Schlagwort-Archive: leser

Die Macht der Vagheit, oder: Was passiert eigentlich beim Lesen?

Lassen Sie uns den heutigen Artikel um einen einfachen Satz herum aufbauen:

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Ich bin der Meinung, dass uns der Satz ebenso viel über gutes Schreiben verraten kann, wie ein ganzes Sammelsurium von Schreibtipps. Es braucht lediglich zwei Dinge: ein bisschen Fantasie und einen scharfen Blick. Stellen Sie sich bitte eine beliebige Filmszene vor, für die der obenstehende Satz eine Umschreibung sein könnte. – Und damit ist der Hauptteil der Übung auch schon beendet. Denn ich bin mir sicher, dass jede einzelne Vorstellung sich ein wenig unterscheidet von jeder anderen – und jede im Kern dennoch gleich ist. Der Beispielsatz gibt gewissermaßen den Rahmen für unsere Vorstellung vor. Das heißt, dass Sie wahrscheinlich nicht an blökende Hirsche oder eingemachte Sauerkirschen denken werden, wenn sie von lächelnden Gesichtern lesen. Und dennoch, wie ich schon schrieb, wird keine Vorstellung der anderen völlig gleichen.

Ein hübsches Gesicht …“

Grund dafür ist die Vagheit, welche durch die Wörter im Satz eröffnet wird. Schauen wir da ein bisschen näher hin. Der unbestimmte Artikel „ein“ deutet diese Offenheit schon an, indem er auf ein ganz beliebiges Gesicht verweist. Dann das Adjektiv „hübsch“, das wohl ebenso vage ist wie die Empfindung, die jede und jeder Einzelne mit „wohlschmeckend“ verbindet oder mit „angenehm“. Das Substantiv „Gesicht“ ist nun die Projektionsfläche, auf die in der Vorstellung die Eigenschaften von „hübsch“ übertragen werden. Denn ohne diesen Bezug macht der Satz keinen Sinn; die Merkmale eines „hübschen Mantels“ werden andere sein als die eines „hübschen Gesichtes“. An dieser Stelle eine kurze Unterbrechung.

Es wird ersichtlich, dass unser Beispielsatz, den irgendeine Autorin verfasst haben könnte, Sie, den Leser, unbedingt braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Schon die Wortgruppe „ein hübsches Gesicht“ ist so sehr geprägt von den jeweils eigenen Vorstellungen, dass durch sie bei jedem Leser ein etwas anderes Bild entsteht. Zwar hat jede Leserin vor sich denselben Wortlaut, aber das Bild, das im Kopf hervorgerufen wird, ist immer ein anderes. Nicht zuletzt deswegen, da das hübsche Gesicht das einer Frau oder das eines Mannes sein kann.

„Ein hübsches Gesicht lächelte ihnen entgegen.“

Betrachten wir die nächsten Wörter des Beispielsatzes. Es folgen „lächelte“ und „ihnen“. Der Leser, dessen Fantasie, wenn auch unbewusst, schon eifrig daran war, sich „ein hübsches Gesicht“ vorzustellen, muss nun noch weiter arbeiten, um diesen scheinbar so einfachen Satz aufzulösen und verständlich zu machen. Jetzt bedarf es nämlich noch einer Personengruppe, der dieses hübsche Gesicht „entgegenlächelt“. Und diese Personengruppe muss so positioniert sein, dass das Gesicht ihnen überhaupt entgegenlächeln kann. Gleichwohl diese räumliche Anordnung durch den Satz vorgegeben wird, sind die Möglichkeiten, das „ihnen“ zu füllen, wieder schier grenzenlos. Jeder wird sein eigenes „ihnen“ entwerfen. Eventuell ist es bei der einen eine Gruppe von Reisenden, eventuell bei dem anderen eine Kindergartengruppe. Und dass sich jeder ein Lächeln anders vorstellt, besonders wenn es in einem schönen Gesicht anzutreffen sein soll, ist selbstverständlich.

Unser Beispielsatz bietet also sowohl Raum für nahezu unendlich viele Möglichkeiten, was die Ausstaffierung eines „hübschen lächelnden Gesichtes“ anbelangt, als auch für die Vorstellung des „ihnen“, einer beliebigen Gruppe von Menschen (oder vielleicht sogar Tieren?). Schnell durchgerechnet macht das nahezu unendlich × nahezu undendlich, was ungefähr etwas mehr als nahezu unendlich viele Möglichkeiten ergibt, die dieser unscheinbare Satz im Kopf der Leserinnen und Leser hervorrufen kann. (Und ich habe noch gar nicht erwähnt, dass diese Personengruppe und das hübsche lächelnde Gesicht in irgendeiner Situation, einer Szenerie vorgestellt werden müssen, was die Möglichkeiten wahrscheinlich noch einmal potenziert).

Was kann man nun aber daraus lernen, aus diesem einfachen Satz und seiner Vagheit? Drei Dinge, wie mir scheint. Die erste Erkenntnis: Wörter und Sätze sehen zwar meist nur schwarz aus vor einem weißen Untergrund, doch diese Reduktion eröffnet das bunteste Universum im Kopf des Lesers. Im Gegensatz zum Bild und zum Film beschreiben sie eine spezifische Situation (wie unser Beispielsatz), lassen jedoch den Leser entscheiden, was er daraus machen will. Das führt mich direkt zur zweiten Erkenntnis: Wörter und Sätze beziehen den Leser mit ein. Dies ist zum einen eine Interaktion, die den Leser unterhält, nämlich, wenn er seine eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt. Zum anderen ist es auch eine Art Macht, die der Autor ausübt. Denn durch Vagheit zwingt er den Leser zum Weiterdenken („Das war die schlimmste Folter, die je ein Mensch erleiden musste“). Dieser Zwang muss freilich nicht immer auf Grausiges abzielen („Die schönste aller himmlischen Melodien klang vom Firmament herab“), doch sie zwingt den Leser, die Lücken mit seinen eigenen Vorstellungen von schönen Melodien und schlimmen Wunden zu füllen. Und abschließend noch die dritte Erkenntnis, die jedoch mehr eine Meta-Erkenntnis darstellt: Wenn man genau hinsieht, dann kann man überall und in fast jedem Text etwas erkennen, das hilft, das eigene Schreiben zu verbessern.

Zusammengefasst: Texte und Wörter stoßen die Türen in die Fantasie der Leser auf, die Autorin „zwingt“ ihre Leser dadurch, sich ihre eigenen Geschichten zu erfinden. Und wenn der Autor weiß, wie so ein harmloser Satz wie unser Beispielsatz funktioniert, so kann man ihn beliebig verändern und anpassen. Wenn nun also die Möglichkeiten schier unbegrenzt sind, sich unser hübsches lächelndes Gesicht vorzustellen, warum dann nicht den Leser darauf hinweisen, dass es in jeder Variante ein „kleines Muttermal“ auf der „linken Wange“ besitzt? Oder dass die Augen „auffällig kalt“ aussahen „wie die einer Toten“?

Der Trick ist, nicht zu viel vorzugeben, sondern nur das zu erwähnen, was Ihre Charaktere, Ihre Szenerie, Ihre Handlung auszeichnet, was sie besonders macht. Den Rest erfindet sich der Leser hinzu – Sie müssen nur das schreiben, was Sie als Autorin und Sie als Autor herausragend macht. Und darauf kommt es schlussendlich an: Lapidares lassen Sie die anderen aufzählen und sich in nutzlosen Details verlieren. Sie bleiben beim Einzigartigen, und einzigartig werden dann auch Ihre Texte.

PS: In wissenschaftlichen Texten ist es ganz gleich. Nur wird die Macht der Vagheit dort in den Augen der Leser zur Ohnmacht des Autors.

(Dieser Artikel entstand während der Anreise nach Mainz zur Minipressen-Messe 2013)


Spiel mit dem Verstehen

„Ich habe keine Eier!“

Dies sei die Überschrift eines kurzen Textes.

Kapitel 1: Die Torte
Miriam will eine Torte backen. Sie schaut in den Kühlschrank. „Mist!“, denkt sie, „da fehlen ja die ganzen Zutaten. Neija, muss ich eben nochmal los.“ Sie nimmt Zettel und Stift und notiert: „Butter, Sahne, Erdbeeren“.
Miriam verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
„Wo mein Freund bloß wieder steckt …“ Sie schaut auf die Uhr. „Eigentlich viel zu spät zum Torte backen – und müde bin ich auch schon.“
Sie räumt die Zutaten in den Kühlschrank. „Oh nein, jetzt hab ich die Eier vergessen … zu dumm aber auch. Ich leg mir besser den Einkaufszettel hin, damit ich morgen dran denke, die noch zu besorgen. Aber jetzt geh ich erst mal zu Bett.“

Kapitel 2: Der Zettel
Frank eilt nach Hause. Der blöde Stau hatte ihn aufgehalten und er ist über eine Stunde zu spät. Hoffentlich nimmt ihm Miriam das mal nicht krumm. Er schließt auf, vor der Schlafzimmertür stehen Miriams Plüsch-Schafpantoffeln. Sie schläft also schon.
Eine Käsestulle will er sich zum Abendessen machen, aber auf dem Weg zum Kühlschrank entdeckt er einen Zettel auf dem Tisch. „Miriam wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihr noch die Sachen kaufe, dann kann sie morgen den Samstag ganz entspannt angehen.“
Frank verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
Nachdem er Sahne, Butter und Erdbeeren im Kühlschrank hat, isst er ein Brot mit Käse, einem köstlichen Rotschimmelkäse, und geht ebenfalls zu Bett.

Kapitel 3: Das unheilvolle Ende
Der nächste Morgen. Miriam in der Küche, Frank im Bad.
„Ich geh nur schnell los was kaufen, Frank. Ich will eine leckere Torte backen!“ – „Die Sachen hab ich gestern noch für dich gekauft, Schatz. Da bist du überrascht, was?“ – „Schon … aber hast du auch Eier gekauft?“ – „Wie? Ich habe keine Eier! Nur das, was auf dem Zettel stand.“ – „Aber jetzt haben wir doch alles doppelt – und immer noch keine Eier. Ach, Frank!“ – „Ach, Miriam!

Genug der Prosa. Schauen wir etwas genauer hin. Miriam steht für alle Autorinnen und Autoren dieser Welt. Frank für die gesamte Leserschaft. Und was Miriam mit dem Einkaufszettel tatsächlich meint, das weiß auch nur Miriam. Frank hingegen glaubt lediglich zu wissen, was Miriam meint – und er geht los und kauft die falschen Sachen.
Wenn also schon eine einfache Einkaufsliste für derartige Verwirrung sorgt, welch mögliches Wirrwarr birgt ein Zeitungsartikel, welch Katastrophe gar ein ganzer Roman?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte. Das einzig Gewisse an jedem Text ist, dass er missverstanden werden kann (und werden wird, folgt man Murphys Gesetz). Dieses Missverstehen ist dabei jedoch nicht immer etwas Negatives.
Einerseits sollte man sich als Schreibender durchaus bewusst sein, dass oft gerade das, was man eigentlich sagen wollte, ganz anders verstanden wird (da der Leser keine Gedanken, sondern nur Buchstaben lesen kann). Andererseits bieten sich dadurch auch viele Möglichkeiten. Denn stellen Sie sich den Text vor, der nicht missverstanden werden könnte (Gebrauchsanleitungen sind leider keine solchen Vertreter). Der Autor nähme dem Leser all seine Fantasie. Denn da, wo der Leser etwas nicht weiß, da malt er die schwarzen Buchstaben in seinem Kopf mit Farben zu einem Bild, zu seinem Bild.

Geben Sie also Ihren Lesern die Möglichkeit zu Malen. Schreiben Sie „gespenstiger Nebel“ und nicht „der Nebel war matt und grau, ein bisschen weiß; man meinte nichts zu erkennen in der Ferne, aber hätte man nachgemessen, so hätte man festgestellt, dass man immerhin drei, ja fast vier Meter weit blicken konnte. Auch die Umrisse der Häuser und Bäume waren gut erkennbar, wenn man seine Augen etwas an das Schummrige gewöhnt hatte.“ Ein wahrhaft gespenstiger Textnebel! Schreiben Sie: „Im Mondschein sprang ein Schatten vor uns über die Straße.“ und nicht: „Das Reh sah beinahe aus wie ein Mensch, zwar sprang das Tier schnell über die Fahrbahn, aber man konnte es deutlich erkennen, und das, obwohl es schon recht finster war am Abend.“

Spielen Sie mit dem Leser, lassen Sie ihn im Unklaren. Achten Sie jedoch auch darauf, dass wichtige Stellen nicht völlig dunkel bleiben: „Der Mörder trat hinter sie. Sie küsste ihn. Dann war ihr Freund tot. Doch er lachte.“ Lassen Sie den Leser Gespenster sehen und sagen Sie ihm nicht, dass eigentlich gar nichts in den dunklen Schatten am Waldrand lauert. Legen Sie Miriams Einkaufsliste auf den Tisch, aber gehen Sie danach nicht zu Bett. Ein bisschen Unklarheit ist gut, aber zu viel kostet sie hinterher nur die Torte.