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Von Fehlern, Arbeitsabläufen und überhöhten Erwartungen

In einem schon etwas weiter zurückliegenden Beitrag („Du kanst misch mal lesen!“) habe ich darüber geschrieben, warum es wichtig ist, seine Texte möglichst fehlerfrei zu verfassen. Ich kam zu dem Schluss, dass gute Rechtschreibung die Höflichkeit ist, mit der Autorinnen und Autoren ihren Lesern begegnen. Das heißt nicht, dass jeder perfekt schreiben können muss (dann wären alle Korrektorate ihrer Arbeit beraubt), das heißt aber, dass jeder zumindest das Gefühl vermitteln sollte, sich bemüht zu haben. An dieser Meinung halte ich nach wie vor fest: Der Fehler gehört zum Text und zum Buch, wie Text und Buch zum Menschen gehören – alles andere wäre auch wirklich gruselig. Davon abgesehen, ist diese menschliche Seite nie eine Freikarte für unflätiges orthografisches Verhalten.

So zumindest die Theorie, die mit der Wirklichkeit nicht immer Hand in Hand geht. Zwar ist es so, dass jede auch nur halbwegs geübte Leserin sofort bemerkt, ob ein Autor sein Handwerk versteht, schlicht aufgrund der Tatsache, dass sie erkennt: Oh, der schreibt echt gut. Andererseits ist es aber keinesfalls die Aufgabe der Autoren, perfekte Texte abzuliefern oder später aufgrund von Fehlerteufelchen verurteilt zu werden. Dieses Dilemma erklärt sich leicht und kann ebenfalls leicht aufgelöst werden.

Zuerst einmal sollten sich alle Bewohner der Wortwelt (Autoren, Leser, Lektorate, Korrektorate et cetera) bewusst sein, dass eine klare Trennung existiert zwischen Textschaffen, Textbearbeitung und Textkonsum. Die Hauptaufgabe des Autors ist das Hervorbringen von Text, das Umwandeln seiner Kreativität (im fiktionalen Bereich) und seines Sachverstands (im nicht fiktionalen Bereich) in Worte. Dies ist der Ausgangspunkt von allem: der rohe Text, das rohe Gemüse, aus dem erst noch ein leckeres Gericht gezaubert werden muss. Dabei wäre es völlig verfehlt, wenn sich Autorinnen und Autoren schon beim Schreiben die Köpfe zermarterten über dieses und jenes Komma oder knifflige grammatische Fragen. Das schränkt nur ein, das verhindert und mindert am Ende das Ergebnis, welches dadurch seinen Zug verliert und im schlimmsten Fall verkopft und angestrengt wirkt. Textschaffende sollen Text schaffen, den Rest übernehmen die anderen in gemeinsamer Textarbeit.

Steht die Rohfassung eines Textes oder eines Kapitels, so ist es natürlich die Aufgabe jedes Autors, zu kontrollieren, zu verbessern und umzuschreiben, bis er selbst mit der Fassung seines Texte zufrieden ist. In diesem Moment kommt die Höflichkeit gegenüber den Leserinnen und Lesern ins Spiel. Und in diesem Moment trennen sich die Guten vom Rest. Denn, blickt man der Tatsache rau ins Auge, so muss man eingestehen, dass ohnehin zu viel Text produziert wird, und nur der überhaupt die Möglichkeit hat, einmal einen größeren Leserkreis zu erreichen, der in der Lage ist, aus seinem Textrohdiamanten ein kleines Schmuckstück zu machen. Doch wie im Bergbau ist es auch beim Texteschreiben: Erst einmal müssen die Ideen abgetragen und an die Oberfläche befördert werden, dann kann die Veredelung beginnen.

Um in der Metapher zu bleiben: Nicht jedes Schmuckstück ist gleich schön und wertvoll. Je nachdem, wie viel Zeit und Arbeit man in seinen Text investieren möchte, gibt es Möglichkeiten, die eigenen Texte in gemeinsamer Arbeit aufzupolieren. Sei es durch eine Textredaktion, die Fakten und Argumente auf Herz und Nieren prüft, ein Lektorat, in dem Stil, Textanlage und Textgestaltung geprüft werden, ein Korrektorat, das sich um Orthografiedämonen kümmert, oder aber durch Testleser aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, deren Rückmeldungen, sofern ehrlich und kritisch, überaus bedeutsam sind.

Darum ist es folgendermaßen: Erst der Text, dann das Finish. So einleuchtend diese Aussage klingen mag, so wenig wird sie doch beachtet. Da gibt es Autoren, die nie zu einem Ende kommen, weil sie an sprachlichen Details festhängen. Dann sind da andere, die zu einem Ende kommen, jedoch nicht sehen, dass zwar das letzte Wort geschrieben, der Text aber noch weit am Anfang steht. Nicht zuletzt sind dann noch diejenigen Leser, die alle Fehler vergeben und meinen, es sei doch unwichtig, ob einer gut (recht)schreiben könne oder nicht, es komme auf den Inhalt an (das sind meist die, die es selbst nicht besser können), und dann gibt es noch die Leser, die meinen, jeder Text sei unwürdig, gelesen zu werden, sobald sich ein paar Fehler eingeschlichen haben (das sind meist die, die gern selbst Texte schreiben wollen, denen neben allen Rechtschreibkenntnissen aber der schöpferische Geist fehlt). Das alles sind Gruppen, deren Herangehensweise an Texte antiquiert und einseitig ist.

Denn Autorin oder Autor zu sein, zeichnet sich lange nicht mehr dadurch aus, dass man Text verfasst und ihn dann verlegt (bekommt). Es zeichnet sich dadurch aus, alles zumindest gut zu können, die Abläufe zu kennen und nicht zuletzt, sich selbst als Performer verkaufen zu können, der aus Lesungen Events und aus Texten Erlebnisse macht. Das Internet und allen voran Blogs bieten der neuen Literatur unzählige Möglichkeiten, die von Unzähligen auch genutzt werden. Das hat den ungeheuren liberalen Vorteil, dass jeder und jede Meinung gelesen werden kann; das birgt allerdings auch das Risiko, dass eine Masse minderer Qualität den hochwertigen Beiträgen die Bodenlatten unter den Füßen abträgt.

Je mehr ein Autor im Netz veröffentlicht, umso mehr muss er in sich Textschaffenden, Lektorat und Korrektorat vereinen. Denn gerade Blogtexte leben von ihrer Aktualität, von dem kurzen Weg heraus aus der Word-Datei und hinauf auf den Blog. Umso wichtiger ist es, sich nicht zu verrennen: Erst wird geschrieben, dann wird verbessert, am Ende korrigiert und zum Schluss wird veröffentlicht. Dass diese Netzveröffentlichungen nicht die Qualität von Verlagsveröffentlichungen erreichen, zumindest nur in seltenen Fällen, ist ganz natürlich. Denn wäre jede Autorin nicht nur Autorin, sondern ebenso gute Lektorin und Korrektorin, so bräuchte es am Ende gar keine Lektorate und Korrektorate mehr.

Vor diesem Hintergrund ist also nicht nur den Textschaffenden, sondern auch allen kritischen Augen und kritischen Lesern geraten, die aufgerissenen Augen im Falle von Netzveröffentlichungen einen Spaltbreit zuzudrücken. Denn den Anspruch eines professionell bearbeiteten Textes an einen selbst verfassten und selbst bearbeiteten zu legen, ist vermessen – und unterschwellig die paradoxe Forderung nach Einstampfung der eigenen Profession.

Fazit: Das Bemühen zu spüren, dass sich ein Autor Mühe gegeben hat, auch nicht davor zurückgeschreckt ist, in ein (Online-)Wörterbuch zu schauen und seinen Text zumindest ein Mal am Stück gelesen zu haben, das ist es, was spürbar werden muss. Das ist auch das, wonach selbstveröffentliche Texte streben sollten: zu vermitteln, dass das, was dort steht, genau so dort stehen soll. Dann ist das Kriterium der Höflichkeit auf beiden Seiten des Textes erfüllt, dann kann man guten Beiträgen kleine Schwächen verzeihen und man setzt nicht jeden Autor unter Druck, er müsse selbst alles perfekt beherrschen.
Denn im Leben ist es doch auch so, dass man Menschen schätzt, obwohl sie Fehler haben, dass manche Fehler einige Menschen sogar erst sympathisch machen. Warum sollte uns das bei Texten nicht auch gelingen?

Ist das zu nachgiebig oder immer noch zu hart? Ich würde mich über Ihre Meinung in den Kommentaren freuen.


– Lebenslauf eines Gedichts- Einblicke in die Werkstatt & das Lektorat

Vor Kurzem habe ich mit Matthias Engels an einem seiner Gedichte gearbeitet – und als wir zu einem ersten Ergebnis gekommen waren, hatte er die Idee, daraus einen Blogeintrag zu machen. Eine schöne Sache fand ich, und so ist auf dem Dingfest-Blog nun ein Artikel zu lesen, in dem man hineinschnuppern kann, wie die gemeinsame Arbeit an einem Gedicht aussehen könnte. Das Lektorieren eines Gedichtes erfordert von Autor und Lektor viel gegenseitiges Vertrauen; es ehrt mich, dass mir Matthias dieses Vertrauen ausgesprochen hat. Eventuell bereitet Ihnen die Lektüre so viel Freude, wie sie Ihnen auch Inspiration für eigene Textarbeit ist.

DINGFEST

notWie genau entsteht ein Gedicht? Wie verändert es sich während der eigenen Arbeit daran? Und im Lektorat?-diesen Fragen möchte ich einmal am Beispiel eines eigenen Textes nachgehen.

Es handelt sich um ein recht frisches Gedicht, das -wie so oft bei mir- aus ein, zwei einzelnen Formulierungen entstanden war, dann wuchs, dann schrumpfte, neu angereichert wurde und so weiter…. . (Es ist sicher nicht das Gedicht des Jahrhunderts und zählt auch bestimmt nicht zu meinen 10 Besten, aber als Anschauungsobjekt taugt es ganz gut.)

Im Folgenden möchte ich nun einen 1zu1 realen Einblick in die gemeinsame Arbeit von Autor und Lektor an einem solchen Text vermitteln.

Ich hatte also ein (noch titelloses) Gedicht, das bereits zahllose Bearbeitungen erfahren hatte und meines Erachtens relativ fertig war. Es war  über mehrere Wochen im Rohzustand zwischengelagert gewesen und basierte auf der Grundidee, ein weißes Blatt Papier und eine unberührte Schneelandschaft zu überblenden…

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Gute Ratgeber schreiben

Neulich las ich von Nina Weber einen sehr interessanten Beitrag über das Schreiben von Ratgebern im Handbuch für Autorinnen und Autoren1, der mich dazu bewog, ein bisschen nachzudenken. Dort schrieb die Autorin über die Dinge, die für das erfolgreiche Verfassen ebenjener Texte nötig seien.

Gerade im Bereich Ratgeber werden regelmäßig von den Verlagen sehr hohe Verkaufszahlen erreicht, da eine sehr hohe Nachfrage besteht. Dies hat zur Folge, dass der Markt einerseits überfüllt ist mit Ratgebern (oft auch mit thematisch ähnlichen) und andererseits ein Ratgeber nicht mehr nur durch das Thema, sondern auch die Umsetzung auffallen muss. Diese schließt dabei gleichzeitig das Layout als auch lebendige Sprache und Wissen um Zielgruppen ein, damit diese richtig adressiert und „abgeholt“ werden können.

Und als wäre das nicht schon eine bachtliche Aufgabe, müssen Sie als Autorin und Sie als Autor natürlich auch Fachfrau und Fachmann auf dem jeweiligen Gebiet sein, über das Sie schreiben wollen. Und ganz nebenbei müssen Sie auch noch die Vorstellungen des Verlages erfüllen und am Ende soll im Idealfall etwas herauskommen, in dem Sie sich selbst wiederfinden.

Die Situation, was Ratgeber anbelangt, ist folgende: Der Markt ist gefüllt; wenn ein Ratgeber dennoch erfolgreich sein soll, dann muss er eine Nische bedienen, diese darf jedoch nicht so spezifisch sein, dass sie ein zu kleines Zielpublikum anspricht. Also schon einmal schwierig genug. Darüber hinaus muss das Layout angepasst und frisch, quasi knackig optimiert sein, was zur Folge hat, dass oft nur ein bestimmter Textrahmen zur Verfügung steht. Das bedeutet, dass Sie nicht immer so viel werden schreiben können, wie Sie wollen, oder aber gerade dann mehr schreiben müssen, wenn Sie das Gefühl haben, dass schon alles gesagt wurde. Weil der Markt umkämpft ist, müssen Sie als Autorin für Ratgeber lernen, mit diesen Unwegsamkeiten umzugehen.

Haben Sie sich also für diesen Weg entschieden, dann werden Sie auf Hindernisse stoßen, die der Markt Ihnen entgegenwirft. Aber das scheint in der Branche üblich, nur darf man sich nicht von den Schwierigkeiten erschlagen lassen. Dazu ist es ratsam, einige Voraussetzungen zu erfüllen. Denn wer anderen Rat geben will, der sollte Rat wissen. Und wer Rat weiß, der weiß oft, wovon er spricht. Um anderen zu helfen, wird es also nicht reichen, selbst ein Laie zu sein und zu hoffen, sich schon irgendwie einarbeiten zu können. Eine Voraussetzung, um erfolgreich Ratgeber zu schreiben, ist, dass sie bereits Expertin und Experte auf einem Gebiet sind, um aus diesem Expertenwissen Text und schließlich Geld zu machen.

Ist diese Grundvoraussetzung erfüllt, dass Sie sich auf einem Gebiet so richtig zu Hause fühlen, dann können Sie beginnen. – Am besten mit der Recherche. Schauen Sie nach, was in Ihrem Wissensgebiet schon geschrieben wurde, schauen Sie, woran sich noch keiner gewagt hat. Und denken Sie so, wie es Nina Weber im oben genannten Artikel vorschlägt: Das, was es schon gibt, das brauchen Sie nicht mehr schreiben – und das, was es noch nicht gibt, das scheint so speziell zu sein, dass sich das Verlegen nicht lohnt. Eine Zwickmühle durch und durch. Der Ausweg: Schauen Sie, was es gibt, und entwickeln Sie eine kreative Idee, einen kreativen Aspekt, der ein bereits vorhandenes Thema aus einer ganz anderen, interessanten Sichtweise aufgreift. Das wird später neben Ihrem Expertenwissen Ihr Hauptverkaufsargument sein (und das ist auch der schwierigste Schritt im Entstehungsprozess Ihres Ratgebers).

Nachdem die Idee steht, eventuell auch schon eine erste Gliederung erstellt wurde, schreiben Sie Ihren Text. Aber schreiben Sie ihn noch nicht in der Herangehensweise, dass Sie die Finalversion erstellen. Schreiben Sie sich Ihren persönlichen Prototypratgeber, wie Sie ihn sich inhaltlich vorstellen, mit allen Kern- und Knackpunkten. Denn wenn dieser Protoratgeber erst einmal steht, dann können Sie richtig loslegen: Exzerpte und Exposés erstellen, Verlage und Agenturen anschreiben; eben all das Mühevolle, das bei der Verlagssuche auftritt. Und wenn Sie dann einen interessierten Verlag oder eine interessierte Agentur gefunden haben, dann warten Sie geduldig ab, mit welchen Ideen und Vorschlägen der Verlag respektive die Agentur an Sie herantritt. Durchdenken Sie die Vorschläge, malen Sie sich Möglichkeiten aus, wie Sie Ihren Protoratgeber an das vorgeschlagene Layout anpassen können, überlegen Sie, wie Sie vorgeschlagene Aspekte einbauen, wie Sie eventuell auch zu komplexe wegfallen lassen können – damit am Ende immer noch Ihr eigenes Buch, Ihr eigener Text stehenbleibt.

Gerade dieses Engagement und diese Flexibilität werden Verlage und Agenturen an Ihnen schätzen – und gerade das wird es auch sein, was sie neben anderen Autorinnen und Autoren auszeichnet. Denn auf dem schnellen Ratgebermarkt gewinnt langfristig nur der, der sich schnell anzupassen weiß und dabei immer individuell bleibt. – Allerdings, eine Hürde gilt es dann noch immer zu überwinden: nämlich den richtigen Ton zu treffen und den Text der jeweiligen Zielgruppe anzupassen (das unterscheidet Ratgeber besonders stark von rein fachinternen, wissenschaftlichen Publikationen).

In der Fachliteratur finden Sie viele Analysen von Zielgruppen und Kaufverhalten. Lesen Sie sich ein, überlegen Sie, wer diejenigen sein werden, die Ihre Ratgeber später einmal kaufen sollen und in ihnen lesen werden. Wie können Sie diese Menschen erreichen? – Haben Sie sich dies überlegt, kommt das hinzu, was das Arbeitsfeld der Ratgeberverfasserin und des Ratgeberverfassers besonders anspruchsvoll macht: nämlich nicht nur Experte zu sein, Kenntnisse um Marktabdeckung und Zielgruppen erlangt zu haben, sondern auch schriftstellerische Fähigkeiten zu besitzen. Denn der eigene Ausdruck muss mindestens ebenso flexibel sein wie die Bereitschaft, sich anzupassen.

Die Kunst, sich in all den Anforderungen nicht zu verlieren, sich zu verwirklichen, am Ende noch immer freudig behaupten zu können, dass der fertige Ratgeber das Besondere ist, was man selbst geschaffen hat und worauf man stolz ist, diese Kunst ist folgende: eine gute Idee haben, gut schreiben können, flexibel sein und diese Flexibilität als eigene Leistung auffassen. Denn nur in Kombination all dieser Merkmale kann ein Ratgeber entstehen, der erfolgreich, frisch und individuell ist. Das ist wesentlich schwieriger, als man eventuell meinen könnte, wenn man die schmalen (und manchmal auch stärkeren) Büchlein in den Regalen stehen sieht.

Und dass viele Ratgeber einen selbst nicht ansprechen, ist nur ein Zeichen der Kunstfertigkeit während ihrer Produktion: Sie sind so durchdacht und hergestellt, dass sie manche Zielgruppen von vornherein ausschließen, um andere umso stärker zu erreichen. Das ist die Technik, einen Ratgeber zu verfassen –, und in die muss man viel Lern- und Schreibarbeit investieren.

(Dieser Artikel entstand während der Anreise nach Mainz zur Minipressen-Messe 2013)

Quellenangabe:
1Nina Weber: Die Kunst, Ratgeber neu zu erfinden. In: Uschtrin, Sandra/Hinrichs, Heribert (Hrsg.): Handbuch für Autorinnen und Autoren. S. 50-66
7. völlig überarbeitete Aufl. München: Uschtrin Verlag,
2010. – ISBN 978-3-932522-14-7


[Der lyrische Mittwoch, Folge 12] Alain Fux – Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Besonders wird Sprache, werden Texte, wenn am Ende etwas dabei herauskommt, von dem der Leser denkt, dass es gut und unterhaltsam ist und dass es sich in irgendeiner Weise hervortut. Und genau in diesem Sinne freue ich mich, Ihnen Alain Fux im lyrischen Mittwoch vorstellen zu dürfen, der schon seit einiger Zeit aufräumt mit festgefahrenen Erzählstrukturen und uns in seinen kurzen Geschichten auf eine Reise mitnimmt, die uns durch einen Kosmos verwobener Erzählungen lenkt, immer auf dem Sprung hinein ins Neue. Alain erfindet gerne Geschichten, malt und ist beteiligt an einem Spielverlag, darüber hinaus habe er „glücklicherweise auch noch einen Brotjob“, wie er schreibt. Auf seinem Blog, Tilt Shift Panoptikum, veröffentlicht er in regelmäßigen Abständen die oben genannten kurzen Geschichten. Gefüllt mit diesen ist mittlerweile in Eigenregie sein erstes Buch entstanden.

Wie gute Texte eben sind, besitzen sie meist mehr als nur eine interessante Geschichte und mehr als nur eine einfache Botschaft. Denn immer wenn der Fokus überschwappt in die eine oder andere Richtung, wird es entweder belanglos oder belehrend. Im heute vorgestellten Text findet man einen harmonischen Ausgleich zwischen dem, was gesagt wird, und dem, weshalb es gesagt wird. Zuerst einmal der Protagonist: Künstler Kurt Kessler bietet uns eine wunderbar egozentrische Blaupause eines verschrobenen Selbstverständnisses. Kessler belacht und ist gleichzeitig lachhaft, reizt uns mit, wie ich finde, durchaus interessanten Ideen, provoziert mit dem Ungewöhnlichen. – Und dennoch: Bei den Spinnereien eines durchgeknallten Künstlers belässt es der Autor freilich nicht. Im Verhalten von Kurt Kessler wird deutlich, dass falsche Selbsteinschätzung zwar zu guten Ideen, aber langfristig nicht zu guter Kunst führen kann. Denn Kessler lagert das Schaffende des Künstlers aus und wälzt es ab auf seine Bediensteten und Angestellten, wird zum wandelnden Think tank, aber schafft dadurch nichts eigenes mehr. Natürlich, diese Kunstkritik ist nicht das, was Alain Fux’ Texte in erster Linie transportieren wollen, aber gerade vor einem solchen Hintergrund, der für sich genommen schon interessant ist, machen abgefahrenen Geschichten doch erst richtig Spaß; nämlich genau dann, wenn man das Gefühl hat, etwas Ganzes und nicht nur das Halbe vor sich zu haben. Also gleich mittenrein in den Kosmos des Tilt Shift Panoptikums –

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren und hupte mehrmals durchdringend. Da Enno und Burk nur mit den Schultern zuckten, stieg der Fahrer aus. Ein großer, schmaler, kahlrasierter Mann, in Jeans. Sie erklärten ihm das Problem. Er zeigte auf das Schild an der Wand: ‚Reserviert für Kurt Kessler, Künstler‘ und stellte sich vor: „Ich bin Kurt Kessler und morgen eröffnet in dem Museumshangar hier hinter Euch meine große Ausstellung. Wisst Ihr was, Ihr geht jetzt mit und wir schauen uns gemeinsam an, wie der Stand ist.“
Ein Assistent Kesslers musste sich um die Traktoren und den Hummer kümmern. Die anderen drei betraten den Hangar durch den Hintereingang. Ein weiterer Pulk von Assistenten wartete drinnen und begleitete den Meister auf seinem Rundgang.
Sie kamen zuerst in einen Raum mit dicken, mattschwarz lackierten Rohren, die kreuz und quer durch den Raum verliefen. Man musste sich bücken, um darunter durch zu gehen. Kessler wollte, dass noch mehr Rohre verlegt werden sollten. „Viel mehr Rohre. Ich will, dass man hier reinkommt und sagt: ‚Boah, hier sind ja Unmengen von Rohren!‘ Verstanden? Ich will mindestens doppelt so viele Rohre. Alles klar?”
Sie kamen zu einer geschlossenen Tür, auf der ein großer, feuerroter Aufkleber prangte: ‚Feuerpolizeilich geschlossen.’ Kessler erklärte Enno und Burk, dass dahinter ein großer Haufen mit 257 kg reinem Schwefel lag. Im Katalog sei das alles erklärt. Er hatte damit gerechnet, dass die Feuerwehr diesen Raum sperren würde, das gehörte zur Installation. „So was kann man sich nicht ausdenken”, bemerkte er.
Im nächsten Raum stand ein schwarzes Fass, aus dem ein Rohr kam, durch eine Pumpe führte und dann fünf Meter hoch bis zur Hallendecke führte. Oben konnte man einen altmodischen Duschkopf erkennen. Darunter, auf dem Hallenboden, ein paar zerplatzte Tropfen Teer. Kessler konferierte intensiv mit seinen Leuten und befand, dass eine Art Heizdecke unter das Fass zu legen sei, damit der Teer flüssig genug werden könne, um zu dem Düsenkopf gepumpt zu werden. „Wenn man sich nicht selbst um alles kümmert”, meinte er kopfschüttelnd zu Enno und Burk.
Sie kamen in einen leeren Raum. „Jetzt wird es spannend, denn hier fehlt noch was”, stellte Kessler fest. „Freunde, was habt Ihr denn in den nächsten drei Wochen vor?”, fragte er Enno und Burk. Die beiden schauten sich an, zuckten mit den Schultern und gaben mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln zu verstehen, dass es keine besonderen Pläne gab und sie Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen sein würden. „Perfekt. Ihr werdet hier in diesem Raum auf euren Traktoren sitzen. Das ist das i-Tüpfelchen der Ausstellung. Lebende Ready-Mades. Außerdem ist dann auch mein Parkplatz wieder frei. Könnt Ihr singen? Nein? Umso besser, dann braucht Ihr Euch nicht zu verstellen. Kennt Ihr ‚Underneath the Arches‘? Ein tolles Lied.“ Er wandte sich ab und schrie zur Hangardecke hinauf: „Manchmal könnte ich vor mir selbst auf die Knie gehen!“

Alain Fux

Alain Fux

Textbasis: Herzlich willkommen, Alain! Es ist schön, dass Du am lyrischen Mittwoch teilnimmst und ein bisschen Zeit für das Interview einräumen konntest. Ich falle auch gleich mit der Tür ins Haus. Das Tilt Shift Panoptikum ist anders, scheint sich Momente aus dem großen Ganzen herauszugreifen und sie neu zusammenzuwürfeln. Was unterscheidet Deine Texte von einem „normalen“ Roman?
Alain Fux: Hallo Sebastian. Erst einmal vielen Dank für die Einladung! Hast Du ‚Cinema Paradiso‘ gesehen? Darin wird ein Filmband vorgeführt, in dem Kussszenen aus vielen unterschiedlichen Filmen aneinander gereiht sind. Quasi der Vorläufer eines Supercuts. In meinen Geschichten gehe ich ebenfalls selektiv vor. Ich beschreibe jeweils eine Situation, einen Austausch oder eine Beobachtung, die, aus meiner Sicht, definierend für die Vor- und Nachgeschichte sind. Ich versuche, den Kern aus einer Entwicklung zu nehmen und darzustellen. Wie Rosinenpicken. Wenn die Szene beschrieben ist, kann man sich ausmalen, was davor geschah und wie es weitergehen könnte. Theoretisch könnte man aus allen Geschichten etwas Längeres stricken, aber mich interessiert halt nur der dargestellte Ausschnitt. Hat für mich auch den Vorteil, dass das Schreiben viel flotter vorangeht, als wenn Du einen langen Roman schreibst. Und man kann sich eher auf Experimente einlassen.

Textbasis: Bereitet das keine Probleme, wenn es darum geht, Spannung über einen längeren Zeitraum aufzubauen? Und wie findest Du eigentlich Deine Ideen für die Texte, lässt Du Dich einfach von Geschichte zu Geschichte treiben oder steckt hinter allem dennoch ein ausgearbeiteter Plot?
Alain Fux: Ich stelle mir das vor, dass ein Leser bei einer Geschichte anfängt, sich von mir an die Hand nehmen lässt und so von einer Situation zu einer anderen kommt. Irgendwann ist der Leser satt, legt die Geschichten weg und fängt irgendwann später wieder an, wenn er Lust auf mehr hat.
Die Geschichten sind insofern miteinander verknüpft, dass ich mich beim Schreiben frage: Was könnte jetzt passieren? Was wäre wenn? Und wenn ein neuer Erzählstrang mir interessant erscheint, dann schlage ich die Richtung ein. Das Tolle am Schreiben ist, dass Du Deine eigene Welt schaffen kannst, ohne Einschränkung. Außer Träumen kenne ich keine andere Tätigkeit, wo das in dem Umfang möglich ist.

Textbasis: Du betätigst Dich neben dem Schreiben ebenfalls als Maler. Welche Art Bilder malst Du und inwieweit beeinflusst Dich das in Deiner Art zu schreiben? Oder lassen sich beide Bereiche gar nicht miteinander vergleichen und stehen separat?
Alain Fux: Ich male im Wesentlichen Menschen. Als Porträt oder als eine Momentaufnahme einer Handlung. Wenn ich schreibe, stelle ich mir die Szene vor wie ein Film. Ich sehe also, was passiert, und erzähle dann nur, was vor meinem inneren Auge geschieht. Absichtlich beschränke ich mich auf das große Ganze und streue nur dann Einzelheiten mit hinein, wenn sie für mich wichtig sind. Das machst Du beim Malen auch: Details arbeitest Du nur aus, wenn es dazu einen Grund gibt.

Textbasis: In einer Deiner Mails hast Du geschrieben, dass Dir beim Schreiben besonders gefällt, die Zeit beliebig dehnen und raffen zu können. Worin siehst Du die Stärken einer variablen Zeitgestaltung und steckt diese auch als Konzept hinter dem Tilt Shift Panoptikum?
Alain Fux: Tilt Shift ist eine Aufnahmetechnik aus der Fotografie, bei der jeweils nur ein extrem begrenzter Bildbereich scharf gestellt ist. Dadurch hat der Betrachter den Eindruck, dass es sich um Bilder von maßstabgetreuen Modellen handelt, ähnlich wie bei einer Modelleisenbahn.
Panoptikum ist zum einen eine Sammlung von Kuriositäten, zum anderen ein Konzept des Philosophen Jeremy Bentham zum Bau von Gefängnissen, bei denen alle Insassen von einem zentralen Ort beaufsichtigt werden. Auch das hat alles mit Sehen zu tun. Es geht mir also sehr stark darum, den Blick zu lenken, sowohl im Raum als auch in der Zeit. Wenn ein Zeitabschnitt, egal wie lang, nicht relevant ist, kann man ihn in der Erzählung auslassen. Oder anders herum, der kleinste Augenblick kann gedehnt werden, falls das sinnvoll erscheint. Der gelenkte Blick. Und Malerei ist ja auch nichts anderes: Sehen durch die Augen des Malers.

Textbasis: Das klingt alles recht experimentell und geht weg von der gängigen Textgestaltung. Findest Du, dass die klassische Veröffentlichung in Buchform noch geeignet ist, um Deine Geschichten richtig einzufangen? Oder kannst Du Dir alternative Wege vorstellen, die sich eher an Deinem Konzept orientieren?
Alain Fux: Das Buch finde ich als Medium völlig in Ordnung. Da ich von etablierten Verlagen bisher nur Absagen bekomme, habe ich mir aber auch überlegt, die Geschichten in Form eines Abreißkalenders herauszugeben. Ich finde die Idee interessant, dass man morgens ein Blatt vom Kalender abreißt und auf der Rückseite eine Geschichte liest. Jeden Tag etwas Neues. Am Ende aber spielt sich eh alles im Kopf ab und dann ist das physische Medium nicht so wichtig. Und bei Büchern schließe ich E-Books mit ein.

Textbasis: Nun ist bereits auch ein erstes Buch durch Dich veröffentlicht worden. Worin liegen die Unterscheide zu den Geschichten, die Du derzeit auf Deinem Blog veröffentlichst, und wohin wird Deine schriftstellerische Reise gehen, hast Du weitere Projekte geplant?
Alain Fux: Von Tilt Shift Panoptikum wird es drei Teile geben mit jeweils 360 Geschichten. Den ersten Teil habe ich im Eigenverlag herausgegeben. Die Geschichten sind auch so im Blog veröffentlicht worden, aber in Buchform, finde ich, sind sie besser zu lesen.

Textbasis: Und zum Schluss noch etwas ein klein wenig anderes: Du musst für ein Jahr abgeschottet allein in einem dusteren aber ansonsten gut ausgestatteten Haus leben. Was nimmst Du mit: Laptop mit Netzkabel aber ohne Internetanschluss oder Leselampe und Bücherkiste?
Alain Fux: Interessante Frage. Verstehe ich in Kurzform als ‚Lesen oder Schreiben‘. Das ist wirklich schwierig, denn ich möchte weder auf das eine noch auf das andere verzichten … Ich glaube, dass ich mich für das Schreiben entscheiden würde. Im Zweifel lieber aktiv sein.

Textbasis: Aktiv sein, an der Überlegung ist ’was dran. Und wenn man dann doch wieder das Haus verlässt, hat man sicher das ein oder andere Manuskript mehr. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir, Alain, dass wir heute hier einen Deiner Texte vorstellen konnten und natürlich auch für Deine Antworten. Ich finde, dass das Tilt Shift Panoptikum eine super Idee ist und wünsche Dir für die Zukunft noch viele weitere gute Eingebungen und witzige Einfälle, damit auch zukünftig dieser bunte Reigen weitergesungen werde. Denn bunt ist er ohne Frage und irgendwie auch ziemlich durchgeknallt. – Wenn Ihnen nach ein bisschen guter Unterhaltung ist und wenn Sie bereit sind, zusammen mit Alain Fux auf dessen Blog von Geschichte zu Geschichte zu schweifen, sich durch ein kleines Textuniversum zu lesen, dann zögern Sie nicht und gehen Sie dem folgenden Link nach, direkt hinein ins Tilt Shift Panoptikum: Klick und wuuusch!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


Die Macht der Vagheit, oder: Was passiert eigentlich beim Lesen?

Lassen Sie uns den heutigen Artikel um einen einfachen Satz herum aufbauen:

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Ich bin der Meinung, dass uns der Satz ebenso viel über gutes Schreiben verraten kann, wie ein ganzes Sammelsurium von Schreibtipps. Es braucht lediglich zwei Dinge: ein bisschen Fantasie und einen scharfen Blick. Stellen Sie sich bitte eine beliebige Filmszene vor, für die der obenstehende Satz eine Umschreibung sein könnte. – Und damit ist der Hauptteil der Übung auch schon beendet. Denn ich bin mir sicher, dass jede einzelne Vorstellung sich ein wenig unterscheidet von jeder anderen – und jede im Kern dennoch gleich ist. Der Beispielsatz gibt gewissermaßen den Rahmen für unsere Vorstellung vor. Das heißt, dass Sie wahrscheinlich nicht an blökende Hirsche oder eingemachte Sauerkirschen denken werden, wenn sie von lächelnden Gesichtern lesen. Und dennoch, wie ich schon schrieb, wird keine Vorstellung der anderen völlig gleichen.

Ein hübsches Gesicht …“

Grund dafür ist die Vagheit, welche durch die Wörter im Satz eröffnet wird. Schauen wir da ein bisschen näher hin. Der unbestimmte Artikel „ein“ deutet diese Offenheit schon an, indem er auf ein ganz beliebiges Gesicht verweist. Dann das Adjektiv „hübsch“, das wohl ebenso vage ist wie die Empfindung, die jede und jeder Einzelne mit „wohlschmeckend“ verbindet oder mit „angenehm“. Das Substantiv „Gesicht“ ist nun die Projektionsfläche, auf die in der Vorstellung die Eigenschaften von „hübsch“ übertragen werden. Denn ohne diesen Bezug macht der Satz keinen Sinn; die Merkmale eines „hübschen Mantels“ werden andere sein als die eines „hübschen Gesichtes“. An dieser Stelle eine kurze Unterbrechung.

Es wird ersichtlich, dass unser Beispielsatz, den irgendeine Autorin verfasst haben könnte, Sie, den Leser, unbedingt braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Schon die Wortgruppe „ein hübsches Gesicht“ ist so sehr geprägt von den jeweils eigenen Vorstellungen, dass durch sie bei jedem Leser ein etwas anderes Bild entsteht. Zwar hat jede Leserin vor sich denselben Wortlaut, aber das Bild, das im Kopf hervorgerufen wird, ist immer ein anderes. Nicht zuletzt deswegen, da das hübsche Gesicht das einer Frau oder das eines Mannes sein kann.

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Betrachten wir die nächsten Wörter des Beispielsatzes. Es folgen „lächelte“ und „ihnen“. Der Leser, dessen Fantasie, wenn auch unbewusst, schon eifrig daran war, sich „ein hübsches Gesicht“ vorzustellen, muss nun noch weiter arbeiten, um diesen scheinbar so einfachen Satz aufzulösen und verständlich zu machen. Jetzt bedarf es nämlich noch einer Personengruppe, der dieses hübsche Gesicht „entgegenlächelt“. Und diese Personengruppe muss so positioniert sein, dass das Gesicht ihnen überhaupt entgegenlächeln kann. Gleichwohl diese räumliche Anordnung durch den Satz vorgegeben wird, sind die Möglichkeiten, das „ihnen“ zu füllen, wieder schier grenzenlos. Jeder wird sein eigenes „ihnen“ entwerfen. Eventuell ist es bei der einen eine Gruppe von Reisenden, eventuell bei dem anderen eine Kindergartengruppe. Und dass sich jeder ein Lächeln anders vorstellt, besonders wenn es in einem schönen Gesicht anzutreffen sein soll, ist selbstverständlich.

Unser Beispielsatz bietet also sowohl Raum für nahezu unendlich viele Möglichkeiten, was die Ausstaffierung eines „hübschen lächelnden Gesichtes“ anbelangt, als auch für die Vorstellung des „ihnen“, einer beliebigen Gruppe von Menschen (oder vielleicht sogar Tieren?). Schnell durchgerechnet macht das nahezu unendlich × nahezu undendlich, was ungefähr etwas mehr als nahezu unendlich viele Möglichkeiten ergibt, die dieser unscheinbare Satz im Kopf der Leserinnen und Leser hervorrufen kann. (Und ich habe noch gar nicht erwähnt, dass diese Personengruppe und das hübsche lächelnde Gesicht in irgendeiner Situation, einer Szenerie vorgestellt werden müssen, was die Möglichkeiten wahrscheinlich noch einmal potenziert).

Was kann man nun aber daraus lernen, aus diesem einfachen Satz und seiner Vagheit? Drei Dinge, wie mir scheint. Die erste Erkenntnis: Wörter und Sätze sehen zwar meist nur schwarz aus vor einem weißen Untergrund, doch diese Reduktion eröffnet das bunteste Universum im Kopf des Lesers. Im Gegensatz zum Bild und zum Film beschreiben sie eine spezifische Situation (wie unser Beispielsatz), lassen jedoch den Leser entscheiden, was er daraus machen will. Das führt mich direkt zur zweiten Erkenntnis: Wörter und Sätze beziehen den Leser mit ein. Dies ist zum einen eine Interaktion, die den Leser unterhält, nämlich, wenn er seine eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt. Zum anderen ist es auch eine Art Macht, die der Autor ausübt. Denn durch Vagheit zwingt er den Leser zum Weiterdenken („Das war die schlimmste Folter, die je ein Mensch erleiden musste“). Dieser Zwang muss freilich nicht immer auf Grausiges abzielen („Die schönste aller himmlischen Melodien klang vom Firmament herab“), doch sie zwingt den Leser, die Lücken mit seinen eigenen Vorstellungen von schönen Melodien und schlimmen Wunden zu füllen. Und abschließend noch die dritte Erkenntnis, die jedoch mehr eine Meta-Erkenntnis darstellt: Wenn man genau hinsieht, dann kann man überall und in fast jedem Text etwas erkennen, das hilft, das eigene Schreiben zu verbessern.

Zusammengefasst: Texte und Wörter stoßen die Türen in die Fantasie der Leser auf, die Autorin „zwingt“ ihre Leser dadurch, sich ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Und wenn der Autor weiß, wie so ein harmloser Satz wie unser Beispielsatz funktioniert, so kann man ihn beliebig verändern und anpassen. Wenn nun also die Möglichkeiten schier unbegrenzt sind, sich unser hübsches lächelndes Gesicht vorzustellen, warum dann nicht den Leser darauf hinweisen, dass es in jeder Variante ein „kleines Muttermal“ auf der „linken Wange“ besitzt? Oder dass die Augen „auffällig kalt“ aussahen „wie die einer Toten“?

Der Trick ist, nicht zu viel vorzugeben, sondern nur das zu erwähnen, was Ihre Charaktere, Ihre Szenerie, Ihre Handlung auszeichnet, was sie besonders macht. Den Rest erfindet sich der Leser hinzu – Sie müssen nur das schreiben, was Sie als Autorin und Sie als Autor herausragend macht. Und darauf kommt es schlussendlich an: Lapidares lassen Sie die anderen aufzählen und sich in nutzlosen Details verlieren. Sie bleiben beim Einzigartigen, und einzigartig werden dann auch Ihre Texte.

PS: In wissenschaftlichen Texten ist es ganz gleich. Nur wird die Macht der Vagheit dort in den Augen der Leser zur Ohnmacht des Autors.

(Dieser Artikel entstand während der Anreise nach Mainz zur Minipressen-Messe 2013)