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Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 1

Text zitiert aus (mit freundlicher Genehmigung des Autors):

Adriaen Cliffhanger. Sein letztes Abenteuer.“ (S. 643)

„… Adriaen ließ los und stürzte in die Tiefe. Er hatte all die Jahre gesucht, hatte sich verrannt und war dem Tod nicht nur ein Mal haarscharf entkommen. Er schlug hart auf. Weit über ihm schlossen sich gerade die schweren Steintüren, die riesige Halle um ihn herum zitterte. Er wusste, er durfte jetzt nicht an die Schmerzen oder den Rückweg denken, alles was zählte, war die Frau. Sie stand in einem Mantel aus warmem Licht vor ihm, schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden. Wer war sie? Der Schatten eines Felsvorsprungs verdeckte hüpfend ihr Gesicht im Schein der Fackeln. Für ihn gab es nur noch den Weg nach vorn, er ging auf sie zu. Langsam legte er seinen Kopf nach hinten, seine Augen fuhren über ihren weißen Körper und über ihre feenzarten Brüste. Wer war diese Frau? Seit zwanzig Jahren suchte er die Antwort, und jetzt sollte er in ihr Gesicht blicken, mit ihr sprechen können? Er konnte sie sehen, ihr Wesen erschien ihm unendlich fremd – und doch so vertraut wie das einer Freundin. Seine Gedanken spielten Himmel und Hölle, ja, es gab sie wirklich, er hatte sie endlich gefunden! Das war das grand final seines Lebens; nun würde alles gut werden …“

Ende

Einleitung

Kaum etwas in der Welt der Literatur ist mit solch schönen Gefühlen behaftet wie der Cliffhänger. Ist er doch am Ende eines jeden Buches Garant dafür, dass man am liebsten in die Seiten beißen würde. Kein Film ist so schön, wie derjenige, der im Kino mit einem romantischen „Fortsetzung folgt …“ endet. – Der Cliffhänger besitzt die Kraft, gleichzeitig unbändige Wut und ein hohes Maß an Ernüchterung hervorzurufen, eine Fähigkeit, die er wohl mit keinem anderen Stilmittel sonst teilt.

Wahrscheinlich sind es gerade solche Beispiele, die den Cliffhänger unbeliebt und etwas anrüchig machen, weshalb sein Einsatz nicht mehr ganz zum guten Stil unserer Zeit gehört. Gerade dann nicht, wenn Leserinnen und Leser aufgrund des stressigen Alltags ohnehin nicht mehr so viel und auch nicht mehr so lang am Stück lesen. Falsch eingesetzt ist der Cliffhänger eine Garantie, dass Sie Ihre Leser verärgern werden, im schlimmsten Fall sogar enttäuschen. Doch was so starke Emotionen auszulösen vermag, das kann unmöglich an sich schlecht sein. Die Kunst ist es also, den Cliffhänger bewusst einzusetzen und so seine nützliche Wirkung auszuschöpfen. Darum soll es in diesem und in den beiden kommenden Teilen dieses Artikels gehen.

Lesen als Reise

Um zu verstehen, wie man den Cliffhänger am besten einsetzt, ist es erforderlich ein bisschen nachzudenken. Nämlich darüber, wie und warum der Cliffhänger eigentlich funktioniert. Dies soll hier daher an erster Stelle geschehen, bevor wir eingehen auf Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen. Stellen wir uns zu Beginn die einfache Frage: „Warum nervt es uns, wenn wir am Ende nicht erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?“ Die Antwort darauf ist verhältnismäßig simpel und nachvollziehbar:

Jeder der freiwillig einen Text liest, der möchte irgendwie unterhalten werden (sonst würde er nicht lesen). Die meisten Texte sind so angelegt, dass sie von ihrer Struktur her die Leserschaft an die Hand nehmen und sie durch spannendere und weniger spannende Textbereiche führen. Immer so, dass der Leser das Gefühl hat, sacht geleitet zu werden ohne je vor Langeweile einzuschlafen oder in wirrer Action völlig den Überblick zu verlieren. Zumindest im Idealfall sollte das so sein. Damit Lesende jedoch überhaupt an die Hand genommen werden können, bedarf es eines Zieles; und das ist – ganz pragmatisch gesprochen – das Ende des Buches.

Sie haben ihr Ziel (nicht) erreicht

Am Buchende will die Leserin erfahren, warum es sich gelohnt hat, will der Leser erfahren, was er nicht wusste. Nämlich das, was die Geschichte die ganze Zeit ausgespart hatte: ihre Auflösung; ihr Finale; eine letzte große Wendung; ein Rätsel, das plötzlich keines mehr ist; den Kuss der Verliebten oder, oder, oder (nicht selten auch die Rettung der Welt im letzten Moment). So sind wir es als Leser gewohnt und so funktionieren auch die meisten Bücher. Am Ende steht das, was man am Anfang noch nicht wissen soll. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten, kreativ mit diesem Strukturmerkmal aller Prosa umzugehen. Etwa in der Kurzgeschichte, die oft das offene Ende zum Stilmittel erhebt, um genau zwei oder mehr Lesarten anzubieten, und den Leser, quasi interaktiv, entscheiden zu lassen. Doch das ist die Ausnahme.

Wenn also nun eine Geschichte, zu deren Ende man hin lesen möchte, dieses Ende ausspart, aber vorher im Text keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass am Ende eben nicht das Ende, sondern lediglich ein Cliffhänger stehen wird – natürlich!, dann enttäuscht das alle, die am Ende auch das Ende erwartet hatten! Dann hat der Cliffhänger es wieder einmal geschafft, er hat erbost, die Leser haben keine Lust mehr. Sie werfen das Buch womöglich in die Ecke oder aus dem Fenster (oder ganz tief ins Regal, da müssen sie es hinterher nicht einmal mehr wegräumen). Und Sie, die Autorin, der Autor, haben nur eines erreicht: Ihr gesamtes Buch zu ruinieren und sich selbst zu schaden. Alles wegen ein paar Zeilen, die ebenso gut noch hätten stehen können.

Denn nichts ist für die Schaffung einer langfristigen Bindung zwischen Ihren Werken und Ihren Lesern hinderlicher, als die Leser nicht strahlend und zufrieden im Lesesessel zurückzulassen. Wenn nicht die Situation entsteht wie nach guten Filmen, wo man noch kurz in Gedanken verharrt und heimlich immer denjenigen verflucht, der zuerst „Ja, war nicht schlecht, oder?“ et cetera sagt, dann fehlt etwas Entscheidendes: Das Glück und die Freude der Leserin, des Lesers, ihr Buch gelesen und es unglaublich toll gefunden zu haben.

Ausblick

Bis hierher scheint der Cliffhänger also recht wenig sinnvoll zu sein, spielt er gerade mit dieser sensiblen Stelle der Leserzufriedenheit. Wenn man nun ein bisschen um die Ecken denkt und nachfragt, wie man dieses gefühlige Verhältnis nutzen könnte, ohne es auszunutzen, dann muss man fragen, an welchen Stellen der Cliffhänger überhaupt eingesetzt werden kann, ganz unabhängig von der Wirkung die er erzielt. Wo also die Stellen im Manuskript sind, wo man auf dieses Stilmittel gewinnbringend zurückgreifen kann.

Im zweiten Teil dieser kleinen Artikelserie wird es um genau jene Fragestellung gehen: Welche Stellen bieten Ihnen als Autorinnen und Autoren die Möglichkeit zum Einsatz des Cliffhängers? Im dritten Teil wird dann zusammen mit den Überlegungen der ersten beiden Teile geprüft werden, wie sich der heikle Einsatz des Cliffhängers risikofrei bewerkstelligen lässt und wie sich das auf das Lese-Erlebnis auswirkt. Doch für nun erst einmal genug Gedankennahrung. Bon appétit!

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Das Ende ist nah! Aktuelle Informationen zur Ausschreibung.

So schnell ist nun der 15.09.2013 herangerückt. Nur noch wenige Stunden, bis die Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“ zu Ende geht. Auch heute kamen noch Texte bei mir im Postfach an, vielleicht waren es ja noch nicht die letzten. Und – thematisch passend – hält auch das richtig schlechte Wetter pünktlich zum Stichtag Einzug. Mir scheint es, als reichten sich Sommer und Herbst fröhlich die Hände.

Wichtiger jedoch als das Wetter, dass neben mir zum Fenster hereinlugt, ist das weitere Vorgehen im Zusammenhang mit der Ausschreibung. Für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die Ihre Texte an mich gesandt haben, hier kurz ein paar Worte:

Sobald mir alle Einsendungen vorliegen, nehme ich eine gründliche Sichtung vor und picke innerhalb der nächsten Tage meine Favoriten heraus. Die Verfasserinnen oder Verfasser derjenigen Texte, die nicht die ersten beiden Plätze belegen, werden von mir angeschrieben und erhalten selbstverständlich eine kurze Rückmeldung.
Die Gewinnerinnen oder Gewinner werden ebenfalls von mir angeschrieben und wir besprechen dann gemeinsam das Vorgehen, tauschen die Adressdaten und organisieren ein bisschen alles Weitere.

(Während ich diesen Artikel verfasse, hüpfte gerade eine weitere Einsendung ins Postfach. Es ist also noch nicht die letzte Ruhe des Ausschreibungs-Treibens eingekehrt). Deswegen möchte ich mich, der Mitternacht heute vorgreifend, jetzt schon ganz herzlich bei allen bedanken, die sich Zeit genommen haben, Texte für die Ausschreibung zu verfassen. Vielen Dank!

PS: Mir ist erst in den letzten Tagen aufgefallen, dass der Ausschreibungstitel ein sehr … markantes Akronym bildet. Ich hoffe, dieses hat niemanden abgeschreckt; vielleicht hat es ja sogar manch eine oder einen motiviert. Es war auf jeden Fall nicht geplant; da hatte der Zufall sein Salz in die Schüssel gegeben.

In eigener Sache: Eventuell haben ein paar Leserinnen oder Leser
bemerkt, dass es in letzter Zeit etwas ruhig geworden war auf dem
Blog. Das lag und liegt daran, dass ich gerade nur sehr wenig Zeit
zum Bloggen finde. Zukünftig wird es vorerst etwas unregelmäßigere
Veröffentlichungs-Rhythmen geben; jedoch werden natürlich auch
weiterhin Folgen des „lyrischen Mittwochs“ und Artikel mit Schreib-
tipps erscheinen. Nur eben nicht mehr in ganz so rasanter Abfolge.
Frohes Schreiben allen!

Als er seine – Gedanken strich.

Fackeln sind bisher keine Alternative zu Streichhölzern. Nicht verwunderlich, erfüllen beide doch unterschiedliche Funktionen. Wer verloren im Labyrinth mit einem Streichholz den Weg leuchten muss, den trifft es nicht viel besser als den Raucher, dem als Anzündgelegenheit einzig eine schwelende Fackel geblieben ist. Sie stimmen hoffentlich insofern mit mir überein, dass es zumindest seltsam wäre, falls ab morgen mit Fackeln geraucht und mit Zündhölzern der Weg geleuchtet werden würde.

Dieses Beispiel erscheint trivial, da es nur das Offenkundige vor Augen führt: Weil wir wissen, was die Wörter Fackel und Streichholz bedeuten, wissen wir auch, wie wir die Gegenstände verwenden müssen. Wir haben den Gebrauch der Wörter (und damit den der Dinge) gelernt. Diese Herangehensweise an Sprache stammt natürlich nicht von mir, sondern von Ludwig Wittgenstein, dessen Sprachphilosophie eventuell einmal Thema eines separaten Artikels sein wird.

Ganz analog zum Fackel-Zündholz-Beispiel verhält es sich auch mit Bindestrichen (-) und Gedankenstrichen (–). Prinzipiell weiß jede Autorin und jeder Autor, was beide unterscheidet. Bindestriche verbinden Wörter oder trennen sie über das Zeilenende hinaus. Sie sagen dem Leser: Hier geht ein Wort noch weiter. Anders der Gedankenstrich; dieser erfüllt abweichende Aufgaben. Zu den wichtigsten gehören wohl, dass er Sprech- beziehungsweise Lesepausen anzeigen kann und die Möglichkeit bietet, Einschübe im Satz unterzubringen. Im Gedankenstrich steckt sehr viel kreatives Potenzial; im Bindestrich hingegen gerade nicht. Dieser erfüllt eher die funktionalen Aufgaben, die Wortzusammengehörigkeit oder die Worttrennung am Zeilenende zu verdeutlichen.

Eine Parabel als Beispiel:

Es war einmal ein junger Fisch, der unbedingt wissen woll-
te, wie es am anderen Ende des Meeres aussieht. [Trennstrich]

Er gab seiner Fischmutter einen blubberigen Kuss, streichelte sanft ihre Seitenlinie und packte sein Reise- und Abenteurergepäck. [Ergänzungsstrich]

Er schwamm und schwamm – und schwamm. [Gedankenstrich (Sprechpause)]

Eines Tages wurde er – die Orientierung hatte er längst verloren – der anstrengenden Reise überdrüssig, und beschloss umzukehren. [Gedankenstrich (Einschub)]

Leider ist es keine Seltenheit, dass man in Texten Bindestriche anstelle der korrekten Gedankenstiche findet. Die Ursachen hierfür sind schnell ausgemacht. Es liegt natürlich nicht daran, dass der Unterschied zwischen Gedankenstrich und Bindestrich nicht bekannt wäre; mit Sicherheit nicht. Lediglich die Umsetzung bei der Eingabe via Tastatur oder Schreibmaschine führt zu Fehlern.

Da die Schreibmaschinen des analogen Zeitalters keine eigene Taste für den Gedankenstrich besaßen, finden wir ihn auch heute noch nicht auf den Tastaturen. Zumindest nicht in der Primärbelegung. Zwar korrigieren bekannte Textverarbeitungsprogramme die Eingabe automatisch und ersetzen Bindestriche durch Gedankenstriche, jedoch ist diese automatisierte Korrektur einerseits fehleranfällig und fördert andererseits einen oberflächlichen Umgang mit der korrekten Zeichensetzung. Denn nicht überall, gerade nicht im Internet, läuft im Hintergrund ein Eingabescanner (zumindest keiner, der automatisch Bindestriche in Gedankenstriche umwandelt …)

Daher braucht es also das Wissen um die richtige Eingabe. Für Windows-Nutzer empfiehlt sich erneut die Verwendung der Alt-Codes (die schon einmal im Beitrag über die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte erwähnt wurden). Dazu lediglich die Alt-Taste gedrückt halten, auf dem Ziffernblock die Kombination „0150“ eingeben und Alt hernach wieder loslassen. Das funktioniert unter Windows unabhängig von der jeweiligen Eingabe-Umgebung und lässt folgenden schönen Gedankenstrich erscheinen:  –.

Ausgerüstet mit „0150“ können Sie das richtige Zeichen nahezu überall verwenden – und Ihren Aussagen mehr Nachdruck verleihen. Wichtig ist, wie schon des Öfteren betont, dass Sie bewusst schreiben. Den Unterschied zwischen Gedanken- und Bindestrich zu kennen und damit kreativ Texte zu gestalten und zu verfassen, ist ein Vorteil. Nämlich gegenüber all den Texten, die aus Unkenntnis auf diese Möglichkeiten verzichten und sie falsch anwenden.

Nachdem Sie die Eingabe des Gedankenstriches mittels Alt-Codes verinnerlicht haben, wird es Ihnen kaum mehr auffallen, diese ungewöhnliche Fingerübung während des Schreibens anzuwenden. Da Bindestriche und Gedankenstriche sehr oft vertauscht werden, bedeutet dies, dass Sie durch korrekte Anwendung mit Ihrem Text positiv auffallen können. Nutzen Sie diese und andere kleine Möglichkeiten beim Schreiben; in Addition können sie große Wirkung erzielen.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 21] Arnd Dünnebacke – Ich war hier

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zum lyrischen Mittwoch. Als Gast darf ich heute den im Sauerland geborenen und aufgewachsenen Lyriker Arnd Dünnebacke begrüßen. Er absolvierte eine Bäckerlehre und experimentierte im Bereich Bewusstseinserweiterung. Derzeit bewegt er sich, neben seiner dichterischen und schriftstellerischen Tätigkeit, „als Faktotum durch die bundesrepublikanische Arbeitswelt“. Seine Gedichte wurden bisher in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht, 2012 erschien zudem sein erster Gedichtband mit dem Titel „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Der Nachfolgeband wird noch dieses Jahr erscheinen, der erste Roman befindet sich im Entstehen.
In seinem Gedicht „Ich war hier“ blicken wir hinein in den Alltag. In klaren und deutlichen Worten ruft dort ein Film-Asteroideneinschlag die alte Frage nach dem Sinn des Seienden hervor. In einer Abendbrot-Unterhaltung, zwischen Bier, Fernseh-Nachrichten und den Simpsons, klingt die Antwort darauf ebenso vertraut wie verständlich: Nicht in Rechtfertigung und falschen Idealen, sondern in der Zufriedenheit, dass es alles überhaupt gegeben hat, müsse der Sinn liegen. Befreit von engenden Vorstellungen, vollkommen aufgehend im Jetzt jeder Situation, verbreitet sich Glücklichsein, das von der Fernsehcouch ausschwärmt ins Allgemeine und zu einer beruhigenden Sicherheit wird –

Ich war hier

Etwas Unsterbliches vollbringen,
wie Beethoven oder Fante oder Rodin,
Neil Armstrong oder Sophie Scholl –
ist es nicht diese Aussicht
auf die Unsterblichkeit einiger
weniger, die uns diesen Marathon
aus Einkaufszetteln und Liebe
und Totgeburten und Fettflecken,
Spritpreiswahnsinn, Krebs
und Sex und Schlachthöfen
und Rosen und Jahreszeiten
durchhalten lässt?

»Willst du noch was?«
fragte Helena aus der Küche,
als ich vom Sofa aus
durchs Vorabendprogramm
zappte und auf N24 hängen
blieb, dem Sender,
wo mindestens zehnmal
am Tag die Welt unterging –
atomare Supergaus,
Menschheit ohne Öl,
Monsterwellen
und Asteroiden
so groß wie Hamburg.
»Bring mir noch’n Bier mit«,
rief ich zurück und dachte,
hm, von ‘nem Kühlschrank
ohne Bier ham sie noch
nie berichtet – die wirklich
naheliegenden Katastrophen
sparten sie einfach aus.

»Hier«, sagte sie
und stellte die Flasche
neben ihren Salat.
»Oh nee, Tjaden, komm,
schalt um. Das geht mir
echt auf die Nerven …«
Der Asteroid schlug grade
im Atlantik ein und
entfesselte einen
Riesentsunami, der auf
New York losfetzte.
Na gut, dann halt Springfield,
wo Homer und Bart ihre
katastrophentauglichen
Talente testeten.

Ich machte das Bier auf
und schaute in unser
Bücherregal, das unter
unzähligen Romanen und Kunst-
und Gedichtbänden ächzte.
»Suchst du was?«
»Nee. Ich überlege nur,
was wäre, wenn wirklich
morgen so’n Ding
auf die Erde plumpst
und hier mit einem Schlag
die Lichter ausgingen …
Was wäre all das dann
wert, was komponiert
oder gemalt oder
geschrieben wurde?
Was für einen Sinn
hätte es gehabt?«

Sie spießte ein Stück
Tomate mit Feta auf die Gabel,
schob es sich in den Mund
und kaute.

»Es war da«, sagte sie schließlich.

Und da ging mir zum ersten Mal auf,
dass eigentlich überhaupt
nichts schiefgehen
konnte.

Arnd Dünnebacke

Arnd Dünnebacke (Bild: Studio Seikel, Hanau)


Textbasis:
Ich freue mich, dass du heute beim lyrischen Mittwoch dabei bist, Arnd. Auf deiner Internetseite kann man den „Klassiker des Monats“ lesen. Dort veröffentlichst du ältere Gedichte von dir „aus der Zeit, als der Dünnebacke die Abartigkeiten und Wunder des Lebens noch in Reime drechselte“. Was hat sich verändert, warum reimst du nicht mehr?
Arnd Dünnebacke: Na ja, ab und zu reim ich mir schon noch was zusammen, das ist dann aber eher ‘ne Fingerübung oder aus Langeweile oder Lust an der Freude. Als ich vor knapp zwanzig Jahren mit dem Schreiben anfing, und das in einem, sagen wir mal, etwas bildungsfernen Milieu, waren die Texte der Rockbands, die ich hörte, die einzige Orientierung, also schrieb ich zunächst Songtexte, die ja üblicherweise in Reimen verfasst sind, ohne dass ich auch nur ein Instrument spielen, geschweige denn singen konnte. Zu Beginn meiner Bäckerlehre besorgte ich mir dann eine E-Gitarre, merkte aber relativ schnell, dass meine Motivation sich aufs Schreiben begrenzte. Ich verkaufte die Gitarre und begab mich auf die Suche nach etwas, was mich voranbringen würde.
Ich fand es schließlich bei Heine, Fontane, Nietzsche, Baudelaire, Borges, Kästner, Kafka, Trakl, Jim Morrison und Rimbaud. Rimbauds „Eine Zeit in der Hölle” war denn auch mein absoluter Augenöffner, zumal ich mich schon einige Zeit vorher mit diversen Drogenexperimenten an die Entregelung aller Sinne gemacht hatte. Was mir jetzt noch fehlte war, aus diesen Kinderschuhen rauszukommen, die mich immer noch in das Korsett der Reime zwangen. Ein paar zaghafte Versuche gab es, ja, aber letzten Endes fiel ich immer wieder in das alte Muster zurück. Bis ich 2005 mit meiner Frau vom platten Land in die Stadt zog und Bukowski in die Finger bekam.
Hatte mir Rimbaud einst klargemacht, was ich bin, hier war einer der mir zeigte, wie ich es sein konnte. Wohlgemerkt, wie ich es sein konnte, nicht wie Bukowski es war. Na, und von da an schrieb ich, wie ich mir immer gewünscht hatte zu schreiben. Und das war’s dann mit den Reimen. Was ich aber auf keinen Fall abwertend meine – ich denke heute noch, dass ich damals ein paar außerordentliche Dinger rausgefetzt habe, und für ein gut gereimtes Gedicht, das in sich stimmig ist, bin ich nach wie vor zu begeistern.

Textbasis: Der Weg dahin ist interessant, bis du so schreiben konntest, wie du es dir gewünscht hattest: Fontane, Nietzsche und Kästner … Aber natürlich: Mit Rimbaud und Bukowski erfährt das Ganze eine drastische Öffnung. Wie hast du gemerkt, dass du einen Punkt erreicht hattest, an dem du bei dir selbst angekommen warst? Steht dann plötzlich auf dem Papier, was man sagen wollte; oder eher das Gesagte, genau so wie man es sagen wollte?
Arnd Dünnebacke: Bei mir selbst ankommen möchte ich eigentlich nie. Wo bliebe da der Spaß, wenn ich nicht jeden Morgen erwachte und mich fragte: Was jetzt? Nur wer hungrig und neugierig bleibt, stellt Fragen; wer Fragen stellt, sucht nach Antworten; und wer auf der Suche ist, befindet sich auf dem Weg. Das ist ja schon mal die halbe Miete. Und irgendwann auf diesem Weg ergab es sich eben, beziehungsweise hatte ich es mir erarbeitet, dass ich das, was ich zu sagen habe, genau so sagen kann, wie ich es sagen will. Schließlich schreibe ich den Text, und nicht umgekehrt. Ich hatte damals ja keine konkrete Vision meiner Schreibe oder sonst irgendeinen blassen Schimmer. Ich wusste nur, dass ich schreiben wollte, wie ich es wollte, und nicht wie ich es mir angelesen hatte, also auf keinen Fall bis zur Ewigkeit in ABAB. Und da waren Bukowskis Gedichte genau der passende Schlüssel zur richtigen Zeit. Klar, meine ersten Gedichte im neuen Schaffensrausch waren ein unsäglicher Abklatsch des Dirty Old Mans, doch ich streifte diesen epigonalen Mantel schnell wieder ab und schuf mir eine neue, und zum ersten Mal auch eine eigene Identität als Schriftsteller. Und dass ich zuerst die Klassiker statt Bukowski gelesen hatte, war dabei sicher ganz hilfreich.

Textbasis: Heißt das, zu viel oder nur Bukowski lesen berge (Stil)Risiken? Das Klischee des „saufenden Genies“ – zumindest dessen Nachahmung – scheint ja nicht mehr allzu viel Aufsehen erregen zu können.
Arnd Dünnebacke: Das ist wie mit Kochbüchern: Wenn ich immer nur Fleischrezepte durchstöbere, werde ich kaum je ein ausgewogenes, pfiffiges Essen zusammenbringen. Wer sich jedoch auf Dauer den Besuch vom Leib halten will, der mag das gerne so halten.

Textbasis: Damit dir der Besuch nicht ausbleibt, tischst du bald schon wieder auf. Im September dieses Jahres soll „Gehobene Wohnlage“ erscheinen, der Nachfolger deines 2012 veröffentlichten Lyrikbandes „Glück ist ein brennendes Flugzeug“. Die Titel beider Bände klingen programmatisch, verfolgen sie auch ebensolche Ziele? Oder allgemeiner: Was passt eigentlich alles in einen Lyrikband rein?
Arnd Dünnebacke: Wenn es überhaupt ein Ziel gibt dann das, die Dinge, die mich bewegen oder denen ich begegne, so schnörkellos wie möglich wiederzugeben. Wie gesagt, ich komme aus und lebe immer noch in sehr einfachen Verhältnissen, und das werde ich weder vergessen noch jemals zu kaschieren suchen, denn das ist das, was mich geprägt hat. Und genau in dieser Einfachheit, oder auch im scheinbar Banalen, findet sich fast immer ein überraschender Aha-Effekt, etwas völlig Ungekünsteltes und Direktes, das kein Abitur oder Studium voraussetzt, um es zu begreifen – die Annäherung an die Antworten auf Gott und Tod und Liebe bedarf keiner philosophischen Standardwerke oder hochtrabenden Verse, sondern Herz und Augen und Ohren, die man auch als solche benutzt.
Leider ist diese Tatsache bei den großen Verlagen inzwischen völlig hinten runtergefallen, und dann wundern die sich, dass sie selbst die paar veröffentlichten, bis zum Kotzen verkopften Gedichtbände kaum unters Volk kriegen und machen einen „Erledigt”-Stempel unter die Lyrik, während ihre wenigen verlegten Dichter wie aufgeblähte, vertrocknete Kröten in ihrem Elfenbeinturm hocken und darauf warten, dass ihnen Gott auf die Schulter klopft. Und ja, das ist wohl auch noch ein Ziel, wenn auch ein hehres: Die Gedichte wieder da hinzubringen, wo sie hingehören – unter die Menschen, die sind wie du und ich.
Natürlich weiß ich, dass es da eine Menge elitärer Widerstände an den großen Schalthebeln gibt, die das, was ich schreibe und wie ich es schreibe, als Gedicht vollkommen ablehnen. Ein Alt-68er zum Beispiel, der sich außerordentlich darin gefiel mir seinen Doktortitel in Germanistik unter die Nase zu reiben und einen Bauern wie mich nach Strich und Faden auseinander nehmen wollte, fragte mich einmal nach meiner Definition des Gedichts, worauf ich antwortete: „Ein Gedicht ist … einen Augenblick mit der größtmöglichen Intensität zu durchleben, um ihn dann loszulassen und weiterzugeh’n …” Ich fand diesen Mensch in seiner Überheblichkeit einfach nur arm, aber das er mir das abgerungen hat, dafür bin ich ihm beinah dankbar. Denn genau das macht ein gutes Gedicht aus – die Intensität des Augenblicks und die Erkenntnis, die man daraus zieht. Und alle Texte, die diesem Kriterium entsprechen, passen auch in einen Gedichtband.

Textbasis: Das war eine direkte Ansage. Dennoch, meine ich, sind auch für das unverstellte und schnörkellose Wiedergeben des Erlebten ein gerüttelt Maß Fingerspitzengefühl und Beobachtungsgabe notwendig. Dazu braucht es natürlich kein Abitur oder Studium, aber Talent zum Schreiben sollte schon vorhanden sein. Oder würdest du so weit gehen zu sagen, dass die Qualität nur eine zweitrangige Rolle spielt, solange überhaupt geschrieben wird?
Arnd Dünnebacke: Nein, überhaupt nicht, denn ohne ein Mindestmaß an Talent sowie Beobachtungs- und Auffassungsgabe sollte man sich wohl besser ein anderes Betätigungsfeld suchen. Und, um Himmelswillen, ich wetter doch hier nicht gegen Bildung und geistiges Fortkommen, ganz im Gegenteil. Die Möglichkeit sich nach eigenem Ermessen weiterzubilden ist die beste Errungenschaft, die ich mir vorstellen kann. Die Frage ist halt nur, was man daraus macht.
Und da, finde ich, haben die großen Verlage, die ja nun definitiv nicht von Bäckern und Friseusen geleitet werden, was die Lyrik betrifft, absolut versagt. Ich meine, les dir das Zeug mal durch, was Suhrkamp & Co auf den Markt schmeißen, da möchte der durchschnittliche Mensch doch an die Stirn des Dichters klopfen und sagen: „Hallooo, mein Freund, ‘tschuldige, aber ich bin hier draußen!
Die schreibende Zunft beschwert sich sehr gerne darüber, dass gegen PlayStation, Social Media und Privatfernsehen kaum noch ein Kraut gewachsen sei. Vielleicht aber beginnt es damit, gerade den Teenies, den potentiellen zukünftigen Lesern, klarzumachen, dass auch Goethe manchmal einen gelben Fleck in der Hose hatte, und das echte Poesie zum Anfassen ist und so real wie ein Sonnenaufgang oder Krebs oder die Pille danach. Ich bin überzeugt, es gibt noch einen ganzen Haufen von außerordentlichen Dichtern, die auch von den Kids verstanden und verschlungen würden, wenn man den Dichtern und den Kids eine Chance gäbe. Macht aber kaum einer mehr, und das Wenige, was von der Lyrik wahrgenommen wird, bleibt ein weißgekacheltes Luxusscheißhaus ohne Kratzer, Punkt und Komma. Aber warum eigentlich, wo sich doch alles um Gewinnmaximierung und Dividenden dreht? Ein Gerät, das nur mit Suaheli-Kenntnissen zu bedienen ist, tausch ich ja auch um oder schaff’s mir gar nicht erst an – und im TV läuft ein Realityformat nach dem andern: Richter, Gärtner, Kontrolleure, brüllende Ehemänner, keifende Mütter, tollwütige Teenies, schreiende Alkoholiker, wimmernde Weicheier und Schrotthändler und Maler und Lackierer, Abrissbirnen, Schiffsfriedhöfe, Panzerfriedhöfe, Flughäfen, Braunkohlebagger und die größten Burger der Welt, die die Werbung unterbrechen, diesen Bumerang, auf dessen vergoldete Wiederkehr Millionen verwettet werden – aber Gedichte?  „Igitt! Geh mir bloß weg damit! – oder hier: erzähl’s meiner Hand …
Dabei liegen sie auf der Straße, massenhaft gutes Zeug, dem du das Schwarze unter den Nägeln abringen kannst, das du niemals ganz begreifen wirst, den Schwachsinn, es überhaupt begreifen zu wollen, diesen Zwang, laufend neue Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, beziehungsweise nach Antworten zu suchen, ohne die richtigen Fragen gestellt zu haben – doch das ist das, was die Leute haben wollen, zu merken, dass du genauso, oder besser noch, ratloser bist als sie selbst, dass du trotzdem nach der Ritze in der Mauer suchst, dabei dieselben Verrücktheiten pflegst, dieselben Qualen leidest, dieselben Zweifel mit dir rumschleppst wie der nächste Mensch.
Und deshalb gingen nach der Lesung vor dieser Hauptschulklasse, die gerade ihren Abschluss machte und deren Schüler sonst höchstens in der Fernsehzeitung blätterten, neun meiner Gedichtbände weg, wobei der Tenor war: „Ah, ach so … so geht das auch? Das ist ja mal geil!” Die Parallelklasse hatte weniger Glück – deren Deutschlehrer wollte sich von mir partout nicht in seine bildungsbürgerliche Pädagogik pfuschen lassen, und was er, vielleicht, bei einem oder zweien, mit Brecht nicht geschafft hat, erledigt dann der große Literaturbetrieb: „Du schreibst Gedichte? Na, danke auch, mir ist schon schlecht genug.“ Gott sei Dank gibt es immer noch so Leute wie Rodrigo Riedrich vom Acheron Verlag, oder andere Kleinverleger, die mit ihrem Idealismus immer haarscharf über dem Abgrund segeln und sich es trotzdem nicht nehmen lassen, Schriftstellern wie mir eine Stimme zu geben. Diese Kleinverleger, dass sind für mich die wahren Retter und Helden des Gedichts.

Textbasis: Harte Worte, aber leidenschaftlich und ehrlich. Die Lesung vor der Hauptschulklasse finde ich beachtenswert. Gerade der Umgang mit Lyrik an Schulen ist ein Thema, das auch mir Kopfschmerzen bereitet. Denn ich sehe es ebenso: Wenn es Brecht und andere große Dichter und Schriftsteller der deutschen Literatur nicht mehr schaffen, gegen den Wust und Schwall minderer Unterhaltung anzukommen, dann müssen andere Wege gefunden werden. Für zukünftige Aktionen wünsche ich dir und allen Verlagen, die den Mut haben, Lyrik zu verlegen, weiterhin gutes Gelingen. Mögen deine Worte viele erreichen, die schwer erreichbar geworden sind. Ich danke dir an dieser Stelle herzlich für das Interview und deine offenen Antworten.
Um selbst noch ein bisschen mehr Lyrik aus der Feder des Autors zu lesen, empfiehlt sich ein Klick auf den folgenden Verweis zur Autoren-Internetseite. Dort finden Sie Leseproben, den Klassiker des Monats, Videos und weitere Informationen über Dichter und Werk. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch.


[Gute Dialoge schreiben #1] „Ob es wohl regnen wird?“ – „Woher soll ich das wissen?“, oder: Grundlegendes und die »Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene«

„Kommst du heute zum Fernsehen?“
„Wie spät soll ich kommen?“
„Um fünf Uhr.“
„Was schauen wir an?“
„Keine Ahnung.“
„Ob es wohl regnen wird?“
„Woher soll ich das wissen?“
„Hätte ja sein sein können“
„Nein, weiß ich nicht.“
„Okay, tschüss.“
„Ja, tschüss.“

Ich hoffe, Sie sind nicht bereits eingeschlafen. Als bittere Schlaftablette erfüllt oben stehender Dialog sicherlich gut seine Aufgabe. Wenn schon elf Dialogzeilen es schaffen, so uninspiriert und lustlos zu sein, wie wird es sich dann erst mit dem restlichen Buch verhalten? Im heutigen Artikel (und in den folgenden dieser Reihe) soll es darum gehen, wie man seine Dialoge ein bisschen aufpeffert und wie man Charaktere schafft, die schon an ihrer Stimme und ihrem Sprechverhalten zu unterscheiden sind.

Damit ein Dialog im Buch funktionieren kann, sollte man sich über drei Punkte klar sein. Der erste ist dabei ganz fundamentaler Natur: Ein Dialog in einem Buch ist nicht wie ein Gespräch im wirklichen Leben. Der zweite hat mit dem Inhalt selbst zu tun: Es muss einen Grund geben, warum gesprochen wird. Schlussendlich der dritte Punkt: Personenstimmen im Roman haben nur eine zweitrangige Akustik. Das bedeutet, dass die Stimmen der Personen im Kopf der Leser zwar irgendwie „klingen“, dass sie aber nicht wirklich hörbar sind. – Im Folgenden sollen diese drei Aspekte ein bisschen näher betrachtet werden.

1. Ein Buch-Dialog ist kein wirkliches Gespräch

Das klingt nicht unbedingt nach einem Geheimnis. Sich dessen bewusst zu sein, ist für gute Dialoge dennoch schon der wichtigste Schritt. Hauptunterschied zwischen Gesprächen im Buch und Gesprächen in der Welt: Gespräche im Buch finden nicht wirklich statt, sie werden geschaffen. Ganz anders im Alltag, hier werden Gespräche nicht geschaffen, hier entstehen sie: in der Warteschlange der Kantine, im Haarstudio oder an der Ausleihe in der Bibliothek. Im realen Leben kann man sich verquatschen oder man gerät in Rechtfertigungsdruck, wo man am liebsten geschwiegen hätte.
In einem Buch wird es nicht passieren, dass eine Person zu lange geschnackt hat und daraufhin den Bus verpasst – wenn die Autorin das nicht will. Darin liegt der Unterschied.

Wer wem begegnet, das ist keinesfalls zufällig, auch wenn es auf den Leser so wirken kann. Warum sollte im Buch also gerade nicht nach dem Wetter gefragt werden, wenn es doch ums Fernschauen geht (wie oben)? – Weil die Dialoge im Buch nicht so funktionieren wie im Leben. Das äußert sich schon darin, dass gesprochene Sprache und Schriftsprache ungefähr so ähnlich sind wie eine lila Socke und eine Aubergine. Gemessen an der Schriftsprache ist gesprochene Sprache ein heilloses Durcheinander, oder andersherum: Gemessen an der gesprochenen Sprache ist Schriftsprache ein Betonkorsett. Wie man es auch wenden will: Als Autor muss man sich von dem Gedanken lösen, dass Gespräche im Buch auch nur ansatzweise Gespräche des wirklichen Lebens wiedergeben (weder in der Themenentfaltung, noch sprachlich). Sie sind weniger schweifend, sie sind sprachlich geglättet, sie entstehen nicht zufällig und sie dauern nur so lange, wie die Autorin die Personen sprechen lässt.

2. Es muss einen Grund geben

Halten wir fest bis hierhin: Gespräche im Buch sind, gemessen an der Realität, sehr eigenwillig. – Und da sie nicht zufällig passieren, muss es irgend einen Grund geben, warum sie stattfinden. Diese Gründe können vielfältig sein. Befinden sich beispielsweise zwei Personen in einem Raum, wird es nahezu unumgänglich sein, sie miteinander sprechen zu lassen. Hat eine Person eine Frage, muss sie eine andere Person fragen. Das scheint so selbstverständlich, dass es kaum der Erwähnung wert ist. Und diese allgemeine Tatsache, dass in einem Buch oft Dialoge vorkommen, soll hier auch nicht thematisiert werden. Weitaus wichtiger ist die Frage, warum die Personen im Buch überhaupt sprechen und warum dies für die Geschichte wichtig ist.

Bleiben wir bei den beiden Personen, die sich gemeinsam in einem Raum aufhalten. Dass sie miteinader sprechen werden, ist ohnehin wahrscheinlich, schließlich sind sie gemeinsam in einem Raum. Aber worüber sie sprechen werden, das ist der Dreh- und Angelpunkt eines guten Dialoges. Denn obschon die Situation Rechtfertigung zum Miteinadersprechen ist, so muss doch wenigstens eine der sprechenden Personen ein Anliegen haben, ein Ziel verfolgen. Dieses Ziel darf nicht die reine Neugierde sein („Sagen Sie mal, Sie haben aber schöne Schuhe, wo haben Sie die denn gekauft?“) Der Dialog muss dazu dienen, die Handlung voranzubringen und das, worüber gesprochen wird, muss zumindest einer Person nutzen. Tut es das nicht, so tritt einfach folgender Fall ein: Sie langweilen Ihre Leser, diese erfahren nichts Neues und das, was sie erfahren, ist für die Handlung uninteressant.

3. Die Buchstaben müssen tönen

Diese zwei grundlegenden Dinge zusammengefasst: Es gibt ein Buch, in dem finden buchtypische Dialoge statt (keine realen), und das Stattfinden dieser Dialoge hat einen Grund, der für die Handlung wichtig ist. – Damit ist nun die Voraussetzung geschaffen, dass Sie einfallsreich werden können, denn jetzt geht es an die kreative Substanz. Sollen ihre Dialoge mehr werden als sich abwechselnde Zeilen im Buch, so brauchen sie zuerst Figuren und diese Figuren benötigen Stimmen. Zur Stimmgestaltung finden Sie weiter unten ein paar Hinweise, für das Ausdenken von Figuren möchte ich hingegen auf die sehr schöne Artikelfolge „A Typical Hero“ bei Katharina V. Haderer’s Kaleidoskop verweisen.

Also zur Stimme. Damit sich nicht zwei Pappenstiele unterhalten, ist es wichtig, die Sprache der Personen einzufärben. Das hat nichts damit zu tun, theoretisch und verkopft an die Sache zu gehen, sondern damit, wie Sie es verstehen, Ihre Charaktere einzigartig zu machen. Die erste Faustregel, eine Charakterstimme markant zu gestalten, ist: Die Eigenheiten seines Charakters sehr gut zu kennen. Ist er zurückhaltend, dann wird er weniger sprechen, ist er aufdringlich, wird er unterbrechen und dauernd schwätzen. Redet ihr Charakter schnell oder schläft er fast ein, ist er ein Obdachloser, ein Arbeiter, ein Professor, ein Lügner, ein Prophet oder ein Weltherrscher? Lassen Sie Merkmale wie Dialekt, grammatikalische Richtigkeit sowie Wortschatzbreite (wiederholt er oft Wörter, spricht er gehoben, variantenreich …) und Höflichkeit mit einfließen.

Doch da es sich, wie in Punkt 1 angesprochen, nicht um reale Gespräche handelt, ist es damit noch nicht getan. Sie haben die Kontrolle über die gesamte Situation. Beschreiben Sie zwischen der wörtlichen Rede der Personen, was die Personen tun, wohin sie schauen. Wenn ihr Erzähler das zulässt, beschreiben Sie auch, was die Personen denken. Haben Sie einen Ich-Erzähler, legen Sie Pausen ein. Obwohl real das Gespräch direkt weitergehen würde, können Sie ab und an den Gedanken Ihres Haupt-Protagonisten nachhängen. Lassen Sie ihn sein Gegenüber bewerten, sodass der Leser indirekt einen weiteren Eindruck des Dialogpartners erhält, eventuell auch einen ganz überraschenden. (Stellen Sie sich eine geifernde Hexe vor, über die der Ich-Erzähler denkt, sie würde engelsgleich sprechen.)

Eine weitere nahezu unerschöpfliche Möglichkeit, einem Protagonisten eine eigene Stimme zu verleihen, funktioniert allerdings gar nicht über die Art und Weise, wie derjenige spricht, sondern mittels seiner Sichtweise auf die Dinge. Nehmen wir an, zwei unterhalten sich über den Tat-Hergang eines Verbrechens. Der klassische Fall: Beide sehen dasselbe, aber einer sieht immer nur die Fakten („Aber da waren doch die Fußabdrücke!“), der andere das Psychologische („Aber warum sollte er das getan haben?“). Diese Personen werden unterscheidbar. Schaffen sie sich Inspector Lestrade/Sherlock Holmes-Situationen, in denen die Gesprächspartner den Gegenstand der Unterhaltung aus ganz verschiedenen Blickwinkeln betrachten und jeweils andere Aspekte betonen.

Schreibübung: Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene

Da es sich bei diesem Beitrag um den ersten einer Reihe von mehreren Beiträgen handelt (die irgendwann einmal folgen werden), bitte ich um Nachsicht, dass ich hier ganz allgemein spreche und die einzelnen Fälle nicht im Detail durchspiele. Dies soll Material für spätere Artikel werden. Dennoch! Leicht lässt es sich üben, an der Sprache einzelner Personen zu feilen. Die Person-hinter-Wand-und-Hund-Szene eignet sich hierfür sehr gut.

Anleitung (siehe Skizze):

Wir brauchen: eine Bestie von einem Hund (#nn~), eine breite hohe Wand (|=|) und eine geheimnisvolle Person (?). Weiterhin: ein Rollenmodell (R). Und die Spielregeln: Unser Rollenmodell soll die geheimnisvolle Person davon überzeugen, hinter der Wand hervorzutreten, den Hund zu beruhigen und so den Weg freizugeben. (Unnötig zu erwähnen, dass die geheimnisvolle Person hinter der Wand gerade das nicht tun möchte, nämlich unter gar keinen Umständen).

R____#nn~__|=|__?

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Und nun ist es nur noch eine Frage von Ideenreichtum und Kreativität, aus dieser Situation die besten Figuren und Figurenstimmen zu entwickeln.

Ein Beispiel zum Abschluss:

R = Fischverkäufer in Eile

„Ich muss zu meinem Fisch! Wenn ich nich in den nächsten fünf Minuten Nachschub in’er Auslage liegen hab, bringt mich der Boss um!“ Noch während er die Worte sprach, ging er auf die Wand zu, die der Unbekannte vor der Tür zum Fischvorratslager errichtet hatte.
„Du wirst deinen Fischvorrat nie wieder sehen, sag Adieu zu deinem fischigen Leben.“ Zusammen mit diesem Satz schoss hinter der Mauer ein Monster hervor, das direkt dem Grimpon Myre zu entstammen schien. Zähnefletschend postierte es sich sich zwischen dem Fischverkäufer und der mysteriösen Wand.
„Schon gut, is schon gut, so war das nich gemeint, Meister, nehm’ Sie die Töle weg.“ Langsam wich der Verkäufer ein paar Schritte zurück, strich sich nervös blinzelnd das Transpirant von der Stirn.
Das Kläffen des Hundes hallte im Korridor wider und schaukelte sich auf zu einhundert Gespensterschreien.
„Nie wieder sollst du frischen Fisch haben!“
„Mensch, was soll’n der Scheiß, ich mach hier nur meine Arbeit, ich hab keine Nerven, mich noch beim Fischeholn rumzuärgern. Den verfluchten Hund weg oder ich kümmre mich um die Sache.“
„Der Hund bleibt – für immer! HAHAHAHA!“
„Du Nase has’ es so gewollt!“ Der Fischverkäufer verschwand hinter seine Theke im Nebenraum und kehrte mit einem mächtigen Zander zurück.
„Wenn du das Viech nich freiwillig aus’m Weg schaffst, dann mach ich das eben.“ Er blickte dem Zander ein letztes Mal tief in die Augen (ganz so als wollte er sich von ihm verabschieden), dann warf er den Fisch nach dem geifernden Hundemaul.
„Dumm, was, dass dein Hund nich zwischen Fleisch von ’nem Menschen und ’nem Fisch unterscheiden kann, was, Meister? Jetzt setzt ’s Prügel.“ Am Hund und an der dicken Mauer vorbei stürmte der Hüter der Fischtheke.
„Du wirs’ meine fischigen Finger zu spüren bekommen“, donnerte es aus dem Bierbauch des Verkäufers. – Aber hinter der Wand war niemand, er schloss kurz die Augen – Wie konnte das sein? –, als er sie wieder öffnete stand er ganz allein mit glibberigen Händen vor der schweren Tür des Kühlraumes. Nur ein halbzerfledderter Zander lag hinter ihm auf dem Boden. Erneut strich er sich mit dem Handrücken über die nasse Stirn und mischte unappetitlich Schweiß und Zanderschleim.

Viel Spaß beim Ausprobieren, bis bald.