesem „Schlamassel“ erheblich beigetragen –, Bescheidenheit, Verantwortungsgefühl, alles das, was wir uns an ethischen Werten erarbeitet haben, was nicht in einen religiösen Kontext gehört, aber human ist.

Textbasis: In „Sommerliebe“, aber auch im angefügten Bild, wird das Altern gerade nicht als Zerfallsprozess dargestellt, sondern als Sammelsurium von Erfahrungen und dem Herausarbeiten von Charakteristiken, die sich sinntragend über die sichtbare Oberfläche legen. Was zeichnet Kunst im Kontext des Alterns für euch aus, was muss sie schließlich auch leisten können?

Wiebke und Hanna:
Zum einen ist der Prozess des „Tuns“, das Sich-selbst-verlieren im Werkeln, ein zutiefst befriedigender Zustand. Zum anderen ist es uns wichtig, zu lernen: Theorie zur Lyrik (mein Pferdchen unter den Steckenpferden), Theorien zur Fotografie (Wiebkes Lipizzaner) und natürlich alles, was nötig ist, um in den modernen Medien kommunizieren zu können. Dafür danken wir ganz herzlich allen, die uns geholfen haben, im Netz heimisch zu werden. Unser Dank gilt auch den Bäumen, an die wir unsere schmerzenden Rücken lehnen durften und der Stubenfliege, die uns mit ihren Streicheleien zur Pause mahnt und … und …
Matthias Engels und Dir.

Matthias, der unsere Beiträge gelesen und uns einfühlsam ermuntert hat. Er ist wie eine Oase in der vertrockneten Wüste der Beliebigkeiten, besonders im Netz. – Und Dir; dieses wunderbare „Ding“ zwischen uns dreien, dieser Faden zwischen Jung und Alt. Mögen viele, viele ihn finden.

Kunst unterstützt also auch befriedigende Begegnungen und schürt den Kamin, damit das Feuer und die Liebe zum Leben nicht erlischt. Wenn sie dann auch noch überzeugt, kommen wir unserem Ziel – das es gar nicht gibt, wir sind ja auch nur auf dem Weg – deutlich näher.

Textbasis: Ich danke euch für die lieben Worte, und kann beidem nur zustimmen: Ich finde ebenfalls, dass wir einen sehr harmonischen Faden zwischen uns gestrickt haben, worüber ich mich sehr freue. Dass dabei die Kunst aus sich herausgreift und direkt auf das Leben einwirkt, das ist schon etwas Besonderes. Und dennoch entsteht ja Kunst nicht aus dem Nichts. Hanna, du sprachst oben von deinem Pferdchen unter den Steckenpferden, also ganz allgemein von der Theorie. Nun ist ja die Theorie nicht unbedingt immer das Erquickende, nach dem man gleich nach dem Aufstehen lechzt. Wie steht ihr dazu: Nach wie viel Theorie verlangt die Kür in der Kunst – oder sollte die Kunst sich ganz von allem lösen, was sie zu sehr ins Trockene holt?

Hanna:
Frau Meier interessiert sich fürs Stricken, dazu braucht sie Grundfertigkeiten und Fantasie, danach kann sie sich entscheiden, ob sie ihr Leben lang Schals strickt, aufgibt oder lernt, Handschuhe und Socken zu stricken, oder den Faden zu einem „Hinguckerpullover“ verdichten will.
Ich liebe selbst erarbeite Unikate.

Dichtung wird gewöhnlich definiert als die Kunst, etwas in klangvollen Worten auszudrücken, bei der Schöpfungen des Gefühls, der Fantasie und der Einbildung entstehen (nach Toshimitsu Hasumi).
Im Sinne der japanischen Dichtung, der ich mich sehr verbunden fühle, ist sie nichts anderes als der seelische Ausdruck des Lebens in diesem Moment. Außerdem bedeutet poetische Betrachtung in der japanischen Lyrik immer Mit-Wirkung des Lesers, das heißt Mit-Dichtung.

Nun fragt sich hier natürlich der geneigte Leser, die kritische Leserin, was unsere wunderschöne, klangvolle Sprache nun mit Japans Literatur zu tun hat? Bei dem für mich trostlosen Gezerre vieler deutschsprachiger Kollegen, was nun ein Gedicht sei und was nicht, suchte ich einen ganz persönlichen Zugang und fand meine Ansprüche an meine Gedichte in der Tradition asiatischer Kulturen, ohne dass ich meine sprachlichen Wurzeln, mein Denken und Fühlen verlassen musste.

Das Besinnen auf das, was in meistens kurzen Gedichten nicht geschrieben worden ist, also zwischen den Zeilen steht, ist eine Kunst, die ich sehr schätze. Wird nur ein Teil gesagt und das übrige der Vermutung, Einsicht oder eigenen Erfahrungen, also dem Leser überlassen, entsteht ein Miteinander, ein Du. Ich schreibe dann nicht ins Blaue, sondern mein Gedicht wird zu einem Geschenk an Dich, oder an …
Dich? Ja, Dich meine ich.
Ich lasse es frei und du machst damit, was dir gefällt …
Alle Inhalte meiner Texte sind Momentaufnahmen, eine sinnliche Wahrnehmung in poetischer Form zu Papier gebracht.

Meine Gedanken sind hier nur kurz skizziert, um meinen Zugang zur Poesie zu verdeutlichen.(hoffentlich). Dieses „Konzept“ haben Wiebke und ich uns im Laufe der Jahre erarbeitet. Es lässt sich mühelos auf andere künstlerische Tätigkeiten übertragen:

Multikulturelle, möglichst unverstellte Sicht auf diesen Moment, den einzigen, den es gibt (gestern war gestern, und morgen kommt vielleicht nie) und diese Sicht mit wachen Sinnen künstlerisch umsetzen.

Textbasis: Deine Vorstellung von dem, was Kunst ist, wie Kunst und Dichtung für dich und Wiebke funktionieren sind weit weg von der (grauen) Theorie, man könnte sagen, sie sind eher mitten im momentanen Fühlen, das ist ein durchaus reizvoller Punkt, der offensichtlich zu solch intensiven Gedichten wie „Sommerliebe“ führt. Der lyrische Mittwoch soll neben den Einblicken in die Werke und Vorstellungen seiner Autorinnen und Autoren aber immer auch über den kreativen Prozess aufklären. Er soll Eigenheiten zeigen, wie Kunst entsteht, wie sich Schaffen und Schreiben mit dem Leben verbinden. Deswegen an euch die Frage: Wie gestaltet sich euer Kunst-Alltag, wie entsteht bei euch, was am Ende zu Kunst wird?

Wiebke und Hanna
:
Mit dieser Frage zerrst du an unserer Achillesferse. Es war ein langer schmerzhafter Prozess, die vielen Rollen einer Frau aus Kinder – Küche – Kirche herauszuschälen, nach Wichtigkeit zu ordnen und uns dann auch noch das Recht zuzugestehen, dieses „Projekt“ des kunstvollen Alterns an die erste Stelle zu setzen. Das akzeptiert das Umfeld nur sehr schwer bis gar nicht, da trennen sich manchmal Familienbande und Freundschaften sehr schmerzhaft. Aber das Leben ist eben ein ununterbrochenes Abschiednehmen und Sterben. So üben wir uns in diesen Disziplinen; und Generationen können sich aneinander reiben.

Das hätten wir gerne:
Der letzte Atemzug, Künstler jeden Alters und Genres (auch Lebenskünstler sind eingeladen ) um uns herum, zu Füßen spielende Windhunde und hoffnungsvolle Säuglinge … Naja, Humor und ein bisschen Bitterkeit müssen eben auch sein.

Einen richtigen Alltags- und Arbeitsrhythmus haben wir nicht. Wir tun, was dran ist: Salat schnipseln, Fotos bearbeiten und nicht zu vergessen, immer aufs Wohlbefinden achten. Da hilft Meditieren, Shakuhachi und Didgeridoo üben. Wir können uns das leisten, nicht unbedingt immer finanziell, aber Zeit und Raum stricken wir selbst.

Wiebke:
Bis hier her habe ich alles abgesegnet und Kaffee getrunken. Hanna schreibt nämlich auf meinem PC, ihrer ist – wie so oft –nicht einsatzfähig, er ist so alt und voller Flausen, wie sie selbst. Ohne mich würde sie in den Himmel steigen oder platzen, wir sind das beste Team der Welt.

Textbasis:
Wohl dem, der solches von sich sagen kann! Was zeichnet denn das beste Team der Welt noch so aus? Natürlich auch vom künstlerischen Standpunkt her gesehen: Wie fließen die Inspirationsströme? Nebeneinander her und ins gemeinsame Delta, oder als reißender Strom, sprudelnd aus gemeinsamer Quelle?

Wiebke:
Hannas beschriebenen Zugang zur Gestaltung und Einordnung unserer Kunst will ich ein wenig relativieren. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren und haben nie nachgelassen, an unserer Beziehung zu basteln. Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der „Liebe“ und der Entdeckung, dass sie sich im Laufe des Lebens loslöst von bürgerlichen Moralvorstellungen und Eingrenzungen, auch von sex and drugs an’ rock ’n’ roll. Die genitale Fixierung löst sich auf und gestattet ein zärtliches Miteinander und Vertrauen.
Nur vor diesem Hintergrund sind solche Gedichte wie „Sommerliebe“ oder meine Karikaturen von uns selbst möglich.

Inspirationsströme: Sie fließen oder sie fließen nicht, sie reißen mit oder nicht, wie bei allen Menschen. Bei Künstlern fällt das einfach mehr auf, wenn die Quelle grad’ trocken ist.
Wir stellen fest, je älter wir werden und je breiter der Strom der Akzeptanz allen Lebens fließt, umso freier fühlen wir uns – auch mit unserer Kunst.
Ach, klingt das genial!

Heute Morgen suchte ich verzweifelt meinen Schlüssel, ich hatte einen Arzttermin, Hanna hatte Kopfweh und keine Lust zu nichts, und die Sonne schien.

Textbasis: Liebe Wiebke, liebe Hanna, für eure ehrlichen und offenen Worte bedanke ich mich. Schon oft sind Künstler sehr persönlich geworden im lyrischen Mittwoch, doch euer offener Appell an die Freiheit der Kunst: Der Freiheit, frei zu sein von kleinlichen Prinzipien und frei zu sein von den damit verbundenen Vorurteilen, ist eine Liebeserklärung von allen Seiten betrachtet: an die Liebe selbst, die Kunst selbst, an ein Miteinander ohne Schranken. Zwar nicht wirklich sex and drugs an’ rock ’n’ roll, wie Wiebke schon schrieb, aber doch ein Revival der der 68er, etwas moderner vielleicht, nicht minder ehrlich und um die Dimension des Alterns erweitert. – Ich wünsche euch, dass das Projekt „kunstvollaltern“ viele anspricht und näher zusammenbringt, wie es auch schon uns näher zusammengebracht hat. Auf die Zukunft! Schön, dass ihr heute dabei wart; und nun bitte alle einmal hier entlang zum: kunstvollaltern.

Bis zum nächsten Mal, in alter Frische – und bleiben Sie lyrisch!


[Nahdenken! #3] Weltbuchtag 2013: Buch, E-Book und Floppy Disk

Welttag des Buches 2013 Logo

Welttag des Buches 2013

Nicht nur, wenn es um die Wurst, auch wenn es ums Buch geht, scheint das Interesse der Menschen ungebremst und allen Entwicklungen zum Trotz nicht niederringbar zu sein. Am 23. April war es wieder soweit: Der Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz der Weltbuchtag, beglückte Bibliophile und Lesefreunde mit vielen Aktionen und unzähligen Artikeln in den Nachrichten, den Zeitungen und auf den Blogs. Auch der textbasis.blog gratuliert da natürlich dem Vielseitigen in ungestümer Euphorie: Juchheirassa! Hurra! Lang soll es leben! Judihui und Holdrio! [An dieser Stelle bitte ich Sie, sich ein effektvolles 3D Feuerwerk vorzustellen – die Einbindung von Pyrotechnik via HTML gestaltete sich schwieriger, als erwartet.]

Die letzte Rakete hat ihre Farben versprüht, das Nachhallen der Explosion wird immer leiser, die letzten Ahhs und Ohhs verfliegen langsam. Und doch möchte ich Sie bitten, noch ein bisschen mit den Gedanken im Himmel zu verweilen. – Denn flogen in den Tag-Clouds, den Wortwölkchen, vergangener Jahre Wörter wie „Seite“, „Papier“ oder „Einband“ um das zentrale Schlagwort „Buch“, so hat sich langsam das ehemals umkreisende Wörtchen „Text“ in die Mitte der Wolke gedrängt. Und um es herum schwirren nun in direkter Nachbarschaft nicht etwa wieder „Seite“, „Papier“ oder „Einband“, sondern „Text“ wird umwirbelt von „Buch“, „E-Book“, „Book-on-Demand“, „Self-Publishing“, „Start-Up“ und vielen anderen. Gerafft also: das Buch ist zum beiläufigen Schlagwort geworden, der medienneutrale Text hat sich im Zentrum positioniert. Das ist keine neue Erkenntnis, die noch nie gesehen wurde, natürlich nicht, denn zu keiner Zeit war jeder Text ein Buch, aber sie verdeutlicht: Das Buch hat es derzeit schwerer, denn Texte werden nicht mehr automatisch zu Büchern, nicht mehr zu Druck-Erzeugnissen.

In der Kolumne Nahdenken! werden die Sachen an den Hörnern geschüttelt, deswegen: Der Text hat das Buch schon lang nicht mehr nötig! Im ersten Nahdenken!-Artikel ging es bereits um das Thema Lesen, der heutige Artikel schließt direkt daran an. Ganz einfach formuliert: Wenn es nur darum gehen würde, dass Texte gelesen werden können, dann müsste nie wieder ein Buch gedruckt werden. Durch Internet, Vernetzung und Online-Bereitstellung, durch E-Book-Reader, Smartphone-Apps und nahezu ortsunabhängigen Datenzugriff könnte jeder Text beinah immer zugänglich gemacht werden. Betrachtet man es so, verwundert es in gewisser Weise, dass überhaupt noch Bücher gedruckt werden, dass es noch Menschen gibt, die ihren Lebensraum mit Gedrucktem in riesigen Bücherregalen verkleinern. – Sie spüren schon, diese Herangehensweise birgt in sich etwas Seltsames. Denn wie die Realität auch ist, so ist sie nun auch wieder nicht – und der Weltbuchtag heißt auch noch immer Weltbuchtag und  nicht Welttexttag.

Woher kommt es also, das Festhalten am Buch? Wären die Menschen Computer, welcher PC würde schon lieber die Floppy einwerfen, als den Download-Button anzuklicken? Wären wir Computer, dann würde es nicht verwundern, wenn das Buch als haptischer Informationsträger schwarzgekleidet zum letzten Gang aufgebrochen wäre. Aber, und das verdeutlich nun die rege Beteiligung am Weltbuchtag gerade wieder eindrucksvoll, das Buch scheint kein Schwarz zu tragen, es scheint in knallbunten Farben durch den Sommer zu spazieren. – Mit dem Online-Banking kann man die Sache nur schwerlich vergleichen. Denn auch da fand eine Auflösung statt, oft muss man nur noch eine kleine Plastikkarte mit Magnetstreifen in einen ebenfalls kleinen Computer schieben und schon ist das Geld weg. Wahrlich möchte ich keinesfalls den Numismatikern zu nahe treten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ein Weltmünztag nicht die Begeisterung wie ein Weltbuchtag hervorriefe. Ich denke, dass viele Menschen froh darüber sind, nicht mehr alle Zahlungen mit Bargeld abschließen zu müssen, und auch der vollständigen Ablösung des Münz- und Scheingeldes nicht mit Rage und Ablehnung begegnen würden.

Darum also müsste das Buch eigentlich verschwinden, aber warum tut es das dann doch nicht? Denn obwohl der Mensch den Wegfall des Physischen (wie im Falle des Geldes) nicht immer bedauert, so ist er doch nicht Maschine durch und durch, nur auf effiziente Informationsverarbeitung bedacht. Denn was der KI abgeht, das ist die „Bibliophilhedonie“, weniger schwülstig: der Genuss am Lesen, die Ästhetik der Information, der Lustgewinn durch Unterhaltung. Bei Bildern stellt sich die Frage seltsamerweise nicht, das E-Picture hat das Gemälde nicht abgelöst. Und auch das Buch wird nicht abgelöst werden. Durch E-Books und medienneutrale Texte verliert nämlich nicht das Buch, sondern es gewinnt der Text. Der Text wird zugänglicher und platzsparender, aber das gereicht dem Buche nicht zum Nachteil. Denn E-Book und Buch sind keine Gegner, es sind Formen des Textes. Die eine hat Möglichkeiten, die die andere nicht besitzt. Das Buch in der Hand ist wie Wein statt Wasser. Und das E-Book fährt mit Kraftstoff auf der Überholspur am Pferdekarren vorbei. Wer wollte hier sagen, was besser ist: Wein oder Auto? Die Frage ist falsch! Manchmal muss man schnell ans Ziel, manchmal gibt man sich dem Schönen hin, hier besteht keine Konkurrenz, auch wenn uns die scheinbare Ähnlichkeit zwischen E-Book und Buch das glauben macht.

E-Book bleibt E-Book, und Buch bleibt Buch. Der Weltbuchtag feiert nicht den Sieg des Buches über die elektronischen Möglichkeiten seiner Verbreitung, der Weltbuchtag feiert das Buch als Objekt sinnlicher Lust, er feiert Folgendes: Dass die Menschen sich noch immer die Zeit nehmen, Geld für etwas auszugeben, das ihnen Platz wegnimmt und zu dem sie hingehen müssen. Der Weltbuchtag feiert den Genuss am Lesen, den Spaß am Buch, nicht dessen Vorherrschaft, nicht dessen Zurückgeworfensein. Daran will der Weltbuchtag uns erinnern: Die Zeiten ändern sich, auch die des Buches; die Menschen ändern sich ebenfalls, aber nie des Menschen Freude am Schönen. Denn da punktet das Buch jetzt und wahrscheinlich für immer: Das Buch bleibt die ästhetischere Variante des Lesens, nicht unbedingt immer die nützlichste – aber wann ging es in der Kunst schon ausschließlich um den Nutzen? Das Buch kam etwas spät zu uns, aber, und wer es einmal widerlegen kann, korrigiere mich bitte, das Buch verschwindet erst mit dem letzten Menschen wieder.