Schlagwort-Archive: lektorat

[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Sich von der Wucht der Poesie erschlagen lassen, auch diese Woche wieder – herzlich willkommen zur fünften Folge des lyrischen Mittwochs! Heute begleitet uns ein Gedicht von Andi, der seit vielen Jahren Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym „dergrund“ auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er zugesagt hat und des Mittwochs Schnödheit aufhellt durch den Glanz seiner Worte.
Wie oft hört man, dass die Liebe alles verändern könne – und wie oft hat man schon darüber gelesen. Dabei sind Wörter wie „Liebe“ mittlerweile nichts mehr als aufgeweichte Worthülsen: breit, breiig, schleimig. Und deswegen findet man „Liebe“ auch nirgends in Andis Versen. Was man hingegen findet, sind die Wirkungen dessen, was man gemeinhin dieser Sinnesregung intensiver Empfindungsoffenheit zuschreibt: Nämlich das Funkeln des Alltäglichen unter dem Schleier wunderbarer Verklärung. Wenn Himmel zu Lapislazuli, wenn Tränen Perlmuttropfen und Augen „sternförmige Strahlenpupillen“ werden, dann zeigt sich, wofür das Wort „Liebe“ zu leer geworden ist –

Sternförmige Strahlenpupillen

Diese Aufregung kenne ich nicht von mir
Wie ich auf sie zugehe – mit Herzklopfen
Sie, Sonnenschein umhüllt sie, sie ist so wunderschön

Ihre Augen
Sternförmige Strahlenpupillen, doppelte Zickzack-Sonnen
Frühlingsgrün und Himmelblau zugleich

Beidseitiger Sog zueinander hin
Magnetisch, magisch, trifft es nicht, unaufhaltsame, unaufhörliche
Sofortige Sucht nacheinander

Es ist plötzlich passiert, einfach passiert
Aus der Leichtigkeit heraus und deswegen umso unglaublicher
Es fühlt sich sowas von fantastisch normal, einfach natürlich
   zwischen uns beiden an

Es ist ein ehrliches und echtes
Ein gemeinsames, wunderbares und synchron starkes Gefühl
Unbewusst von uns beiden vorausgeahnt und jetzt elektrisierend
   bewusst, prickelnd

Ich schaue in ihre Augen, tiefer und tiefer und sie in meine
So dass wir die Zeit vergessen, atemlos aufgeregt sind
Sehnsüchtig die Berührung des Anderen erwarten und verlangen

dergrund

dergrund

Textbasis: Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Andi! Ich freue mich, dass du uns pünktlich zum Frühlingsbeginn diese luftlockeren Worte mitgebracht hast. Unübertrieben, leicht und frisch ist deine Sprache; stark und anschaulich deine Bilder. Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Erzähl uns doch bitte kurz etwas über dich und dein bisheriges Schreiben.
Andi: Lieber Sebastian, herzlichsten Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen kann und für deine lieben Worte über mein Gedicht.
Ja, die Worte müssen aus mir raus. Immer wenn ich stark fühle, egal ob positiv oder negativ. Es ist für mich eine Art des Verarbeitens des Geschehens, des Gegenwärtigen. Ich schreibe eigentlich nie über weit Vergangenes, Zurückliegendes. Trotzdem sind meine Texte nicht autobiografisch zu sehen. Das Echte in meinen Texten sind die Gefühle, die ich auslote, auskoste.
Ich bin 39 Jahre alt und ich finde es sehr interessant, dass sich meine Art, von Frauen zu schwärmen, die Art des Fühlens, wenn ich mich verliebe, im Vergleich zur Teenagerzeit nicht stark verändert hat. Der Körper wird älter und ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn mich meine Gefühle beflügeln. Aber der pure Ausdruck des Gefühls ist noch genauso wuchtig und mich mitreißend. Ich liebe diese Intensität.
Ich habe mit elf Jahren begonnen, Gedichte zu schreiben. Zum Glück hatte ich in meiner Schulzeit sehr gute Lehrer. Vor allem mein Deutschlehrer hat mich mit seiner Gedichtauswahl beeindruckt und für die Schriftstellerei begeistert.
Ich habe in der Folge Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher und philosophische Texte geschrieben. Meine Leserschaft war sehr klein und setzte sich aus meinem Freundeskreis zusammen. Damals in den Achtzigerjahren gab es kein Internet und dass an meinen Texten Verlage Interesse hätten, glaubte ich nicht.
2009 fand ich durch Zufall eine Künstler-Community auf Myspace. Diese setzte sich aus Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Das war eine sehr aufregende Zeit für mich. Wir inspirierten uns gegenseitig und konstruktive Kritik an meinen Texten half mir, mich weiterzuentwickeln. Leider sind die Myspace-Zeiten vorbei. Eine Plattform, auf der wir alle künstlerisch vereint waren, existiert nicht mehr. Jetzt sind wir über viele unterschiedliche soziale Netzwerke beziehungsweise Blogdienste verstreut.
2009 fand ich zudem den Mut, mich auch mit einem meiner Gedichte bei der Brentano-Gesellschaft für die Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts zu bewerben. Ich wurde aufgenommen und auch in den Folgejahren glückte es mir jedes Jahr, dass ein weiteres Gedicht mehr aufgenommen und von mir veröffentlicht wurde. In 2012 nahm eine sehr liebe und verehrte Freundin von mir, Emma Wolff, auch einen Text in ihrer Anthologie „Ein Leben mit Autismus“ auf. Ich selbst bin kein Autist. In meinem Text „Weltenrauschen“ beschreibe ich, wie ich sie im liebevollen Umgang mit ihrem Sohn, der das Asperger-Syndrom hat, wahrnehme.
Interessant finde ich, dass, wenn ich schreibe, ich einen Flow bekomme. Ich nenne diesen Flow auch meine „Mann auf dem Mond-Phase“. Ich bin für niemanden ansprechbar und höre auch niemanden. Ich bin von der Außenwelt abgeschottet und befinde mich tief in meinem Inneren. Ich denke, wenn mir dies in der U-Bahn passierte, dass dies sehr strange auf andere wirken würde, die mich nicht kennen.

Textbasis: Gleich hintenan noch die Frage, die sich vermutlich viele Leser stellen: Was hat es mit deinem Pseudonym „dergrund“ auf sich, und was möchtest du uns über deinen Entschluss verraten, nicht unter deinem bürgerlichen Namen zu schreiben? Was gewinnst du, was büßt du vielleicht auch manchmal durch diese Entscheidung ein?
Andi: Der Ursprung des „dergrund“-Blogs ist, dass ich auf Myspace meistens sehr positiv gestimmte Gedichte veröffentlicht habe und einen anderen Blog haben wollte, in dem ich düster, böse und verzweifelt sein konnte. Also die andere Seite des Lichts, der Dunkelheit in mir Ausdruck verleihen konnte. Mittlerweile ist der „dergrund“-Blog nun mein Hauptblog geworden.
Mit dem Pseudonym „dergrund“ verbinde ich mein Streben, im Kontakt mit meinem Innersten zu stehen. Wie Wurzeln im Boden Halt suchen, verankere ich mich mit meinem Innersten. Für mich war es wirklich ein harter Kampf, wieder zu meinem Innersten zu finden. Es mir einzugestehen, dass ich mich verloren hatte, war der erste Schritt, mich wieder zu finden, mich wieder zu entdecken. Aber wie konnte ich mich selbst verlieren? Sicherlich war mein Ehrgeiz, in allem erfolgreich sein zu müssen, der Grund, viele Jahre im Prinzip wie eine Maschine zu funktionieren. Karriere-Mechanismen sind durchschaubar und die Antizipation der Erwartungen, um erfogreich zu sein, erfordert nur ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dazu gehörte für mich wohl auch, die Verbindung zu meinem Innersten zu kappen.
Warum will ich anonym bleiben? In meinen Gedichten bin ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Erwartungen des Lebens. Frei von moralischen Grundsätzen. Ich kann mich in meinen Gedichten meinen Gefühlen und Träumen hingeben. Diese Offenheit wäre für mein direktes Umfeld möglicherweise zum Teil sehr irritierend. Auf der anderen Seite wahrscheinlich auch überraschend, wie tief meine Gefühle sein können.
Eine Einbuße wäre es sicherlich, wenn ich nicht mehr alles veröffentlichen könnte, was ich derzeit fühle. Wenn ich Angst haben müsste, dass alles, was ich schreibe, möglicherweise zwanghaft als wahr und autobiografisch gesehen würde. Also fühle ich mich unter „dergrund“ frei und trage keine Maske, außer die des Pseudonyms.

Textbasis: Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in deine Arbeit als Künstler. Während des Lesens von „Sternförmige Strahlenpupillen“ spürt man erotische Vibrationen, elektrisches Herzknistern. Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte und warum verschmelzen Liebe und Lyrik so gut miteinander bei dir?
Andi: Ich bin ein Schwärmer. Ich liebe das Leben und die Liebe. Das Gefühl, verknallt, verliebt zu sein, einen guten Flirt zu haben, das ist mein Doping.
Die Synthese von Liebe und Lyrik gelingt, glaube ich, nur, wenn die Gefühle ehrlich sind und nichts hinzufantasiert wird. Mir gelingt es zum Beispiel nicht, wenn ich etwas künstlich erzeugen möchte, etwas übertrieben sexuell verbal ausreize, wenn ich aus der Liebe ein Experiment in einem Textforschungslabor mache. Jegliche Effekthascherei führt zu Kitsch und wird als Unehrlichkeit vom Leser enttarnt. Lyrik ist keine Lüge, sondern der Versuch ehrlich, wahr zu sein.

Textbasis: Schweift man ein wenig durch die Gedichte auf deinem Blog, stellt man auch fest, dass nicht alle deine Texte geprägt sind von Heiterkeit und innerem Scheinen. In Fetzen skizzierst du oft die Welt. Das Fetzenhafte, das Herausgerissene, auch das begegnet uns in und zwischen deinen Versen. Welche Rolle spielt Lyrik, spielt Schreiben allgemein für dich im Umgang mit der Welt?
Andi: Keiner meiner Texte entsteht aus einer inneren Ausgeglichenheit heraus. Ich glaube, wenn überhaupt, gelingt es mir, im Leben ein dynamisches Gleichgewicht aus positiven und negativen Eindrücken zu halten. Ich bin ein Expressionist, der sich in einer Zentrifuge aus „gut“ und „böse“, „Licht–“ und „Schattenwesen“ dreht. Das Schreiben verbindet meine innere Welt mit der Äußeren. Das Schreiben ist die Brücke.
In meinen Texten stelle ich mich natürlich auch meinen „Dämonen“, aufwühlenden Alpträumen oder auch Misserfolgen jeglicher Art, um sie verarbeiten, um aus ihnen Gutes ziehen zu können. Das Leben ist Veränderung, und wenn es einen Traum in Fetzen zerreißt, kann ein Neuanfang das Beste sein, was einem im Leben passieren kann.

Textbasis: Würde das bedeuten, dass am Besten jeder Gedichte schreiben sollte, oder gehört mehr dazu, als Wörter einfach gedankenlos hinzuwerfen? Muss Lyrik immer Kunst sein, oder ist sie ebenso Mittel sanfter Selbst-Therapie, völlig unabhängig von dritten Augen?
Andi: Gedankenlos hingeworfene Worte beinhalten oft mehr Wahrheit als alle künstlich erdachten Wortkombinationen. Sie können ein gnadenloser Spiegel sein. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der noch nie ein Gedicht geschrieben hat, es zu wagen. Je öfter diese expressionistischen Übungen ausgeführt werden, umso dichter und purer können die dargestellten Emotionen werden. Der entscheidende Faktor, ob diese Texte dann als Kunst wahrgenommen werden, ist, wie intensiv und ehrlich die dargestellten Gefühle dem Leser erscheinen.
Gedichte schreiben ist für mich sicherlich eine Art Selbst-Therapie, aber auch ein Akt der Unabhängigkeit, ein Zeugnis der inneren Freiheit.

Textbasis: Ich hoffe, dass sich viele Dichterinnen und Dichter in spe deine Ermutigung annehmen! Wo ziehst du der Lyrik dennoch eine Grenze?
Andi: Die Lyrik kann das Leben nicht ersetzen. Gedichte sind oft nur entschlüsselbar, ihre Botschaften werden für mich erst hörbar, wenn ich in die selben Lebenssituationen gerate, wie der Dichter, der sie niederschrieb. Und dann sind sie Balsam für meine Seele.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Viele deiner Texte werden von Bildern oder Bildvariationen begleitet. Sind die Bilder Teile des Gedichtes, der Text ein Teil der Bilder? Wie unterstützen Bilder das schwarze Wortleuchten?
Andi: Ich bin mir da selbst noch nicht sicher.
In letzter Zeit fotografiere ich sehr gerne und editiere die Bilder, verfremde sie, bis aus ihnen etwas Neues entsteht. Vielleicht das, was ich eigentlich gesehen habe in dem Moment, als ich das Foto geschossen habe.
Und die Gedanken, die mir dabei in den Kopf kommen, schreibe ich dann auf …

Textbasis: Und damit ist leider auch der schönste Teil des Mittwochs wieder zu Ende. Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Andi für das Gedicht und dass er sich die Zeit genommen hat für die spannenden Antworten. Ich hoffe, dass auch diese Woche wieder viele Anregungen und Gedanken für Sie im Text steckten, die Sie neugierig auf mehr Lyrik, auf mehr Sichtweisen anderer Künstler machen. Und die in Ihnen eine Frühlingslust der Poesie erwecken, um selbst die schönsten Verse zu dichten. Wenn Sie vor dem Scheiben noch ein paar Lustimpulse brauchen, oder den Drang nach mehr lyrischem Genuss verspüren, folgen Sie dem Link zu Andis Gedichtblog und lassen Sie sich ein bisschen in der Zeit verwehen. Bis zur nächsten Folge, Lyrik ahoi!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 4] Maya Rinderer – nach der leiche

Sieben Tage seit dem letzten Gedicht! Zeit für neue lyrische Kost und damit herzlich willkommen zur vierten Folge des lyrischen Mittwochs auf dem textbasis.blog. Mit Freude darf ich Ihnen dieses Mal die österreichische Dichterin und Autorin Maya Rinderer vorstellen. Ihre Gedichte veröffentlicht sie regelmäßig auf ihrem Lyrik-Blog, ihr Debüt-Roman „Esther“ ist bereits 2011 erschienen. Derzeit arbeitet sie an einem Gedichtband mit dem Titel „An alle Variablen“, der voraussichtlich im Juni dieses Jahres erscheinen wird, sie schreibt Kurzgeschichten, feilt an einem Theaterstück und konzipiert ein Drehbuch für eine Miniserie. Mit vollem literarischem Schub gibt sich Maya dem Schreiben hin und ich bin froh und dankbar, dass sie diesem Interview so kurzfristig zugesagt hat.
Das Gedicht „nach der leiche“ zeigt uns, wie intensiv die Beziehung zwischen Autorin und Gedicht ist. Oftmals gleicht sie einem Krimi – man begibt sich auf die Suche, man inspiziert und manchmal seziert man auch: sich selbst. Bereit sein zu finden, Teile von sich zu verpacken, den Preis für die egopathologische Arbeit zu zahlen, sich selbst wie den Satzfluss zu verlieren. Fragment um Fragment bergen, weitermachen, weiterschreiben, heraufholen, was es da unten in sich gibt; und am Ende den Fall auflösen: blut- und emotionsverschmiert sich selbst erkennen –

nach der leiche

ich schreibe mir einen weg durch
durch mein ich schreibe mir
hast du mich unter dem boden gefunden
was hast du mit meinem körper gemacht
ihn in zeitungspapier eingewickelt

ich schreibe mich durch und auch
streiche ich mich durch und durch
werde ich niemals sein wenn du mich
nicht freilässt mir nicht vertraust
dass ich schon weiß was für

ich schreibe das beste für mich wäre
was das beste für mich schreiben
hast du meinen körper auseinander
genommen um zu sehen was
überhaupt in ihm drin ist wie er

ich schreibe mir einen weg durch
weg durch mein leben durch meinen
körper den du in zeitungspapier
ich pflücke mich auseinander damit ich
mich von innen heraus verstehen kann

Maya Rinderer

Maya Rinderer

Textbasis: Vielen lieben Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Maya, es ist toll, dein Gedicht hier auf dem Blog vorstellen zu können. Dein Text nimmt uns mit auf eine intensive, in blutiges Zeitungspapier verpackte Reise, die beschreibt, wie nah Schreiben immer mit dem eigenen Empfinden und Fühlen verbunden ist – und wie schwierig es sein kann, sich selbst wirklich zu finden. Was bedeutet Schreiben für dich und wann hast du deine Leidenschaft für Wort und Text entdeckt?
Maya Rinderer: Vielen Dank für die Anfrage, beim lyrischen Mittwoch mitzumachen! Ich habe einmal gehört, dass Autoren nie über das Schreiben schreiben sollten, aber genau das tue ich, um seine Bedeutung verstehen zu lernen, die ist nämlich so riesengroß in meinem Leben, dass es mir schwerfällt, sie zu erklären. Es ist diese Art, in Geschichten zu denken, das tue ich, seitdem ich klein bin. Bevor ich schreiben konnte, habe ich meine Texte meinen Eltern einfach diktiert. Sobald ich selber schreiben konnte, begann ich, alle Möglichkeiten zu erforschen, ich begann Wörter zu sammeln, die sich reimen, experimentierte mit Onomatopoesie, schrieb auch längere Geschichten, aber mein Traum war es immer, einen Roman zu schreiben. Die Bedeutung des Schreibens liegt für mich darin, dass ich es tun muss, weil all die Ideen und Gedanken, die ich habe, verarbeitet werden müssen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe.

Textbasis: Dein Debüt-Roman „Esther“ ist vor zwei Jahren erschienen, du arbeitest gerade an einem Gedichtband – und schreibst dabei noch an zahlreichen anderen Projekten. Wie sehr beeinflusst das Schreiben dein Leben und was inspiriert dich, was treibt dich an und woher bekommst du all die Ideen für deine Texte?
Maya Rinderer: Einfach zu leben gibt mir so viel, worüber ich schreiben kann. Ich höre zum Beispiel Dialoge oder Gedichtzeilen in meinem Kopf, ohne bewusst darüber nachzudenken, alles was ich tun muss, ist sie aufzuschreiben und daraus einen fertigen Text zu bauen. Weil ich Angst habe, irgendwelche Ideen verpassen zu können, habe ich immer ein Notizbuch dabei. Die Menschen in meiner Umgebung sehen mich ständig schreiben. Man könnte sagen, dass das Schreiben mein Leben bestimmt, aber mir macht das nichts aus, weil ich es so gerne tue.

Textbasis: Vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in dein künstlerisches Schaffen gewährt hast. Wie ich „nach der leiche“ verstehe, hält uns dein Gedicht einen Spiegel vor, der uns zeigt, was eigentlich passiert, wenn wir versuchen, unser Inneres niederzuschreiben. Welche Rolle spielt die Lyrik, spielen Gedichte überhaupt noch in einer Zeit, in der alles immer schneller wird, in der Gefühle zu Emoticons werden?
Maya Rinderer: Ich habe einmal geschrieben „Gesichtsausdrücke sind auch nur Satzzeichen“. Damit will ich sagen, dass man die Gefühle schreiben kann, sie aber nur eine Annäherung, ein Porträt der Wirklichkeit sind. Das versuche ich mit meinen Gedichten, ich will, dass die Menschen sich darin wiederfinden können. Man könnte sagen, dass in „nach der leiche“ das Schreiben zu weit ging, das Unbewusste aufgedeckt hat, weil das Schreiben die Seele freilegt.

Textbasis: Viele Gedichte auf deinem Blog verwandeln scheinbar alltägliche Situationen in Wortdimensionen lyrischen Empfindens, wie du zuletzt mit „vogelperspektive“ erneut wortstark vorgeführt hast. Nun stammen die Gedichte auf deinem Blog aus den Jahren 2011 und 2012, dein neuer Gedichtband ist für Juni 2013 geplant. Was erwartet deine Leser, wenn sie diesen Sommer deine neuen Verse genießen?
Maya Rinderer: Die Gedichte in „An alle Variablen“ sind anders als die, die ich im Blog poste, formal und teilweise inhaltlich. Diese hundert Gedichte sind zusammengesetzt eine lange Geschichte wie in einem Roman, ich verarbeite darin genaugenommen meinen Schulalltag, meine Freundschaften. Vielleicht ist es mir sogar gelungen, zu zeigen, wie die heutige Jugendgesellschaft ist. Ich zitiere häufig meine Freunde, erzähle von wahren Begebenheiten, dann geht es wieder um Ängste und die Zukunft und dass wir uns jeden Tag von Neuem eine Utopie zu bauen versuchen.

Textbasis: Ich denke, dass dies eine gute Umschreibung der Lyrik ist: Einerseits die eigenen Gefühle zu verarbeiten und andererseits die alltäglichen Utopien zu durchleuchten. Nähern wir uns der Lyrik einmal von einer anderen Seite. Wenn du entscheiden müsstest: Welche Jahreszeit ist die Lyrik?
Maya Rinderer: Ich schreibe viel über Regen. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst, aber Lyrik ist wie Sommerregen.

Textbasis: Der Vergleich lädt zum Träumen ein! Gibt es neben deinen Gedichten und begonnenen Projekten schon weitere Ideen für neue Texte? Was hält die Zukunft für uns aus deiner Feder bereit? Was sind deine langfristigen literarischen Pläne und Wünsche?
Maya Rinderer: Neben dem Roman, an dem ich derzeit arbeite, habe ich auch eine fast ausgereifte Idee für eine Fortsetzung für „Esther“ aus der Perspektive der sogenannten dritten Generation, zu der ich auch gehöre, den Enkeln von Holocaustüberlebenden. Gedichte schreibe ich auch weiterhin. Mein Traum ist es, genug Material zu sammeln, um die Geschichte meiner aus Syrien stammenden Großmutter niederzuschreiben.

Textbasis: Ich wünsche dir, dass du diesen Traum wahr werden lassen kannst. Zum Abschluss noch eine etwas andere Frage. In einer Kunden-Rezension auf der Webseite eines großen Online-Versandhauses kann man begeisterte Worte zu deinem Roman „Esther“ lesen. Wie sind die bisherigen Reaktionen deiner Mitmenschen auf deine Liebe zur Sprache und auf deine Texte?
Maya Rinderer: Die Reaktionen auf das Buch waren ganz verschieden. Ich habe viel Unterstützung bekommen, es gab aber auch Menschen, die meinten, es sei eine Anmaßung, über das Thema des Holocaust zu schreiben, wenn man zwölf Jahre alt ist und ihn nie selber erlebt hat. Ich schätze jede Kritik und möchte dennoch betonen, dass es für mich das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist, dieses Buch zu schreiben. Erst dadurch habe ich gelernt, mit der Vergangenheit meiner Familie umzugehen.

Textbasis: Mit diesen Worten der jungen, vielversprechenden Autorin Maya Rinderer sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Wie immer gilt mein Dank der Autorin für das Beantworten der Fragen und das Bereitstellen des Gedichtes. Ohne Mayas freundliche und schnelle Zusage hätte der lyrische Mittwoch diese Woche aus organisatorischen Gründen ausfallen oder verschoben werden müssen. Herzlichen Dank für die professionelle Zusammenarbeit und dein Engagement! Und für die Zukunft natürlich alles Gute und viel Erfolg bei der Umsetzung deiner Pläne und Träume!
Möchten Sie weitere Gedichte der Autorin lesen? Besuchen Sie bitte Ihren Lyrik-Blog und erleben Sie noch mehr Nahaufnahmen von Bekanntem aus ganz anderen (Innen)Perspektiven. Viel lyrisches Vergnügen, bis nächste Woche!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #2 – Einfallsreich und klar schreiben

Schon einige Zeit ist vergangen, seit der erste Artikel in der Reihe „Alter Grieche!“ erschien. In jüngster Vergangenheit nahmen die Vorstellung des lyrischen Mittwochs und die Hinwendung zum Lyrischen breiten Raum ein. Zeit, auch einmal wieder die älteren Kategorien aufleben zu lassen.

Nun also erneut zum alten Griechen Aristoteles. Immer wieder erstaunlich ist es, dass man bei jedem Aufschlagen seiner Poetik fast sofort die besten Hinweise für gutes Schreiben findet. Natürlich, der Staub muss hier und da ein bisschen beiseite gepustet werden. Ebenso wollen seine Ausführungen, damit sie nützlich sind für modernes Schreiben, ein wenig unserer Zeit angepasst werden. Mit der bereits im ersten Artikel vorgestellten Methode, ein Zitat auszuwählen und ausgehend von diesem die Gedanken frei wandern zu lassen, soll auch heute wieder ein bisschen über stilvolles Schreiben nachgedacht werden. Hier das Zitat:

„Die vollkommene sprachliche Form ist klar und zugleich nicht banal. Die sprachliche Form ist am klarsten, wenn sie aus lauter üblichen Wörtern besteht; aber dann ist sie banal. […] Die sprachliche Form ist erhaben und vermeidet das Gewöhnliche, wenn sie fremdartige Ausdrücke verwendet. […] Doch wenn jemand nur derartige Wörter verwenden wollte, dann wäre das Ergebnis entweder ein Rätsel oder ein Barbarismus.“1

Zum besseren Verständnis ersetze ich die „vollkommene sprachlich Form“ mit „guter Text“. Die „fremdartigen Ausdrücke“ werden zu „ungewöhnlichen Wörtern und Formulierungen“. Zu guter Letzt verwandelt sich der „Barbarismus“ in „Kauderwelsch“. Sodann entnehmen wir dem Zitat, dass die besten Texte diejenigen sind, die mit geistreichen Formulierungen aufwarten, diese jedoch mäßig und bewusst einsetzen und deswegen immer klar und verständlich bleiben.

Die nützlichsten Tipps sind immer die einfachen. Diese Eigenschaft teilen sie mit Einfällen und Rezepten. Denn obwohl das, was Aristoteles dort schreibt, schon fast trivial anmutet, vermisst man doch allzu oft, dass sich Autoren an seine Worte erinnern. Woran liegt das? Nun, ich meine, dass es daran liegt, dass ein guter Rat schnell gegeben, die Durchführung jedoch meist ungleich schwieriger ist. Denn jeder weiß, dass ein verständlicher Text besser ist als ein unverständlicher; nur scheitert es meist an der eigenen Umsetzung. Doch indem wir ein bisschen genauer hinsehen, kann sich das leicht ändern lassen.

Ich habe die Verallgemeinerung „guter Text“ gewählt, weil ich alle Texte einbeziehen möchte. Vor allem geht es mir um die Sach- und Fachtexte, die von Aristoteles’ Hinweisen am meisten profitieren können. Klarheit und Verständlichkeit stehen bei Fachtexten an oberster Stelle. Denn wo wir in der fiktionalen Literatur oft sogar gern ein „Rätsel“ oder manchmal ein bisschen „Kauderwelsch“ haben, da ärgern wir uns in Fachtexten umso mehr darüber. Möglicherweise stellt sich Ihnen hier die Frage: „Wenn aber der Fachtext möglichst klar sein soll, warum soll er dann ‚ungewöhnliche Wörter und Formulierungen‘ enthalten?“

Die Frage ist berechtigt und ich versuche sie mit folgenden Ausführungen zu beantworten. Dazu sollen vier Arten von Fach- und Sachtexten genannt und vorgestellt werden: die Gebrauchsanleitung, der Lexikoneintrag, der wissenschaftliche Aufsatz und der kurzweilige Ratgeber. In der Aufzählung ist schon eine gewollte Hierarchie enthalten, die schrittweise von den bloßen Fakten hin zur Möglichkeit kreativen Schreibens führt. Dokumente aus der Technischen Dokumentation tun gut daran, wenn sie mit möglichst „banalen“ Wörtern und anschaulichen Grafiken das höchste Maß an Klarheit erzielen. Über schlampige Gebrauchsanleitungen hat sich schon jeder einmal geärgert, umso besser, dass in diesen nicht noch versucht wird, das Beschriebene verblümt oder gar metaphorisch auszudrücken! So viel Kunstfertigkeit die Erstellung von Dokumenten der Technischen Dokumentation erfordert, so wenig möchte man vom Stil des Autors in ihnen lesen, sie müssen funktionieren und stimmen, mehr nicht. („Lasten bewegen: Spannen Sie die Pferde vor den Wagen und sagen Sie ‚Hüh!‘“)

Dies ist der eine Fall, den ich von Aristoteles’ Überlegungen also ausschließen möchte. Doch schon bei einem Lexikoneintrag sieht die Sache anders aus. Obwohl oft kurz und auf den Punkt, besteht dort schon eher die Möglichkeit, neben allem Relevanten auch das weitläufig Interessante einzubinden, in Form von geistreichen Vergleichen beispielsweise. („Zwei Pferde können Lasten bis zu x Tonnen bewegen und verbrauchen damit in etwa y Liter Kraftstoff auf 100 Kilometern“ – etwas subtiler vielleicht, je nach Lexikon.) Durch die „ungewöhnliche Formulierung“ des Kraftstoffverbrauches der Pferde wird die Schwerfälligkeit etwas genommen. Davon kann auch der wissenschaftliche Aufsatz profitieren.

Dieser besteht oftmals aus vielen Fachwörtern, die das Verständnis für Laien kompliziert machen. Doch nicht nur Laien haben manchmal Probleme mit Texten, in denen sich Fachtermini häufen. Eine Anekdote: Am Anfang unseres Philosophie-Studiums sagte unser Professor sinngemäß, dass die Angst vieler Menschen vor der Philosophie daher stamme, dass sie meinten, sie nicht zu verstehen. Dabei läge es viel öfter daran, dass lediglich viele Autoren nicht in der Lage wären, sich verständlich auszudrücken. – Denn Verständlichkeit, auch im wissenschaftlichen Bereich, wird nicht nur durch die Häufung von vielen Fachbegriffen hergestellt. Lebhafte Sprache, lebendige Satzkonstruktionen, anschauliche Vergleiche, pointierte Zusammenfassungen etc. erleichtern das Lesen und verankern das vermittelte Wissen genau dort, wo es ankommen soll: nicht nur auf dem Papier, sondern in den Köpfen der Leser. („Daraus lässt sich folgende Überlegung ableiten: Kraft und Energie spielen immer eine entscheidende Rolle. Wir könnten Kraftstoff sparen, wenn wir Pferde statt LKWs nutzten, das ist wahr. Wenn aber die Fohlen während des Pferdwerdens nicht verhungern sollen, ist es notwendig, dass der Futter-Lastkraftwagen stets rechtzeitig ankommt.“)

Diese lockere Sprache schafft Sympathie und verankert den Gedanken durch ein Bild im Kopf des Lesers. Zwar ist die Zielgruppe wissenschaftlicher Aufsätze gerade eine, die eventuell auch weitergelesen hätte, wenn der Text staubtrocken gewesen wäre, aber warum sollte man dies herausfordern? Ein bisschen Esprit und Schwung im Text, die schaden nie (Gebrauchsanleitungen ausdrücklich ausgenommen!) Anders als der wissenschaftliche Artikel tritt der Ratgebertext auf. Er kann am stärksten von Aristoteles’ Empfehlungen profitieren.

Denn im Gegensatz zu den Zielgruppen von Gebrauchsanleitungen und wissenschaftlichen Aufsätzen sollen im Ratgeber speziellere Personenkreise angesprochen werden („Trendyoga jetzt!“, „Lieber gar keine Spatzen und Tauben: Anlage extrem!“, „Die Shopping-Diät“). Diese Leser wollen Infotainment, eine kurzweilige Sprache, Lesespaß und Information. Was schon im Text staubt, wird im Regal noch staubiger. Ratgeber müssen den jeweiligen Zielgruppen angepasst werden: die Wortwahl eher konservativ oder frisch? Ist das Buch mit dem Leser schon beim Du? etc. Jeder Einfall, der den Inhalt einprägsamer, den Satz leichtfüßiger macht, zahlt sich aus. Nie Kauderwelsch im Ratgeber, aber auch nie das Banale: einfallsreiche Antworten in klarer Sprache. („Keine Lust auf Laufen und trotzdem Benzin sparen? Kaufen Sie ein Pferd!, oder sparen Sie sich die Kosten für Ross und Reiter und fahren Sie weiterhin mit dem Auto. Tun Sie einfach, worauf Sie Lust haben – Geld kostet Sie das Leben sowieso immer. Gehen Sie also nicht auch noch zu Fuß, das wusste schon „Big B“, Onkel Benjamin Franklin.“)

Wer auch immer Ihre Leser sind, geben Sie ihnen, was auch Sie erwarten: eine schöne Zeit beim Lesen (und das gilt dann auch wieder für Gebrauchsanleitungen, nämlich genau dann, wenn sie funktionieren). Gruß aus Griechenland, bis bald!

_______________________________________________
Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 71f.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8


[Der lyrische Mittwoch, Folge 3] Wolfgang Schnier – Zeitläufe

Herzlich willkommen zur dritten Folge des lyrischen Mittwochs! Dieses Mal begleiten uns das Gedicht und die Antworten des Dichters Wolfgang Schnier durch den Artikel. Wolfgang lebt im kleinsten Bundesland der Republik und betreibt den Tintenblut-Blog, der sich seinem schriftstellerischen Schaffen widmet und auf welchem er regelmäßig neue Literatur veröffentlicht. Über ihn selbst liest man, dass er mit seinen Texten stets einem erhofften Happy End hinterher schreibt, dem Gedanken, „wir hätten doch ein besseres Leben verdient“, und dem Wunsch, „die Zeit würde nicht so schnell davon galoppieren“. Nach zehn Jahren Studium und Reise um die Welt ist er in seine Heimat zurückgekehrt, in der er gern Bücher liest, „bei denen man noch umblättern kann“, und aus der heraus er seinen Inspirationen für eigene Lyrik und Prosa folgt. Ich freue mich, ihn heute hier auf dem textbasis.blog begrüßen zu dürfen!
Der Wunsch nach einem Happy End ist immer auch der Wunsch nach Ruhe, zumindest am Ende. Dem Lauf der Zeit das Monotone der beruhigten Gewissheit anheften. In einer einfallsreichen Variation des Hirtenmotives blinken die Sterne der Ewigkeit auf uns herab. Keine Bedrohungen aus den Schatten, keine wilden Tiere und auch keine Helden zwängen sich durch das Bild der farbinvertierten Schafherde. Ganz ruhig existieren, die Idylle der Unaufgeregtheit genießen –

Zeitläufe

Ich sah einen Schäfer weit oben auf dem Hügel stehen,
die Sonne hing hinter ihm am Abendhimmel.
Ich sah vereinzelt Sterne blitzen,
gestern, heute, fern und doch so nah.

Die Schafe auf dem Hügel waren alle schwarz,
nur eines nicht, eines sah ich, das war weiß.
Und das mümmelte am Ampferstock.

‘Hallo auf der anderen Seite der Schatten’,
rief der Schäfer. So stand ich da und lauschte
in den Abendhimmel hinein.
Und wartete bei den Schafen.

Doch es kam kein Wolf. Und kein Schaf ging verloren und
kein Held wurde geboren. Ich schaute dem Schaf beim Schmatzen zu.

Und das Schaf wurde nicht schwarz und
kein Schaf wurde weiß.
Und der Schäfer stand unter den Sternen,
gestern, heute, nah und doch so fern.

Wolfgang Schnier

Wolfgang Schnier

Textbasis: Um die Welt gereist und nach Hause zurückgekehrt. Ich freue mich, dass ich heute dein Gedicht „Zeitläufe“ hier vorstellen darf, welches mich seit dem ersten Lesen sofort mit seiner Klangtiefe und nachhallenden Ruhe fasziniert hat. Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Wolfgang! Man sagt, wer eine Reise tut, der könne viel erzählen. Und du hast die Welt gesehen, bist unterwegs gewesen. Nun ist das Erzählen ja nicht unbedingt die Hauptdomäne der Lyrik. Wo bist du überall gewesen und wie beeinflussen dich deine Reiseerfahrungen beim Verfassen von Gedichten, oder gibt es da gar keine Verbindung?
Wolfgang Schnier: Walter Benjamin beobachtet an Leskow zwei Erzählertypen. Der eine ist viel herumgereist und kann von weit entfernten Orten berichten. Der andere Erzähler ist auf seiner Scholle verwurzelt und kann von der Weisheit des Ortes erzählen, dem er sich verbunden fühlt. Daran knüpfte ich ein wenig bei der Beschreibung an: Dies sind Idealtypen, die sich miteinander vermischen und gegenseitig ergänzen. Ich habe einige Zeit in den USA gelebt und habe diese Eindrücke mit nach Hause gebracht. Diese speziellen Reiseerfahrungen spielen bei meinen Gedichten jedoch selten eine Rolle, ich schreibe keine Reise-Lyrik. Gedichte, denke ich, spiegeln etwas zutiefst Subjektives und Individuelles wider. Gedichte sind Ausdruck und Verankerung des Individuellen – und darin gebrochen lässt sich das Allgemeine erkennen. Ich schreibe heute andere Gedichte als vor meiner Zeit im Ausland, somit spielen Reiseerfahrungen eine Rolle hinsichtlich der Lebenserfahrung. In einem Gedicht schaue ich aber tatsächlich zurück auf meine Zeit in den USA. Es ist auch bislang mein einziges Gedicht in englischer Sprache.
Es stimmt schon, dass Gedichte nicht in erster Linie etwas erzählen. Jemand schrieb jedoch mal, das Gedicht „spricht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre“. Dadurch eröffnet sich eine ganz weite Erzähl-Perspektive der Dichtung. Ein Gedicht gibt Raum zum Träumen – und erzählt damit vielleicht dem Gegenüber von Dingen, die er oder sie schon längst verdrängt oder aufgegeben hat. Das Gedicht erinnert das Du an seine Individualität. Und daran, dass es sich noch zu träumen lohnt. Davon handelt Dichtung.

Textbasis: Du schreibst, dass du sowohl Gedichte als auch Prosatexte verfasst. Für mich ist immer die Frage interessant, was die Grundlage für die Entscheidung ist, wie man seine Gedanken ausdrückt. Gibt es überhaupt ein Abwägen oder drängt sich die Art und Weise einfach auf? Intuition oder Nachdenken?
Wolfgang Schnier: Das ergibt sich von selbst, finde ich. In einer meiner Schubladen zum Beispiel liegt ein halbrohes Drama, das sich um einen einzigen Dialog herum gruppiert hatte. Eigentlich wollte ich nur dieses eine Zwiegespräch dokumentieren, das mir im Kopf herumschwirrte, letztlich wurden daraus 15 Szenen auf über 50 Textseiten. Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dem Ganzen eine andere Form zu geben. Mir fallen andere Entscheidungen ungemein schwerer, zum Beispiel: Welche Erzählperspektive? Und bei Gedichten: Spricht ein lyrisches Ich oder ein lyrisches Du – oder spricht sich das lyrische Ich in dem Du vielleicht selbst an? Und kann man das irgendwie vielleicht offen lassen? Diese Fragen treiben mich mehr um. Allerdings muss ich auch sagen, dass bei mir die Prosa einen kleineren Teil einnimmt als die Lyrik. In der Prosa finde ich den Brief sehr reizvoll, wenn man ihn darunter zählen mag. Wie das Gedicht hält auch der Brief auf ein Du zu, ist persönlich und, so wie ich ihn verstehe, ein Stück weit Ausdruck von Individualität. Aber das führt nun etwas zu weit weg. Ich denke, man kann den ein und selben Gegenstand schon mit verschiedenen Textsorten bearbeiten. Aber man wird zu anderen Ergebnissen kommen.

Textbasis: Diese Erläuterungen sind plausibel, denn die ursprüngliche Textidee scheint oft verbunden zu sein mit der Textsorte. In deinem Gedicht steht der Schäfer bei den Schafen, aber er ist allein. Weder die „schwarzen Schafe“ machen Ärger noch wird ein „Held“ gebraucht. Den Zeitläufen setzt du eine scheinbare Idylle der Geborgenheit entgegen. Bedeutet Schreiben für dich – gleich in welcher Form – die Möglichkeit, dem unaufhaltsam Progressiven das Fixe des Textes entgegenzusetzen, ein bisschen das Schnelle aus unserem Alltag herauszunehmen? Oder ist diese Herangehensweise eher auf „Zeitläufe“ beschränkt?
Wolfgang Schnier: Der Sinn von Sprache ist die Dichtung, sagte mir mal jemand. Sie bietet, finde ich, in einer verwalteten Welt ein Residuum, das einem die Möglichkeit eröffnet, sich den alltäglichen kulturindustriellen Zumutungen zu entziehen. Wenn die Welt zu einer Verwahranstalt nicht erfüllter Träume wird, wartet womöglich der Mensch darauf, dass ein äußeres Ereignis ihm eine Sinnstiftung zukommen lässt, das ihm eine Daseinsberechtigung, eine Zuschreibung seiner Nützlichkeit bestimmt. Davor kann das Gedicht einen womöglich warnen, vielleicht sogar bewahren.
Man sagt, das Leben sei eine mit dem Lebensalter proportional zunehmende Akzelerierung. Ich merke das daran, dass ich meine Uhren überhaupt nicht mehr umstelle, so schnell ändert sich das ja mittlerweile. Was das Gedicht in diesem Punkte leisten kann? Man kann dies zum Gegenstand lyrischer Betrachtung machen, das hielte ich allerdings nicht für sehr spannend. Vielmehr ist jedes Gedicht eine Art individuelle Zustandsbeschreibung, in der sich Gefühle, Sehnsüchte, Sorgen und Nöte, Hoffnungen und Leid spiegeln können. Das Gedicht bietet keine diskursive Erkenntnis an – und ist somit näher an dem Empfinden dran. Das ist auch der Grund, weshalb ich der Meinung bin, dass Dichtung die Daseinsberechtigung aus sich selbst heraus hat – und damit jede/r dringendst angehalten sein sollte, sich lyrisch zu betätigen. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst sehr viel später und auch nur unter einem bestimmten Blickwinkel, wenn auch relevantem. Aber seine Daseinsberechtigung hat das Lyrische bedingungslos. Somit kann das Gedicht zu einem Fixpunkt für jeden einzelnen werden, unabhängig von anderen Fragen. Und dann hat das Gedicht vielleicht seinen Zweck schon erfüllt.

Textbasis: Das sind zwei interessante philosophisch-poetologische Punkte, denen ich an dieser Stelle ein bisschen mehr Platz für eine Nachfrage einräumen möchte. Verstehe ich dich richtig, dass einerseits das subjektive Wollen, das auf lyrische Äußerung hinstrebt, seine Berechtigung durch sich selbst aufgrund der phänomenalen Ähnlichkeit zwischen Empfinden und Empfindungstransformation besitzt?; und dass andererseits diese Transformation ins Sprachliche (oder ins Schriftliche) schon in der bloßen Möglichkeit, überhaupt zu empfinden, angelegt ist? Kurzum (und weniger verklausuliert): Muss man nicht erst lernen, was Dichtung, was ein Gedicht genannt wird, bevor man es verfassen kann? Oder gibt es da eine Art Anlage, die den Menschen zu lyrischer Äußerung drängt und die mit der allgemeinen Sprachfähigkeit verwoben ist?
Wolfgang Schnier: Kinder verstehen intuitiv ihre Abzählreime. Sie ergänzen sie und passen sie jeweils für sich selbst an und erfinden stets neue hinzu. Es gab Dichter, die haben diese kindliche Perspektive ein Leben lang gesammelt. Diese Sichtweisen kommen manchem vielleicht naiv vor und der Reflexionsgrad ist sicherlich ein ganz anderer, aber dadurch haben sie doch nicht weniger eine Daseinsberechtigung! Mir sind Bewertungen suspekt, weil sie eine Hierarchie suggerieren, die ich mir für mich nicht anmaßen möchte. Besonders in der Dichtung befindet man sich abseits von dichotomischen Zuschreibungen wie „richtig“ und „falsch“, sobald man die Regelpoetik einmal hinter sich gelassen hat. Natürlich gibt es Gedichte, die sind gelungener als andere. Aber mag ich so etwas abseits meiner eigenen Gedichte entscheiden? Ich bin da skeptisch.
Davon einmal ab, stimmt es schon: Man kann lernen, was Dichtung bedeutet, was ein Gedicht ist. Und man benötigt erst Konventionen, bevor man sie stilvoll brechen kann. Irgendwann merkt man vielleicht auch, dass Begriffe wie „Liebe“, „Sehnsucht“ oder „Hoffnung“ und weitere mittlerweile zu inhaltsleeren Hülsen verkommen sind und von der Kulturindustrie furchtbar zugerichtet wurden. Mag man darüber dichten, sollte man diese Ausdrücke vielleicht meiden. Und dann steht man plötzlich ja mitten in der Dichtung!
Natürlich gibt es Niveauunterschiede, keine Frage. Man kann diese als ein wichtiges Charakteristikum von Lyrik sehen. Die Dichtung als Ausdruck von Individualität zu sehen ist für mich aber ein mindestens ebenso wichtiges Charakteristikum. Ich wäre vorsichtig, bloß dem einen den Vorrang zu gewähren. Wie so oft kommt es auf die Fragestellung und nicht zuletzt auf das dahinterstehende Interesse an. Und das kann man nicht pauschal entscheiden, noch weniger alles in einen Topf werfen.

Textbasis: Vielen Dank für die Erläuterungen. Bleiben wir aber noch ein bisschen bei den Besonderheiten des vorgestellten Gedichtes. Auf deinem Blog und in unserem Schriftwechsel hast du davon gesprochen, dass für „Zeitläufe“ eigentlich kein Titel vorgesehen war. Das hört sich nach einem unscheinbaren Detail an, aber es steckt viel mehr dahinter und im Kern berührt es das Gedicht als solches. Welche Spannung besteht zwischen Titel und Textkörper?
Wolfgang Schnier: Mir fällt es oftmals schwer, einen Titel für ein Gedicht zu finden. Das hat unterschiedliche Gründe, manchmal habe ich mehrere konkurrierende Ideen, manchmal denke ich, das Gedicht braucht keinen Titel. Da ich meine Gedichte auf meinem Blog veröffentliche, brauche ich aus technischen Gründen einen Titel. Da bestimmt die Form den Inhalt ein Stück weit mit, aber das hat mich nur kurz geärgert. Eigentlich hat ein Gedicht nämlich schon einen Titel verdient. Dabei kann der Titel in der Tat auf verschiedene Weise auf den Text wirken. Bei Jo Richter zum Beispiel gibt der Titel des Gedichtes sehr häufig auch das Thema des Gedichtes an. Bei anderen Dichtern bietet der Titel einen möglichen Interpretationsansatz. Der weitaus häufigste Grund, und das ist auch bei „Zeitläufe“ der Fall, weshalb es mir schwer fällt einen Titel zu finden, liegt darin, dass ich meist mit dem Titel nichts vorgeben möchte, wie das Gedicht zu lesen oder verstehen sei. Das Gedicht braucht den Verfasser oder die Verfasserin nur zu seiner Entstehung. Danach ‚gehört‘ das Gedicht seinem Gegenüber, dem Du, auf das es zuhält. Und ich mag diesem Du nicht etwas vorwegnehmen oder etwas aufdrängen, und schon gar nicht an so prominenter Stelle wie dem Titel.
Es kommt in Gedichten immer auch auf das Detail an. Es gibt zum Beispiel Dichter, die gehen sehr vorsichtig mit der Zeichensetzung um, da sie ein sehr mächtiges Instrumentarium ist. Brecht hatte das an einem Beispiel sehr schön gezeigt. Der erste Satz ist das Sprichwort, der zweite stammt von Brecht:

Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Da steckt eine enorme Suggestionskraft alleine in den Satzzeichen. Satzzeichen haben ihre eigene Poetik. Dem muss man sich stellen wie anderen Dingen auch. Da gehört dann der Titel auch dazu. Ich wäre allerdings vorsichtig zu glauben, der Titel eines Gedichtes gäbe immer auch das Thema des Gedichtes an. Er kann darüber hinaus auch einen Interpretationsansatz darstellen, ein Gegengewicht zum Gedicht bilden oder auch ein Hinweis darauf sein, was das Gedicht gerade nicht anspricht.

Textbasis: Diese Einschätzung teile ich mit dir. Leser und Gedicht sind allein, und die Beziehung zwischen beiden ist ganz anderer Art als die zwischen Autor und Gedicht. Dennoch kann der Autor schon mit den kleinsten Details die größten Unterschiede bewirken – wie oben in Brechts Beispiel. Somit haben sich in unserem Gespräch zwei sehr interessante Aspekte herauskristallisiert: einmal die theoretische Überlegung, die sehr schnell komplex und schwierig werden kann; und zum Zweiten dein Rat, die Qualität eines Gedichtes nicht überzubewerten und den Nutzen für die Verfasserin, den Verfasser an erste Stelle zu setzen. Wenn du abwägen müsstest: Was wäre die gewinnbringendere Lyrik (auch für den Leser): diejenige, die höchste Sprachkunst hervorbringt, oder diejenige, die am meisten den eigenen Gefühlen entspricht, unabhängig von der Qualität?
Wolfgang Schnier: Ich würde das nicht pauschal entscheiden wollen. Für den Nachruhm würde es sich anbieten, eine möglichst hohe Sprachkunst hervorzubringen, und am besten in der Weise, wie sie in der späteren Zeit als eine solche empfunden wird. Ich kenne jemanden, der hatte früher einmal freiberuflich eine Gedichtstherapie angeboten. Er hat den Leuten Anfänge von mehr oder weniger bekannten Gedichten gegeben und sie dann gebeten, die Gedichte nach ihren Vorstellungen zu beenden. Dann wurde in der Gruppensitzung über die verschiedenen Gedichte gesprochen. Ich habe davon leider nur gehört und war nie dabei gewesen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es da um die höchste Sprachkunst ging oder dass diese dort gefunden wurde. Aber es war für die Teilnehmer ohne Frage sehr gewinnbringend andere Perspektiven zu hören und die eigene einbringen zu können. Ich erzähle das um zu zeigen, dass man dies nicht pauschal beantworten kann und dass man situationsbedingt abwägen muss, was einem wichtiger ist.
Ich schreibe oft, wenn ich schweige. Und ich bin froh, wenn ich dann gelesen werde. Das ist mir sehr wichtig – und ich denke, vielen geht es ähnlich.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine ganz andere Frage. Auf deiner Google+-Seite schreibst du, du seist mit etwas „Mahalo“ im Blut wieder in Deutschland angekommen. „Mahalo“, das hawaiische „Danke“ – was bedeutet es für dich, und was könnte es für uns alle bedeuten?
Wolfgang Schnier: Ein Gedicht von Wolfgang Hilbig trägt den Titel „zwischen den paradiesen“. Hilbig meinte damit alles andere als eine Scheinidylle wie es Hawai‘i eine ist. Aber das wird einem vielleicht erst klar, wenn man dort gewesen ist. Man kann versuchen, vor seinen Dämonen davon zu laufen, man kann es tatsächlich bis an das andere Ende der Welt schaffen, nur um festzustellen, dass man sie alle mitgenommen hat. Dieses als Erkenntnis verkaufte Klischee ist nun wirklich ziemlich abgegriffen, aber ich musste das tatsächlich selbst spüren und erleben, bevor ich es glauben konnte. Dankbar bin ich für diese Erkenntnis, für die ich bis dorthin reisen musste.
Ich würde nun nicht sagen, dass dies jeder unbedingt so tun muss. Wenn man die Möglichkeit bekommt, sollte man sie allerdings nutzen. Lebensnotwendig ist sie nicht. Anders ist es da schon mit Lyrik, auch die von Hilbig. Auf die kann man, kann ich, nun wirklich nicht verzichten.

Textbasis: Mit diesem schönen Schluss, sowohl die Möglichkeiten neuer als auch bereits in Gedichten „konservierter“ Erfahrungen zu nutzen, sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Ich hoffe, dass Sie aus den Antworten von Wolfgang Schnier ebenso viel Inspiration erlangen konnten wie ich. Sind Sie neugierig, weitere Texte des Autors zu lesen? Besuchen Sie bitte seinen Tintenblut-Blog. Einen letzten Dank an dieser Stelle an dich, lieber Wolfgang, dass du auch diesen Mittwoch mit deinem Gedicht und deinen Antworten zu einem lyrischen gemacht hast. Dankeschön!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.