Schlagwort-Archive: lektor

„Kommen wir zum nächsten Kapitel!“, oder: Gastbeitrag der Textbasis im Autoren-Newsletter »The Tempest«

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

einiges wurde auf dem textbasis.blog schon zur Textgestaltung geschrieben. Ein Thema jedoch, das lange erwähnt werden sollte, habe ich immer wieder aufgeschoben: Das Kapitel.

Unspektakulär ist es auf den ersten Blick und als Textbaustein nahezu unsichtbar (Was bleibt von einem Kapitel übrig, wenn es keinen Text enthält?). Dennoch bietet es die Möglichkeit, Textprojekte zu planen und Bücher besser lesbar zu machen, indem es den Prozess der Texterstellung und die Texte selbst strukturiert.

Aus dieser Überlegung heraus ist ein umfangreicher Artikel entstanden, der sich dem Problem in ein paar verschiedenen Herangehensweisen nähert – und in diesem Zusammenhang freue ich mich besonders über die tolle Möglichkeit, welche mir die Redaktion des renommierten Autoren-Newsletter The Tempest eröffnet hat: In den nächsten Ausgaben (vom 20.08.2013 und 20.09.2013) wird mein Kapitel-Artikel dort als zweiteiliger Gastbeitrag erscheinen!

Es ist mir eine große Ehre, einen meiner Texte in diesem Rahmen veröffentlicht zu sehen. Mein Beitrag reiht sich damit in eine lange Reihe bereits im Tempest erschienener Schreib- und Literaturtipps ein. Ich hoffe, er kann diesen gute Gesellschaft sein und ebenfalls ein bisschen Nützliches für den Schreiballtag vermitteln. Der Text orientiert sich an der Schreibpraxis und verweilt nicht in trister Theorie; er bietet Schreibanregungen … und um Schwarzbrot wird es auch gehen.

The Tempest erscheint ein Mal im Monat als E-Mail. Es wäre schön, wenn wir uns dort am 20.08. wieder lesen würden. Zur kostenfreien und unverbindlichen Anmeldung geht es hier entlang: The Tempest abonnieren. (Und die Anmeldung lohnt sich für alle Scheiberinnen und Schreiber selbstverständlich auch ganz unabhängig von meinem Artikel).


[Der lyrische Mittwoch, Folge 20] Sophie Reyer – Zuerst

Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

herzlich willkommen zur zwanzigsten Folge des lyrischen Mittwochs! Es ist unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht und wie viel Bewegung in der Lyrik ist, auch abseits jeder kommerziellen Aktivität. Möge es die poetische Kraft einrichten, dass sie nicht nur im Dunkel eingeweihter Kreise verharren muss, sondern den Schritt zurück auch in die größeren Verlage schafft.

Eine besondere Ehre ist es, Ihnen diese Woche ein Gedicht einer Dichterin und Künstlerin vorstellen zu dürfen, deren Werke schon den schwierigen Pfad aus der Finsternis heraus gefunden haben. Freuen Sie sich bitte auf das Interview mit der in Wien und Köln lebenden Sophie Reyer. Von der Autorin erschienen zuletzt das Prosawerk „Marias. Ein Nekrolog“ (2013), ihr aktueller Gedichtband „die gezirpte zeit“ (2013) sowie die beiden Lyrikbände „binnen“ (2008) und „flug(spuren)“ (2012). Letzterer erhielt noch im Erscheinungsjahr die Buchprämie des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur. Seit 2011 studiert die Autorin, die bereits einen Master in Komposition und ein Diplom in „Szenisches Schreiben“ führt, Drehbuch‑ und Filmeregie. Von Ihr erschienen bereits zahlreiche Theatertexte unter anderem „vogelglück“ beim S.‑Fischer-Verlag. Die beiden letzten Filme der Künstlerin tragen die Titel „dizzy’s pub“ und „stutzflügel“, mit dem letztgenannten wurde sie 2012 zum Zebra Poesiefilm Festival eingeladen.

Schauen wir zuerst aber ein bisschen auf das heutige Gedicht: Wenn man eine Handvoll Würfel auf einen Tisch wirft, befinden diese sich eindeutig beschreibbar in Abständen zu den Tischkanten. Jeder Würfel wird bestimmt durch die Zahl, die er nach oben streckt. So klar die Tatsachen sind, so sinnlos ist diese Scheinordnung des Geworfenseins. – In „Zuerst“ treffen wir anfangs auch auf solch eine unbestimmte Ordnung. Bilder und Wörter greifen ineinander, spannen ein Gitter in der Zeit auf, um die „Menschen“, die „hinein gestreut“ wurden, aufzufangen, sie im Rasanten des Zeitstrahls irgendwie zu fixieren. Nahezu mechanisch greifen „Falten“ und „Ritzen“ nach sich selbst und nach allem, in das sie sich einhängen können. In diesem architektonischen Gebilde aus verhakten Leibern schaukeln alle im Takt jedes anderen. Wir, die Würfel, schreiben uns ganz langsam Sinn zu, „spielen miteinader Vater Mutter Kind“ und „geben einander Wörter“. Eine, unsere Welt entsteht – mit Menschen, denen der Zeitwind noch immer durchs Haar pustet, die jedoch so fest und gefügt verwoben sind, dass die Zeit scheinbar still steht, nur noch im Hintergrund ein bisschen säuselt und dann sogar „leuchtet“ –

Zuerst

:
Zuerst sind so Menschen in die Zeit hinein gestreut.
Und haben Bindehäute zwischen den Händen.
Und glätten einander die Gesichter.
Und ihre Finger umstricken einander, sind Halteseile.
Und sie hören den lispelnden Himmeln zu.
Und entsteigen dem Schweigen manchmal.
Und machen sich auf am Morgen.
Und wissen: Als außen und innen sind sie ineinander verklammert.
Und die Jungen ziehen den Alten die Jalousien ihrer laschen Haut zu.
Und wohnen in den Falten der Alten.
Und die Menschen legen ihre Ritzen ineinander und legen sich gegenseitig schlafen.
Und der Atem des einen ist die Schaukel des Anderen.
Und sie wissen, dass die Toten sich auffächern in ihnen.
Und sie spielen miteinander Vater Mutter Kind.
Und sie wechseln die Rollen.
Und sie rollen über die Hügel der Momente.
Und sie takten einander die Zeit.
Und sie schlüpfen in die Stillen.
Und die Lichter gelieren ihnen die Haare.
Und sie wissen nichts anders als das: Gestuft sein.
Sie fallen zwischen die Spalten der Zeit.
Und sie haben immer die Engels Segel im Kopf, diese schrecklichen Schatten.
Und sie wissen: Gestern hat die Stadt gesungen.
Und morgen wird wieder Mittagessen sein.
Und wenn die Nacht herankriecht, ist der Schlaf eine Koje.
Und sie geben einander Wörter: Ehrenwörter, Sonnenwörter. Gebogene und gebongte.
Bunte, bucklige, gestrickte Wörter. Und karo-gemusterte Wörter. Gemolkene und

milchige.
Zum Frühstück schenken sie einander Lispel Gras und andere Wucherungen.
Und das Aufknacken der Momente ist nicht mühsam.
Und die Drehleier der Gedanken wird ausgelacht.
So sind diese Menschen in eine Zeit hinein gestreut, die leuchtet.

Sophie Reyer

Sophie Reyer

Textbasis: Ich freue mich, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen zu dürfen, Sophie, und danke dir für deine Zusage. Wenn man die Eckpunkte deiner Biografie etwas wirken lässt, erkennt man eine strahlende Begeisterung für die Kunst. Ist das bloße Neigung oder verbirgt sich dahinter auch eine Antwort auf die Frage, was die Kunst heute noch bewirken kann, wo sie doch – im Falle der Poesie – nicht einmal mehr von großen Verlagen, geschweige denn von der breiten Masse wahrgenommen wird?
Sophie Reyer: Ehrlich muss ich gestehen, dass diese Begeisterung für die unterschiedlichen Medien einfach so gewachsen ist. Ich habe immer gerne verschiedene Formen, Materialien und Medien ausprobiert. Wen ich damit erreichen kann, darüber habe ich in meiner Naivität nie nachgedacht. Ich war auch viel zu jung, als ich angefangen habe. Mich hat es da einfach hingezogen: Musik, Film, Text, und die Ränder dazwischen, die Überlappungen. Das hat mich fasziniert.

Textbasis: In deinen Arbeiten verbindest du Videokunst, Sprache und Komposition. Bist du der Meinung, dass das Gedicht als gedruckte Wortfolge auf Papier bestehen bleiben wird? Oder öffnet sich auch die Poesie mehr und mehr der Interdisziplinarität?
Sophie Reyer: Wenn man sich den Ursprung der Lyrik ansieht, so kommt der Begriff selbst ja von „Lyra“, Leier, sprich, Lyrik war auch Wort in Verbindung mit Klang und Rhythmus. Das bedeutet, in gewissem Sinne ist die Wurzel der Poesie ja schon „interdisziplinär“, wenn man so will. Ich denke aber, dass doch eine Tendenz besteht, mehr und mehr auch andere Medien wie Videokunst und Live-Elektronik einzubeziehen. Wobei ich diese Strömungen auch nicht in allen Fällen gutheißen würde. Wenn zum Beispiel das Visuelle nur eine Bebilderung vornimmt, der Klang nichts ist als eine breiige Schichte, die unter die Worte geschmiert wird, dann wäre mir selbst das pure Wort lieber, weil ich im Kopf schönere Bilder und Klänge kriege, wenn ich dem puren Wort zuhöre. Interdisziplinarität birgt eine unglaubliche Chance, aber es kommt immer auf die Umsetzung an.

Textbasis: Ich habe das Gefühl, dass sich die Poesie zur aktuellen Stunde in zwei Stränge teilt. Einerseits in den eher traditionellen mit regulären Veröffentlichungen, andererseits in den der Internetveröffentlichungen. Dieses Spannungsfeld scheint mir wichtig für die nüchterne Beschreibung der gegenwärtigen Lyrik. Welche Chancen, welche Gefahren siehst du in dieser neuen Offenheit für das Gedicht?
Sophie Reyer: Ich glaube, ich würde das nicht so streng einteilen. Es gibt auch einzelne wunderbare kleinere Verlage, die sehr spezielle und ganz und gar individuelle Ansätze vertreten und mit ihren Publikationen etwas riskieren. Dass man mit Lyrik nicht reich wird, ist klar, aber deshalb schreibt man ja auch nicht. Oder ich zumindest nicht. Ich sehe in Internetveröffentlichungen dennoch eine große Möglichkeit. Man ist nicht abhängig von einer Lobby, das ist eine überaus wichtige Entwicklung, die eigenständiges künstlerisches Schaffen ermöglichen und dem Künstler selbst helfen kann, frei von Ideologien zu bleiben. Siehe hierzu zum Beispiel auch Elfriede Jelinek, die nur noch im Netz publiziert, was ich für ein wichtiges politisches Statement halte. Auf der anderen Seite birgt dieses neue Medium natürlich auch Gefahren. Jeder kann jetzt veröffentlichen, sich als Autor fühlen, was zu einer Unmenge an Daten und Material führt. Die Verantwortung liegt beim Rezipienten. Wie filtere ich, was mir da entgegen geschleudert wird?

Textbasis: Eine berechtigte Frage, die wohl auch auf Seiten der Leserschaft die Bereitschaft – und die Fähigkeit – zum reflektierten Abwägen und Entscheiden voraussetzt. Für dich und deine Texte haben sich die Leserinnen und Leser unterdessen schon entschieden. Aus deiner Hand sind zahlreiche Veröffentlichungen entwachsen, deine Texte werden gelesen, deine Kunst wird beachtet. Beeinflusst dich das, gibt es Sicherheit oder drängt es sich manchmal auch heimlich hinein in den Schreib‑ und Schaffensprozess?
Sophie Reyer: Natürlich ist das ein ganz großes Glück. Vor allem die Tatsache, dass ich vom Schreiben leben kann – wobei ich auch zum Leben nicht soviel brauche –, gibt mir immer wieder Mut. Aber freilich besteht gleichzeitig ein gewisser Druck, sicherlich auch innerhalb der Szene, immer wieder Neues zu publizieren, große Verlage zu finden und so fort. Davon muss ich mich auch stets frei machen. Das beeinflusst aber mein Schreiben an sich nicht, sondern eher mein Ego. Die Sprache macht dann zum Glück doch immer, was sie will.

Textbasis: Es tut gut, das zu hören, weil es doch aufzeigt, dass der freie Geist, die Sprache, auch in geordneten Bahnen noch ungehindert wirken kann. Wie ist das bei dir, finden die Themen dich oder begibst du dich auf die Suche nach Ideen? Was braucht es, damit du ein neues Projekt beginnst?
Sophie Reyer: Das ist unterschiedlich. Bei „Marias“ hat das Material mich gefunden. Ich hatte eine Freundin, die einen „Frauenwanderweg“ auf den Spuren der Kindsmörderinnen des 17. und 18. Jahrhunderts gestaltet hat, und das Thema wollte mich nicht mehr loslassen. Manchmal begebe ich mich aber auch ganz bewusst auf Recherche; im Moment beschäftige ich mich mit der Situation von Gefängnisinsassen in Guantanamo, und suche da nach einem Ansatzpunkt für die eigene Arbeit. Ich bekomme hin und wieder auch einfach Aufträge. So war zum Beispiel die Arbeit über Kaiserin Elisabeth in der Villa Feldafing etwas, das mir zwei Freundinnen – Augusta Laar und Judith Pfeifer – vorgeschlagen haben. Im ersten Moment dachte ich: „Jemine, dieser Kitsch?“ Aber wenn man tief genug in ein Thema eindringt, kann man überall äußerst spannende Aspekte entdecken.

Textbasis: Im März dieses Jahres ist das gerade von dir erwähnte Buch „Marias. Ein Nekrolog“ erschienen. Es versteht sich als „außergewöhnliche Form profanen Totengedenkens“, wie auf deiner Internetseite nachzulesen ist. Was hat dich letztendlich dazu bewegt, diesen bewegenden Stoff als Buch aufzuarbeiten?
Sophie Reyer: Was an dem Thema so spannend ist, ist die Tatsache, dass wir von den Frauen dieser Gesellschaftsschicht zwischen 1500 und 1800 nichts wissen würden, gäbe es nicht diese „Täterinnen“. Die Geschichtsschreibung war ja eine, die von Adeligen betrieben wurde und sich demnach nur um Adelige drehte. Das „gemeine“ Volk kam nur vor, wenn etwas nicht funktioniert hat. Nämlich dann, wenn zum Beispiel Verbrechen begangen wurden. Diese Gerichtsakten sind das Einzige, was von den Mägden, den Dienstbotenmädchen geblieben ist. Unterschrieben wurden sie – da diese Frauen alle Analphabetinnen waren – mit einem X. Diesen Menschen im Nachhinein eine Stimme zu geben, war mir wichtig. Das war der Ausgangspunkt; dann habe ich begonnen, mich mit dem Thema „Kindesmord“ an sich auseinanderzusetzen, der Medea-Topos hat sich angeboten, die Frage nach der Verbindung von Weiblichkeit und Monstrosität hat sich mir gestellt, et cetera. Es war eine sehr aufreibende und schwierige aber auch wunderbare Arbeit.

Textbasis: Herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in den Entstehungsprozess von „Marias“. Abschließend noch eine Frage zur Form. Du besitzt ein ausgeprägtes Verständnis für Komposition. Lässt sich dieses auch auf Textebene übertragen? Und wenn ja, wie viel bleibt dennoch immer intuitives, freies Gestalten?
Sophie Reyer: Absolut. Wenn man sich ansieht, wie die Wiener Gruppe oder wie Oulipo mit Texten umgegangen ist, so waren das immer kompositorische Prinzipien, die auf das Sprachmaterial angewandt wurden. Strukturelle Prinzipien der Komposition lassen sich wunderbar auf die Sprache übertragen: Wie baue ich Reihen, Listen, Varianten? Das ist die eine Ebene. Aber auch die klangliche Ebene ist eine, die sich in beiden Fällen anwenden lässt. Ich höre meine Texte immer innerlich, höre sie durch, trimme sie so, dass die einzelnen Worte lautlich wie auch rhythmisch zusammen passen. Aber man darf sich nicht zum Sklaven der Technik machen. Sonst werden die Texte zu „gerade“, zu „gebaut“, zu „konstruiert“. Oft ist es so, dass ich einen intuitiven Wurf mache und den als Steinbruch für eine Komposition nehme, ihn in ein strukturelles Gewand einfüge. Oder aber umgekehrt: Ich erlege mir selbst eine Form (zum Beispiel Anagramm, Liste, Zweizeiler et cetera) auf und versuche dann das, was herauskommt, aus dem Korsett seiner Form zu befreien. Das ist immer eine Gratwanderung. Es bleibt wahrscheinlich auch immer ein Versuch. Aber wenn man arbeitet und sich Zeit nimmt, werden die Versuche besser.

Textbasis: Eine sehr schöne letzte Antwort, Sophie, welche die theoretische Begründung auch gleich in Schreibtipps zum Nachmachen übersetzt. Gerade die zweite Variante scheint mir eine besonders reizvolle zu sein, nicht zuletzt deswegen, da ich mir vorstellen kann, dass sie verhältnismäßig selten angewandt wird. Es war wunderbar, mit dir ein Interview zu führen und eines deiner Gedichte vorzustellen; doch auch diese Folge erreicht nun bald Ihr Ende und mir bleibt nicht viel mehr, als dir ein letztes Mal herzlich zu danken, dass du dir Zeit genommen hast, um beim lyrischen Mittwoch mitzumachen. – Mehr, sehr viel mehr Informationen über das Schaffen der Autorin finden Sie auf ihrer Internetseite: www.sophiereyer.com. Und damit Sie schnellstmöglich dorthin navigieren können, ist hier nun Schluss. Bis zum nächsten Mittwoch.


„‚So!‘?“, oder: Zeichensetzung bei wörtlicher Rede.

Ab und an trifft man auf sehr abenteuerliche Zeichensetzung, wenn wörtliche Rede verwendet wird. Der heutige Artikel soll etwas Licht zwischen die Punkte und Kommata bringen.

Oft werden vier Arten der Zitation verwendet. Unser Beispielsatz zur Verdeutlichung soll lauten:

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Im Text kann er folgendermaßen verwendet werden:

1) Direkt, wenn die Sprecher bekannt und unterscheidbar sind. Der Satz wird ganz normal in Anführungszeichen eingeschlossen. Regel: Die Zeichensetzung erfolgt ohne Veränderung.

„Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
„Der Abend geht auf’s Haus, Frank!“
„Na, da dank’ ich schön!“

2) Direkt, mit Nennung des Sprechers. Oft in dramatischen Texten zu finden, trifft man auch in Prosatexten auf die eindeutigere Variante. Regel: Die ursprüngliche Zeichensetzung wird unverändert übernommen, der Satz selbst folgt jedoch der Personennennung und einem Doppelpunkt.

Alle blickten sich im Lokal um, plötzlich erhob einer seine Stimme. Frank (sagte): „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Beiden Varianten ist gemeinsam, dass der Erzähler weitestgehend unsichtbar bleibt. Zudem wird die ursprüngliche Zeichensetzung beibehalten.

3) Die dritte Variante bedient sich der Inquit-Formeln und findet dann Einsatz, wenn die Sprecher nicht eindeutig unterscheidbar sind und wenn aus stilistischen Gründen eine vorausgehende Nennung unterbleiben soll. Regel 1: Endet der Satz der wörtlichen Rede mit einem Satzpunkt, entfällt dieser; Ausrufungs- und Fragezeichen bleiben erhalten. Regel 2: Der angehängten Inquit-Formel geht ein Komma voraus.

Falsch: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung.“, schrie Frank aufgeregt.

Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte die Rechnung!“, schrie Frank aufgeregt.

4) Variante vier unterscheidet sich von den vorher genannten dadurch, dass sie die wörtliche Rede unterbricht. Die Gründe für eine solche Unterbrechung sind unterschiedlich, dienen aber oft der besonderen Betonung von Satzteilen. Regel 1: Die Unterbrechung wird durch Kommata eingeschlossen; nach dem zweiten Komma wird klein weitergeschrieben. Regel 2: Erfolgt die Unterbrechung an einem Komma, dann entfällt dieses.

Falsch: „Herr Ober,“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“

Richtig: „Herr Ober“, schrie Frank aufgeregt, „bringen Sie mir bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung.“
Richtig: „Herr Ober, bringen Sie mir“, natürlich wollte wieder der Lebemann zahlen, „bitte die Rechnung“, schrie Frank aufgeregt.

Besonderheiten, Ausnahmen und Kuriositäten

Alle Regeln besitzen sie – die Ausnahmen. Auch hier ist es so. Eine sture Anwendung kann in seltenen Fällen zu unschönen, mehrdeutigen Ergebnissen führen.

Besonderheit: Zitat im Zitat

„Wo bist du?“, hörte man Frank schnaufen.
„Wie bitte, was hast du gesagt?“, fragte Miriam.
–> „Ich sagte ‚Wo bist du?‘.“ oder: „Ich sagte ‚Wo bist du?‘!“

Unschön, aber notwendig ist der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen am Schluss. Denn das Fragezeichen gehört zum Zitat, der Satzpunkt/das Ausrufungszeichen schließt ganz regulär den Satz ab. An solchen Stellen empfiehlt sich jedoch meist eine Umformulierung, um nicht etwa zu Zeichensetzungen wie der folgenden Kuriosität zu gelangen:

„Ich hab das Ende nicht verstanden, aber hat der zu mir gesagt ‚Bist du noch ganz saube’ …?!‘?“, fragte Joachim.

Zwar korrekt, aber ein Angriff auf die Augen. Die Zeichenfolge ’ …?!‘?“, sollte in keinem gedruckten Satz auftauchen dürfen. Es handelt sich dabei um einen Apostroph () zur Verdeutlichung, dass „sauber“ nicht ausgesprochen wurde; die Kennzeichnung, dass ein Satzteil von Joachim nicht verstanden wurde, geschieht durch Auslassungspunkte (); gefolgt von „?!“, welches die Betonung des zitierten Satzes anzeigt. Dann folgt das einfache Ausführungszeichen () der im Satz zitierten wörtlichen Rede; gefolgt vom Fragezeichen (?), welches die wörtliche Rede von Joachim zusammen mit den regulären Ausführungszeichen () beendet. Zu guter Letzt noch das Komma, welches die Inquit-Formel anhängt. – „Das“, betonte er mit Nachdruck, „ist eindeutig zu viel.“

Ausnahme: Komplizierte Sätze

Der Satz der wörtlichen Rede laute:

„Mensch Frank!, jetzt schrei doch nicht so herum.“

Soll dieser Satz zusammen mit einer Unterbrechung wiedergegeben werden, und soll diese Unterbrechung  nach dem Ausrufungszeichen erfolgen, kann es zu folgendem seltsamen Gebilde kommen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein, „jetzt schrei doch nicht so herum.“

Hier empfiehlt es sich nicht, an der Regel festzuhalten, dass nach der Unterbrechung klein weitergeschrieben werden soll. Denn dann wirkt es so, als habe sich ein Fehler eingeschlichen. Hier sollten Sie zu folgender Variante greifen:

„Mensch Frank!“, mischte sich Miriam ein. „Jetzt schrei doch nicht so herum.“

Das bedeutet zwar eine minimale Abweichung vom ursprünglichen Satz (da es nun zwei Sätze sind), aber dem Leser und sich tun Sie einen großen Gefallen, indem das Geschriebene eindeutig ist.

Stilblüte: Falsche Auslassungspunkte

Unnötig und unschön wirken Sätze wie der folgende:

„Das ist doch …“, meinte er, „… nicht dein Ernst!“

Nicht nur sieht es befremdlich aus, es ist auch überflüssig. Dass eine wörtliche Rede geteilt wurde, wird nämlich angezeigt durch die Kleinschreibung bei Wiederaufnahme des Zitates:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Obendrein lässt sich der Satz mit den Auslassungspunkten auch nicht auflösen, denn es kann nicht heißen:

„Das ist doch … … nicht dein Ernst.“

Soll (als zu unterbrechende wörtliche Rede) dennoch unbedingt folgender Satz verwendet werden:

„Das ist doch … nicht dein Ernst!“

Dann empfiehlt sich höchstens:

„Das ist doch …“, meinte er, „nicht dein Ernst!“

Aber auch hier scheint es wohl ratsam umzuformulieren und die Auslassungspunkte wegzulassen. Die Sprechpause, die „Er“ einlegt, wird durch die Unterbrechung des Erzählers ganz von allein erzeugt. Das ist zwar ein bisschen gemogelt, aber immer noch besser, als Verwirrung zu stiften. Im Zweifel also einfach und schlicht:

„Das ist doch“, meinte er, „nicht dein Ernst!“


[Der lyrische Mittwoch, Folge 19] Wortlieb Martin – Des Herbstes Füllhorn

Der Herbst, der herb ist, lässt die Misteln sprießen,
Blätterteppiche ausrollen und Drachen steigen

Liebe Leserinnen und Leser,

einen Tausendsassa der Sprache, einen Jongleur der Künste und einen Poeten des Wortes darf ich Ihnen heute vorstellen. Wortlieb Martin, Schweizer und Deutscher Staatsangehöriger, ist Dichter, Schriftsteller, Dramatiker, Kabarettist, freier Wortakrobat, sowie bildender Künstler zwischen den Disziplinen. Er studierte Etymologie, war einige Zeit am Theater tätig und arbeitete in den Bereichen Interview und Journalismus. Auf diversen Internetauftritten wie wortlieb.ch und wortlieb.wordpress.com veröffentlicht er eigene Gedanken und Worte. Für ihn bedeutet Poesie Ausdruck ohne Grenzen, sie reicht über die Sprache hinaus, zeigt sich im (Neu)Schaffen, in der „Poetizität“, die jedem Kunstentstehen immer beigegeben ist (und nicht nur dem wortreichen).

Mitten im Sommer schon an den Herbst denken, das ist ganz und gar nicht so, wie schon den Glasboden eines kühlen Getränks unter brütender Sonne zu fürchten. Wo das eine das bedauerliche Ende verkündet, bedeutet das andere lediglich Wandel, erweiternde Transformation. Denn wo „Goldregen“ fällt hinein in „Wälderrauschen“, und wo Göttinnen über die warmen Früchte ihre Hände legen, da wird das Ende zu „Ernte und Lese“. Dankend in Empfang nehmen, süß kauen und unbedacht nach noch einem Schmaus mehr vom Baum langen. Irgendwo zwischen Idyll, Schlaraffenland, Romantik und Hedonismus verortet „Des Herbstes Füllhorn“ – uns; im Jetzt. Denn die greifenden Hände hängen an unseren sommerbraunen Armen, und vor vergessenen Maschinen möchten wir ewig diesen feierlichen Tropfen heimlich zwischen unseren Lippen und unserer Zunge beküssen –

Des Herbstes Füllhorn

Der Herbst ist herb, farben und voller nebelbeladenem
Wälderrauschen mitten im nackten Septemberwind
legt sich doch in Angesicht des Ursprungs Größe
ein in Demut verfallener Zauber im Herbste nieder.
Goldregen fällt unter Bäume voller Bunt zu Boden,
das Ballett des Blätterwehens betanzt in Schwaden
belaubtes Land, zum Pflücken hingegebenes Pfand
in sternbedeckter Mondesnacht – der Herbst entfacht
eben erst in seiner tollen Fülle seine volle Pracht.
Der Herbst, der herb ist, lässt die Misteln sprießen,
Blätterteppiche ausrollen und Drachen steigen,
Gaben jagen mit dem Horn der Amaltheia bestückt
mit dem Bogen der Artemis und einer Hippe bewaffnet,
von rankenden Reben des Dionysos’ umgeben, verführt
im Geleit von Fruchtbarkeit und Segen in Gestalt
Pomonas Allegorien schicken uns zur Jagd,
um zu ernten, was eben im Herbst erst gelesen,
was spät im November nur gepflückt werden kann.
Ernten, was gesät wurde, bis des Herbstes Füllhorn stramm
gefüllt mit Früchtchen dieser Erde, Felder und Wälder
labenden Gaben aus güldener Natur, opulent
geschmückt mit Licht, geborgen mit der Dämmerung,
behütet von Glück und Reichtum begleitend umsorgt
von breiten Paletten des Dankes schön umhüllt
im Laubgewand der Jahreszeiten umherwirbelt
und mit vollen Kellen aus vollen Kelchen schöpft,
trotz und eben gerade wegen dieser klaren Barheit
ist des Herbstes Füllhorn prass und prall gefüllt
mit Beute, Ernte und Lese; satt mit Früchten
seiner Saaten üppiger Ernte reicher Taten
zum Naschen und Nähren, zum Haben und Sein.

Wortlieb Martin

Wortlieb Martin

Textbasis: Es ist mir eine Ehre, dieses kunstvolle Poem aus Deiner Feder und dich als Federführenden heute begrüßen zu dürfen, Martin. –
Wortlieb: (unterbricht) Ich habe zu danken, Sebastian, für die einleitenden Komplimente und freue mich, dass Du mich zum lyrischen Mittwoch eingeladen hast.

Textbasis: Recht vielen Dank. Auf Deiner Webseite wortlieb.ch unterscheidest Du zwischen Literarischer, Darstellender und Bildender Poesie. Was betont diese Einteilung besonders?
Wortlieb: Es geht darum, aufzuzeigen, dass die Poesie eben gerade grenzüberschreitend und Grenzen sprengend ist. Sie ist allgegenwärtig, weil sie – meines Erachtens – über allem steht. „Die Poesie“ ist ein Überbegriff, der über dem Überbegriff „die Kunst“ steht. Unter diesen Begriffen sind die Grenzen fließend. Manchmal sind sie gar unwichtig oder sogar ganz und gar nicht existent. Als Dramatiker schreibe ich literarische Stücke, mache damit schließlich auch Theater, nehme Einfluss auf die darstellende Kunst. Als Poet halte ich Lesungen, womit auch hier die literarische mit der darstellenden Poesie verbunden wird. Da ich mich dieser „großen“ Poesie verschrieben habe, umfasst dies nicht nur das Schreiben, sondern eben auch das Inszenieren. Sei dies auf oder durch die Bühne, mittels einer Raum-Installation, mit einer Photographie oder in einer Skulptur. Gelebte Poesie in den Alltag zu bringen, sie zu leben und in die Wirklichkeit zu tragen, ist wichtiger als Poetik, essentieller als pures Handwerk. Zum Beispiel bin ich ein schlechter Maler, was mich aber nicht daran hindert, meine Gedichte mit Farbe ergänzend auf Leinwände zu interpretieren. Die Poetizität lässt eben auch die Art Brut zu ganz großer Kunst erblühen. Meine offizielle Berufsbezeichnung lautet „Poet“, nicht weil ich Gedichte schreibe, sondern weil ich ein poetisches Leben führe, die Poesie in allem zu finden versuche, um sie in irgendeiner Form darzustellen.

Textbasis: Du schreibst, dass Lesungen zu Deinem „Lieblingsgebiet“ gehören, andererseits deuten Deine philosophischen Reflexionen darauf, dass Du nicht allein der Praxis verhaftet bist. Wie geht das Hand in Hand – und kann das gut gehen?
Wortlieb:  Ja, ich denke gern, sinniere oft, sinne tiefschürfend nach und grüble schwer. Aber nicht nur. Ich sehe die Trinität von „Idee – Sprache – Tat“ (von mir liebevoll „IST“ genannt) als eine zwingende, verantwortungsbewusste Kausalität an. Zum Beispiel im Sinne von: Erst erkennen, dann schreiben, danach handeln. Philosophie ist – wie die Poesie – erst dann begriffen, wenn sie auch gelebt wird. Das Philosophieren in geselliger Runde irgendwo in Bohemien ist ein synergetischer Ausgleich und das Streben nach Erkenntnis über die Sinne des Lebens haucht viele Inspirationen ein. Das Zusammenspiel von Denken und Dichten ist ein holistischer Prozess. Ein Poem ist am Ende eine Aktion auf viele Reflexionen.

Textbasis: Jede Kunst wirkt. Welchen Einfluss auf diese Wirkung hat die Beschäftigung mit der Etymologie, das Abtasten der Sprachgeschichte?
Wortlieb: Mein Interesse an der Archäologie der Sprache rührt daher, dass ich gerne weiß, was ich sage. Ich packe gerne ein Wort an der Wurzel und nehme ebenfalls gerne etwas oder jemanden beim Wort. In Wahr und Tat ist es etwas Wunderbares für mich, den Ursprung eines Wortes zu ergründen, ihm auf die Schliche zu kommen, sein Geheimnis zu lüften, ihm auf der Spur zu sein, seine Herkunft, Heimat zu (be)suchen und mit Empathie das Wesen(tliche) eines Wortes zu erfassen. Es ist kultur-, zeit‑ und sprachgeschichtlich spannend. In meinen Kolumnen, Essays und Glossen spiele ich oftmals mit der Deutung und Bedeutung von Redensarten, dem Wortsinn der Sprichwörter, den Wendungen der Rede und mit geflügelten Floskeln. Unsere Alltagssprache ist voll davon. Hingegen ist es mir bei einem lyrischen Poem wichtig, es mit satten und gewichtigen, puren Wörtern zu schmücken, die ihre Ursprünglichkeit behalten, bild‑ und standhaft, somit wahrhaft authentisch und – im wahrsten Sinne des Wortes bis in die Wurzel – fanatisch sind.

Textbasis: Daraus folgt dann auch gleich meine nächste Frage an dich als Experte in diesem Bereich: Wo verortest Du die Onomatopoesie, die Kunst mit Sprache hinter den Wörtern zu malen? Wie beeinflusst der Klang – wenn er doch so wirkstark ist, dass man ihn vereinzeln und hervorheben kann – auch jedes Wort (gerade im Vers) mit erstarrter Bedeutung?
Wortlieb: Ich zitiere mich hier selbst, in alter Heinz-Erhardt-Manier:

Die Onomatopoesie verkörpert tatsächlich die Wurzeln der Sprache selbst, beeinflusst unseren Sprachgebrauch dadurch sehr. Die ersten gesprochenen Worte waren wohl onomatopoetischer Natur und setzten den Grundstein einer verbalen Kommunikationsform. Witzigerweise ist der Weg der Menschheit über die Onomatopoesie hin zu der Sprache derselbe Weg des Menschen an sich, denn wir alle erlernten als Kleinkinder die Sprache mittels der Lautmalerei; von „Hoppe, hoppe Reiter“ über Bauernhof-Tierlaute bis hin zum „Heia“- oder „Pipi“-machen begleitet uns die Onomatopoesie durch unsere Anfänge auf dem Gebiet der Sprache. Die stimmliche Nachahmung eines Geräusches ist im Grunde somit eine Parodie, die von Aufmerksamkeit, Reflektion, Kultur‑ und Lernfähigkeit zeugt; keine lächerlich machende, – oder eben nachäffende – Parodie. Onomatopoesie ist wie Theater; sie ist Kulisse mit einem Wort. Ein einzelnes onomatopoetisches Wort erzeugt ein bewegtes und oftmals auch bewegendes Bild, so dass die Assoziation jedem eine Vorstellung gibt, die sich selbst inszeniert. Zum Beispiel beim Wort „klatschen!“. Die Onomatopoesie trägt die Poesie zurecht in ihrem Namen, denn viele lautmalerische Begriffe sind in unseren Sprachgebrauch eingeflossen und jeder davon birgt die Poesie in sich: Wenn der Regen „plätschert“, die Winde „rauschen“, die Kinder in die „Pfützen hüpfen“ und die Vögel „zwitschern“, der Eine „schlürft“ und der Andere „schmatzt“, wenn Tränen „kullern“ und Zungen „lallen“ ist auch ein landschaftliches Bild gemalt. Ich liebe das. Mehr als Verse.

Textbasis: Merci für diese Ausführungen! Es ist ein schönes Gefühl, zu spüren, dass sich „die Poesie“ in den Wörtern eingelagert hat, die wir ganz alltäglich benutzen. Lass uns aber ein Stückchen weggehen von der Theorie, hin zu einer persönlichen Frage, die deswegen auch gleich mit einem so richtig abschreckenden Wort angerollt kommt: Zeitmanagement. Wie bewältigst Du all die vielen Aufopferungen, die Du der Kunst widmest – in nur 24 Stunden? Planst oder improvisierst Du Deinen Tag, ist Schreiben eventuell auch manchmal nur schnöde Arbeit?
Wortlieb: Spontan würde ich sagen, dass ich mich eher vom Tag planen lasse als umgekehrt. Auch, weil ich im Besitz einer äußerst seltenen, chronischen Krankheit bin, lässt sich mein Tag nicht fix durchplanen. Ich arbeite dann, wenn ich kann. Leute, die mit mir zusammenspielen, wissen das und sind flexibel, um zu improvisieren und verständnisvoll genug, um mir jederzeit eine Auszeit zu gönnen. Kunst zu erzwingen, ist nicht möglich. Dafür koste ich dann wieder jeden Moment des Schreibens eifrig und genussköstlich aus. Die sturen Termine wie Redaktionsschlüsse oder eben Lesungen und Aufführungen oder Ausstellungsdaten sind meine Eckpfeiler, sie geben meinem Alltag eine Struktur und treiben mich voran, damit ich immer in Bewegung bleibe. Außerdem abendfeiere ich gerne und da der Feierabend mit einer vorhergehenden Arbeit verbunden ist, mag ich meine Arbeit als Wortkünstler als Ganzes. Schließlich gehört die Pause auch zu der Kunst.

(Kunstpause)

Also ja, das Schreiben ist Arbeit, aber nein, keine schnöde.

Textbasis: Im Kontext all dieser Fragen und Antworten interessiert mich noch Eines besonders. Welche Rolle spielt in der Kunst die Vergänglichkeit? – und damit meine ich nicht die Vergänglichkeit alles Seins, sondern die Vergänglichkeit der konkreten Informationsträger, seien sie greifbar oder lediglich elektronisch.
Wortlieb: Eine grosse Frage, die ich gerne zusammenfassend beantworten will: Ironischerweise ist die Vergänglichkeit alles, was wir besitzen. Deshalb stehe ich der Frage, ob es sich nun lohnt, zwischen der Vergänglichkeit des Seins, jener der Kunst oder der Medien zu unterscheiden, skeptisch gegenüber. Ich sehe die neuen, virtuellen-schnellen und auch rasant-vergänglichen Medien als eine moderne Art der One-Minute-Sculptures an, eben als eine Skulptur für eine Minute. Kunst für den einen Moment zu erschaffen, ist – und wird dank der digitalen Welt nur noch mehr – eine Kunstform, welche die Vergänglichkeit umso drastischer begreiflich, begrifflich und begreifbar macht und umso monumentaler im Augenblick wirkt. Weil es nie mehr so sein wird und nie mehr so war, wie jetzt im Hier und Jetzt in diesen 15 Minuten … Das digitale Zeitalter ist im Grunde genommen ein Revival der Dadaismus-Bewegung – einer digitalen Gesamtkunst-Stätte im Sinne einer Merzbühne – sowie eine Weiterführung der PopArt-Strömung. Und eine empathisch-logische Konsequenz aus dem argentinischen Theaterstil, ähnlich eines Flashmobs. Schnell vergängliche Medien stellen für Kunst und Künstler, die sich dieser Medien bedienen und demnach aktuelle Themen besprechen wollen, genau dies dar: Einen Auftritt im öffentlichen Raum; eine Art Ergänzung zur traditionellen Kunst, ein Statement als Performance, ein Zeichen an der Wand, ein schnelllebiges Aufflackern im Wind, ein Schatten im Gras. Als Ausgleich zu der dauernden Beständigkeit. Und als bibliophiler Jäger-Sammler, ehemaliger Antiquar und beständigkeitsliebender Reisender möchte ich dazu abschliessend ergänzen:
Ich habe noch nie einen Verlag angeschrieben. Nicht, dass ich kein Manuskript in der Schublade hätte, welches ich ihm anbieten könnte. Die Poesie als flüchtig und alles Poetische als vergänglich ansehend, gefällt es mir einfach, in Medien zu veröffentlichen, die sich bewegen: So bilden Zeitschriften, Zeitungen, Kolumnen, Plakate, Blogposts und Tweets eine komplexe, lebhafte Einheit meines schriftlichen Wirkungskreises … (zwinkert) Der Poesie treu, bis in den Tod!

Textbasis: Weltende; alles ist verbrannt oder brennt noch. Sollte sich der letzte Mensch die Mühe machen, irgendetwas in den Stein zu kratzen, auf dem er sitzt, den Sonnenuntergang beobachtend?
Wortlieb: Unbedingt! Damit sich der Kreis schließt und auch am Ende ein Wort war. Vielleicht keinen Katharsis-Roman, aber einen kurzen Ausspruch, damit man noch genügend Zeit hat, den (Sonnen)Untergang zu genießen … Ich schwanke zwischen dem klassischen „Kilroy was here!“ (grinst), dem augenzwinkernden „Menschenskinder!“ (grollt) und dem zynischen „Ars moriendi at its best!“ (grämelt).
Wäre ich persönlich dieser letzte Mensch, ich würde „POESIEGT!“ in St ein ritzen.

Textbasis: Mit Deiner letzten Antwort unterstreichst Du es – für diese Folge – ein letztes Mal: keine Situation entkommt Deinen Worten und Deinem Witz. Mich begeistern die vier Möglichkeiten! (Eventuell haben auch Sie noch Ideen für ähnliche Sprüche? Dann immer rein damit in die Kommentare.) Recht vielen Dank, Martin, dass Du die Zeit gefunden hast, die Fragen zu beantworten. Gerade Deine Gedanken zur Onomatopoesie, zur Lautmalerei, öffnen Augen und Ohren für die Sprache. Mögest Du mit der gelebten Poesie noch viele Menschen erfreuen, das Wort verkünden (möchte man sagen) und die Kunst mit Lebendigkeit bereichern. — Er- und angeregt vom Schriftgut aus der Hand des Interviewten, empfiehlt es sich, weiter zu surfen und folgende Links zu besuchen. Auf wortlieb.ch und wortlieb.wordpress.com finden Sie Lesefutter, das ganz eigentümlich ist: Es stillt den Appetit nie und macht Hunger auf immer mehr. Viel Spaß und bis zum nächsten Mittwoch!


[Kurze Schreibtipps #3] Manuskript 2.0, oder: Schreiben, wieder und wieder schreiben

Auf der Internetseite von Jesse Kellerman, eines Autors, dessen Büchern der Verfasser sehr zugeneigt ist, finden sich Schreibtipps für aufstrebende Autorinnen und Autoren. Griffig und bündig kann daraus jeder, der schreibt, etwas in seinen Korb packen. Einen Punkt aus diesem konglomerierten Fundus möchte ich mir für diesen Artikel herausgreifen. Kellermann sagt, dass er seine Texte mehrmals umschreibe, so lange bis er das Gefühl habe, sie könnten nicht mehr besser werden. Er begründetet dies damit, dass heutzutage viele Lektoren und Agenten nicht mehr die Zeit hätten, gemeinsam mit den Autoren Manuskripte aufzuarbeiten, und es wichtig sei, schnell verkaufbares Material zu liefern.

Seine Begründung soll hier nicht näher betrachtet werden, auch ist der Publikationsweg in Amerika ein anderer als in Deutschland, da noch stärker durch die Arbeit von Literaturagenten geprägt. Allerdings scheint mir die Überlegung des Umschreibens eine durchaus interessante zu sein, die sich in die alltägliche Praxis des Schreibens integrieren lässt. (Auch wenn ich für diesen Artikel eher den Aspekt des Erneut-Schreibens hervorheben möchte, also die radikale Variante des Umschreibens)

Dieser Nutzen nämlich erschließt sich gar nicht so unmittelbar, wie man meinen könnte. Denn nachdem ein Kapitel des eigenen Buches – endlich! – verfasst ist, wer verspürt da die Lust, alles noch einmal zu schreiben? Das lässt sich ungefähr mit dem Hochgefühl vergleichen, welches einen beschleicht, wenn das Schreibprogramm versagt, nachdem man gerade den ganz besonders langen und fantastischen Abschnitt geschrieben hatte – ohne zu speichern.

Dennoch. Tief in dieser Unlust steckt ein großes Potenzial. Stellen Sie sich vor, das unschöne Szenario träte ein und Ihre letzten 3000 Wörter wären verloren. – Es nützt ja nichts, man muss wieder an die Sache rangehen, noch einmal alles tippen … Aber hier, genau an dieser Stelle, züngelt der Kreativitätsfunke. Denn wer schreibt, was er schon geschrieben hatte, der schreibt ganz anders, meist besser.

Denn dann ist es so, als schreibe man über ein schönes Erlebnis. Man kennt alle Details schon ganz genau im Vorfeld. Natürlich, die ein oder andere raffinierte Wendung wird für immer verloren sein, aber es wird sicher auch die ein oder andere dazukommen, die vorher nicht stand. – Ist die Unlust erst einmal verflogen, dass man noch einmal tippen muss, dann schreibt man in einem anderen Modus.

Dieser Modus ist ein zur Kreativität hin weit offener, um es etwas technisch auszudrücken. Denn weil man thematisch wiederholt, was man schon weiß, kann man viel präziser die Facetten herausarbeiten von dem, was man eigentlich sagen will. Man kann schon ganz am Anfang dezente Hinweise und Happen einstreuen, welche die Leserschaft erst am Ende richtig zu verdauen weiß. Das macht aus einer Rohfassung einen garen Text, der mundet.

Nun muss es nicht so weit kommen, dass man immerzu seine Texte löscht, nur um noch einmal schreiben zu müssen. Die Hemmschwelle, Geschriebenes noch einmal zu verfassen, lässt sich auch abtrainieren, meist ist sie ohnehin nur hervorgerufen von der Ausrede, dazu gar keine Zeit zu haben. Und das perfekte Mittel zum Abtrainieren sind Erfolgserlebnisse.

Probieren Sie es ein paar Mal aus, schreiben Sie Ihre Texte ein zweites Mal, ein drittes Mal, machen Sie eventuell dazwischen ein paar Pausen, um nicht doch vom Unlust-Faktor gefressen zu werden. Und dann vergleichen Sie die aktuelle Version mit den vorigen Versionen. Sie werden feststellen, dass die letzten Versuche viel mehr Dynamik und Tiefe haben werden als die ersten; und sie irgendwie auch viel besser das ausdrücken, was Sie wirklich schreiben wollten.

Dieses Vorgehen schärft dabei nicht nur Ihr Fingerspitzengefühl und das Gefühl für kreative Stoffgestaltung während des Schreibvorgangs. Es wird Ihre Texte auch für Dritte attraktiver machen, die zwar nicht den langen Weg zum Resultat kennen, die aber vom ausgereiften Ergebnis, vom Manuskript 2.0 angetan sein werden.