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[Der lyrische Mittwoch, Folge 11] Constanze – Das Meer singt Lieder…

Liebe Leserinnen, liebe Leser, diese Woche ist er zurück, der lyrische Mittwoch. Wo vor sieben Tagen die Impressionen der Mainzer Minipressen-Messe an eine schöne Zeit erinnerten, werden auch heute wieder Erinnerungen auftauchen. Es ist mir eine große Ehre, Ihnen Constanze vorstellen zu dürfen. Sie studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalistin vorrangig im Gesundheitsbereich, lebt mit ihrem Mann im Schwarzwald und veröffentlicht auf dem Blog Das poetische Zimmer ihre Gedichte. Ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass Constanzes Liebe zur Oper, zur Musik und zur Satzmelodie Kleinodien feingeistiger Sprachschöpfung hervorbringt, deren wunderbare Wortbilder klingend im Gehörgang lang nachhallen.

Diesen besonderen Klang, dieses Verweilen der Verse und des Reims im inneren Ohr, dieses Eindrücken und Beeinflussen des Empfindens teilt ihre Lyrik mit der besonderen Intensität offener Wahrnehmung. Denn hat man sich erst der Betrachtung ganz hingegeben, so strömen Eindrücke oftmals erstaunlicher Form auf uns zu: Da beginnt ein überpustetes Meer zu singen, da wird aus der ursprünglichen Umgebung eine Eingebung direkt ins Herz, ins Empfinden. Da verschmelzen Wahrnehmung und Welt und stimmen das Wahre Lied des Fühlens an, welches atmend untertaucht „ins große Rauschen“ und feierlich beruhigt und immerzu erfährt: –

Das Meer singt Lieder…

Das Meer singt Lieder der Erinnerungen,
Gedanken, die gen Himmel fliehn.
Mein Herz, das lauscht,
lauscht immerzu im Stillen
zu allem, was mir nah erschien.
Und rinnt hinein ins große Rauschen,
und brandet an in bunten Träumen,
versickert Klang in weiten Räumen,
wo Sehnsuchtsbilder Kreise ziehn…

Constanze

Constanze

Textbasis: Liebe Constanze, ich freue mich, dass Du einer Teilnahme am lyrischen Mittwoch zugestimmt hast und mit Deinem Gedicht eine salzig-melancholische Prise Lyrisches durch den Blog wehen lässt. Welchen Freiraum bietet Dir das Gedicht, bieten Dir Verse, wenn Du über die Welt und dich selbst schreibst, gerade auch im Hinblick auf Deine Tätigkeit als Journalistin?
Constanze: Für mich als gefühlsbetonter, bildorientierter, musikalischer Mensch ist diese Art des künstlerischen Ausdrucks geradezu ideal. Und im Unterschied zum journalistischen Beitrag beziehungsweise zum reinen Sachtext dient es dem Ausdruck des persönlichen, inneren Erlebens. Das heißt nun aber nicht, dass man sich beim Dichten in einem schier unergründlichen, ichbezogenen Gefühlsüberschwang ergehen sollte. Möchte man den Inhalt mit anderen teilen, muss man vielmehr auch etwas allgemein Gültiges nachvollziehbar darin aufleuchten lassen.
Das hier vorgestellte Meergedicht verdeutlicht ein wenig meine Motivation. Mit einem poetischen, meditativen Blick gehe ich oftmals durch die Welt und die Dinge und Vorgänge sprechen dann in sehr eindringlicher Weise zu mir. In ihnen offenbaren sich besondere Stimmungen, zuweilen existentielle Aspekte des Daseins wie etwa Freiheit, Ewigkeit, Vergänglichkeit, Tod und Leben beispielsweise. Das berührt mich und ist es meiner Meinung nach wert, in ästhetisch verdichteter Form gesteigerten Ausdruck zu erfahren. Inspiriert davon, kommen mir Bilder, Gedanken, Melodien hoch, bilden sich Assoziationsketten im Innern. Das Äußere wird mit der Fantasiewelt verschmolzen, „brandet an in bunten Träumen“ und gebiert etwas Neues, ein thematisches Bild oder Gleichnis, welches in der passenden Verschmelzung unterschiedlicher Bedeutungsfelder seinen unvergleichlichen Ausdruck erfährt. Wenn ich Glück habe, erwächst mir im Vorfeld bereits eine melodiöse Verszeile oder ein ganz bestimmter Rhythmus. Dies alles notiere ich mir fast immer erst einmal auf einem kleinen Zettel, um es dann einige Zeit später vollends zu verdichten.

Textbasis: Wie Du mir während der Vorbereitungen unseres Interviews schriebst, fasziniert dich die Musik – und diese Musikalität hört man aus Deinen Zeilen heraus. Wie verbindet die Versmelodie dabei Inhalt und Bilder zu bleibenden Eindrücken? Was passiert, wenn Melodie und Text schief liegen?
Constanze: Dem Lyrischen, Liedhaften im herkömmlichen Sinne bin ich besonders zugetan, denn hier werden eben Wort, Bild und Musik beziehungsweise Rhythmus, Klang aufs Schönste miteinander verwoben. In dieser Art der Verdichtung kann ein mitzuteilender Gedanke zu einem außerordentlich sinnlichen Erlebnis werden und dadurch vielleicht zu einem nachhaltigeren (Selbst-)Erleben führen, weil (Wort)Bilder mit Musik beziehungsweise Rhythmus und Klang unmittelbarer das Gefühl ansprechen und bekanntlich tiefer im Innern verankert werden, als es sonst der Fall sein würde.
Um auf diese Weise eingängig zu sein, muss die Melodie zum einen so geschaffen werden, dass sie für den Leser deutlich im Innern vernehmbar wird, ihn selbst in die ausgedrückte Schwingung versetzt, bestenfalls sogar in einen rauschartigen Zustand, um ihn so in einem Fluss durch den Text zu tragen. Zum anderen besteht die hohe Kunst darin, Zeilen zu kreieren, die den Inhalt (Bild, Gedanke, Bewegung) auf formaler, musikalischer Ebene spiegeln, so wie es uns beispielsweise meisterhaft aus Rilkes „Panther“ entgegenleuchtet: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“
Fügt es sich aber auf allen Ebenen nicht harmonisch zusammen, ja kommt der Leser auf halbem Wege gar ins Stolpern, weil der Rhythmus beispielsweise durch eine falsche Silbenanzahl im Vers oder etwa durch ein klanglich unpassendes Wort an der falschen Stelle aus dem Ruder läuft, dann wirkt es eher lächerlich und aufgesetzt und ein Höhenflug wird nur noch zum kläglichen Absturz.

Textbasis: Das bedeutet dann ja ebenfalls, dass das Gedicht immer vom Vortrag lebt, erst gesprochen sich ganz entfaltet. Kann es nicht auch Lyrik geben, die ganz und gar auf dem Papier aufblüht (sieht man einmal ab von künstlerischen Ausformungen wie etwa der Konkreten Poesie et cetera)?
Constanze: In der Tat ist es meiner Meinung nach so, dass Dichtung im herkömmlichen Sinn ihre Magie erst mit dem Vortrag vollends entfaltet. Ich selbst bin zu dieser Art des Schreibens ja auch erst wieder über die Rezitation von Gedichten hier im Netz gekommen, vornehmlich von Versen meines Lieblingsdichters Rilke. Dadurch haben sich mir gänzlich neue Dimensionen erschlossen. Nicht nur, dass mich das Sprechen von Lyrik für die eigenen Versuche erneut öffnete, nachdem ich seit Studientagen in dieser Richtung gar nichts mehr unternommen hatte, sondern es hat mich auch im besonderen Maße für dieses melodiöse, unvergleichlich schöne, nicht alltägliche Sprechen sensibilisiert. Es lässt mich persönlich Harmonie empfinden und die Schönheit dieser Sprache direkt fühlen und mit ihr auch die Möglichkeiten des Ausdrucks, die in ihr verborgen liegen. Vielleicht müssten Menschen, die nur noch wenig Lust verspüren, sich der traditionellen, liedhaften Dichtung zu nähern, nur einmal damit beginnen, diese wieder bewusster zu lesen und auszusprechen, und sie wird sich ihnen auf eine neue, ungewöhnliche Weise erschließen und sie einnehmen. Übrigens, längst bevor ich überhaupt noch einmal erneut mit dem eigenen Dichten begann, war es mein und meines Mannes liebster Zeitvertreib geworden, gemeinsam Gedichte unserer Lieblingsautoren auswendig zu lernen und uns diese gegenseitig aufzusagen.

Textbasis: Das bringt mich sodann auch direkt zur nächsten Frage. Gemeinsam veröffentlichen Du und Dein Mann (Pseudonym Wolfregen) im „poetischen Zimmer“ jeweils eigene Gedichte, gibt es da ab und an so etwas wie eine gemeinsame Arbeit am Text oder bedeutet das Gedichteschreiben gerade nur subjektive, individuelle Ausformung?
Constanze: Gemeinsame Projekte gab es bisher nur insofern, als ich Gedichte von Wolfregen zu einer ausgewählten Musik im Internet rezitiert habe. Ansonsten arbeitet jeder für sich im „stillen Kämmerlein“, bis ein neuer Text fertig vorliegt. Dann aber kommt die Präsentation vorm jeweils anderen ins Spiel und danach die gemeinsame Überarbeitung der Schwachstellen im Text. Dabei hat sich bewährt, dass sich mein Mann recht gut im allgemein Formalen auskennt und ich hier noch immer einiges dazulernen kann, während ich mehr die Expertin fürs Inhaltliche beziehungsweise Klangliche auf der Wortebene bin. So hat sich das bisher immer sehr gut ergänzt.

Textbasis: Und wie funktioniert das, in einer Welt voller Technik, Verdummungsfernsehen und Hast noch die nötige Muße zu finden? Was braucht es, um hinter dem schnöden Alltag das schöne Besondere zu sehen?
Constanze: Um das schöne Besondere im Alltag zu sehen, muss man mit einem wachen, für die Details offenen Auge durch die Welt gehen, hinter die Erscheinungen blicken, um damit das Wesentliche, Kostbare des Daseins zu ergründen. Auch, um Unschönes ab und zu auszublenden, so wie das Verdummungsfernsehen mit dem Ausschaltknopf am TV-Gerät Gott sei Dank ausblendbar ist. Zumindest im Privaten sollte man sich mit etwas beschäftigen, das der persönlichen Selbstfindung dient und die eigenen Kräfte stärkt. Für mich persönlich leistet dies zum Beispiel unter anderem die Hinwendung zur Historie. Sieht man einmal von den Missständen ab, die es zu allen Zeiten gab, so erscheinen mir frühere Leben zumindest im Privaten doch überschaubarer und damit beschaulicher und anschaulicher gewesen zu sein. Weniger schnelllebig, abstrakt und nüchtern, mehr den natürlichen Harmonien und dem Lauf der Jahreszeiten zugewandt. Mit den Gedichten und der Musik der Klassiker bekommt man eine Ahnung davon.
Mit Blick zurück schätzt man mehr das, was ist, als jenes, was in Zukunft noch alles sein sollte. Damit kommt Ruhe und Gelassenheit in den Tag. Technik wird viel bewusster für die eigenen Belange sinnvoll eingesetzt und nicht zum alles beherrschenden Faktor, der innerlich zerstreut und vom eigenen Selbst wegführt.

Textbasis: Dieses bewusste Wahrnehmen von sich selbst in seiner Umgebung, diese damit gewonnene Ruhe, scheint den Sinn für Struktur, für Wohleingepasstheit zu untermauern, den man in Deiner Lyrik vorfindet. Wenn man einen Blick unter die Verse des hier vorgestellten Gedichtes und die Gedichte auf Deinem Blog wirft, findet man stets eine starke Betonung des Rhythmischen, oft auch eine durchkomponierte Gestaltung in Reim und Metrum. Wie weit engt diese Vorgehensweise ein – gerade heute, wo noch immer viele Gedichte bewusst auf diese Gestaltungsmittel verzichten –, wie weit eröffnet sie Möglichkeiten, die den Freien Rhythmen verschlossen bleiben?
Constanze: Freie Rhythmen tragen der Spontanität des ausgedrückten Erlebens mehr Rechnung. Bei meinen ersten lyrischen Schritten habe ich auch lediglich versucht, die im Innern frei erwachsene, rhythmische Zeile mit weniger Beachtung von Metrum und Reim zu einem vollständigen Gedicht auszuweiten. In einer gewissen Hochgestimmtheit ist mir das dann auch einmal, denke ich, ganz gut gelungen mit den Zeilen zu „Mein Zimmer: die Stille…“. In so einer Situation wächst man fast über sich hinaus, vergisst alles andere um sich herum und ist ganz bei der Sache, und damit auch wiederum ganz bei sich selbst angekommen. Aber solche außerordentlichen Zustände stellen sich ja nicht per Knopfdruck ein und oftmals auch nicht in dieser Intensität. Mittlerweile ist es mir schon mehrfach passiert, dass mir der lyrische Fluss ein Schnippchen geschlagen hat und ich trotz gewecktem Dichterinnengeist einige Plagerei mit dem Rhythmus hatte. Längere Zeit weigerte ich mich, immer zu Anfang eines neuen Textes mindestens ein Gerüst aus festgelegter Silbenanzahl im Vers sowie ein festes Reimschema zu bauen. Ich dachte, dadurch würden die Zeilen einen Großteil ihrer Musikalität einbüßen und vielleicht zu statisch wirken. Dann aber habe ich gemerkt, dass so ein Gerüst eigentlich erst so richtig frei macht für den Inhalt, für das mit den Worten zu malende Bild, sofern man in dieser Manier überhaupt dichten möchte. Man kann sich problemlos daran festhalten und gerät nicht mehr so leicht ins Stolpern. Außerdem können fest durchkomponierte Versmelodien in ihrer Schwingung besser tragen und sind deshalb letzten Endes wahrscheinlich eingängiger, weil der Leser sich diese leichter merken kann, sie sogar mitsingen könnte.

Textbasis: In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, kurz noch etwas zu folgendem Satz zu sagen, den Du mir im Vorfeld unseres Interviews mitteiltest. Du schriebst, „dass die echte Schwingung eigentlich erst auf der Wort- und Silbenebene erfolgt.“ Transportieren nicht auch die Strophe und das Gedicht selbst ihre eigenen Schwingungen?
Constanze: Ja, das stimmt natürlich. Aber erst am richtigen Ort platziert, entfalten Wörter und Silben ihren ganz eigentümlichen Zauber im poetischen Gefüge, denn sie unterstützen im besten Fall mit ihrem Klang und ihrer Betonung den Rhythmus in seiner Ausprägung sowie den mitzuteilenden Gedanke auf inhaltlicher Ebene. Das überprüfe ich im fertigen Gedicht stets anhand mehrerer Durchgänge und variiere dann die Worte, stelle sie um oder ersetze sie durch passendere, manchmal sogar öfters innerhalb eines Verses, bis ich schlussendlich den optimalen Fluss und Ausdruck erreicht habe.

Textbasis: Wie sich die Art zu dichten in vielen Jahren verändert hat, so veränderten sich ebenso auch die Möglichkeiten, die eigenen lang erdachten und durchkomponierten Gedichte einem breiten Publikum zu präsentieren. Welche Vorteile siehst Du für Dichterinnen und Dichter in der Möglichkeit, unkompliziert im Internet zu veröffentlichen? Und was macht eventuell auch den gedruckten Gedichtband gerade einzigartig?
Constanze: Das Internet bietet Autoren wie nie zuvor die Möglichkeit, eine interessierte Leserschaft zu finden, auch wenn kein Verlag auf der Welt jemals bereit wäre, ihre Texte zu drucken. Als Autor kann man auch schon einmal vorab zwanglos testen, wie die Gedichte denn ankommen, was gefällt und was weniger gefällt. Und vielleicht bietet sich dann ja irgendwann doch noch einmal die Chance, gerade über eine wachsende Leserschaft die Lorbeeren einer Buchveröffentlichung zu ernten. Dadurch gestaltet sich das Literaturgeschehen im Netz wesentlich bunter, vielfältiger.
Andererseits besteht die Gefahr, dass in einer Invasion pseudokünstlerischer Ergüsse irgendwann das wirklich Kunstvolle untergeht und die ganze Szene zunehmend verwässert. Aus diesem Grund hat eine Veröffentlichung in Buchform meiner Meinung nach wesentlich mehr Gewicht. Es ist schon eher eine qualitative Anerkennung der dichterischen Leistung, wenn man gedruckt wird, denn warum sollte ein Verlag das finanzielle Risiko eingehen mit Texten, von denen er sich eigentlich nicht viel verspricht.
Auch ist es meiner Meinung nach ein viel schöneres, da bewussteres und sinnlicheres Vergnügen, ein gedrucktes Bändchen schlussendlich in Händen zu halten und zu lesen. Denn nach wie vor unvergleichlich ist der Eindruck einer kunstvollen Papiergestaltung, ganz zu schweigen vom einzigartig Haptischen und Akustischen beim Anfassen und Umblättern der einzelnen Seiten. Falls sich also einmal die Gelegenheit ergeben sollte, dass ein Verlag sich meiner Gedichte annehmen möchte, werde ich dies außerordentlich zu schätzen wissen.

Textbasis: Dieser Überlegung stimme ich zu, denn gerade der Rolle der Verlage als „Kontrollinstanzen“ kommt doch die bedeutende Aufgabe zu, der von Dir angesprochenen Möglichkeit des Verwässerns ein bisschen entgegenzuwirken. Damit verabschiede ich mich ganz herzlich von Dir, Constanze, und bedanke mich für Dein Gedicht und Deine Antworten. Ebenfalls verabschiede ich mich von allen Leserinnen und Lesern, denn auch heute muss der lyrische Mittwoch wieder dem Unausweichlichen des Lebens entgegentreten: dem Ende. Doch das bedeutet keinesfalls, dass Sie nicht noch ein Weilchen genießen dürfen: Klicken Sie den folgenden Link, machen Sie es sich bequem und tanzen Sie lesend ein bisschen durch die Gedichte von Constanze und Wolfregen. Ein ganz besonders feiner Sessel ist bereits reserviert, treten Sie also nun ein – in das poetische Zimmer.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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[Schreibwerkstatt: Spezifisch perspektivisch #02] „Das kommt von dem blöden zuckrigen Zeug“

Herzlich willkommen zum zweiten Beitrag der Schreibwerkstatt auf dem textbasis.blog. Auch heute soll es wieder anhand eines Textbeispiels darum gehen, dasselbe Geschehen aus einer anderen Perspektive darzustellen. Dazu verwende ich erneut die Geschichte aus der ersten Folge:

„Miriam, was haben der plötzliche Wasserrohrbruch und die veranlassten Reparaturen für Auswirkungen auf den bevorstehenden Paradeumzug?“

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen, Frank. Sicher ist zumindest, dass es zu Verzögerungen kommen wird. Das Organisationskomitee hat über die großen Lautsprecher verkünden lassen, dass sich der Beginn wohl um mindestens dreißig Minuten verschieben werde. Die bunten Fähnchen der Schaulustigen wirbeln seitdem nicht mehr ganz so hektisch durch die Luft, verhaltene Ruhe scheint die Aufregung hier am Brandenburger Tor geschluckt zu haben. Wie sieht es bei dir aus?“

„Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: In Rage warf er seine Limonadenflasche in den Sinkkasten und unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. Seitdem ruhen hier die Arbeiten, ein Notarzt wurde gerufen, er kämpft sich in diesen Sekunden durch die Menge. Im Hintergrund versucht das Sicherheitspersonal den Limonadenwerfer zu erhaschen, aber der scheint geflüchtet zu sein. Weitere Verzögerungen sind möglich, wir halten Sie auf dem Laufenden! Und damit wieder zu dir, Miriam!“ …

Bevor gleich ein Textbeispiel folgt, noch ein paar Überlegungen, warum sich diese kleinen literarischen Versuche gut als Übungen für kreatives Schreiben eignen. Zuerst einmal macht die Sache Spaß: Man verfasst einen Text und gibt ihn danach in allen möglichen und unmöglichen Perspektiven wieder. Das trainiert die Ideenfindung und gleichzeitig auch die Fähigkeit, sich komplexe Szenen auszudenken.

Je mehr einzelne Ausschnitte mit der ursprünglichen kurzen Geschichte verknüpft werden, umso facettenreicher wird der Ausgangstext. Indem man mehrere Geschehen darstellt, die alle auf denselben Text Bezug nehmen, schafft man eine ganz eigene Textdimension, eine eigene kleine Welt. Und das spürt man in guten Büchern besonders stark, denn Autoren, die diese Fähigkeit gemeistert haben, erzeugen auch in kurzen Textpassagen unglaublich lebendige, oft (für den Leser) überraschende Darstellungen einer scheinbar banalen Situation.

Mit einem kleinen Kniff lassen sich die so hergestellten Szenen in den ursprünglichen Text einbauen. Nachdem Sie eine andere Perspektive gewählt haben, schreiben Sie ihren Übungstext. Nun wechseln Sie zurück in Ihren ursprünglichen Text, greifen Ihren ursprünglichen Erzähler wieder auf und fügen Details der neuen Szene in die alte Beschreibung. So gewinnt Ihr Text an Dynamik; und da Sie diese Details nicht einfach nur kurz hinzudichten, sondern sie aus einem komplexeren Ganzen übernehmen, wirken sie auch glaubwürdig und eingepasst, sie haben das richtige Feeling. Doch grau die Theorie, deswegen etwas lebendiger.

Zuerst müssen Sie sich eine mögliche Perspektive heraussuchen. Im obigen Text könnte man beispielsweise aus Sicht des Flaschenwerfers, des Sicherheitspersonals, des Arztes, des Arbeiters oder aber auch des Organisationskomitees schreiben. Jeder andere Zuschauer könnte ebenfalls ausgewählt werden. Oder warum nicht – wie Terry Pratchett seine unzähligfüßige Truhe – einfach die geworfene Flasche zum Leben erwecken? Es geht ja schließlich nicht darum, möglichst ernst zu sein, sondern mit möglichst viel Schreibspaß die eigenen Fähigkeiten zu verbessern. Sodann: Ich wähle mir den Limonadenflaschenwerfer.

Früh um vier Uhr aufgestanden, eiliges Frühstück und die Morgennachrichten gesehen, dann zu Tante Bertha in die kleine Bäckerei und Neuigkeiten ausgetauscht. Zeitungen geholt, Zeitungen ausgetragen (viel früher als sonst), gegen halb zehn dann Brunch mit Knäckebrot und Marmelade daheim auf der Terrasse. Eine warme Dusche, Sachen gebügelt und – endlich! – raus zu den Jungs auf die Umzugsmeile. – „Warum siehste so jehetzt aus, Carlo?“ – „Hab mich ranhalten müssen, um rechtzeitig hier zu sein, immer die blöden Zeitungen.“ – „Hast es ja noch rechtzeitig jeschafft, wa?“ Ein, zwei Bier später … noch immer kein Festumzug. Der verzögert sich. „Hier, hast noch ’ne Flasche, Carlo.“ – „Danke … bah! Das is ja Limonade, was soll das?“ – „Bier is aus.“ Egal. „Pass auf, Carlo! An deiner Hand sitzt ’ne Wespe.“ – „Das kommt von dem blöden zuckrigen Zeug, w—“ MÖÖÖÖÖÖP!! Ahhhhhh … was trötest du mir mit dem Drucklufthorn ins Ohr, spinnst du? Ich hab vor Schreck gleich die Flasche weggeworfen, Mann – oh Shit …!

Ein paar Elemente habe ich aus dem Originaltext aufgegriffen, viele neue dazugeschrieben. So entsteht eine kleine, ganz eigene Geschichte, so lässt sich kreatives Schreiben trainieren. Da man einen Aufhänger hat – die Verzögerung des Festumzuges –, schreiben sich diese kurzen Texte wie von selbst. Nun muss man nur noch den Kniff anwenden, von dem ich oben sprach, und ein paar neue Details der Geschichte in den ursprünglichen Text einbauen, also beispielsweise so:

„… Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: Angestachelt durch einen plötzlichen Ausbruch von Grölen und Krawall, warf er in Rage seine Limonadenflasche in den Sinkkasten. Unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. …“

Auf diese Weise wurde der ursprüngliche Text durch ein paar Details erweitert, die ihm mehr Farbe geben. Gleichzeitig hat man einen zweiten Handlungsstrang geschaffen, den man aufgreifen könnte, wenn später die Polizei etwa die Zuschauer befragte oder man Hinweise auf den Verbleib des Flaschenwerfers suchte. Und das wirklich Schöne an dieser Übung ist, dass man sie ganz einfach nachmachen kann mit jedem eigenen Text. Versuchen Sie es einmal, es macht Spaß und lohnt sich.

Hobeln Sie ihn, den Wortspan; bis bald zur nächsten Schreibwerkstatt!


[Mainzer Minipressen-Messe] Sonntag, 02.06.2013 (Impressionen)

Tag 1
Tag 2

Zu Ende ging am vergangenen Wochenende mein dritter Tag in Mainz und damit auch die Minipressen-Messe, welche ich leider ein paar Stunden vor dem offiziellen Ende verlassen musste, um heimwärts zu reisen.

Die Messe war auch an ihrem letzten Tag wieder jede Minute wert, die man auf ihr verbrachte. Abgesehen von einem mittleren Fiasko, an dessen Entstehung ich wohl eine gewisse Teilschuld trage, verlief alles gewohnt friedlich und der Elan der Ausstellenden war ungebrochen, ihre Laune heiter. Ebenfalls schön: die Sonne schien zum ersten Mal so richtig hell vom Himmel herab. Und obgleich der Wind stark brauste, bemerkte man diesen nur dann, wenn man Nahrung und Kaffee nicht an der lokal eingerichteten Bio-Snackbar suchte, sondern kurz nach draußen ging, um Fritten zu holen.

Auf einer dieser Reisen in den Außenbereich der Rheingoldhalle passierte mir dann gegen vierzehn Uhr eine sehr dumme Sache. Die Situation war in etwa die folgende: Es gibt einen Haupteingang und daneben aufgereiht viele alarmgesicherte Notausgänge. Der Weg durch den Haupteingang hinaus zur Frittenbude auf dem Jockel‑Fuchs‑Platz ist der längste, derjenige durch einen der Notausgänge bedeutend kürzer. Einer dieser im Notfall notwendigen Wanddurchlässe war vorsorglich mit dickem roten Band versperrt, das unzweideutig den Eindruck vermittelte: Hier gehst du nicht raus! Bin ich auch nicht, sondern ich bin einen Notausgang weiter nach rechts gelaufen, froh darüber, dass nur der eine Ausgang nicht benutzbar war (schließlich war er der einzig versperrte). Also: zur Tür hin, ein beherzter Druck auf die Klinke – die Tür bewegt sich etwa zwei Zentimeter, dann ist der vordere Teil der Rheingoldhalle erfüllt vom unsäglichen Heulen einer Alarmanlage. Es war grauenhaft und peinlich, alles in Einem. Eilend und eilend fragend und Entschuldigungen herauspustend, fand ich letztlich einen Verantwortlichen, der mir versicherte, dass die Angelegenheit halb so wild sei, das sei schon des Öfteren passiert. Er brachte die Krawallsicherung mit Schlüsselkraft zum Verstummen. Eine vom Lärm besonders heimgesuchte Ausstellerin lobte zwar mitfühlend meinen Einsatz, eine Lösung für das von mir verschuldete Lärmproblem gesucht zu haben, da bisher alle Auslöserinnen und Auslöser immer geflüchtet seien, aber irgendwie macht das die Sache auch nicht besser. Nach ein paar letzten Entschuldigungen habe ich dann recht zügig den Weg hinaus durch den Haupteingang und zur Pommesbude gesucht. Ich schiebe die Schuld auf die verwirrende Absperrung, alle anderen wahrscheinlich auf mich. Moral: das nächste Mal gleich die 100 Meter Umweg gehen.

Doch diese kleine Episode soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Erwähnenswerteres gegeben hat. Erneut konnte ich mit vielen Verlegerinnen und Verlegern ins Gespräch kommen und erneut waren diese Gespräche lehrreich, interessant und immer freundlich. Ein Verleger erzählte mir von einer ganz gewitzten Idee für E‑Book-Anthologien, die ich hier jedoch nicht im Detail wiedergeben möchte. Sie nutzt auf jeden Fall die elektronischen Publikationsformen, bietet die Möglichkeit einer Individualisierung, optimiert die Bearbeitungszeiten für das Lektorat und steigert langfristig die Qualität der so entstehenden Erzeugnisse. Die Idee befindet sich zwar derzeit noch im Ideenstadium, aber ich denke, dass sie Potenzial hat, sehr interessante Ergebnisse zu liefern, sofern sie umgesetzt werden sollte.

Weiterhin scheint ein interessantes Konzept für Kleinverlage darin zu bestehen, dass sie sich thematisch öffnen. Ein überaus sympathischer Verleger bietet nunmehr schon einige Jahre eine Mischung aus wissenschaftlicher Literatur, erzählendem Sachbuch und Belletristik im Genre Kriminalliteratur an und hat in allen Segmenten durchaus interessante und anschauliche Veröffentlichungen ausliegen. Die Mischung sei zwar thematisch nicht unter einer Überschrift zu führen, andererseits sichere die Verlagerung und Hinzunahme publikumsorientierter Veröffentlichungen das finanzielle Bestehen. In meinen Augen ein Kompromiss, den man durchaus eingehen kann, solange die Qualität in allen Sparten erhalten bleibt. —

Ganz besonders bedanken möchte ich mich bei der gesamten Redaktion der Asphaltspuren, bei Verena Rotermund vom Salonlöwe Verlag und selbstverständlich auch bei Michael Fischer von der Dahlemer Verlagsanstalt. Bei ihnen allen tauchte ich immer wieder am Stand auf, und immer wieder empfingen sie mich voller Herzlichkeit. Sie machten aus einem bloßen Aufeinandertreffen ein richtiges Zusammenkommen. Dankeschön!

Abschließend nun noch ein paar Impressionen aus Mainz und von der Messe:

Lebenskraft vor Mainzer Rathaus (1)

Andreu Alfaros Skulptur „Lebenskraft“ vor dem Mainzer Rathaus (1)

Lebenskraft vor Mainzer Rathaus (2)

„Lebenskraft“ vor dem Mainzer Rathaus (2)

Lebenskraft vor Mainzer Dom

„Lebenskraft“ vor dem Mainzer Dom

Rheingoldhalle morgens

Rheingoldhalle am Morgen

Lichtwolf

Lichtwolf – Zeitschrift trotz Philosophie

Edition Sand

Edition Sand

Salonlöwe

Salonlöwe Verlag

Kranichsteiner Literaturverlag

Kranichsteiner Literaturverlag

Mantikore

Mantikore-Verlag

Dahlemer Verlagsanstalt

Dahlemer Verlagsanstalt

Asphaltspuren

Asphaltspuren Literaturzeitschrift

schPeZi-Presse

schPeZi-Presse

Algenbart

Algenbart Kinderbücher

ViaTerra Verlag

ViaTerra Verlag

In zwei Jahren steh’ ich wieder vor dir, Rheingoldhalle, Mainzer Minipressen-Messe, so schön die Zeit war, so schön wird sie auch wieder werden, dessen bin ich mir sicher; und ich freue mich schon jetzt darauf.


Ausgelassen punkten …

Im Artikel des vorigen Sonntags erwähnte ich an einer Stelle die Auslassungspunkte. Seitdem schwirren mir diese drei Runden im Kopf herum, und die Idee, über diesen Kullerverbund einen separaten Artikel zu schreiben, hat sich hartnäckig festgesetzt. Hiermit gebe ich ihr nach.

Die Auslassungspunkte sind etwas eitel. Man sollte sie daher nicht verwechseln mit ihrer Verwandtschaft, den Satzpunkten. Denn Auslassungspunkte sind ein Satzzeichen und nicht etwa drei. Dazu ein Vergleich:

Faslch
(1) „Ich sah sie und ahnte ..​​.“

Richtig
(2) „Ich sah sie und ahnte …“

Dem kundigen Auge fällt wahrscheinlich schon am Schriftbild auf, dass es Unterschiede zwischen (1) und (2) gibt. Diese entstehen, da es sich bei den Auslassungspunkten nur optisch um drei einzelne Punkte handelt. Eine falsche Verwendung ist daher auch noch später im Druck sichtbar und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers im ungünstigsten Fall weg vom eigentlichen Inhalt.

Word und andere Programme verschleiern die falsche Zeichensetzung allerdings etwas, da sie die Eingabe von drei aufeinanderfolgenden Satzpunkten automatisch korrigieren. Das ist zweifelsohne gut für den Anwender, andererseits aber schlecht fürs Verstehen. Daher fallen die falschen Auslassungspunkte vorrangig immer dort auf, wo keine automatische Korrektur stattfindet: in E‑Mails, in Plain-text-Dateien aber auch in SMS‑ und Chat-Nachrichten.

Nun möchte ich keinesfalls behaupten, dass es einen großen Unterschied macht, ob Sie via WhatsApp die Nachricht „bin in 5min da..​​.“ oder „bin in 5min da…“ erhalten. Aber wenn es um Ihr Buch, um ihren Text geht, dann sollten diese Detail ebenfalls stimmen. Wie setzt man also sein Wissen um die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte konkret um, wenn sich auf der Tastatur dafür keine eigene Taste befindet?

Der umständliche Weg führt über das Kopieren und Einfügen vorhandener Auslassungspunkte. Einfacher ist unter Windows hingegen die Eingabe mittels verfügbarer Alt-Codes. Diese ermöglichen es Nutzerinnen und Nutzern, Zeichen zu erzeugen, die nicht als Tasten auf der Tastatur vorhanden sind, eventuell sogar im verwendeten Zeichensatz fehlen. Durch Halten der Alt-Taste und Eingabe einer spezifischen Ziffernkombination auf dem Ziffernblock lassen sich leicht die gewünschten Zeichen hervorrufen.

Für die Auslassungspunkte lautet diese Kombination „Alt + 0133“ (Apple: Alt + .-Taste). Nach Eingabe des Befehls erscheinen die Pünktchen sofort auf dem Monitor. Womit man zumindest schon einmal auf der sicheren Seite wäre, was die Verwendung des richtigen Zeichens betrifft. Doch damit nicht genug, denn in dem Dreigepunkt stecken noch mehr Schwierigkeiten Möglichkeiten.

Falsch
(3) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s …?“
(4) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich…“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Richtig
(5) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s…?“
(6) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich …“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Auch hier findet man die Unterschiede wieder im Detail. Allgemein gesprochen, werden die Auslassungspunkte verwendet, um anzuzeigen, dass etwas vom Satz weggelassen wurde. Dabei unterscheidet man, ob es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil wie in (6) oder einen Wortteil wie in (5) handelt. Daraus lässt sich folgende einfache Regel ableiten:

Handelt es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil, geht den Pünktchen ein Leerzeichen voraus. Handelt es sich um einen Wortteil, entfällt das Leerzeichen. Wird der ursprüngliche Satz nach den Auslassungspunkten nicht fortgesetzt, ersetzen die Auslassungspunkte den Satzpunkt, jedoch nie Ausrufungs- oder Fragezeichen.

Und weil das alles noch nicht verwirrend genug ist, so können die Auslassungspunkte auch zum Anzeigen von Sprechpausen verwendet, also immer dort gesetzt werden, wo weder Satzteil noch Wortteil weggelassen wird. In diesen Fällen werden die Auslassungspunkte eingeschlossen in Leerzeichen:

Falsch
(7) Ich glaube…ich…kann nicht…mehr.

Richtig
(8) Ich glaube … ich … kann nicht … mehr.

Mir ist bewusst, dass das recht viel ist, was man sich zu solch einem relativ selten verwendeten Zeichen merken soll. (Und wahrscheinlich tröstet der Hinweis darauf, dass es noch einiges mehr zu beachten gibt, das hier des Umfangs wegen nicht auch noch erwähnt wird, ebenfalls nur mäßig.) Trotzdem bin ich der Meinung, dass man gerade durch die Kenntnis solcher Feinheiten seine eigenen Texte verbessern kann. Denn wenn man die Kniffe beherrscht, erschließen sich neue Möglichkeiten für das Schreiben. – Oberflächlich betrachtet, macht es keinen großen Unterschied, ob man schreibt:

(9) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin …“
oder
(10) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin…“

 … nur eben schade um des Gesellen Finger.


[Mainzer Minipressen-Messe] Samstag, 01.06.2013

Seit dem letzten Artikel sind etwa 24 Stunden vergangen; vergangen ist damit auch mein zweiter Tag in Mainz auf der Minipressen-Messe.

Mainzer Minipressen-Messe 2013

Nachdem ich gestern Nacht noch den Messekatalog gelesen und mir für heute einen ungefähren Laufwegeplan erstellt hatte, gestaltete sich der Tag etwas strukturierter. Auffällig scheint zu sein, dass einige Standbetreiber die Situation gänzlich gegenteilig einschätzen. Der Umzug der Messe heraus aus den Messezelten vergangener Jahre und hinein in die Rheingoldhalle stößt nicht nur auf überschwängliche Freude. Die Stimmung wäre zurückhaltender, meinen die einen; die Bedingungen, gerade für bibliophile Ausgaben, hätten sich deutlich verbessert, die anderen. Ebenso verhält es sich mit der Zufriedenheit bezüglich der eigenen Standplatzierung: Wo die einen sich über viele Besucher nahe des Eingangsbereiches freuen, ärgern sich andere über die Positionierung in manchmal doch etwas abgelegenen Winkeln. – Das jedoch nur am Rande, denn mir als Besucher gefällt die Rheingoldhalle als Veranstaltungsort sehr gut und auch abgelegene Winkel hinderten meine Neugier auf Erkundung nicht.

Einer der interessantesten Stände für mich war heute ein Stand für Kinder-Märchenbücher. Die Verlegerin, die sich charmant von meinen Fragen löchern ließ, erzählte und zeigte Wunderbares. (Um auf direkte Werbung zu verzichten, bleibt der Verlag ungenannt, aber schon das Konzept ist umwerfend.) Robuste Kinderbücher auf hochwertigem Papier, in einmaligem Layout und ausgefallener Typografie, teilweise im Bleisatz gedruckt, ausgestattet mit fantastischen Zeichnungen und spannenden Geschichten. So treten sie die Nachfolge der grimmschen Märchen an. Das sind Bücher, die man als Kind zu lieben beginnt und die einem später das Gefühl geben, dass keine Bücher je mehr so gut waren, wie die, die man als Kind gelesen hat. Mit Detailverliebtheit und witzigen Geschichten machen sie Kindern Lust auf Lesen und vermitteln gleichzeitig eine Idee davon, was Buchkunst bedeuten kann. Diese bibliophilen und – wie mir die Verlegerin zusicherte – auf ihre Robustheit in und an der Praxis geprüften Bücher sind in meinen Augen ein erster Schritt, der Diagnose entgegenzuwirken, die ein handsetzender Handpressebetreiber im Gespräch formulierte.

Dieser meinte, dass, bedingt durch die kurzen Publikationswege der elektronischen Veröffentlichungsmöglichkeiten, die Liebe zum Buch und zum Buchdruck immer mehr verloren gehe. Er sagte weiter, dass der Nachwuchs an Bibliophilen schon lange so gering sei, dass die Buchkunst mehr und mehr aussterbe. Dem könnten nun, so meine ich, die oben genannten bibliophilen Kinderbücher Abhilfe bereiten, wenn sie von klein auf wieder den Wert des Buches als Medium unterstrichen, das eben nicht nur das notwendige Übel ist, um Inhalt irgendwie lesbar zu machen.

Ich will dies alles aber hier und heute nicht weiter kommentieren. Der Rest nur kurz: Beim Vorbeischlendern an einem Esoterikstand habe ich gehört, dass in einem der ausgelegten Bücher die Bewohner von Atlantis selbst sprechen würden … Weiterhin erlebt das alte Textadventure-Spiel seine Reinkarnation in Buchform. Und ich hatte das erste Mal in meinem Leben Kontakt mit Independent-Stadtplänen, die nicht nur sehr nett aussehen, sondern gerade für jüngere Zielgruppen attraktiver zu sein scheinen, als Stadtführer, wie man sie sich gemeinhin vorstellt. Es gäbe wohl noch jede Menge Interessantes zu berichten, aber ich denke, dass diese Einblicke die Vielfalt verdeutlichen, auf die man, so man will, auf der Minipressen-Messe treffen kann. – Morgen gibt’s dann noch einen letzten, etwas kürzeren Besuch und dann geht’s via ICE wieder nach Hause. Schade; doch aber gut auch, denn wirklich schön kann etwas nur sein, wenn es nicht ewig währt und zur Gewohnheit wird.

(Der Blog am Sonntag wird übrigens ganz regulär erscheinen, der liegt schon ein paar Tage im E-Schubfach. Am Mittwoch wird es statt des lyrischen Mittwochs ein paar Impressionen der Messe und ein paar abschließende Worte zu ihr geben.)