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[Der lyrische Mittwoch, Folge 18] l’héroïne – Netzhaut

bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch diese Woche freue ich mich, Ihnen wieder frische Verse und deren Verfasserin vorstellen zu dürfen. Zu Gast an diesem schönen Mittwoch ist l’héroïne, die schon bald ein Schauspiel-Studium beginnen möchte. Auf ihrem Blog veröffentlicht die Dichterin derzeit Fotos und eigene lyrische Werke. Gedichte der Autorin wurden unter anderem bereits in der Federwelt (2008) und der Jokers-Anthologie (2010) publiziert. Wie sie mir in einer E‑Mail im Vorfeld dieses Interviews schrieb, liege für sie ein besonderer Reiz der Poesie gerade darin, dass lyrische Bilder Sinn vermitteln könnten, ohne dass man unbedingt jedes einzelne Wort verstehen müsse.

Dieser interessante Gedanke findet sich schließlich auch in ihrem Gedicht „Netzhaut“ wieder. Am Bild der Zündschnur entspinnt die Autorin mit viel Sprachgefühl Verse, die mit fortschreitender Lesedauer abbrennen, die auf Wortebene am Ende in sich selbst zerfallen. In dieses Abbrennen eingebettet, finden wir das lyrische Ich, das sich in keine Decke, doch dafür in die Hautnetze seines Gegenübers kuschelt. Durch die Assoziationen von Sonnenlicht als Tagesanfang und Sonnenlicht als Feuerquelle entspinnt sich ein kontrastreicher Verständnisraum, der über die Zeichen‑ und Bildebene hinausragt. Geleitet vom Züngeln kleiner Flammen und von Andeutungen intimer Zweisamkeit wird der Leser durch das Gedicht getragen, um Vergangenheit und Zukunft selbst auszumalen, den eröffneten Gedichtsraum mit sich selbst auszufüllen –

Netzhaut

Hautnetze
gewebt aus deinen Händen
umspannen meinen Körper
in zärtliche Berührungsfäden
schmiege ich mich jede Nacht
bis das Sonnenlicht
das Garn entzündet
und Masche
für Masche
zu Asche
zerfällt

Porträt  l'héroïne

l’héroïne, by a. sophron

Textbasis: Ich freue mich, l’héroïne, dich heute beim lyrischen Mittwoch begrüßen und einen deiner Texte vorstellen zu dürfen. Um dich ein bisschen besser kennenzulernen, schauen wir am besten zurück in die Vergangenheit. Wo findest du den Grund für dein Interesse an der Kunst und dem Schreiben?
l’héroïne: Literatur und Kunst haben mich begeistert, seit ich denken kann. Ich bin mit Kinderbüchern aufgewachsen und mit der Ansicht, Künstlerin zu sein wäre etwas Erstrebenswertes. Bereits in der Grundschule habe ich Kurzgeschichten geschrieben und mich einige Jahre später auch an Lyrik versucht. Da war kein konkreter Anlass, es hat mir einfach Spaß gemacht, und das ist der Grund, warum ich damit begonnen habe und es bis heute nicht lassen kann.

Textbasis: Was beeinflusst dich beim Verfassen eigener Texte? Gibt es Autorinnen oder Autoren, literarische Strömungen, die dich besonders inspirieren, oder versuchst du, möglichst unbeeinflusst zu schreiben?
l’héroïne: Wirklich unbeeinflusst kann man wohl kaum schreiben. Man kann sich höchstens soweit wie möglich jeglichem Einfluss entziehen. Ich bin jedoch der Meinung, dass die Arbeiten anderer Autoren immer eine Inspirationsquelle sein können.
Ich bin mir selbst nur wenig bewusst, ob – und wenn ja, inwiefern – meine Schreibe von irgendetwas beeinflusst wird oder ich beim Schreiben beeinflusst werde. Einmal abgesehen von meiner Intuition spielen dabei aber sicherlich meine Lieblingsautoren eine nicht ganz unbedeutende Rolle. Zu diesen zähle ich neben anderen Paul Celan, dessen eindringliche, bildhafte, starke Sprache mich seit jeher fasziniert und inspiriert.
Im Allgemeinen möchte ich mich beim Lesen weder auf bestimmte Autoren noch auf bestimmte literarische Strömungen beschränken, sondern möglichst offen für neue Eindrücke jedweder Art sein.

Textbasis: Diese Aufgeschlossenheit scheint mir auch dann notwendig zu sein, wenn man sich auf Gedichte einlässt. Gern möchte ich an dieser Stelle noch einmal auf die Formulierung aus deiner E‑Mail an mich zurückkommen. Dort schreibst du, dass lyrische Bilder ganz durch sich selbst sprächen. Bedeutet das für dich, dass vor allem die Bildebene im Gedicht darüber entscheidet, ob es gelungen ist, ob es die Leserinnen und Leser anzusprechen vermag?
l’héroïne: Es gibt nichts, von dem ich sagen würde, dass es grundsätzlich vor allem über die Qualität eines Textes entscheidet. Ich habe keine Prinzipien oder Grundsätze, anhand welcher ich einen Text beurteile. Ob ein Gedicht gelungen ist oder nicht, ergibt sich für mich aus dem Gesamtbild. Dabei kann die Wirkung durch lyrische Bilder erfolgen, muss sie aber nicht. Ein Text kann auch ganz ohne diese auskommen und dennoch – durch andere Aspekte – ansprechen. Ich lege mich da ebenso wenig fest wie bei der Frage nach den literarischen Strömungen.
Meine bisherige Leseerfahrung führt mich aber zu der Behauptung, dass lyrische Bilder Inhalte sehr direkt und intensiv vermitteln können. Dabei wirken sie ganz durch sich selbst: Der Leser muss nicht verstehen, was da steht, er wird dazu angeregt, es nachzufühlen. Diese eindringliche Wirkung durch bildhafte Sprache ist auch etwas, das ich als „Kunstgriff“ in fremden Texten sehr bewundere.

Textbasis: Auf dem textbasis.blog finden seit einiger Zeit eine Diskussion und ein Austausch darüber statt, ob es Worte gibt, die man heute im Gedicht nicht mehr benutzen sollte, da sie zu oberflächlich geworden sind, zu viel Pathos tragen. Meist handelt es sich dabei um große Begriffe wie „Liebe“, „Traum“ et cetera. Wie positionierst du dich in dieser Frage: Geht noch alles oder gibt es inzwischen Limits?
l’héroïne: Da würde ich sagen: „Limit is the Sky“. Oder auch: Lyrik darf alles.
Abgegriffene Wörter wie „Liebe“, „Traum“, „Sehnsucht“ oder „Herz“ in einem Text so zu verwenden, dass der erfahrene Leser sich nicht gleich vor Lachen (oder Weinen) auf dem Boden wälzt, ist meiner Meinung nach eine größere Kunst, als schlichtweg auf solche Begriffe zu verzichten. Zudem kann man mit dem „schlechten Ruf“ dieser Wörter spielen und die Vorurteile des Lesers zur Wirkung des Textes nutzen (ich möchte fast sagen „missbrauchen“), seine Erwartungen konkret brechen und die Begriffe in einen völlig neuen Kontext stellen.
Doch wer weiß … Vielleicht sollte man besser offizielle Grenzwerte für Kitschwörter in Gedichten festlegen? (Man könnte als Grund Gesundheitsrisiken oder Terrorbekämpfung vorschieben, das geht immer durch.) Würde dem interessierten Lyrikleser wahrscheinlich eine Menge Müll ersparen.
Apropos Müll: Es werden auch in andere Richtungen Grenzen gesetzt. Vulgäre Sprache beispielsweise ist ein umstrittenes Thema. Ich bin der Meinung, dass durch solche Stilmittel ebenfalls eine starke Wirkung erzielt werden kann, wenn sie durchdacht eingesetzt werden und die Dosis und der Kontext stimmig sind.

Textbasis: Mit der Erwähnung der „richtigen Dosis“ hast du das passende Stichwort gegeben. Im selben Atemzug dann auch meine zweite Frage, die mich in diesem Zusammenhang brennend interessiert: Wie beurteilst du die Möglichkeit des Internets für die Poesie? Steckt in Gedichtsforen die Liberalisierung der Lyrik oder eher die Gefahr der uferlosen Verwässerung?
l’héroïne: Die Möglichkeit des Internets für die Poesie ist wohl hauptsächlich davon abhängig, was man mit seiner Schreibe erreichen will.
Gedruckte Literatur bietet wegen der Vielzahl von Autoren und des Mangels an Lesern nur noch wenige Möglichkeiten für die Lyrik und ist erst recht keine Option, um Geld zu verdienen. Da stehen die Chancen im Internet wohl auch nicht besser. Wenn man aber von der finanziellen Intention absieht und davon ausgeht, dass Literatur dazu da ist, um gelesen zu werden, bietet das Web den klaren Vorteil: Hier kann jeder gelesen werden. Man hat die Auswahl zwischen diversen Medien wie Blogs, Websites und Foren, um seine Schreibe einer interessierten Leserschaft zu präsentieren und mit Gleichgesinnten über das Thema zu diskutieren. Einfacher, als es im realen Leben möglich ist. Und gerade weil es so einfach ist, machen es verdammt viele. Wo wir dann bei den Nachteilen wären. Vor allem Lyrikforen werden überschwemmt von einer Flut an weniger erfahrenen Autoren, die angeblich konstruktiven Austausch suchen, eigentlich aber nach Anerkennung gieren und dabei keine Kritik akzeptieren.
Ansonsten bietet das Internet dieselben Möglichkeiten für die Poesie wie für alles andere: theoretisch unbegrenzte Kommunikation und freien Zugang zu Wissen und Kultur.

Textbasis: Erzähle uns doch bitte auch noch ein bisschen aus deinem Schreiballtag. Was bewegt dich dazu, Gedichte zu verfassen? Findet das Schreiben bei dir eher intuitiv statt oder geht ihm akribische Planung voraus; Vorbereitung oder Nachbereitung?
l’héroïne:  Mein „Schreiballtag“ existiert in der Form gar nicht. Ich habe die letzten Jahre kaum etwas anderes geschrieben als Schularbeiten und Karteikärtchen zum Lernen. Aber wenn ich Lyrik verfasse, kommen mir die Ideen meist spontan und ich versuche, sie, wie gerade gedacht, zu notieren. Danach kann eine aufwendige Nachbearbeitung folgen, insbesondere bei Texten mit formalem Korsett. Manchmal weicht die endgültige Fassung stark vom ersten Entwurf ab, es kommt aber auch vor, dass ich nach stundenlanger Arbeit am Text auf die ursprüngliche Idee zurückkomme. Das letzte i-Tüpfelchen zur Vollendung ist immer der Titel.

Textbasis: Zum Abschluss eine (all)gemeine Frage: Was zeichnet für dich einen guten Vers aus?
l’héroïne: Gib mir den Vers und ich sage dir, was gut daran ist!

Textbasis: Sehr schön das Verfängliche abgewendet; und vielen Dank für die kurzweiligen Antworten, den Text und die Vertonung, l’héroïne. Dass die lyrischen Bilder ganz frei und aus sich heraus wirken, ist eine interessante Überlegung, die einen guten Zugang auch zu moderner Lyrik ermöglicht. Ebenso beschreibt die von dir angesprochene Mischung aus Intuition und umfassender Nachbearbeitung das, was ich als Grundstein aktueller, ansprechender Lyrik erachte. – Wenn Sie von den Versen und den Überlegungen angeregt, noch ein bisschen mehr von der Autorin lesen möchten, klicken Sie bitte auf folgenden Link: l’héroïne, und lassen Sie das Poesiestündchen auch diese Woche noch nicht zu Ende sein.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Sich von der Wucht der Poesie erschlagen lassen, auch diese Woche wieder – herzlich willkommen zur fünften Folge des lyrischen Mittwochs! Heute begleitet uns ein Gedicht von Andi, der seit vielen Jahren Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym „dergrund“ auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er zugesagt hat und des Mittwochs Schnödheit aufhellt durch den Glanz seiner Worte.
Wie oft hört man, dass die Liebe alles verändern könne – und wie oft hat man schon darüber gelesen. Dabei sind Wörter wie „Liebe“ mittlerweile nichts mehr als aufgeweichte Worthülsen: breit, breiig, schleimig. Und deswegen findet man „Liebe“ auch nirgends in Andis Versen. Was man hingegen findet, sind die Wirkungen dessen, was man gemeinhin dieser Sinnesregung intensiver Empfindungsoffenheit zuschreibt: Nämlich das Funkeln des Alltäglichen unter dem Schleier wunderbarer Verklärung. Wenn Himmel zu Lapislazuli, wenn Tränen Perlmuttropfen und Augen „sternförmige Strahlenpupillen“ werden, dann zeigt sich, wofür das Wort „Liebe“ zu leer geworden ist –

Sternförmige Strahlenpupillen

Diese Aufregung kenne ich nicht von mir
Wie ich auf sie zugehe – mit Herzklopfen
Sie, Sonnenschein umhüllt sie, sie ist so wunderschön

Ihre Augen
Sternförmige Strahlenpupillen, doppelte Zickzack-Sonnen
Frühlingsgrün und Himmelblau zugleich

Beidseitiger Sog zueinander hin
Magnetisch, magisch, trifft es nicht, unaufhaltsame, unaufhörliche
Sofortige Sucht nacheinander

Es ist plötzlich passiert, einfach passiert
Aus der Leichtigkeit heraus und deswegen umso unglaublicher
Es fühlt sich sowas von fantastisch normal, einfach natürlich
   zwischen uns beiden an

Es ist ein ehrliches und echtes
Ein gemeinsames, wunderbares und synchron starkes Gefühl
Unbewusst von uns beiden vorausgeahnt und jetzt elektrisierend
   bewusst, prickelnd

Ich schaue in ihre Augen, tiefer und tiefer und sie in meine
So dass wir die Zeit vergessen, atemlos aufgeregt sind
Sehnsüchtig die Berührung des Anderen erwarten und verlangen

dergrund

dergrund

Textbasis: Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Andi! Ich freue mich, dass du uns pünktlich zum Frühlingsbeginn diese luftlockeren Worte mitgebracht hast. Unübertrieben, leicht und frisch ist deine Sprache; stark und anschaulich deine Bilder. Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Erzähl uns doch bitte kurz etwas über dich und dein bisheriges Schreiben.
Andi: Lieber Sebastian, herzlichsten Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen kann und für deine lieben Worte über mein Gedicht.
Ja, die Worte müssen aus mir raus. Immer wenn ich stark fühle, egal ob positiv oder negativ. Es ist für mich eine Art des Verarbeitens des Geschehens, des Gegenwärtigen. Ich schreibe eigentlich nie über weit Vergangenes, Zurückliegendes. Trotzdem sind meine Texte nicht autobiografisch zu sehen. Das Echte in meinen Texten sind die Gefühle, die ich auslote, auskoste.
Ich bin 39 Jahre alt und ich finde es sehr interessant, dass sich meine Art, von Frauen zu schwärmen, die Art des Fühlens, wenn ich mich verliebe, im Vergleich zur Teenagerzeit nicht stark verändert hat. Der Körper wird älter und ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn mich meine Gefühle beflügeln. Aber der pure Ausdruck des Gefühls ist noch genauso wuchtig und mich mitreißend. Ich liebe diese Intensität.
Ich habe mit elf Jahren begonnen, Gedichte zu schreiben. Zum Glück hatte ich in meiner Schulzeit sehr gute Lehrer. Vor allem mein Deutschlehrer hat mich mit seiner Gedichtauswahl beeindruckt und für die Schriftstellerei begeistert.
Ich habe in der Folge Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher und philosophische Texte geschrieben. Meine Leserschaft war sehr klein und setzte sich aus meinem Freundeskreis zusammen. Damals in den Achtzigerjahren gab es kein Internet und dass an meinen Texten Verlage Interesse hätten, glaubte ich nicht.
2009 fand ich durch Zufall eine Künstler-Community auf Myspace. Diese setzte sich aus Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Das war eine sehr aufregende Zeit für mich. Wir inspirierten uns gegenseitig und konstruktive Kritik an meinen Texten half mir, mich weiterzuentwickeln. Leider sind die Myspace-Zeiten vorbei. Eine Plattform, auf der wir alle künstlerisch vereint waren, existiert nicht mehr. Jetzt sind wir über viele unterschiedliche soziale Netzwerke beziehungsweise Blogdienste verstreut.
2009 fand ich zudem den Mut, mich auch mit einem meiner Gedichte bei der Brentano-Gesellschaft für die Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts zu bewerben. Ich wurde aufgenommen und auch in den Folgejahren glückte es mir jedes Jahr, dass ein weiteres Gedicht mehr aufgenommen und von mir veröffentlicht wurde. In 2012 nahm eine sehr liebe und verehrte Freundin von mir, Emma Wolff, auch einen Text in ihrer Anthologie „Ein Leben mit Autismus“ auf. Ich selbst bin kein Autist. In meinem Text „Weltenrauschen“ beschreibe ich, wie ich sie im liebevollen Umgang mit ihrem Sohn, der das Asperger-Syndrom hat, wahrnehme.
Interessant finde ich, dass, wenn ich schreibe, ich einen Flow bekomme. Ich nenne diesen Flow auch meine „Mann auf dem Mond-Phase“. Ich bin für niemanden ansprechbar und höre auch niemanden. Ich bin von der Außenwelt abgeschottet und befinde mich tief in meinem Inneren. Ich denke, wenn mir dies in der U-Bahn passierte, dass dies sehr strange auf andere wirken würde, die mich nicht kennen.

Textbasis: Gleich hintenan noch die Frage, die sich vermutlich viele Leser stellen: Was hat es mit deinem Pseudonym „dergrund“ auf sich, und was möchtest du uns über deinen Entschluss verraten, nicht unter deinem bürgerlichen Namen zu schreiben? Was gewinnst du, was büßt du vielleicht auch manchmal durch diese Entscheidung ein?
Andi: Der Ursprung des „dergrund“-Blogs ist, dass ich auf Myspace meistens sehr positiv gestimmte Gedichte veröffentlicht habe und einen anderen Blog haben wollte, in dem ich düster, böse und verzweifelt sein konnte. Also die andere Seite des Lichts, der Dunkelheit in mir Ausdruck verleihen konnte. Mittlerweile ist der „dergrund“-Blog nun mein Hauptblog geworden.
Mit dem Pseudonym „dergrund“ verbinde ich mein Streben, im Kontakt mit meinem Innersten zu stehen. Wie Wurzeln im Boden Halt suchen, verankere ich mich mit meinem Innersten. Für mich war es wirklich ein harter Kampf, wieder zu meinem Innersten zu finden. Es mir einzugestehen, dass ich mich verloren hatte, war der erste Schritt, mich wieder zu finden, mich wieder zu entdecken. Aber wie konnte ich mich selbst verlieren? Sicherlich war mein Ehrgeiz, in allem erfolgreich sein zu müssen, der Grund, viele Jahre im Prinzip wie eine Maschine zu funktionieren. Karriere-Mechanismen sind durchschaubar und die Antizipation der Erwartungen, um erfogreich zu sein, erfordert nur ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dazu gehörte für mich wohl auch, die Verbindung zu meinem Innersten zu kappen.
Warum will ich anonym bleiben? In meinen Gedichten bin ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Erwartungen des Lebens. Frei von moralischen Grundsätzen. Ich kann mich in meinen Gedichten meinen Gefühlen und Träumen hingeben. Diese Offenheit wäre für mein direktes Umfeld möglicherweise zum Teil sehr irritierend. Auf der anderen Seite wahrscheinlich auch überraschend, wie tief meine Gefühle sein können.
Eine Einbuße wäre es sicherlich, wenn ich nicht mehr alles veröffentlichen könnte, was ich derzeit fühle. Wenn ich Angst haben müsste, dass alles, was ich schreibe, möglicherweise zwanghaft als wahr und autobiografisch gesehen würde. Also fühle ich mich unter „dergrund“ frei und trage keine Maske, außer die des Pseudonyms.

Textbasis: Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in deine Arbeit als Künstler. Während des Lesens von „Sternförmige Strahlenpupillen“ spürt man erotische Vibrationen, elektrisches Herzknistern. Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte und warum verschmelzen Liebe und Lyrik so gut miteinander bei dir?
Andi: Ich bin ein Schwärmer. Ich liebe das Leben und die Liebe. Das Gefühl, verknallt, verliebt zu sein, einen guten Flirt zu haben, das ist mein Doping.
Die Synthese von Liebe und Lyrik gelingt, glaube ich, nur, wenn die Gefühle ehrlich sind und nichts hinzufantasiert wird. Mir gelingt es zum Beispiel nicht, wenn ich etwas künstlich erzeugen möchte, etwas übertrieben sexuell verbal ausreize, wenn ich aus der Liebe ein Experiment in einem Textforschungslabor mache. Jegliche Effekthascherei führt zu Kitsch und wird als Unehrlichkeit vom Leser enttarnt. Lyrik ist keine Lüge, sondern der Versuch ehrlich, wahr zu sein.

Textbasis: Schweift man ein wenig durch die Gedichte auf deinem Blog, stellt man auch fest, dass nicht alle deine Texte geprägt sind von Heiterkeit und innerem Scheinen. In Fetzen skizzierst du oft die Welt. Das Fetzenhafte, das Herausgerissene, auch das begegnet uns in und zwischen deinen Versen. Welche Rolle spielt Lyrik, spielt Schreiben allgemein für dich im Umgang mit der Welt?
Andi: Keiner meiner Texte entsteht aus einer inneren Ausgeglichenheit heraus. Ich glaube, wenn überhaupt, gelingt es mir, im Leben ein dynamisches Gleichgewicht aus positiven und negativen Eindrücken zu halten. Ich bin ein Expressionist, der sich in einer Zentrifuge aus „gut“ und „böse“, „Licht–“ und „Schattenwesen“ dreht. Das Schreiben verbindet meine innere Welt mit der Äußeren. Das Schreiben ist die Brücke.
In meinen Texten stelle ich mich natürlich auch meinen „Dämonen“, aufwühlenden Alpträumen oder auch Misserfolgen jeglicher Art, um sie verarbeiten, um aus ihnen Gutes ziehen zu können. Das Leben ist Veränderung, und wenn es einen Traum in Fetzen zerreißt, kann ein Neuanfang das Beste sein, was einem im Leben passieren kann.

Textbasis: Würde das bedeuten, dass am Besten jeder Gedichte schreiben sollte, oder gehört mehr dazu, als Wörter einfach gedankenlos hinzuwerfen? Muss Lyrik immer Kunst sein, oder ist sie ebenso Mittel sanfter Selbst-Therapie, völlig unabhängig von dritten Augen?
Andi: Gedankenlos hingeworfene Worte beinhalten oft mehr Wahrheit als alle künstlich erdachten Wortkombinationen. Sie können ein gnadenloser Spiegel sein. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der noch nie ein Gedicht geschrieben hat, es zu wagen. Je öfter diese expressionistischen Übungen ausgeführt werden, umso dichter und purer können die dargestellten Emotionen werden. Der entscheidende Faktor, ob diese Texte dann als Kunst wahrgenommen werden, ist, wie intensiv und ehrlich die dargestellten Gefühle dem Leser erscheinen.
Gedichte schreiben ist für mich sicherlich eine Art Selbst-Therapie, aber auch ein Akt der Unabhängigkeit, ein Zeugnis der inneren Freiheit.

Textbasis: Ich hoffe, dass sich viele Dichterinnen und Dichter in spe deine Ermutigung annehmen! Wo ziehst du der Lyrik dennoch eine Grenze?
Andi: Die Lyrik kann das Leben nicht ersetzen. Gedichte sind oft nur entschlüsselbar, ihre Botschaften werden für mich erst hörbar, wenn ich in die selben Lebenssituationen gerate, wie der Dichter, der sie niederschrieb. Und dann sind sie Balsam für meine Seele.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Viele deiner Texte werden von Bildern oder Bildvariationen begleitet. Sind die Bilder Teile des Gedichtes, der Text ein Teil der Bilder? Wie unterstützen Bilder das schwarze Wortleuchten?
Andi: Ich bin mir da selbst noch nicht sicher.
In letzter Zeit fotografiere ich sehr gerne und editiere die Bilder, verfremde sie, bis aus ihnen etwas Neues entsteht. Vielleicht das, was ich eigentlich gesehen habe in dem Moment, als ich das Foto geschossen habe.
Und die Gedanken, die mir dabei in den Kopf kommen, schreibe ich dann auf …

Textbasis: Und damit ist leider auch der schönste Teil des Mittwochs wieder zu Ende. Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Andi für das Gedicht und dass er sich die Zeit genommen hat für die spannenden Antworten. Ich hoffe, dass auch diese Woche wieder viele Anregungen und Gedanken für Sie im Text steckten, die Sie neugierig auf mehr Lyrik, auf mehr Sichtweisen anderer Künstler machen. Und die in Ihnen eine Frühlingslust der Poesie erwecken, um selbst die schönsten Verse zu dichten. Wenn Sie vor dem Scheiben noch ein paar Lustimpulse brauchen, oder den Drang nach mehr lyrischem Genuss verspüren, folgen Sie dem Link zu Andis Gedichtblog und lassen Sie sich ein bisschen in der Zeit verwehen. Bis zur nächsten Folge, Lyrik ahoi!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.