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[Ausschreibung: die Gewinner!] Matthias Engels – Seestück

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Herzlichen Glückwunsch an

Matthias Engels

zum

1. Platz

der Ausschreibung
Des Sommers dunkle Seite,
mit der Erzählung

–Seestück–

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Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz

Matthias Engels dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, wenn Sie häufiger auf dem textbasis.blog lesen. Der in Westfalen lebende Sortimentsbuchhändler, Herausgeber und Literaturreferent war bereits Gast in der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs und kann inzwischen auf zahlreiche Publikationen zurückblicken (zuletzt: Engels & Brusius – dingfest. collagen & gedichte, 2013). Mit „–Seestück–“, dieser kurzen, melancholisch wogenden Erzählung, die Betrachtung und Nachdenken sanft ineinandergreifen lässt, setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und belegt den ersten Platz der Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“. Tändelnd verbinden sich in ihr Beobachtung und Selbstbezogenheit, wird das Meer auf den Kopf gestellt zur Nachtszene. Doch die Idylle ist nicht nur Meeresrauschen, Sonnenschein und Strandurlaub – in allem scheint sich ein Teil vom Protagonisten Jan zu verstecken. Und Jan selbst scheint Bestandteil von allem zu sein. (Klicken Sie das Video für den gelesenen Text.)

–Seestück–

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende hin gen Null tendierenden Zahlen. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Büffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wurde, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel: Es ist Zeit, ein wenig Geld zu sparen!

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte, mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn, ist auf diesen Auszügen nur:
– 8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und
– 7 Euro 50 an den Spielzeugladen.
Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettel nicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.
Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch. Und die Atlanter? – Sie gähnen gelangweilt.

Es ist immer noch derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.
Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis dann ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken, und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen, mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen. Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, dass sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe, fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer – das heißt, genau genommen – nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, bei allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst, wird es eine Nacht mit einem dunklen Himmel, und einem vom Restlicht aufgehellten Meer. Als habe sich das Meer für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weitergeht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.
Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, dass die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr, und er tut das erstaunlich langmütig, immer dran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem Nichts, auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke auf eine helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben, und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit Langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.
Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau andersherum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert.
Ist er gescheitert?
Er weiß es nicht.
Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden, und das tut ihm wohl.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 11] Constanze – Das Meer singt Lieder…

Liebe Leserinnen, liebe Leser, diese Woche ist er zurück, der lyrische Mittwoch. Wo vor sieben Tagen die Impressionen der Mainzer Minipressen-Messe an eine schöne Zeit erinnerten, werden auch heute wieder Erinnerungen auftauchen. Es ist mir eine große Ehre, Ihnen Constanze vorstellen zu dürfen. Sie studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalistin vorrangig im Gesundheitsbereich, lebt mit ihrem Mann im Schwarzwald und veröffentlicht auf dem Blog Das poetische Zimmer ihre Gedichte. Ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass Constanzes Liebe zur Oper, zur Musik und zur Satzmelodie Kleinodien feingeistiger Sprachschöpfung hervorbringt, deren wunderbare Wortbilder klingend im Gehörgang lang nachhallen.

Diesen besonderen Klang, dieses Verweilen der Verse und des Reims im inneren Ohr, dieses Eindrücken und Beeinflussen des Empfindens teilt ihre Lyrik mit der besonderen Intensität offener Wahrnehmung. Denn hat man sich erst der Betrachtung ganz hingegeben, so strömen Eindrücke oftmals erstaunlicher Form auf uns zu: Da beginnt ein überpustetes Meer zu singen, da wird aus der ursprünglichen Umgebung eine Eingebung direkt ins Herz, ins Empfinden. Da verschmelzen Wahrnehmung und Welt und stimmen das Wahre Lied des Fühlens an, welches atmend untertaucht „ins große Rauschen“ und feierlich beruhigt und immerzu erfährt: –

Das Meer singt Lieder…

Das Meer singt Lieder der Erinnerungen,
Gedanken, die gen Himmel fliehn.
Mein Herz, das lauscht,
lauscht immerzu im Stillen
zu allem, was mir nah erschien.
Und rinnt hinein ins große Rauschen,
und brandet an in bunten Träumen,
versickert Klang in weiten Räumen,
wo Sehnsuchtsbilder Kreise ziehn…

Constanze

Constanze

Textbasis: Liebe Constanze, ich freue mich, dass Du einer Teilnahme am lyrischen Mittwoch zugestimmt hast und mit Deinem Gedicht eine salzig-melancholische Prise Lyrisches durch den Blog wehen lässt. Welchen Freiraum bietet Dir das Gedicht, bieten Dir Verse, wenn Du über die Welt und dich selbst schreibst, gerade auch im Hinblick auf Deine Tätigkeit als Journalistin?
Constanze: Für mich als gefühlsbetonter, bildorientierter, musikalischer Mensch ist diese Art des künstlerischen Ausdrucks geradezu ideal. Und im Unterschied zum journalistischen Beitrag beziehungsweise zum reinen Sachtext dient es dem Ausdruck des persönlichen, inneren Erlebens. Das heißt nun aber nicht, dass man sich beim Dichten in einem schier unergründlichen, ichbezogenen Gefühlsüberschwang ergehen sollte. Möchte man den Inhalt mit anderen teilen, muss man vielmehr auch etwas allgemein Gültiges nachvollziehbar darin aufleuchten lassen.
Das hier vorgestellte Meergedicht verdeutlicht ein wenig meine Motivation. Mit einem poetischen, meditativen Blick gehe ich oftmals durch die Welt und die Dinge und Vorgänge sprechen dann in sehr eindringlicher Weise zu mir. In ihnen offenbaren sich besondere Stimmungen, zuweilen existentielle Aspekte des Daseins wie etwa Freiheit, Ewigkeit, Vergänglichkeit, Tod und Leben beispielsweise. Das berührt mich und ist es meiner Meinung nach wert, in ästhetisch verdichteter Form gesteigerten Ausdruck zu erfahren. Inspiriert davon, kommen mir Bilder, Gedanken, Melodien hoch, bilden sich Assoziationsketten im Innern. Das Äußere wird mit der Fantasiewelt verschmolzen, „brandet an in bunten Träumen“ und gebiert etwas Neues, ein thematisches Bild oder Gleichnis, welches in der passenden Verschmelzung unterschiedlicher Bedeutungsfelder seinen unvergleichlichen Ausdruck erfährt. Wenn ich Glück habe, erwächst mir im Vorfeld bereits eine melodiöse Verszeile oder ein ganz bestimmter Rhythmus. Dies alles notiere ich mir fast immer erst einmal auf einem kleinen Zettel, um es dann einige Zeit später vollends zu verdichten.

Textbasis: Wie Du mir während der Vorbereitungen unseres Interviews schriebst, fasziniert dich die Musik – und diese Musikalität hört man aus Deinen Zeilen heraus. Wie verbindet die Versmelodie dabei Inhalt und Bilder zu bleibenden Eindrücken? Was passiert, wenn Melodie und Text schief liegen?
Constanze: Dem Lyrischen, Liedhaften im herkömmlichen Sinne bin ich besonders zugetan, denn hier werden eben Wort, Bild und Musik beziehungsweise Rhythmus, Klang aufs Schönste miteinander verwoben. In dieser Art der Verdichtung kann ein mitzuteilender Gedanke zu einem außerordentlich sinnlichen Erlebnis werden und dadurch vielleicht zu einem nachhaltigeren (Selbst-)Erleben führen, weil (Wort)Bilder mit Musik beziehungsweise Rhythmus und Klang unmittelbarer das Gefühl ansprechen und bekanntlich tiefer im Innern verankert werden, als es sonst der Fall sein würde.
Um auf diese Weise eingängig zu sein, muss die Melodie zum einen so geschaffen werden, dass sie für den Leser deutlich im Innern vernehmbar wird, ihn selbst in die ausgedrückte Schwingung versetzt, bestenfalls sogar in einen rauschartigen Zustand, um ihn so in einem Fluss durch den Text zu tragen. Zum anderen besteht die hohe Kunst darin, Zeilen zu kreieren, die den Inhalt (Bild, Gedanke, Bewegung) auf formaler, musikalischer Ebene spiegeln, so wie es uns beispielsweise meisterhaft aus Rilkes „Panther“ entgegenleuchtet: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“
Fügt es sich aber auf allen Ebenen nicht harmonisch zusammen, ja kommt der Leser auf halbem Wege gar ins Stolpern, weil der Rhythmus beispielsweise durch eine falsche Silbenanzahl im Vers oder etwa durch ein klanglich unpassendes Wort an der falschen Stelle aus dem Ruder läuft, dann wirkt es eher lächerlich und aufgesetzt und ein Höhenflug wird nur noch zum kläglichen Absturz.

Textbasis: Das bedeutet dann ja ebenfalls, dass das Gedicht immer vom Vortrag lebt, erst gesprochen sich ganz entfaltet. Kann es nicht auch Lyrik geben, die ganz und gar auf dem Papier aufblüht (sieht man einmal ab von künstlerischen Ausformungen wie etwa der Konkreten Poesie et cetera)?
Constanze: In der Tat ist es meiner Meinung nach so, dass Dichtung im herkömmlichen Sinn ihre Magie erst mit dem Vortrag vollends entfaltet. Ich selbst bin zu dieser Art des Schreibens ja auch erst wieder über die Rezitation von Gedichten hier im Netz gekommen, vornehmlich von Versen meines Lieblingsdichters Rilke. Dadurch haben sich mir gänzlich neue Dimensionen erschlossen. Nicht nur, dass mich das Sprechen von Lyrik für die eigenen Versuche erneut öffnete, nachdem ich seit Studientagen in dieser Richtung gar nichts mehr unternommen hatte, sondern es hat mich auch im besonderen Maße für dieses melodiöse, unvergleichlich schöne, nicht alltägliche Sprechen sensibilisiert. Es lässt mich persönlich Harmonie empfinden und die Schönheit dieser Sprache direkt fühlen und mit ihr auch die Möglichkeiten des Ausdrucks, die in ihr verborgen liegen. Vielleicht müssten Menschen, die nur noch wenig Lust verspüren, sich der traditionellen, liedhaften Dichtung zu nähern, nur einmal damit beginnen, diese wieder bewusster zu lesen und auszusprechen, und sie wird sich ihnen auf eine neue, ungewöhnliche Weise erschließen und sie einnehmen. Übrigens, längst bevor ich überhaupt noch einmal erneut mit dem eigenen Dichten begann, war es mein und meines Mannes liebster Zeitvertreib geworden, gemeinsam Gedichte unserer Lieblingsautoren auswendig zu lernen und uns diese gegenseitig aufzusagen.

Textbasis: Das bringt mich sodann auch direkt zur nächsten Frage. Gemeinsam veröffentlichen Du und Dein Mann (Pseudonym Wolfregen) im „poetischen Zimmer“ jeweils eigene Gedichte, gibt es da ab und an so etwas wie eine gemeinsame Arbeit am Text oder bedeutet das Gedichteschreiben gerade nur subjektive, individuelle Ausformung?
Constanze: Gemeinsame Projekte gab es bisher nur insofern, als ich Gedichte von Wolfregen zu einer ausgewählten Musik im Internet rezitiert habe. Ansonsten arbeitet jeder für sich im „stillen Kämmerlein“, bis ein neuer Text fertig vorliegt. Dann aber kommt die Präsentation vorm jeweils anderen ins Spiel und danach die gemeinsame Überarbeitung der Schwachstellen im Text. Dabei hat sich bewährt, dass sich mein Mann recht gut im allgemein Formalen auskennt und ich hier noch immer einiges dazulernen kann, während ich mehr die Expertin fürs Inhaltliche beziehungsweise Klangliche auf der Wortebene bin. So hat sich das bisher immer sehr gut ergänzt.

Textbasis: Und wie funktioniert das, in einer Welt voller Technik, Verdummungsfernsehen und Hast noch die nötige Muße zu finden? Was braucht es, um hinter dem schnöden Alltag das schöne Besondere zu sehen?
Constanze: Um das schöne Besondere im Alltag zu sehen, muss man mit einem wachen, für die Details offenen Auge durch die Welt gehen, hinter die Erscheinungen blicken, um damit das Wesentliche, Kostbare des Daseins zu ergründen. Auch, um Unschönes ab und zu auszublenden, so wie das Verdummungsfernsehen mit dem Ausschaltknopf am TV-Gerät Gott sei Dank ausblendbar ist. Zumindest im Privaten sollte man sich mit etwas beschäftigen, das der persönlichen Selbstfindung dient und die eigenen Kräfte stärkt. Für mich persönlich leistet dies zum Beispiel unter anderem die Hinwendung zur Historie. Sieht man einmal von den Missständen ab, die es zu allen Zeiten gab, so erscheinen mir frühere Leben zumindest im Privaten doch überschaubarer und damit beschaulicher und anschaulicher gewesen zu sein. Weniger schnelllebig, abstrakt und nüchtern, mehr den natürlichen Harmonien und dem Lauf der Jahreszeiten zugewandt. Mit den Gedichten und der Musik der Klassiker bekommt man eine Ahnung davon.
Mit Blick zurück schätzt man mehr das, was ist, als jenes, was in Zukunft noch alles sein sollte. Damit kommt Ruhe und Gelassenheit in den Tag. Technik wird viel bewusster für die eigenen Belange sinnvoll eingesetzt und nicht zum alles beherrschenden Faktor, der innerlich zerstreut und vom eigenen Selbst wegführt.

Textbasis: Dieses bewusste Wahrnehmen von sich selbst in seiner Umgebung, diese damit gewonnene Ruhe, scheint den Sinn für Struktur, für Wohleingepasstheit zu untermauern, den man in Deiner Lyrik vorfindet. Wenn man einen Blick unter die Verse des hier vorgestellten Gedichtes und die Gedichte auf Deinem Blog wirft, findet man stets eine starke Betonung des Rhythmischen, oft auch eine durchkomponierte Gestaltung in Reim und Metrum. Wie weit engt diese Vorgehensweise ein – gerade heute, wo noch immer viele Gedichte bewusst auf diese Gestaltungsmittel verzichten –, wie weit eröffnet sie Möglichkeiten, die den Freien Rhythmen verschlossen bleiben?
Constanze: Freie Rhythmen tragen der Spontanität des ausgedrückten Erlebens mehr Rechnung. Bei meinen ersten lyrischen Schritten habe ich auch lediglich versucht, die im Innern frei erwachsene, rhythmische Zeile mit weniger Beachtung von Metrum und Reim zu einem vollständigen Gedicht auszuweiten. In einer gewissen Hochgestimmtheit ist mir das dann auch einmal, denke ich, ganz gut gelungen mit den Zeilen zu „Mein Zimmer: die Stille…“. In so einer Situation wächst man fast über sich hinaus, vergisst alles andere um sich herum und ist ganz bei der Sache, und damit auch wiederum ganz bei sich selbst angekommen. Aber solche außerordentlichen Zustände stellen sich ja nicht per Knopfdruck ein und oftmals auch nicht in dieser Intensität. Mittlerweile ist es mir schon mehrfach passiert, dass mir der lyrische Fluss ein Schnippchen geschlagen hat und ich trotz gewecktem Dichterinnengeist einige Plagerei mit dem Rhythmus hatte. Längere Zeit weigerte ich mich, immer zu Anfang eines neuen Textes mindestens ein Gerüst aus festgelegter Silbenanzahl im Vers sowie ein festes Reimschema zu bauen. Ich dachte, dadurch würden die Zeilen einen Großteil ihrer Musikalität einbüßen und vielleicht zu statisch wirken. Dann aber habe ich gemerkt, dass so ein Gerüst eigentlich erst so richtig frei macht für den Inhalt, für das mit den Worten zu malende Bild, sofern man in dieser Manier überhaupt dichten möchte. Man kann sich problemlos daran festhalten und gerät nicht mehr so leicht ins Stolpern. Außerdem können fest durchkomponierte Versmelodien in ihrer Schwingung besser tragen und sind deshalb letzten Endes wahrscheinlich eingängiger, weil der Leser sich diese leichter merken kann, sie sogar mitsingen könnte.

Textbasis: In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, kurz noch etwas zu folgendem Satz zu sagen, den Du mir im Vorfeld unseres Interviews mitteiltest. Du schriebst, „dass die echte Schwingung eigentlich erst auf der Wort- und Silbenebene erfolgt.“ Transportieren nicht auch die Strophe und das Gedicht selbst ihre eigenen Schwingungen?
Constanze: Ja, das stimmt natürlich. Aber erst am richtigen Ort platziert, entfalten Wörter und Silben ihren ganz eigentümlichen Zauber im poetischen Gefüge, denn sie unterstützen im besten Fall mit ihrem Klang und ihrer Betonung den Rhythmus in seiner Ausprägung sowie den mitzuteilenden Gedanke auf inhaltlicher Ebene. Das überprüfe ich im fertigen Gedicht stets anhand mehrerer Durchgänge und variiere dann die Worte, stelle sie um oder ersetze sie durch passendere, manchmal sogar öfters innerhalb eines Verses, bis ich schlussendlich den optimalen Fluss und Ausdruck erreicht habe.

Textbasis: Wie sich die Art zu dichten in vielen Jahren verändert hat, so veränderten sich ebenso auch die Möglichkeiten, die eigenen lang erdachten und durchkomponierten Gedichte einem breiten Publikum zu präsentieren. Welche Vorteile siehst Du für Dichterinnen und Dichter in der Möglichkeit, unkompliziert im Internet zu veröffentlichen? Und was macht eventuell auch den gedruckten Gedichtband gerade einzigartig?
Constanze: Das Internet bietet Autoren wie nie zuvor die Möglichkeit, eine interessierte Leserschaft zu finden, auch wenn kein Verlag auf der Welt jemals bereit wäre, ihre Texte zu drucken. Als Autor kann man auch schon einmal vorab zwanglos testen, wie die Gedichte denn ankommen, was gefällt und was weniger gefällt. Und vielleicht bietet sich dann ja irgendwann doch noch einmal die Chance, gerade über eine wachsende Leserschaft die Lorbeeren einer Buchveröffentlichung zu ernten. Dadurch gestaltet sich das Literaturgeschehen im Netz wesentlich bunter, vielfältiger.
Andererseits besteht die Gefahr, dass in einer Invasion pseudokünstlerischer Ergüsse irgendwann das wirklich Kunstvolle untergeht und die ganze Szene zunehmend verwässert. Aus diesem Grund hat eine Veröffentlichung in Buchform meiner Meinung nach wesentlich mehr Gewicht. Es ist schon eher eine qualitative Anerkennung der dichterischen Leistung, wenn man gedruckt wird, denn warum sollte ein Verlag das finanzielle Risiko eingehen mit Texten, von denen er sich eigentlich nicht viel verspricht.
Auch ist es meiner Meinung nach ein viel schöneres, da bewussteres und sinnlicheres Vergnügen, ein gedrucktes Bändchen schlussendlich in Händen zu halten und zu lesen. Denn nach wie vor unvergleichlich ist der Eindruck einer kunstvollen Papiergestaltung, ganz zu schweigen vom einzigartig Haptischen und Akustischen beim Anfassen und Umblättern der einzelnen Seiten. Falls sich also einmal die Gelegenheit ergeben sollte, dass ein Verlag sich meiner Gedichte annehmen möchte, werde ich dies außerordentlich zu schätzen wissen.

Textbasis: Dieser Überlegung stimme ich zu, denn gerade der Rolle der Verlage als „Kontrollinstanzen“ kommt doch die bedeutende Aufgabe zu, der von Dir angesprochenen Möglichkeit des Verwässerns ein bisschen entgegenzuwirken. Damit verabschiede ich mich ganz herzlich von Dir, Constanze, und bedanke mich für Dein Gedicht und Deine Antworten. Ebenfalls verabschiede ich mich von allen Leserinnen und Lesern, denn auch heute muss der lyrische Mittwoch wieder dem Unausweichlichen des Lebens entgegentreten: dem Ende. Doch das bedeutet keinesfalls, dass Sie nicht noch ein Weilchen genießen dürfen: Klicken Sie den folgenden Link, machen Sie es sich bequem und tanzen Sie lesend ein bisschen durch die Gedichte von Constanze und Wolfregen. Ein ganz besonders feiner Sessel ist bereits reserviert, treten Sie also nun ein – in das poetische Zimmer.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.