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– Lebenslauf eines Gedichts- Einblicke in die Werkstatt & das Lektorat

Vor Kurzem habe ich mit Matthias Engels an einem seiner Gedichte gearbeitet – und als wir zu einem ersten Ergebnis gekommen waren, hatte er die Idee, daraus einen Blogeintrag zu machen. Eine schöne Sache fand ich, und so ist auf dem Dingfest-Blog nun ein Artikel zu lesen, in dem man hineinschnuppern kann, wie die gemeinsame Arbeit an einem Gedicht aussehen könnte. Das Lektorieren eines Gedichtes erfordert von Autor und Lektor viel gegenseitiges Vertrauen; es ehrt mich, dass mir Matthias dieses Vertrauen ausgesprochen hat. Eventuell bereitet Ihnen die Lektüre so viel Freude, wie sie Ihnen auch Inspiration für eigene Textarbeit ist.

DINGFEST

notWie genau entsteht ein Gedicht? Wie verändert es sich während der eigenen Arbeit daran? Und im Lektorat?-diesen Fragen möchte ich einmal am Beispiel eines eigenen Textes nachgehen.

Es handelt sich um ein recht frisches Gedicht, das -wie so oft bei mir- aus ein, zwei einzelnen Formulierungen entstanden war, dann wuchs, dann schrumpfte, neu angereichert wurde und so weiter…. . (Es ist sicher nicht das Gedicht des Jahrhunderts und zählt auch bestimmt nicht zu meinen 10 Besten, aber als Anschauungsobjekt taugt es ganz gut.)

Im Folgenden möchte ich nun einen 1zu1 realen Einblick in die gemeinsame Arbeit von Autor und Lektor an einem solchen Text vermitteln.

Ich hatte also ein (noch titelloses) Gedicht, das bereits zahllose Bearbeitungen erfahren hatte und meines Erachtens relativ fertig war. Es war  über mehrere Wochen im Rohzustand zwischengelagert gewesen und basierte auf der Grundidee, ein weißes Blatt Papier und eine unberührte Schneelandschaft zu überblenden…

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 23] Joanna Lisiak – Betrachtet westlich

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

auch heute wird der Mittwoch wieder schön. Ich freue mich sehr, Ihnen in der aktuellen Ausgabe die Dichterin, Schriftstellerin und Künstlerin Joanna Lisiak vorstellen zu dürfen. Bereits zahlreiche Anthologie-Beiträge und Veröffentlichungen, Stücke, Hörspiele und Kollaborationen zieren ihr Œuvre. Zuletzt erschienen von der 1971 in Polen geborenen, seit 1981 in der Schweiz lebenden Autorin der Kurzprosaband „Besonderlinge – Galerie der Existenzen I“ (2012) und der Gedichtband „Klee composé, Lyrik mit Paul Klee“ (2010/2013 als E‑Book). Der Nachfolgeband der „Besonderlinge“ ist für 2014 bereits geplant.

Joanna Lisiaks Lyrik zeichnet sich durch einen nüchternen Grundtenor aus, ein unaufgeregtes Fühlen und Mitfühlen. Aus einfachen Worten strickt sie, was komplexe Zusammenhänge einfängt. Ein Blick nach Basel, ein Moment so gewöhnlich wie das Leben. Doch ihm wird das Gewöhnliche entzogen, er wird zum Sinnbild, an dem sich die Gedanken des lyrischen Ichs bis hinauf zu den Göttern entlanghangeln. Verortet zwischen Naturlyrik, Prosa und Mystik lustwandeln die Verse befreiten Schrittes hin und wider – und zur selben Zeit doch auch neben den Lesern wie ein guter Freund auf langer Reise. Er ist nah, aber hält doch beide Arme von sich gestreckt, um zu umarmen, um in alle Himmelsrichtungen zu fassen –

Betrachtet westlich

Schaue ich ins westliche Tal sehe ich
Basel das heisst ich sehe es nicht doch
weiss ich hinter den Hügeln ist Basel
Basel von hinten.
Basel weiss nichts davon kennt
diesen Blickwinkel kaum verzeichnet ihn
im Stadtführer nie.

Auch Kater du wie sollst du ahnen können
dass du heute nicht rein darfst weil wir
verreisen weil ich dich jetzt anschauend
um die Sorge weiss die ich mir machte
wenn du bliebst.
Du hast Wärme und Schlafplatz im Sinn
vermagst meinen Gedanken nicht zu folgen.

So etwa stelle ich mir die Götter vor wie sie
in ihren Wolken lachen und auf mich zeigen
habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt mir
ernsthafte Gedanken über mein Leben gemacht.
Als könnte ich mich je sehen sehen von hinten
aus westlicher Sicht so als Beispiel.

Tatsache ist ich schaffe es nicht aus meiner
Gedankenwelt geschweige denn in andere hinein
ich hafte in eigenen Dimensionen fest
und sie lachen schenken etwas Phantasie
einen Traum mir zum Trost.
Ich weiss nur wenig.
Das weiss ich gut.

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden
bald verpufft eine Idee ins Unbekannte.
Alles andere den lachenden Göttern.

Joanna Lisiak

Joanna Lisiak

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch, Joanna. Schon nach einem kurzen Blick auf deine Veröffentlichungen erkennt man, dass es dich zwischen den Genres umhertreibt. Wie siehst du dich selbst als Künstlerin, eher als Grenzgängerin oder Weltenbummlerin?

Joanna Lisiak:
Herzlichen Dank, Sebastian, für die Einladung! Ist der Weltbummler derjenige, der umherschweift, um das zu finden, was er schon in sich hat und was ihn ausmacht, oder sucht er das Fremde, das ihn Ergänzende? Auf gewisse Weise tun wir das doch alle, aber ich tue mich schwer damit, mich derart klar zu zeichnen. Grenzgängerin insofern, als dass ich aufbreche, um zu sammeln und mich durchaus reizt, was ich noch nicht kenne. Neue Dinge auszuprobieren hat mir schon immer Türen geöffnet – und wenn es die der Erkenntnis waren, dass es nämlich die falschen Türen waren, die ich aufgebrochen habe.

Immerhin schaffe ich somit Reflexionen, die mich ebenfalls weiterbringen. Wenn eine bestimmte Idee, die ich habe, mich in eine bestimmte Richtung drängt, dann folge ich ihr und versuche nicht, den Weg umzulenken. Ein Einfall, der ganz klar eine Szene darstellt, gehört in mein dramatisches Werk, ein lyrisches Bild in die Lyrik und so weiter. Da ich keine Romane schreibe – zumindest habe ich das vorerst nicht vor – kann ich mir diese Ideen nicht für diesen Roman aufsparen. Insofern haben es die Romanautoren leichter, trotz des weit bekannten langen und mühsamen Atems, der ja vonnöten ist, um Romane zu schreiben: Diese Autoren können alle ihre Ideen in einen Roman verpacken, der dann alle lyrischen, essayistischen Aspekte, lebendigen Gespräche, Erzählungen und so weiter beinhalten kann.

Ich aber möchte mich schon sehr bald entscheiden, wohin ich die Idee verpflanze und wo sie dann blühen soll. Es ist auch eine Charaktersache. Ein reiner Lyriker würde seine Gedanken solange wälzen, bis sie in die Form der Lyrik passen. Ich aber bin meistens so von der Idee angetan, dass ich keine Zeit verlieren möchte, sie unnötig lange gären zu lassen, mit der Idee verunsichert zu sein. Wobei ich hiermit anfügen muss, dass ich durchaus eine dicke Mappe mit notierten Ideen habe, die ich erst viel später verwerte. Es ist also ein Prozess.

Vielleicht hat es damit zu tun, ob man jemand ist, der eher ein homogener Künstler, Autor, Mensch ist, oder jemand, der heterogen veranlagt ist. Ich glaube, dass ich eher heterogen bin. Das herauszufinden, ist vielleicht etwas Grundlegendes für jemanden, der etwas schaffen möchte, denn so kann man mit einer gewissen Authentizität und mit einem bestimmten Zug weiterarbeiten. Wer sich zu früh eine Poetologie anlegt, verhindert möglicherweise das, was er später seine eigene Handschrift nennen möchte.

Textbasis: Das ist eine interessante Unterscheidung zwischen Homogenität und Heterogenität, gerade wenn sie angewendet wird auf Worte und Zuschreibungen wie Künstler, Autor oder Mensch. Wie könnte man als angehende Autorin, als angehender Autor denn herausfinden, ob man eher zu der einen, eher zu der anderen Art gehört? Und sind (verfrühte) Poetologien für dich immer nur eine Schablone, durch welche man leichtfertig ein Bild von seiner Kunst zeichnet, wie man sie gern hätte?

Joanna Lisiak:
Ein Autor oder vielmehr der Mensch, der auch Autor ist, sollte, egal, ob er sich grob, genau, temporär, unter gewissen Umständen oder überhaupt nicht zuteilen möchte, möglichst aufrichtig sein in dem, was er tut oder denkt. Mit gelebter Aufrichtigkeit ist man ganz nah an etwas, das sehr wertvoll ist. Ich möchte das lieber nicht an grossen Worten festmachen, sondern damit sagen, dass dieser Weg kein verkehrter sein kann und oftmals einfach nur Klarheit und innere Ruhe schafft. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Theorien gelesen, mich daran gerieben oder gar ergötzt hätte. Aber ich fand es für mein Schaffen bislang immer hilfreicher, meine eigenen, simplen Fragen zu stellen, als die Texte, die ich schrieb, durch komplizierte Dogmen zu hinterfragen: Was würde XY zu dieser Textstelle sagen, wenn er damals von Z sprach? Oder: Warum gefällt mir dieses Gedicht der Lyrikerin B so gut und was ist es, das mich bei D langweilt, nicht überzeugt? Solche inneren Zwiegespräche sind für mich leichter annehmbar, als ganze Theorien zu wälzen und nach Fertigstellung eines Textes nicht zu wissen, wo anfangen, um ihn wie einzuschätzen.

Letztendlich geht es darum, sich gelegentlich zu orientieren, neu zu orten, abzulenken und so weiter, bevor es auf der Reise weitergeht. Egal ob man dazu Schablonen, Krücken, persönlichen Austausch oder ganz andere Reize braucht. Diese reflektierenden, ordnenden Dinge spielen sich jedoch, was mein eigenes Schaffen angeht, in einer anderen Phase ab, auch zeitlich, und nicht, wenn ich mittendrin im Schreibprozess bin. Ich habe während des Schreibens nicht eine Unmenge an Zeit und Energie vorrätig, um zugleich zu analysieren, auf einer theoretischen Ebene philosophisch abzuheben. Auch in den Momenten der absoluten Aufrichtigkeit gibt es keine weiteren Störfaktoren, da bin ich ganz alleine auf mich gestellt, wissend, dass nur ich in dem Moment weiss oder eben nicht weiss.

Textbasis: In „Betrachtet westlich“ entspinnt sich der Verlauf des Gedichtes ja um einen Blick hinüber zu dem hinter Hügeln verborgenen Basel. Keine Luftschlösser oder kryptische Rätselbotschaften sind es, sondern der Blick auf das Reale (auch wenn davon nicht alles sichtbar ist). Wie wichtig ist diese Verankerung der Lyrik im Jetzt, in der alltäglichen Situation für dich?

Joanna Lisiak:
Sie ist nicht per se wichtig oder per se unwichtig. Manche Texte werden der Realität entrissen und schweifen derart ab, dass es beinah ein Tabu wäre, dem interessierten Leser zu verraten, wo der Ursprung des Textes liegt. Für den Leser ist dies an sich ja nicht wichtig. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Mir passt beides sehr gut, also, ob eine Gedankenreise zu verankern vermag, was sich unmittelbar in der Realität abspielte (beziehungsweise abspielen könnte) oder ob eine Erfahrung ihre Bahn des Erlebnisses verlassen kann und sich in neuen Perspektiven, neuen Sphären ein Zuhause sucht. Ich geniesse beides: die Nähe der Wirklichkeit, aber auch die wilden Ausblühungen, die mich staunen lassen können. Ich bewerte und kategorisiere nicht, was ausgedacht, aber verdichtet ist, was reell, aber gänzlich transformiert, verwässert ist.

Was mir am Schreiben sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass ich mit der entfachten Begeisterung mitgehen, mich davontragen lassen kann, und auf diesem Weg bin ich ziemlich tolerant und scheue auch das Tempo nicht, das gegeben ist. Vielleicht ist das vergleichbar mit einem Rosenzüchter, der nur eine ganz bestimmte Rose mit dieser Färbung, dieser Dorndichte, dieser Wuchshöhe, diesem Duft et cetera als Rose anerkennt oder ob er jemand ist, der die Natur in seiner Vielfalt annehmen kann. Ich bin wohl die, die mit einem vollen Rosenkorb nach Hause kommt und beim Aussortieren merkt, dass sich da noch ganz andere Pflanzen im Korb befinden, die mit der Rose gar nichts zu tun haben. Die anschliessende Arbeit bleibt in beiden Fällen nicht aus, aber mir fällt es in der Tat leichter, mich aus der grösseren Menge, der Vielfalt und dem Reichtum auf etwas zu fokussieren oder etwas Bestimmtes darin zu finden. Dies ist wohl ebenfalls Veranlagungssache.

Ich finde, man muss das für sich ausprobieren und es ist absolut legitim, es mal so und dann anders zu handhaben. Der Mensch, auch der Autor, verändert sich zeitlebens. Das heisst, um auf die Frage zurückzukommen: Ich möchte nicht entscheiden, ob meine Lyrik dort oder dort steht, sondern wo das einzelne Gedicht sich verankert. Und in meiner Lyrik kommen alle möglichen Mischformen vor.

Textbasis: Dass du dich als Künstlerin nicht selbst der Möglichkeiten berauben möchtest, frei zu schaffen, halte ich für nachvollziehbar und gut. Dennoch, gerade in der Rückschau, ergibt sich ja doch oft ein Pfad, auf dem man bewusst oder unbewusst entlanggegangen ist. Wo hat deine künstlerische, literarische Reise begonnen und wo bist du inzwischen überall gewesen? Kannst du in deinem Werk diesbezüglich bereits Tendenzen ausmachen?

Joanna Lisiak:
Ich veröffentliche seit 2000, das heisst seit rund dreizehn Jahren. Ist das nun lang oder kurz? Ich empfinde das als eine zu kurze Zeit, um retrospektiv zu werden. Seit ich mit dem Schreiben angesteckt wurde (deutlich vor 2000 übrigens), ist dennoch viel passiert und ich habe viel geschrieben, ausprobiert, gelesen, gehört. Momentan habe ich acht bis zehn fertige Manuskripte vorliegen: Kurzprosa, Lyrik (verschiedener Mach/Art), eine Unmenge an Dramoletten, Reflexionen, Theaterstücke, Kolumnen, Essays, sogar ein Ratgeber ist dabei! Zudem sind Projekte angedacht und im Tun – und es will vorläufig kein Ende nehmen. Was ich damit sagen will, ist: Ich bin permanent am selben Ort wie damals, als ich mit dem Schreiben begonnen habe. Ich befinde mich eben in diesem Schreiben, das vorderhand noch nicht versiegen möchte. Einzig mit dem Unterschied, dass das eine oder andere zwischenzeitlich veröffentlicht wurde, jemand gelegentlich darüber spricht oder ich selbst ein paar Worte über das Schreiben verliere.

Im Grunde schreibe ich aber einfach nur (weiter), weil ich nämlich dieses absolute Bedürfnis habe, es zu tun. Das ist der Hauptpfad, den ich ausmachen kann. Das Spiel mit Worten zudem, das Ausdrücken von Stimmungen, für die man de facto gar keine Worte finden kann, weil sie sich in anderen Sphären abspielen, sind weitere Begleiterscheinungen.

Textbasis: Wie viel Zeit verbringst du momentan mit dem Schreiben? Ist dein Schreiballtag durchstrukturiert oder gestaltet sich dein Tagesablauf eher geprägt von kreativen Phasen und Geistesblitzen? Erzähl doch bitte ein bisschen, wie Schreiben und Leben bei dir zusammenkommen.

Joanna Lisiak:
Kreative Pause ist eine schöne, fast diplomatisch anmutende Formulierung, die man auch benutzen kann, um zu rechtfertigen, warum es so viele Schreibpausen gibt. De facto komme ich viel weniger zum Schreiben, als ich das gerne möchte. Ich habe einen Beruf, wie die meisten Autoren, und schreibe in den Randzeiten, sehr oft am Wochenende, wenn ich nichts anderes vorhabe. Würde ich sehr lange nicht arbeiten müssen und nur schreiben können, wäre ich selbst äusserst gespannt, wie viele Schreibprozente ich konsequent aufbringen würde.

Ich schreibe dann, wenn die Zeit stimmt. Ich kenne mich gut und weiss daher, was mich anregt, was ich brauche, um zu schreiben, wann es funktioniert und wann ich mich lieber anderem zuwenden soll. Und die Zeit stimmt sicher auch dann, wenn mich unvermittelt ein Geistesblitz trifft (oder getroffen hat), die Stimmung und Aussicht auf ein paar ungestörte Stunden da ist. Ich spüre gut, wann ich nah des Schreibflusses, des „Flows“ bin. Die Zeit stimmt aber rein theoretisch auch dann, wenn ich viel von dieser Zeit habe, was so perfekt wie prekär sein kann: Ich habe vor gut einem Jahr die Erfahrung gemacht, dass ich zwar viel Zeit, viele aufnotierten Ideen zur Verfügung hatte, jedoch die entsprechende Schreibstimmung nicht aufkommen wollte.

Vom saloppen Wort „Schreibblockade“ wollte ich jedoch nichts wissen, denn das klingt für meine Verhältnisse viel zu dramatisch, ist ein dicker Stempel, den man sich da aufdrückt, und das wollte ich mir nicht antun. Ich wollte nichts deklarieren und mich somit auch nicht paralysieren. Und weil ich sehr diszipliniert bin, habe ich mir vorgenommen in einer unverbindlichen, beinahe meditativen Art und Weise meine Ideen, die sich über die vielen Jahre gesammelt hatten durchzulesen: wieder und wieder. Nach einigen Tagen war ich mittendrin in einer höchst kreativen Phase. Ich erinnere mich gut, dass ich die Initialzündung suchte wie jemand, der zwar die Nadel im Heuhaufen sucht, und nicht von der Idee loskommen will, zu glauben, dass diese Nadel tatsächlich existiert.

Ich hätte auch, wie ich das oft tue, etwas ganz anderes unternehmen können, um dann zurückzukommen auf diese Schachtel mit den Ideen, doch ich wollte es diesmal wirklich wissen und erfahren: Passiert etwas oder passiert nichts, wenn ich einfach dran bleibe? Beharrlichkeit, ein gewisses Selbstbewusstsein und etwas Nonchalance (denn mir war stets bewusst, dass die Welt – auch die meine nicht – keineswegs untergehen würde, wenn ich jetzt kein ordentliches Gedicht zustande bringe) helfen da sicherlich. Was auch nicht schadet, ist, wenn man sich einer solchen Aufgabe, bei der nicht sicher ist, ob sie gelöst werden kann, trotzdem mit einer gewissen Freude, Würde und aufrichtiger Hingabe widmet.

Textbasis: Vielen Dank für diesen offenen Einblick in dein Schaffen. Ich denke, du zeigst sehr eindringlich, wie Kunst immer auch eingebunden ist in den Alltag, gleich wie intensiv man sie lebt und betreibt. – Würdest du dieses bewusste, hingabevolle Vorgehen uneingeschränkt empfehlen oder bist du der Meinung, dass gerade Literatur, die viel mehr für Unterhaltungszwecke geschrieben wird, ungleich pragmatischer vorgehen sollte? Denn – ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – der Wunsch vieler bleibt ja nach wie vor Popularität und reichlich finanzieller Erfolg.

Joanna Lisiak:
Da ich nicht von Popularität oder finanziellem Erfolg getrieben bin, kann ich wenig dazu sagen, geschweige denn Empfehlungen machen. Ich bin aber überzeugt, dass derjenige Autor, der Ruhm und Geld auf dem Radar hat, um die Mechanismen und Hebel, die anzukurbeln sind, weiss, die ihn an sein gewünschtes Ziel bringen. Ein finanzieller Nebeneffekt ist sicherlich fast jedem Autor willkommen, aber für einen echten Antrieb reicht mir das nicht aus. Mich interessiert nicht die Frage, ob eine Literatur für Unterhaltungszwecke, für Geld, für fachliche oder breite Anerkennung gemacht wurde, sondern wie sich der Autor zum Werk verhält. Es ist möglich mit Leidenschaft und tiefer Überzeugung Schund zu schreiben, wie es wahrscheinlich auch möglich ist, vernünftige, ja hochwertige Literatur auf der Basis von Fingerübungen, Fleiss und Disziplin zu machen. Aber noch interessanter als die Frage nach dem Autor oder dem Hintergrund ist doch: Wo ist diejenige Literatur, die für mich gut ist, die mich unterhält, mich anregt, mich wegfegt, die mich überrascht, anrührt, die mehr aus dem Leben macht und somit mehr aus mir? Die Vielfalt der Literatur macht ja deutlich, dass es viele Richtungen, Geschmäcker, Wege des Schreibens und des Lesens gibt. Jeder muss, ob als Autor oder Leser, selbst suchen und sich glücklich schätzen, wenn er etwas gefunden hat, das bei ihm anklingt. Kurz und gut: Jedem das Seine, so oder so oder anders.

Textbasis: Die Sichtweise aus deiner letzten Antwort finde ich sehr erfrischend. Im Prinzip ist es ermüdend, immer den alten Kontrast zu lesen: Kommerz versus Kunst. Du betonst eher das Schreiben an sich und auch das Moment der Selbstfindung, am Ende vielleicht ein bisschen zu wissen, was man will und wie man es am besten erreichen kann. Das finde ich gut, denn Schreiben, ob nun finanziell erfolgreich oder intim und einsam, bleibt doch immer: Schreiben.
Ich bedanke mich sehr für deine ausführlichen und ehrlichen Antworten, Joanna! Ich bin mir sicher, dass sich einige der Ideen und Ratschläge auch in Ihre jeweils eigene Schreibpraxis einarbeiten lassen.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 22] Wiebke Plett und Hanna Scotti – Sommerliebe; oder: Das Projekt „kunstvollaltern“ vorgestellt.

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

eine ganz besondere Folge des lyrischen Mittwochs erwartet Sie heute nach langer Abstinenz! Gemeinsam mit den Bremerinnen Hanna Scotti und Wiebke Plett möchte ich Ihnen das Projekt „kunstvollaltern“ vorstellen. Die Autorinnen, Dichterinnen und Bildkünstlerinnen rücken das ins Licht, was oftmals dunkel Schatten, zumindest aber Falten wirft: das Altern. Auf ihrer Internetseite, die kombiniert ist mit den Blogs Mundwerkerin und Bildwerkerin, entsteht ein Projekt, welches sie selbst wie folgt umschreiben: „Die Kunst ist das Altern. Sie beschäftigt uns, manchmal lustvoll, manchmal nackt, demütig oder dynamisch – alternativ. Gelegentlich schlingern wir auch in unsere bodenlosen Hautschluchten und stürzen ab. Aber eben nur beinahe.“ Das Altern als Kunst bietet nicht nur Möglichkeiten zur Bewältigung, sondern auch für einen kreativen Prozess hin zu Neuem und dadurch zu einem Verständnis der Generationen untereinander. Denn wo die Hülle als solche entlarvt wird, da will man weiter fragen, mehr über das erfahren, was eventuell schon lang darin und darunter verborgen liegt. Denn beides hängt aneinander, auch wenn es zuweilen weit entrückt scheint.

Doch ganz ohne lyrische Handreiche geht es natürlich auch in dieser Folge nicht, deswegen ist es umso schöner, dass Hanna Scotti Ihr wundervolles Gedicht „Sommerliebe“ unseren Augen als Rauschmittel dargereicht hat. Jedoch, allein auf die Augen zielen diese Verse nicht. Eine Festivität der Sinne, von Würzigem, von Düften, die aus den Buchstaben kriechen, strömt heraus. Vereint im knusprigen Mantel von Erotik und der Exotik des Unbekannten wehen uns Worte so zart wie „Fisch gewürzt mit Anis“ oder so geheimnisvoll wie „Mandeln in saurer / Abschiedsmilch“ entgegen. Das ist eine Reise der Sinne, die Nase vergraben in Haut – und doch immer reich gegen den warmen Wind –

Sommerliebe

iftha ya semsem

Im Dunkel deines Nabels
versank meine Nasenspitze
weit öffnete Sesam deine
Dschellaba aus den Narben
quollen die Düfte der
Kasbah mit Gassen aus
Zitronen und getrocknetem
Fisch gewürzt mit Anis und
Kardamom scharf oder
süß oder bitter wie
Mandeln in saurer
Abschiedsmilch

Porträt Hanna Scotti und Wiebke Plett

Hanna Scotti und Wiebke Plett

Vorgeplänkel:

Textbasis: Bitte verratet mir doch, was „iftha ya semsem“ heißt.

Hanna:
Sesam öffne dich ist die Übersetzung.

Textbasis: Oh, vielen Dank.

Wiebke:
Auch mich öffnet dieses Gedicht – zu Bildern im Kopf und zur praktischen Umsetzung in Digital Art. Hanna und ich ergänzen uns gut : Sie ist eine Frau des Wortes und der Taten, ich dagegen eine Frau des Schweigens und der Taten.
So antwortet Hanna hier in gemeinsamem Sinne. Ich lege dann notfalls von hinten ein Veto ein.

Interview:

Textbasis: Ich freue mich, dass ihr heute zu Gast seid im lyrischen Mittwoch, Hanna und Wiebke. Nun habe ich in der Einleitung schon ein paar Worte zu eurem großen Projekt „kunstvollaltern“ geschrieben. Was ist euch besonders wichtig in all der Kreativität und der Kunst, die ihr darauf verwendet, und wie kam es überhaupt zu der Idee, das Altern und die Kunst zu verbinden?

Wiebke und Hanna:

Altern macht Angst, besonders auch uns. Was tun wir also? Liften, Botox und andere Kleinigkeiten? Neee, Sport also und Veganerin werden! Wir könnten eine Menge Gegenmaßnahmen aufzählen – sterben und uns einfrieren lassen ist auch ein guter Vorschlag.

Über diese Vorstellungen entschlüpfte uns ein unbändiges, sehr lautes (ähem!) Gelächter. Das war wohl nix: Wir essen gern, Sport findet eher beim Fotografieren oder beim Clownsspiel statt und Falten sind hart erarbeitetes Leben. Punkt.

So haben wir das Altern selbst zu unserer Kunst erhoben. Wir sind sozusagen Künstler und Objekt.
Die Kreative in uns beobachtet das sich unentwegt wandelnde Objekt, also uns selbst. Das erfordert ein hohes Maß an Abstraktion, der wir uns aber aufgrund unseres reflektierten Lebens gewachsen fühlen – immer wieder mit Versuch und Irrtum natürlich. Schließlich stecken wir ja mitten drin im Prozess.

Dann setzt die künstlerische Arbeit ein, es wird gedichtet, fotografiert, Videoclips werden gedreht und seit Neuestem auch Musik gemacht, immer mit Fokus auf dem Alterungsprozess und der Gewissheit des Todes.
Wir stellen uns vor, dass diese Haltung auch für andere Menschen interessant sein könnte.

Textbasis: Und mit den „anderen Menschen“ meint ihr eigentlich „alle Menschen“, wenn ich euch recht verstehe. Denn im Prinzip ist das Altern ja ein Prozess ganz unabhängig vom Alter. Würdet ihr das unterschreiben wollen?

Hanna:
Ja, alle Menschen sind gemeint, auch die die sich mit diesem Thema nicht beschäftigen können oder wollen. Das ist ihr gutes Recht. Wir allerdings suchen nach Wegen, diesen Lebensabschnitt im Hinblick auf den demografischen Wandel lustvoll lebbar zu machen. Das bedeutet für uns Solidarität – besonders auch mit den jungen Menschen, wir haben zu diesem „Schlamassel“ erheblich beigetragen –, Bescheidenheit, Verantwortungsgefühl, alles das, was wir uns an ethischen Werten erarbeitet haben, was nicht in einen religiösen Kontext gehört, aber human ist.

Textbasis: In „Sommerliebe“, aber auch im angefügten Bild, wird das Altern gerade nicht als Zerfallsprozess dargestellt, sondern als Sammelsurium von Erfahrungen und dem Herausarbeiten von Charakteristiken, die sich sinntragend über die sichtbare Oberfläche legen. Was zeichnet Kunst im Kontext des Alterns für euch aus, was muss sie schließlich auch leisten können?

Wiebke und Hanna:
Zum einen ist der Prozess des „Tuns“, das Sich-selbst-verlieren im Werkeln, ein zutiefst befriedigender Zustand. Zum anderen ist es uns wichtig, zu lernen: Theorie zur Lyrik (mein Pferdchen unter den Steckenpferden), Theorien zur Fotografie (Wiebkes Lipizzaner) und natürlich alles, was nötig ist, um in den modernen Medien kommunizieren zu können. Dafür danken wir ganz herzlich allen, die uns geholfen haben, im Netz heimisch zu werden. Unser Dank gilt auch den Bäumen, an die wir unsere schmerzenden Rücken lehnen durften und der Stubenfliege, die uns mit ihren Streicheleien zur Pause mahnt und … und …
Matthias Engels und Dir.

Matthias, der unsere Beiträge gelesen und uns einfühlsam ermuntert hat. Er ist wie eine Oase in der vertrockneten Wüste der Beliebigkeiten, besonders im Netz. – Und Dir; dieses wunderbare „Ding“ zwischen uns dreien, dieser Faden zwischen Jung und Alt. Mögen viele, viele ihn finden.

Kunst unterstützt also auch befriedigende Begegnungen und schürt den Kamin, damit das Feuer und die Liebe zum Leben nicht erlischt. Wenn sie dann auch noch überzeugt, kommen wir unserem Ziel – das es gar nicht gibt, wir sind ja auch nur auf dem Weg – deutlich näher.

Textbasis: Ich danke euch für die lieben Worte, und kann beidem nur zustimmen: Ich finde ebenfalls, dass wir einen sehr harmonischen Faden zwischen uns gestrickt haben, worüber ich mich sehr freue. Dass dabei die Kunst aus sich herausgreift und direkt auf das Leben einwirkt, das ist schon etwas Besonderes. Und dennoch entsteht ja Kunst nicht aus dem Nichts. Hanna, du sprachst oben von deinem Pferdchen unter den Steckenpferden, also ganz allgemein von der Theorie. Nun ist ja die Theorie nicht unbedingt immer das Erquickende, nach dem man gleich nach dem Aufstehen lechzt. Wie steht ihr dazu: Nach wie viel Theorie verlangt die Kür in der Kunst – oder sollte die Kunst sich ganz von allem lösen, was sie zu sehr ins Trockene holt?

Hanna:
Frau Meier interessiert sich fürs Stricken, dazu braucht sie Grundfertigkeiten und Fantasie, danach kann sie sich entscheiden, ob sie ihr Leben lang Schals strickt, aufgibt oder lernt, Handschuhe und Socken zu stricken, oder den Faden zu einem „Hinguckerpullover“ verdichten will.
Ich liebe selbst erarbeite Unikate.

Dichtung wird gewöhnlich definiert als die Kunst, etwas in klangvollen Worten auszudrücken, bei der Schöpfungen des Gefühls, der Fantasie und der Einbildung entstehen (nach Toshimitsu Hasumi).
Im Sinne der japanischen Dichtung, der ich mich sehr verbunden fühle, ist sie nichts anderes als der seelische Ausdruck des Lebens in diesem Moment. Außerdem bedeutet poetische Betrachtung in der japanischen Lyrik immer Mit-Wirkung des Lesers, das heißt Mit-Dichtung.

Nun fragt sich hier natürlich der geneigte Leser, die kritische Leserin, was unsere wunderschöne, klangvolle Sprache nun mit Japans Literatur zu tun hat? Bei dem für mich trostlosen Gezerre vieler deutschsprachiger Kollegen, was nun ein Gedicht sei und was nicht, suchte ich einen ganz persönlichen Zugang und fand meine Ansprüche an meine Gedichte in der Tradition asiatischer Kulturen, ohne dass ich meine sprachlichen Wurzeln, mein Denken und Fühlen verlassen musste.

Das Besinnen auf das, was in meistens kurzen Gedichten nicht geschrieben worden ist, also zwischen den Zeilen steht, ist eine Kunst, die ich sehr schätze. Wird nur ein Teil gesagt und das übrige der Vermutung, Einsicht oder eigenen Erfahrungen, also dem Leser überlassen, entsteht ein Miteinander, ein Du. Ich schreibe dann nicht ins Blaue, sondern mein Gedicht wird zu einem Geschenk an Dich, oder an …
Dich? Ja, Dich meine ich.
Ich lasse es frei und du machst damit, was dir gefällt …
Alle Inhalte meiner Texte sind Momentaufnahmen, eine sinnliche Wahrnehmung in poetischer Form zu Papier gebracht.

Meine Gedanken sind hier nur kurz skizziert, um meinen Zugang zur Poesie zu verdeutlichen.(hoffentlich). Dieses „Konzept“ haben Wiebke und ich uns im Laufe der Jahre erarbeitet. Es lässt sich mühelos auf andere künstlerische Tätigkeiten übertragen:

Multikulturelle, möglichst unverstellte Sicht auf diesen Moment, den einzigen, den es gibt (gestern war gestern, und morgen kommt vielleicht nie) und diese Sicht mit wachen Sinnen künstlerisch umsetzen.

Textbasis: Deine Vorstellung von dem, was Kunst ist, wie Kunst und Dichtung für dich und Wiebke funktionieren sind weit weg von der (grauen) Theorie, man könnte sagen, sie sind eher mitten im momentanen Fühlen, das ist ein durchaus reizvoller Punkt, der offensichtlich zu solch intensiven Gedichten wie „Sommerliebe“ führt. Der lyrische Mittwoch soll neben den Einblicken in die Werke und Vorstellungen seiner Autorinnen und Autoren aber immer auch über den kreativen Prozess aufklären. Er soll Eigenheiten zeigen, wie Kunst entsteht, wie sich Schaffen und Schreiben mit dem Leben verbinden. Deswegen an euch die Frage: Wie gestaltet sich euer Kunst-Alltag, wie entsteht bei euch, was am Ende zu Kunst wird?

Wiebke und Hanna
:
Mit dieser Frage zerrst du an unserer Achillesferse. Es war ein langer schmerzhafter Prozess, die vielen Rollen einer Frau aus Kinder – Küche – Kirche herauszuschälen, nach Wichtigkeit zu ordnen und uns dann auch noch das Recht zuzugestehen, dieses „Projekt“ des kunstvollen Alterns an die erste Stelle zu setzen. Das akzeptiert das Umfeld nur sehr schwer bis gar nicht, da trennen sich manchmal Familienbande und Freundschaften sehr schmerzhaft. Aber das Leben ist eben ein ununterbrochenes Abschiednehmen und Sterben. So üben wir uns in diesen Disziplinen; und Generationen können sich aneinander reiben.

Das hätten wir gerne:
Der letzte Atemzug, Künstler jeden Alters und Genres (auch Lebenskünstler sind eingeladen ) um uns herum, zu Füßen spielende Windhunde und hoffnungsvolle Säuglinge … Naja, Humor und ein bisschen Bitterkeit müssen eben auch sein.

Einen richtigen Alltags- und Arbeitsrhythmus haben wir nicht. Wir tun, was dran ist: Salat schnipseln, Fotos bearbeiten und nicht zu vergessen, immer aufs Wohlbefinden achten. Da hilft Meditieren, Shakuhachi und Didgeridoo üben. Wir können uns das leisten, nicht unbedingt immer finanziell, aber Zeit und Raum stricken wir selbst.

Wiebke:
Bis hier her habe ich alles abgesegnet und Kaffee getrunken. Hanna schreibt nämlich auf meinem PC, ihrer ist – wie so oft –nicht einsatzfähig, er ist so alt und voller Flausen, wie sie selbst. Ohne mich würde sie in den Himmel steigen oder platzen, wir sind das beste Team der Welt.

Textbasis:
Wohl dem, der solches von sich sagen kann! Was zeichnet denn das beste Team der Welt noch so aus? Natürlich auch vom künstlerischen Standpunkt her gesehen: Wie fließen die Inspirationsströme? Nebeneinander her und ins gemeinsame Delta, oder als reißender Strom, sprudelnd aus gemeinsamer Quelle?

Wiebke:
Hannas beschriebenen Zugang zur Gestaltung und Einordnung unserer Kunst will ich ein wenig relativieren. Wir kennen uns seit zwanzig Jahren und haben nie nachgelassen, an unserer Beziehung zu basteln. Das erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der „Liebe“ und der Entdeckung, dass sie sich im Laufe des Lebens loslöst von bürgerlichen Moralvorstellungen und Eingrenzungen, auch von sex and drugs an’ rock ’n’ roll. Die genitale Fixierung löst sich auf und gestattet ein zärtliches Miteinander und Vertrauen.
Nur vor diesem Hintergrund sind solche Gedichte wie „Sommerliebe“ oder meine Karikaturen von uns selbst möglich.

Inspirationsströme: Sie fließen oder sie fließen nicht, sie reißen mit oder nicht, wie bei allen Menschen. Bei Künstlern fällt das einfach mehr auf, wenn die Quelle grad’ trocken ist.
Wir stellen fest, je älter wir werden und je breiter der Strom der Akzeptanz allen Lebens fließt, umso freier fühlen wir uns – auch mit unserer Kunst.
Ach, klingt das genial!

Heute Morgen suchte ich verzweifelt meinen Schlüssel, ich hatte einen Arzttermin, Hanna hatte Kopfweh und keine Lust zu nichts, und die Sonne schien.

Textbasis: Liebe Wiebke, liebe Hanna, für eure ehrlichen und offenen Worte bedanke ich mich. Schon oft sind Künstler sehr persönlich geworden im lyrischen Mittwoch, doch euer offener Appell an die Freiheit der Kunst: Der Freiheit, frei zu sein von kleinlichen Prinzipien und frei zu sein von den damit verbundenen Vorurteilen, ist eine Liebeserklärung von allen Seiten betrachtet: an die Liebe selbst, die Kunst selbst, an ein Miteinander ohne Schranken. Zwar nicht wirklich sex and drugs an’ rock ’n’ roll, wie Wiebke schon schrieb, aber doch ein Revival der der 68er, etwas moderner vielleicht, nicht minder ehrlich und um die Dimension des Alterns erweitert. – Ich wünsche euch, dass das Projekt „kunstvollaltern“ viele anspricht und näher zusammenbringt, wie es auch schon uns näher zusammengebracht hat. Auf die Zukunft! Schön, dass ihr heute dabei wart; und nun bitte alle einmal hier entlang zum: kunstvollaltern.

Bis zum nächsten Mal, in alter Frische – und bleiben Sie lyrisch!


[Ausschreibung: die Gewinner!] Benjamin Bläsi – Violetter Wind

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Herzlichen Glückwunsch an

Benjamin Bläsi

zum

2. Platz

der Ausschreibung
Des Sommers dunkle Seite,
mit dem Gedicht

Violetter Wind

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Ethanol siedet in meinen kraftlosen Adern
kribbelt in der Haut unter meinen Augen

Nun schnell, ehe der Sommer ganz in unseren Händen einschläft! Benjamin Bläsi – Jahrgang 1989 – studiert BWL und wohnt im Kanton Freiburg in der Schweiz. Sein Gedicht „Violetter Wind“ lädt Sie noch einmal auf eine letzte Sommerreise: Lassen Sie Ihre Augen über Verse einer geradezu hypnotischen Umgebung gleiten, lassen Sie sich treiben vom Geruch des Apérogebäcks hinan an Glaswogen eines sprudelnden Baches und hinein in das „gespenstische Summen des Äthers“. Diese Reise ist betörend und mystisch – bis an ihr Ende.

Violetter Wind

Mit dem Abend kommt der süssliche Wein:
Lavenderwind und eine milchig orange Sonne
verhüllen eine endlos steinerne Terrasse;
Hitze lastet bleiern auf fläzenden Körpern
und stürzt von schroffen Efeu-Pergolas;
zwischen Apérogebäck bricht ihr Lachen hervor
melodisch wie eine Perlenkette, die reisst;
Nachtschatten klettern die Hauswände hoch
tauchen den Abend in lindernde Dunkelheit;
ihre Wangen schimmern im Licht des Halbmonds
als würden mich ihre Mundwinkel verspotten;
sie zieht mich in den wuchernden Garten hinaus
schlank weisse Finger umklammern meine Hand;
bald kommen wir zu einem sprudelnden Bach
samtenes Moos säumt seine gläsernen Wogen;
ihre Lippen murmeln süsse Nichtigkeiten
ich antworte mit schieferartigem Schweigen;
nun weit weg von den Lichtern der Stadt
blicken wir ins Herz der Milchstrasse;
Ethanol siedet in meinen kraftlosen Adern
kribbelt in der Haut unter meinen Augen;
Schweisstropfen rinnen von ihrer Stirn
mäandrieren über erhitzte Hautlandschaften;
ich höre das gespenstische Summen des Äthers
im Takt mit ihren stürmisch atmenden Lungen;
ich sehe Gestalten dicht unter dem Firmament
semitransparent treiben sie im Sternenglanz;
ich spüre ihre Finger zwischen meinen Rippen
bedächtig zerpflücken sie mein junges Herz;
ich schliesse die Augen und die Welt erlischt
öffne sie wieder und ihr Lächeln verblasst;
Regen bricht eisig aus einst weissen Wolken
hüllt ihren zarten Körper in graue Schlieren;
silbern lachend tritt sie einen Schritt zurück
verschwindet im gewittrig anbrechenden Tag;
Sekunden später finde ich mich anderswo wieder:
Stehe nass und alleine vor meiner Haustüre.

PS: Benjamin Bläsi wird bald Gast im lyrischen Mittwoch sein, freuen Sie sich bitte gemeinsam mit mir auf noch mehr Poesie von diesem vielversprechenden Dichter!


[Ausschreibung] Die Gewinner stehen fest!

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Ausschreibung,

nun ist es so weit! Alle Benachrichtigungen sind verschickt und zu allen, die einen Text eingesandt hatten, habe ich inzwischen Kontakt aufgenommen. Besonders habe ich mich gefreut über die interessanten Gespräche, die sich während und im Anschluss der Ausschreibung ergeben haben. Diese Ausschreibung war und ist ein tolles Erlebnis für mich, das jetzt in die zweite Runde geht, und nun hoffentlich auch zu einem schönen Erlebnis für alle Mitlesenden wird. Denn natürlich stehen die Veröffentlichung der Gewinnertexte sowie Interviews und ein paar Folgen des lyrischen Mittwochs bevor, die direkt an die Ausschreibung anknüpfen.

Die Auswahl der Gewinnertexte war am Ende sehr schwer für mich. Denn nach einer sorgfältigen Vorauswahl und ab einem (un)bestimmten qualitativen Punkt konnte ich nicht mehr objektiv entscheiden, warum eine Einsendung tatsächlich besser gewesen ist als eine andere. Das liegt wahrscheinlich auch im Wesen der Kunst selbst begründet, da sie sich objektiver Beurteilung geradezu entzieht und letztendlich immer das Persönliche, das Subjektive einfordert. Mir erging es nicht anders, und schließlich habe ich zu einem gewissen Teil auch „aus dem lyrischen Bauch heraus“ entscheiden müssen.

Doch der vielen Worte nun genug! Ganz herzlich darf ich den Gewinnern der Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“ des textbasis.blogs gratulieren!

Den zweiten Platz belegt mit einem hypnotischen Sommergedicht, entlang eines verschwommenen Weges, auf dem sich Außenwelt und Impression ineinander verschränken,

Benjamin Bläsi.

Sein Gedicht trägt den Titel „Violetter Wind“ und dieser vermittelt bereits einen Vorgeschmack auf die starken Verse, die Sie bald erwarten werden. Ich verspreche, dass sie mit magischem Sprachgefühl und intensiven, kraftvollen Bildern ganz wunderbar zaubern. Herzlichen Glückwunsch. –

(Denken Sie sich bitte einen anschwellenden Trommelwirbel!) Und nun der erste Platz der aktuellen Ausschreibung, der nach einem knappen Kopf-an-Kopf-Rennen mit Benjamin Bläsis Gedicht dem Gewinner zufiel: Auch ihm darf ich aus ganzem Herzen gratulieren – zu einer wunderbaren kleinen Geschichte, die in wellenschlagender Form zwischen sommerlicher Urlaubsstimmung und Selbstreflexion hin und her wechselt und dabei, auch für den Erzähler, zusehends Nachdenken und Wirklichkeit vermischt und verwebt. Unaufgeregt entspannt und komplex wogend-verwoben erreicht den ersten Platz die Erzählung „– Seestück –“ von

Matthias Engels.

Auch dieser Text wird bald auf dem textbasis.blog veröffentlicht werden. Ein Interview mit Matthias Engels folgt überdies, zugesagt hat er bereits. Sie dürfen sich demnach freuen – ich tue es ebenfalls – auf ein interessantes Gespräch mit dem ehemaligen Teilnehmer der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs!

Vielen, vielen, vielen Dank abschließend noch einmal an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ohne Sie und ohne euch hätte es diese kleine Ausschreibung nicht geben können! Ich war erstaunt, wie viele mitgemacht haben; es war mir eine große Ehre!

Die Überraschungsgedichtbände werden natürlich ebenfalls in Kürze auf die Reise gehen.

Matthias Engels, Platz 1, gewinnt: eine signierte, limitierte Ausgabe von Ingolf Brökels Gedichtband „im abraum“!

Benjamin Bläsi, Platz 2, gewinnt: den aktuellen Gedichtband von Tristan Marquardt „das amortisiert sich nicht“!

Ich wünsche den Gewinnern viel Spaß mit diesen wunderbaren Lyrikbänden, mögen Sie unterhalten, inspirieren und faszinieren ohne Verfallsdatum.

Bis bald, und bleiben Sie lyrisch!