Schlagwort-Archive: lektorat

[Mainzer Minipressen-Messe] Freitag, 31.05.2013

Mainzer Minipressen-Messe

Leider ist mein erster Tag auf der Minipressen-Messe schon vorüber!

Meine Erwartungen haben sich gänzlich erfüllt: Kreative Menschen wohin man den Kopf wendet, ein Stand interessanter als der andere. Die Independents glänzen mit Ideen und Optimismus. Von vielen hört man, dass vor allem die Leidenschaft immer wieder vorwärtstreibe, weitermachen lasse; dass ein kleiner Verlag immer großes finanzielles Risiko bedeute. Doch trotz der Risiken sind die Verlegerinnen und Verleger mit dem Herz dabei, und man erfährt oft Witziges und Erstaunliches aus dem Verlagswesen abseits des Mainstreams. Viele Aussteller nehmen kein Blatt vor den Mund, erzählen Anekdoten, plaudern aber auch offen über Probleme.

Damit nicht genug: Man trifft an den Ständen Persönlichkeiten bunter als bunt. In der einen Ecke wird laute politische Literatur angeboten, daneben die besten Kniffe aus dem Esoterikbereich. Kunstdrucke liegen in der Nähe von Holzskulpturen in Buchform, ein paar Meter weiter kreative Sprach-Spiele für Kinder, die mich noch immer staunen lassen. Krimis, Kurzgeschichten, Kunstbücher und Lyrikbände in Ausstattungen, die Lächeln in Gesichter zaubern. Detailvernarrte kunstverliebte Bibliophile an jedem Stand, überall interessante Gespräche und überall Herzlichkeit. Die Messe in Mainz ist so farbig, so schön, wie ich sie mir wünschte, und ich freue mich auf die folgenden zwei Tage. – Wer es einrichten kann, sollte sich ein bisschen Zeit nehmen und vorbeischauen; für jeden, der Bücher und Kunst liebt, findet sich dort garantiert ein Schatz, der mit nach Hause genommen werden muss.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei all den netten Menschen, die ich getroffen und kennengelernt habe, und für die wunderbaren Gespräche. Schlaf gut und bis morgen, Mainz.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 8] H. Gudjonsson – The Trees That Bend Around Me

„Poesie, das ist Musik“, so heißt die vor Kurzem eingeführte Kategorie hier auf dem textbasis.blog. Und dass Sprache nicht nur in Versen lyrisch sein kann, wurde von Danielle in der siebenten Folge des lyrischen Mittwochs bewiesen. – Da liegt es nur nah, dass auch der Liedtext nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn es um schöne Sprache geht. Ich freue mich deswegen diese Woche ganz besonders, Ihnen einen deutschen Liedermacher vorstellen zu dürfen, der schon seit vielen Jahren tiefe, eindringende Musik schafft und veröffentlicht. H. Gudjonsson stammt aus dem Osnabrücker Land und lebt derzeit in Bremen. Er wirkte bereits an diversen Projekten im Theater des Schlachthofs in Bremen mit und 2012 erschien sein aktuelles Album „The Darkness And…

„The Trees That Bend Around Me“ lautet der Titel des vorgestellten Liedes und schon mit den ersten Tönen wird es finster um uns her. Während Schatten in diesem Tunnel verbrannter Ewigkeiten schlurfend am Rand entlangschleichen und Bäume ihre gespenstig dürren Äste durchs Dickicht immer näher heranschieben, leuchtet nur noch ein letztes Licht: die Flamme im eigenen Herzen. Das stoisch wiederholte Gitarrenmotiv: gespenstiges Wandern in monddurchschienener Friedhofsluft unter bewölkten Himmeln. Zu langsam sich dem Ziel nähern, selbst verbrennen – alles um sich herum verbrennen! –, den eigenen Rauch einatmen. Sich von Herzglut und vom Nachtweg verzehren lassen. Liebesgetriebensein, eine Flucht zurück ans Ziel, ein Verstecken im Ausgebrannten, näher kommen — und doch die Gerippearmee der Bäume so nah, so nah …

The Trees That Bend Around Me

trees bend around me, around me
trees bend around my arms and ankles
trees bend around my heart,
my flaming heart

bring factory smoke to fill my lungs
bring factory smoke to fill my lungs
a scorched vessel to sink in,
to sink in

let me get closer
let me get nearer,
nearer to thee

H. Gudjonsson

H. Gudjonsson

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch! Ich freue mich, dass du Zeit gefunden hast, um ein paar Fragen zu dir und deinem Schaffen zu beantworten. Ich selbst schätze deine Musik seit einigen Jahren und bin begeistert von der Tiefe deiner Lieder, der Kombination von Elementen des Slowcores und des Acoustic Folks. Seit wann machst du Musik und was fasziniert dich noch immer daran?
H. Gudjonsson: Meine ersten Erfahrungen mit der Musik waren im Grunde eher unglücklich. Als ich etwa acht Jahre alt war, wurde  ich von meinen Eltern zum Saxofon-Unterricht angemeldet und habe das – eher widerwillig – dann auch ganze sechs Jahre „durchgestanden“. Zu der Zeit hat mir das Musizieren nicht viel gegeben, man spielte vom Blatt, was der Lehrer einem vorgesetzt hatte, und war froh, wenn das nachmittägliche Üben beendet und die Eltern zufrieden waren, man sich also mit Dingen beschäftigen konnte, die Jungs nun mal so machen. Die Faszination für Musik entwickelte ich erst im Laufe der Pubertät. Ich habe gemerkt, dass Stift und Papier eine gute und einfache Lösung sind, um Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten, die man nicht mit seinen Freunden besprechen mag. Meine ersten Texte habe ich dann als Sänger in einer Schulband ausprobiert, Gitarre spielen habe ich mir erst beigebracht, als wir nach unseren Abschlüssen getrennte Wege gingen. Da war ich etwa 18, 19 Jahre alt. Im Laufe der Zeit ist das Musizieren dann zu einem wichtigen Teil von mir geworden, ich habe mehr und mehr herausfinden können, wie ich meine Gefühle in Melodien übersetzen und mit meiner skizzenhaften Art zu texten verbinden konnte.

Textbasis: Dass Musik nicht auf Text und Sprache angewiesen ist, bedarf eigentlich nicht der Erwähnung. Auch bei dir lebt das Lied in sich, lange instrumentale Passagen zeichnen oft den Charakter deiner Titel aus. In welchem Verhältnis stehen für dich Liedtext und Musik? Was gewinnt die Musik durch die Worte?
H. Gudjonsson: Das ist eine sehr spannende Frage, Sebastian! In meinem Verständnis sollten Liedtext und Musik immer eine Symbiose darstellen, sich aber gerne auch gegenseitig herausfordern und entwickeln. Soll heißen, dass ein sich zuspitzender, wütender Text musikalisch auch in dieser Form unterstützt werden sollte. Bei einem Titel wie „The Trees That Bend Around Me“, in dem die Strophen sehr deutlich durch Instrumentalparts voneinander getrennt sind, ist es mir zum Beispiel sehr wichtig, dass die Melodien emotional das zuvor Gesungene aufgreifen und der Hörer das Gefühl bekommt, dass Textebene und Musikebene untrennbar miteinander verwoben sind. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn man auch genauestens auf die Intonation des Textes achtet, Stimme und Text als Instrument wahrnimmt und auf die Musik abstimmt.

Textbasis: Entsteht bei dir zuerst die Melodie oder der Text, wenn du Lieder schreibst? Was inspiriert dich?
H. Gudjonsson: Es gibt kein bestimmtes Schema, nach dem ich vorgehe. Als ich anfing, Songs zu schreiben, habe ich immer erst die Texte geschrieben und im Nachhinein eine musikalische Untermalung dafür gesucht. Diese Art des Songwritings gibt einem die Freiheit, eine längere Geschichte in mehrere Lieder aufzuteilen. So ist mein erstes Album „The Mountain“ entstanden. Nach „The Mountain“ gab es eine Zeit der Schreibblockade und ich habe andere Ansätze des Songwritings ausprobiert. „The Trees That Bend Around Me” entstammt beispielsweise einer Art „Jam-Session”. Zusammen mit meiner Freundin Haruko spiele ich gerne „zwanglos“ improvisierte Versatzstücke/Themen. Einfach als Zeitvertreib … ab und an bleiben dann bestimmte Themen aus diesen Sessions hängen, wiederholen sich wieder und wieder im Kopf und während man grade das Abendessen zubereitet, bilden sich die ersten Worte zur Melodie. Inspiration bekommt man teilweise tatsächlich von alltäglichen Dingen. Grundsätzlich sind persönliche Erlebnisse und Gedanken über Mitmenschen und mich selbst aber die Hauptquelle meiner Songs.

Textbasis: Wenn man sich „The Trees That Bend Around Me” mehrmals anhört, verschmelzen Worte und Töne immer mehr. Durch die Wiederholung des Gitarrenmotivs und die spärlich vorgetragenen Worte verliert man sich im Ganzen. Dies ist etwas, das besonders der heutigen Pop-Musik der Mainstream-Industrie verlorengegangen ist. Was zeichnet für dich gute Musik aus, was hörst du selbst am liebsten?
H. Gudjonsson: Gute Musik ist ehrlich, hat Charakter und Stil. Leider eine äußerst selten zu findende Kombination und ein Grund dafür, dass mich wenig Musik richtig mitreißen kann. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre Musik für viele nur ein Mittel zur Selbstdarstellung. Das ist dann natürlich zum Scheitern verurteilt. Richtig mitreißen können mich Bill Callahan (alias Smog), Phil Elverum (alias Mount Eerie) und der leider kürzlich verstorbene Jason Molina (u. a. Songs: Ohia und Magnolia Electric Co.). Als ich vor elf Jahren zum ersten Mal „Mi Sei Apparso Come Un Fantasma“ von Songs: Ohia gehört habe, habe ich sofort gespürt, dass Jason Molina seine Songs „lebt“. Seine Texte bewegen mich noch heute und musikalisch hat er verstanden, dass man mit einfachen Mitteln große Gefühle ausdrücken kann. Das war eine prägende Erfahrung für mich und seither suche ich nach Musik, die eine ähnliche Seele hat wie die der Songs: Ohia Alben.

Textbasis: Auch für mich ist Jason Molinas Tod ein großer Verlust, die Welt hat mit ihm einen wunderbaren Musiker verloren. — Wenden wir uns dennoch wieder den Interviewfragen zu:  Sagen wir, du solltest Liedtext und Gedicht vergleichen. Worin liegen für dich die Stärken des einen, die Schwächen des anderen?
H. Gudjonsson: Ich muss zugeben, dass ich mich nicht besonders gut mit Gedichten auskenne und sie selten lese. Ich bin eher Romanleser. Nun weiß ich allerdings, dass die größte Stärke eines Liedtextes die ist, dass er direkt durch das Singen eine emotionale Ebene bekommt und seine Intention auf diese Weise schnell deutlich wird. Die Schwierigkeit bei Liedtexten allerdings ist, dass man phonetisch leicht an Grenzen stößt und seinen Text deshalb immer etwas nachbessern muss, damit er gut mit der Musik funktioniert. Hierbei muss man natürlich achtgeben, dass man die ursprüngliche Aussage nicht verfälscht. Dennoch ist man bei einem Liedtext nicht zwingend an Reimschemata oder Silbenanzahlen gebunden, das dürfte bei klassischen Gedichten sicherlich eine größere Herausforderung darstellen.

Textbasis: Was erwartet uns in Zukunft von dir und wann wird dein nächstes Album erscheinen? Wo kann man dich live sehen?
H. Gudjonsson: Wenn ich nur wüsste, was die Zukunft bringt! Die Arbeiten am „The Darkness And…“‑Nachfolger sind in Gange und ich hoffe, das Album bis zum Herbst fertigzustellen. Dann würde ich gerne eine kleine Tour machen, allerdings nur drei oder vier Termine in meinen Lieblingsstädten.

Textbasis: Zwei allgemeine Fragen zum Schluss: Was zeichnet Kunst für dich aus?, und: Was bewegt einen eigentlich, sich all den damit verbundenen Mühen auszusetzen? – Du hast pro Antwort einen Satz.
H. Gudjonsson: Kunst ist der Versuch der irdischen Tristesse zu entkommen. Warum das Ganze? Nun, der Mensch ist doch immer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens – für mich ist das Musikmachen zumindest etwas, bei dem ich mich nicht sinnlos fühle.

Textbasis: Vielen Dank für deine Antworten! Wie jede Woche freue ich mich, dass wir gemeinsam den Mittwoch wieder ein bisschen durch schöne Worte (und dieses Mal auch durch schöne Musik) aufwerten konnten. Wenn Ihnen das Verschmelzen von Wort und Ton, von Text und Musik, gefallen hat, empfehle ich Ihnen, ein Ohr zu riskieren und in die restlichen Lieder des Albums „The Darkness And…“ hineinzuhören. Es erwartet Sie Tiefe, die schwer und dunkel und nicht immer einfach und gewiss nichts fürs Nebenbei-Hören ist. Doch am Grund dieser Schwere und am Ende dieser Dunkelheit liegt Ehrlichkeit. Mich begleitet die Musik H. Gudjonssons mittlerweile schon ein paar Jahre: Ich kann Ihnen versichern, dass Sie ein guter Begleiter ist; nehmen Sie ihre Hand! Mit Klick auf folgende Links gelangen Sie zu den Seiten H. Gudjonssons und zu den aktuellen Veröffentlichungen. Bis zum nächsten Mittwoch – bleiben Sie lyrisch!


[Treffpunkt] Mainzer Minipressen-Messe 2013

Aktualisierung:

Tag 1 auf der Messe (Link)

Tag 2 auf der Messe (Link)

Tag 3 auf der Messe (Link) ← Ende

______________________________________________________

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Freunde,

vom 30.05.–02.06. findet in der Rheingoldhalle in Mainz die diesjährige Mainzer Minipressen-Messe statt. Sie stellt sich auf ihrer Webseite wie folgt vor:

360 Aussteller aus mehr als 15 Ländern und 10.000 Besucher bilden den größten Handelsplatz für Kleinverlagsbücher und künstlerische Pressendrucke.
4 Tage lang wird den Besuchern hier angeboten, was in den Werkstätten an teilweise Jahrzehnte alten Druckpressen produziert wurde: rund 10.000 Titel, davon 1000 Neuerscheinungen. Das Treiben an diesem zentralen Treffpunkt ist immer wieder ein kulturelles Ereignis: über 30 Kultur- und Fachveranstaltungen informieren über neueste Ideen und Trends für das Verlegen von Literatur und Kunst und sorgen für Unterhaltung. […] Ob im Bereich Multimedia, Hörbuch oder Internet – auf der Mainzer Minipressen-Messe erleben Sie die Autoren und ihre VerlegerInnen noch zum Anfassen.

Die Textbasis wird vom 31.05.–02.06. als Besucher in Mainz sein. Falls auch Sie auf der Messe sein werden – falls ihr, liebe Freunde, ebenfalls dort seid –, dann könnte man sich treffen und gemeinsam diese wundervollen Tage hinein in den Juni genießen – es wäre mir eine große Freude!

Bis Mainz!

Viele Grüße
Sebastian Schmidt

PS: Mehr Informationen zur Messe finden Sie hier, das virtuelle Ausstellerverzeichnis hier.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 6] Stefan Wirner – Romanze in der Tram

Der Mittwoch bringt schöne Verse, heute die des Germanisten und Journalisten Stefan Wirner. Ich freue mich, dass er zugesagt hat und der eher tristen Wochenmitte wieder einen Hauch lyrischer Laune beigibt. In 2011 veröffentlichte Stefan seinen Liebes-Reise-Gedichtband „Love To Go“, in den Jahren zuvor die Cut-up-Romane „Installation Sieg“ (1999), „Berlin Hardcore“ (2000) und „Schröderstoiber“ (2002). Auf seinem Blog Transvers erscheinen seit Januar weitere Gedichte in kurzer zeitlicher Abfolge. Ich freue mich, Ihnen eines seiner Gedichte hier auf dem textbasis.blog präsentieren zu können.
„Kein Freud ist ohne Schmerz“, schrieb Gryphius; und noch immer grüßt uns das Todesgedenken bei jedem genauen Blick hinein ins Leben mit eisigem Finger. Irgendwo schießen sich Menschen tot und kämpfen für irgendwas, anderswo kämpft einer um seine Liebe, für einen Kuss. Ungleiche Kämpfe: der eine endet mit Blut auf dem Feld, der andere mit Blut in den Wangen. Und doch: Die Tram fährt fort, ein Anruf steht noch aus, dort knallen bald noch die Gewehre, hier piepsen bald schon die Tastentöne des Mobiltelefons. Im Bewusstsein des Leides sich nicht von ihm verzehren lassen: Mit flinkfüßigen Reimen durch die Verse hopsen, am Ende zwar wieder in der Tageszeitung ankommen, doch wenigstens bis dahin alle Freude auskosten –

Romanze in der Tram

Er hat es,
das Strahlen des
Verliebten im
Gefühl des Sieges,

er kämpfte schon lang.

Sie glänzt ihn mit
großen, runden Augen an
und errötet dann.

Beim nächsten Halt
hüpft er aus
dem Abteil
und drückt ihr dabei
einen Kuss auf die Wang’.
„Ich rufe dich an.“

Ein sehnsuchtsvoller Blick
durch die schmutzigen Scheiben,
der Fahrtwind wirbelt
das Herbstlaub zurück.

Autos, ein Hupen,
sie senkt ihren Blick
und liest in den
Schlagzeilen vom Krieg.

Stefan Wirner

Stefan Wirner

Textbasis: Lieber Stefan, ich freue mich, dass du diese Woche am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Seit vielen Jahren schreibst du Gedichte, beruflich bist du tätig als Journalist. Was zieht dich immer wieder hin zu den Versen, wo unterscheiden und wo überschneiden sich eventuell auch Lyrik und Journalismus bei dir?
Stefan Wirner: Lieber Sebastian, erstmal vielen Dank für die Einladung. „Der lyrische Mittwoch“ ist eine wunderbare Idee, ich wünsche Dir viel Glück damit und viele interessante Gesprächspartner. Es ist mir eine Ehre.
Zu Deiner Frage: Der Journalismus befasst sich mit den alltäglichen Katastrophen und Ungerechtigkeiten dieser Zeit. Mit Politik, Wirtschaft und Macht, mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt. Der Journalist begibt sich selbst in diese Ebene hinein, er lebt in ihr und von ihr. Der Dichter hingegen sollte diese Ebene eher meiden. Denn Gedichte stehen von ihrer Natur her in Widerspruch dazu. Sie stellen per se einen größeren Einspruch dar, als jeder politische Kommentar in einer Tageszeitung es könnte. In einem Gedicht entsteht eine andere Welt, es transzendiert, wenn es gelungen ist, unser alltägliches Dasein. Ich meine damit nicht l’art pour l’art. Ich meine eine Lyrik, die etwas zur Sprache bringt von den anderen Möglichkeiten des Menschen.

Textbasis: Von den Konventionen des bloßen Kommentierens lösen sich ja auch deine drei Romane. Sie sind geprägt von der Montagetechnik William S. Burroughs’, einer experimentellen Methode, Texten neuen und anderen Sinn zu entlocken, sie gerade dadurch in ihrer Absurdität zu entlarven. Deine Gedichte hingegen wirken in sich ruhig und geschlossen. Gab es ein Umdenken, ein Umlenken in deiner Arbeit als Schriftsteller?
Stefan Wirner: Die Cut-up-Romane standen in engem Zusammenhang mit meiner journalistischen Tätigkeit. Sie waren vollständig durchdrungen davon. Damals wollte ich in Diskurse intervenieren. Dann aber habe ich mich wieder nach einem Ort gesehnt, der frei von alltäglicher Politik und von Nachrichten ist. Gedichte eröffnen diesen Raum, ich möchte sagen, diesen sakralen Raum. Es gab eine Zeit, da war es notwendig, die sakralen Räume der Gedichte zu zertrümmern. Sie waren nämlich zu Kitsch und zur Beweihräucherung und Verklärung schlechter Verhältnisse verkommen. In der Folge aber hat man das Gedicht völlig der äußeren Welt ausgeliefert und es zu einer Form des Journalismus degradiert. Dem möchte ich wieder etwas entgegensetzen. Nichts gegen den Journalismus, er hat eine grundlegende Funktion in der Demokratie. Das Gedicht aber muss seinen eigenen Ton finden, jenseits des Jargons des Alltäglichen.

Textbasis: Sprachlich muss es sich hervorheben, da stimme ich dir zu, aber das Gedicht muss doch immer auch hinein in den Alltag und dort das Besondere finden. So ist „Romanze in der Tram“ auch kein reines Liebesgedicht geworden, sondern es ist eingebettet in Weltgeschehen. Wie freudig der Moment für Liebenden und Geliebte in der Tram ist, draußen in der Welt herrscht der Krieg. Er weht nur mit einem Vers ins Gedicht, aber er ist da. Oft konnten wir in den Interviews des lyrischen Mittwochs lesen, dass gerade die Betonung des Subjektiven die Aufgabe der Lyrik sei. Welchen Herausforderungen muss sich deiner Meinung nach die Lyrik noch stellen?
Stefan Wirner: Die radikale Versenkung ins Subjektive ist die Basis des Gedichts. Aber es begnügt sich selbstverständlich nicht damit. Wenn das Gedicht im Subjektiven verharrt, ist es eher ein privates Tagebuch-Poem und sollte in der Schublade bleiben. Durch die Versenkung in das Subjektive versucht der Dichter, Aussagen über unsere Welt zu treffen, die allgemeingültig werden. In dem Sinne, dass der Leser etwas von seiner eigenen Welt darin wiedererkennt, bestenfalls deutlicher sieht und besser versteht.
Zu „Romanze in der Tram“: Als Subthema enthält dieses Gedicht das Verhältnis von Leben und Journalismus. Das Gedicht geht auf eine Beobachtung zurück. Ich sah ein innig flirtendes Paar in der Trambahn, verfolgte, wie der Mann aussteigen musste, die letzten sehnsuchtsvollen Blicke beim Ausstieg. Die Tram fuhr los, er winkte. Die Frau schien erfüllt von dieser Liebe, sie senkte aber, als ihr Geliebter außer Sichtweite war, ihren Blick und sah in die Zeitung. Ein niederschmetternder Moment. Dieser Augenblick der Liebe, der nach Unendlichkeit verlangte, wurde beendet mit Nachrichten vom Krieg, mit profanen Neuigkeiten aus der Innenpolitik, Artikel über wirtschaftliche Entscheidungen et cetera. Diese Beobachtung wollte ich festhalten, weil sie für die Art steht, wie wir heute leben.

Textbasis: Und die Art, wie wir heute leben, trifft der Titel deines Gedichtbandes mit seinem „to go“ treffend. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen Liebes-Reise-Gedichtband zu schreiben und zu veröffentlichen? Ist die „Romanze in der Tram“ das, was du dir unter einem Liebes-Reise-Gedicht vorstellst?
Stefan Wirner: Der Gedichtband „Love To Go“ beschreibt eine Bewegung, eine äußere und innere Reise. Jedes einzelne Gedicht kann für sich stehen, ergibt aber in der Folge mit den anderen diese lyrische Erzählung. Die Idee dazu entstand in einer Zeit, da ich mich mehr für die Probleme der Liebe als für die der Politik zu interessieren begann. Die Liebe ist ohne Zweifel eines der rätselhaftesten Phänomene. Schauen wir uns die Welt an: Kriege, Umweltzerstörung, religiöser Hass, Neid und Konkurrenz. Und dennoch lieben Menschen andere Menschen: Eltern ihre Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt, Partner ihre Partner, egal, welcher Hautfarbe und Herkunft und welchen Geschlechts. Das erstaunt mich immer wieder und versöhnt mich ein wenig mit den Menschen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du, dass du dich für einen Book-On-Demand-Dienst entschieden hast, um deinen Gedichtband zu veröffentlichen, da es schwierig sei, einen Verlag für Lyrik zu finden. Was macht es den Verlagen so schwer, Gedichte zu veröffentlichen, was müsste sich auch auf Leserseite ändern?
Stefan Wirner: Viele Menschen können mit Gedichten nichts anfangen. Lyrik verkauft sich schlecht. Da muss man nur einen Verleger fragen. Die meisten Lyrikbände sind entweder Projekte eines idealistischen Verlages, dem an der Sache liegt, oder es handelt sich um Bücher von Schriftstellern, die neben ihren kommerziell erfolgreichen Büchern auch Lyrik schreiben.

Textbasis: Reisen wir in die Zukunft, aber nur ein klein wenig. Die E-Books wirbeln den Buchmarkt durcheinander, das ist bekannt. Welche Chancen bietet das E-Book für Verlage, Dichterinnen und das Gedicht selbst?
Stefan Wirner: Zum E-Book selbst kann ich wenig sagen. Aber vielleicht zu den neuen Möglichkeiten, die durch das Internet entstehen. Heute kann ein Buch, das niemand verlegen will, über das Internet trotzdem seine Leser finden, wenn es der Verfasser klug anstellt und ein bisschen Glück dabei hat. Das ist doch eine gute Entwicklung. Eine Demokratisierung der Literatur, wenn man so will. Vergleichbar vielleicht mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder der Einführung des Taschenbuchs.

Textbasis: Unsere Reise geht weiter. Fernab in der Zukunft: Das Gedicht hat die langen Texte im Literaturbetrieb verdrängt. Was muss die Prosa tun, um wieder gleichzuziehen, welche Stärken muss sie ausspielen?
Stefan Wirner: Was mich zuweilen an zeitgenössischer deutscher Prosa stört, ist die sprachliche Unzulänglichkeit und die Unglaubwürdigkeit. Die meisten Texte werden der Welt nicht gerecht, die sie schaffen und beschreiben wollen. Sie sind in sich nicht authentisch. Etwa wenn der Verfasser so tut, als wüsste er, wie Gauß und Humboldt gefühlt und gedacht haben, an anderer Stelle dann aber sein Nicht-Wissen als modernen Kniff verkauft.
Wenn die Prosa nicht zu Fernsehliteratur verkommen will, muss sie sich wieder auf ihre ureigensten Stärken besinnen und nicht von den narrativen Möglichkeiten des Films und des Fernsehens träumen und versuchen, sie zu kopieren. Viele Bücher werden schon für die Verfilmung geschrieben, und am Ende weiß man nicht, was schlechter war: das Buch oder der Film. Zeitgenössische Prosa lässt sich meist in vier, fünf Sätzen zusammenfassen. Bei einem guten Gedicht ist das unmöglich. Wer mir nicht glaubt, kann es meinetwegen mit „Der Turmsegler“ von René Char versuchen.

Textbasis: Hoffen wir, dass es nicht zu einem solchen Übergewicht kommen wird, sondern dass Lyrik und Prosa zukünftig gleichauf einhergehen, beide mit kraftvoller Sprache und authentisch in ihrer jeweiligen Art. Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, lieber Stefan, für deine Teilnahme. Wenn Sie, angeregt durch Stefans Antworten, mehr wollen, dann besuchen Sie bitte Stefan Wirners Transvers-Blog und hüllen Sie Ihre Augen noch ein bisschen länger in seine Verse. Ganz im Fahrwasser der „Romanze in der Tram“ freue ich mich, dass durch die Zusammenarbeit mit Stefan diese Folge so schön geworden ist; gleichzeitig ist es schade, dass wir schon wieder am Ende des lyrischen Mittwochs dieser Woche angekommen sind. Warum Gryphius auch immer recht haben muss … Bleiben Sie lyrisch, bis zum nächsten Mal!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Nahdenken! #3] Weltbuchtag 2013: Buch, E-Book und Floppy Disk

Welttag des Buches 2013 Logo

Welttag des Buches 2013

Nicht nur, wenn es um die Wurst, auch wenn es ums Buch geht, scheint das Interesse der Menschen ungebremst und allen Entwicklungen zum Trotz nicht niederringbar zu sein. Am 23. April war es wieder soweit: Der Welttag des Buches und des Urheberrechts, kurz der Weltbuchtag, beglückte Bibliophile und Lesefreunde mit vielen Aktionen und unzähligen Artikeln in den Nachrichten, den Zeitungen und auf den Blogs. Auch der textbasis.blog gratuliert da natürlich dem Vielseitigen in ungestümer Euphorie: Juchheirassa! Hurra! Lang soll es leben! Judihui und Holdrio! [An dieser Stelle bitte ich Sie, sich ein effektvolles 3D Feuerwerk vorzustellen – die Einbindung von Pyrotechnik via HTML gestaltete sich schwieriger, als erwartet.]

Die letzte Rakete hat ihre Farben versprüht, das Nachhallen der Explosion wird immer leiser, die letzten Ahhs und Ohhs verfliegen langsam. Und doch möchte ich Sie bitten, noch ein bisschen mit den Gedanken im Himmel zu verweilen. – Denn flogen in den Tag-Clouds, den Wortwölkchen, vergangener Jahre Wörter wie „Seite“, „Papier“ oder „Einband“ um das zentrale Schlagwort „Buch“, so hat sich langsam das ehemals umkreisende Wörtchen „Text“ in die Mitte der Wolke gedrängt. Und um es herum schwirren nun in direkter Nachbarschaft nicht etwa wieder „Seite“, „Papier“ oder „Einband“, sondern „Text“ wird umwirbelt von „Buch“, „E-Book“, „Book-on-Demand“, „Self-Publishing“, „Start-Up“ und vielen anderen. Gerafft also: das Buch ist zum beiläufigen Schlagwort geworden, der medienneutrale Text hat sich im Zentrum positioniert. Das ist keine neue Erkenntnis, die noch nie gesehen wurde, natürlich nicht, denn zu keiner Zeit war jeder Text ein Buch, aber sie verdeutlicht: Das Buch hat es derzeit schwerer, denn Texte werden nicht mehr automatisch zu Büchern, nicht mehr zu Druck-Erzeugnissen.

In der Kolumne Nahdenken! werden die Sachen an den Hörnern geschüttelt, deswegen: Der Text hat das Buch schon lang nicht mehr nötig! Im ersten Nahdenken!-Artikel ging es bereits um das Thema Lesen, der heutige Artikel schließt direkt daran an. Ganz einfach formuliert: Wenn es nur darum gehen würde, dass Texte gelesen werden können, dann müsste nie wieder ein Buch gedruckt werden. Durch Internet, Vernetzung und Online-Bereitstellung, durch E-Book-Reader, Smartphone-Apps und nahezu ortsunabhängigen Datenzugriff könnte jeder Text beinah immer zugänglich gemacht werden. Betrachtet man es so, verwundert es in gewisser Weise, dass überhaupt noch Bücher gedruckt werden, dass es noch Menschen gibt, die ihren Lebensraum mit Gedrucktem in riesigen Bücherregalen verkleinern. – Sie spüren schon, diese Herangehensweise birgt in sich etwas Seltsames. Denn wie die Realität auch ist, so ist sie nun auch wieder nicht – und der Weltbuchtag heißt auch noch immer Weltbuchtag und  nicht Welttexttag.

Woher kommt es also, das Festhalten am Buch? Wären die Menschen Computer, welcher PC würde schon lieber die Floppy einwerfen, als den Download-Button anzuklicken? Wären wir Computer, dann würde es nicht verwundern, wenn das Buch als haptischer Informationsträger schwarzgekleidet zum letzten Gang aufgebrochen wäre. Aber, und das verdeutlich nun die rege Beteiligung am Weltbuchtag gerade wieder eindrucksvoll, das Buch scheint kein Schwarz zu tragen, es scheint in knallbunten Farben durch den Sommer zu spazieren. – Mit dem Online-Banking kann man die Sache nur schwerlich vergleichen. Denn auch da fand eine Auflösung statt, oft muss man nur noch eine kleine Plastikkarte mit Magnetstreifen in einen ebenfalls kleinen Computer schieben und schon ist das Geld weg. Wahrlich möchte ich keinesfalls den Numismatikern zu nahe treten, aber ich könnte mir vorstellen, dass ein Weltmünztag nicht die Begeisterung wie ein Weltbuchtag hervorriefe. Ich denke, dass viele Menschen froh darüber sind, nicht mehr alle Zahlungen mit Bargeld abschließen zu müssen, und auch der vollständigen Ablösung des Münz- und Scheingeldes nicht mit Rage und Ablehnung begegnen würden.

Darum also müsste das Buch eigentlich verschwinden, aber warum tut es das dann doch nicht? Denn obwohl der Mensch den Wegfall des Physischen (wie im Falle des Geldes) nicht immer bedauert, so ist er doch nicht Maschine durch und durch, nur auf effiziente Informationsverarbeitung bedacht. Denn was der KI abgeht, das ist die „Bibliophilhedonie“, weniger schwülstig: der Genuss am Lesen, die Ästhetik der Information, der Lustgewinn durch Unterhaltung. Bei Bildern stellt sich die Frage seltsamerweise nicht, das E-Picture hat das Gemälde nicht abgelöst. Und auch das Buch wird nicht abgelöst werden. Durch E-Books und medienneutrale Texte verliert nämlich nicht das Buch, sondern es gewinnt der Text. Der Text wird zugänglicher und platzsparender, aber das gereicht dem Buche nicht zum Nachteil. Denn E-Book und Buch sind keine Gegner, es sind Formen des Textes. Die eine hat Möglichkeiten, die die andere nicht besitzt. Das Buch in der Hand ist wie Wein statt Wasser. Und das E-Book fährt mit Kraftstoff auf der Überholspur am Pferdekarren vorbei. Wer wollte hier sagen, was besser ist: Wein oder Auto? Die Frage ist falsch! Manchmal muss man schnell ans Ziel, manchmal gibt man sich dem Schönen hin, hier besteht keine Konkurrenz, auch wenn uns die scheinbare Ähnlichkeit zwischen E-Book und Buch das glauben macht.

E-Book bleibt E-Book, und Buch bleibt Buch. Der Weltbuchtag feiert nicht den Sieg des Buches über die elektronischen Möglichkeiten seiner Verbreitung, der Weltbuchtag feiert das Buch als Objekt sinnlicher Lust, er feiert Folgendes: Dass die Menschen sich noch immer die Zeit nehmen, Geld für etwas auszugeben, das ihnen Platz wegnimmt und zu dem sie hingehen müssen. Der Weltbuchtag feiert den Genuss am Lesen, den Spaß am Buch, nicht dessen Vorherrschaft, nicht dessen Zurückgeworfensein. Daran will der Weltbuchtag uns erinnern: Die Zeiten ändern sich, auch die des Buches; die Menschen ändern sich ebenfalls, aber nie des Menschen Freude am Schönen. Denn da punktet das Buch jetzt und wahrscheinlich für immer: Das Buch bleibt die ästhetischere Variante des Lesens, nicht unbedingt immer die nützlichste – aber wann ging es in der Kunst schon ausschließlich um den Nutzen? Das Buch kam etwas spät zu uns, aber, und wer es einmal widerlegen kann, korrigiere mich bitte, das Buch verschwindet erst mit dem letzten Menschen wieder.