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[Der lyrische Mittwoch, Folge 15] Aka Teraka – FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bereits zum fünfzehnten Mal heißt der Mittwoch Sie verweilen zu verdichteter Sprache. Ich freue mich, Ihnen diese Woche den Autor und Dichter Che Chidi Chukwumerije vorstellen zu dürfen. Unter seinem Pseudonym Aka Teraka veröffentlicht er regelmäßig Gedichte und kurze Prosa in drei Sprachen. Auf seinem englischsprachigen Blog hat er sogar ein Jahr kreativen Schreibens ausgerufen, während welchem er jeden Tag ein neues Gedicht und jede Woche eine neue short story veröffentlicht. In Buchform liegen zahlreiche Gedichtbände und Erzählungen vor, weitere sind für 2013 geplant. Es ist schön, Ihnen heute eines von Aka Terakas deutschsprachigen Gedichten vorstellen zu dürfen, in dem die Zeit harmonisch fließend durch die Versumgebung paddelt.

In der Folge mit Constanze aus dem poetischen Zimmer klang das Motiv der verwandelten Wahrnehmung schon einmal an, und auch in den Versen von „FERNERHIN“ begegnet das lyrische Ich einer Welt, deren Grenzen aufgelöst werden. Das Transzendieren des Persönlichen hinein ins Gegenüberliegende der Umgebung verwebt sanft Landschaft und Empfinden. In atmenden Bildern erschließt das lyrische Ich Sinnebenen in so gewöhnlichen Dingen wie einem vorbeifahrenden Kanu oder einer entfernt stehenden Baumkette. Emotionale Lyrik, die nicht darauf verzichtet, auf das Bekannte zurückzugreifen, um die „unklaren Umrisse“ deutlicher nachzuzeichnen, Ahnungen wiederzufinden und das Innere im Äußeren verankert zu entdecken. Sich auf diese Weise als Teil im Gesamtgefüge verstehen; das Ich begreifen als Verschmelzen und Verwachsen zwischen Innen und Außen, sich selbst möglichst sinnhaft werden –

FERNERHIN

Ich sehe in der Ferne
Eine Linie grüner Bäume
Am anderen Ufer

Einen unklaren Umriss
Nebelumgeben
Eine sagenumwobene ferne Zeit
In der Vergangenheit oder in der Zukunft
Aber nicht in der Gegenwart

Gegenwart ist dieser Tisch
Gegenwart ist das vorbeiziehende Kanu
Gegenwart ist die Lagune, das Ufergras, meine Sehnsucht
Ich kann sie alle tasten, schmecken
Und verstehen

Doch die grünen Träume dort in der Ferne
Sind ungewiss –
Sie sind das Schlummernde in mir …

Aka Teraka

Aka Teraka

Textbasis: Lieber Che, dafür, dass ich heute eines deiner Gedichte vorstellen darf und du dir Zeit genommen hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen, danke ich dir recht herzlich. Folgt man deinen Spuren im Netz ein bisschen, stößt man auf zahlreiche Bücher, die alle deinen Namen tragen und bereits eine beachtliche Liste bilden. Wo findest du überall die Ideen für deine Texte, was inspiriert dich am meisten?
Aka Teraka: Ich als Dichter komme nie zur Ruhe. Meine Seele habe ich der Dichtkunst für die Ewigkeit verpachtet. Mit dem Herausgeben laufe ich frustrierend hinterher, denn es gibt noch so viel mehr. Mit dem Schreiben ist es schlimmer: Ich muß noch viel und vieles mehr niederschreiben, was mich innerlich beschäftigt. Die Zeit fehlt, manchmal die Kraft auch oder die endgültige Reifung der jeweiligen Idee. Trotzdem. Da bin ich kompromisslos – alles, was eine, wenn auch nur winzige, dichterische Schwingung in mir auslöst, muß den Preis dafür zahlen und als Text unter meiner Feder enden. Herkunft, Ursprung, Auslöser, Art und auch Zeitpunkt der Inspiration sind immateriell und ändern sich ständig. Manchmal lassen sie sich auch nicht klar ermitteln, sondern der Gedanke, das Bild oder der Drang ist auf einmal einfach da und will sofort erfüllt werden.

Textbasis: Wenn du eine gute Idee, eine gelungene Eingebung erspürt oder erlebt hast, wie geht es dann weiter? Wie gestaltet sich bei dir der Weg von der Idee zum fertigen Text?
Aka Teraka: An dem Tag, an dem ich sterbe, egal wo, wird man wahrscheinlich Papier und Stift an meiner Person oder in meiner unmittelbaren Nähe finden. Wenn nicht, dann wäre selbst ich im Jenseits überrascht. Denn die habe ich fast immer dabei. Zu meinen grausamsten Ängsten gehört, daß ein flüchtiger Gedanke auftaucht und ich in dem Augenblick keine Möglichkeit habe, ihn schriftlich festzuhalten, und ihn dann irgendwann wieder vergesse, was ab und zu passiert. Das nervt mich ohne Ende. Wenn ich allein bin oder die nötige Freiheit habe, dann schreibe ich sofort das nieder, was mich juckt. Heutzutage hilft auch das Smartphone. Gedichte schreibe ich dann meistens in einer Sitzung ganz zu Ende. Kann sein, daß ich sie später überarbeite, aber sie sind schon da. Geschichten sind problematischer, da die Geschichte selbst sich mir erzählen muß. Da wird manchmal ein hohes Maß an Geduld von mir verlangt, denn ich will alles immer sofort fertigstellen. Aber manchmal muss man erst reifer werden, um zu erfahren, um zu begreifen, wie – oder ob – eine Geschichte weitergeht. Bei einigen Geschichten dauert das jedoch Jahre.

Textbasis: Du schreibst auf Deutsch, Englisch und Igbo. Gibt es für dich Unterschiede, wenn du in der einen oder der anderen Sprache Texte verfasst? Lässt sich manches nur in einer bestimmten Sprache ausdrücken oder spielt das nur eine untergeordnete Rolle?
Aka Teraka: Das Umgekehrte ist richtig. Nicht die Sprache ist in der ersten Linie wichtig, sondern die Dichtung an sich. Sie wirkt unaufhörlich in mir und sucht immer nach Ausdruckskanälen und Möglichkeiten. Schreiben bietet eine gute Brücke, ist aber nicht die einzige Form. Am Anfang schrieb ich nur auf Englisch. Als ich es einmal auf Deutsch probierte, spürte ich sofort, daß jede Sprache der Dichtung und dem Innenleben andere Möglichkeiten bietet, sich auszudrücken. Als ich soweit war, lösten sich die jeweiligen Sprachen dann teilweise von ihren beherbergenden Kulturen. Das Gedicht hier oben – „FERNERHIN“ – habe ich zum Beispiel in Lagos, Nigeria, geschrieben, als ich an einer Lagune saß. Auf Deutsch schreiben ist für mich häufig mit der Empfindung eines Ausflugs verbunden, auf Igbo jedoch mit der eines seltenen Besuchs im Heimatdorf. Englisch verkörpert für mich das tägliche Leben. Geistig gesehen, meine ich. Es ist dann egal, wo ich bin oder was ich gerade mache. In dem Augenblick, in dem ich in das Schreiben eintauche, geht es mir immer entsprechend anders. Diese Unterschiede, muß ich sagen, sind aber nur Feinheiten. Oft verarbeite ich auch denselben Gedanke einmal in dieser und ein anderes Mal in einer anderen Sprache, je nachdem, wie es mir gerade ist.

Textbasis: Und wie verhält es sich mit der jeweiligen Textsorte? Musst du entscheiden, ob du ein Gedicht schreibst oder eine Kurzgeschichte – oder hängen Form und Inhalt untrennbar verbunden aneinander?
Aka Teraka: „The Lake of Love“ habe ich mit 17 als ein kurzes Gedicht geschrieben. Vier Jahre später griff ich auf den ursprünglichen Gedanke zurück und dachte mir, daß Prosa eigentlich geeigneter wäre, um alles auszuarbeiten, was diese Allegorie, die sowohl schlicht als auch tiefsinnig ist, in sich birgt. So entstand dann die Novelle „The Lake of Love“. Das ist mir ein paar Mal passiert, daß ich einen inspirierenden Impuls zuerst in die eine Form einbette, und schließlich zu dem Gefühl komme, eine andere wäre passender. Den Impuls zu dem Gedicht „Gewalt und Gefühl“, das auch in meinem Blog zu lesen ist, wollte ich zum Beispiel ursprünglich erzählerisch ausarbeiten.

Textbasis: Würdest du sagen, dass die Bedeutung von Dichtung darin liegt, das Innere, das Subjektive in eine Form zu bringen, oder eher darin, eine Botschaft zu vermitteln? Oder trifft beides für dich nicht den Kern der Sache?
Aka Teraka: Dichtung ist Verdichtung. Die Fähigkeit, lose Umherschwirrendes, Abstraktes oder sogar Höheres, auf jeden Fall Eingebung oder Erkenntnis, in eine kompakte Form einzuverleiben, dem Verstand greifbar. Jeder hat die freie Wahl, diese Fähigkeit zu dem Zweck zu verwenden, der ihm nahe liegt und ihn weiterbringt als Mensch. Für alles gibt es einen Empfänger, vor allem wenn es einigermaßen gut geschrieben ist. Nur darf die Schönheit nicht fehlen, denke ich. Viele schreiben jedoch, was Inhalt betrifft, mal so, mal so. Ich ebenfalls. Aber ich muß auch dazu sagen, daß es immer eine Botschaft gibt. Der, dem sie gilt oder dem sie etwas Wertvolles gibt, der wird sie immer erkennen und schätzen.

Textbasis: In einer E-Mail hast du mir geschrieben, dass du für 2013 einige Projekte anvisiert hast. Was erwartet uns von dir in den kommenden Monaten des verbleibenden Jahres; und hast du schon über das Jahr 2013 hinaus geplant?
Aka Teraka: Für mich als Dichter ist es immer schwierig, zu entscheiden, welche Gedichte oder Geschichten in welchen Konstellationen oder Bänden zusammengehören. Denn ich habe vor, noch viele Gedichtbände über die nächsten Jahre hinweg zu veröffentlichen. In den unterschiedlichen Anthologien werden auch viele Gedichte sich wiederfinden, die heute in meinen Blogs zu lesen sind. Neben den Gedichten sind spezifisch für dieses Jahr zwei Novellen geplant, eine – „Dance Again in Harmattan Haze“ – auf Englisch geschrieben, eine Liebesgeschichte, die Ende der Neunzigerjahre in Lagos stattfindet; die andere – Der zum Leben verurteilte Dichter – ist auf Deutsch geschrieben und ein bisschen abstrakter, aber auch eine Liebesgeschichte. Wie alle meine anderen Veröffentlichungen werden auch diese auf Amazon erhältlich sein. Einen Überblick über den aktuellen Stand meiner Werke kann man stets in meinem Blog finden.

Textbasis: Das hört sich vielversprechend an. Zum Abschluss noch eine etwas ungewöhnlichere Frage. Nehmen wir an, dass es nur ein Gedicht auf der Welt gäbe. Über was würde man in den Schlussversen dieses Gedichtes deiner Meinung nach lesen können?
Aka Teraka: Darüber, daß alles Vergängliche nur ein Gleichnis ist.

Textbasis: Kurz und prägnant, vielen Dank für deine Worte, Che! Gerade der Umstand, dass du in mehreren Sprachen schreibst und uns ein bisschen darüber erzählt hast, wie sich das im gesamten Schreibprozess niederschlägt, macht deine Ausführung für mich besonders interessant. Ich wünsche dir für alle geplanten und anstehenden Schreibarbeiten bestes Gelingen, viel Inspiration und viele gute Ideen. – Konnten die Verse Aka Terakas Ihre Neugierde wecken, so bieten sich an dieser Stelle ungewöhnlich viele Möglichkeiten, um die nachfolgenden Minuten und eventuell auch Stunden zu füllen. Folgen Sie dazu den Links und finden Sie auf den Blogs des Autors (auf Deutsch, Englisch und Igbo) viele weitere Gedichte sowie kurze Prosa.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 12] Alain Fux – Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Besonders wird Sprache, werden Texte, wenn am Ende etwas dabei herauskommt, von dem der Leser denkt, dass es gut und unterhaltsam ist und dass es sich in irgendeiner Weise hervortut. Und genau in diesem Sinne freue ich mich, Ihnen Alain Fux im lyrischen Mittwoch vorstellen zu dürfen, der schon seit einiger Zeit aufräumt mit festgefahrenen Erzählstrukturen und uns in seinen kurzen Geschichten auf eine Reise mitnimmt, die uns durch einen Kosmos verwobener Erzählungen lenkt, immer auf dem Sprung hinein ins Neue. Alain erfindet gerne Geschichten, malt und ist beteiligt an einem Spielverlag, darüber hinaus habe er „glücklicherweise auch noch einen Brotjob“, wie er schreibt. Auf seinem Blog, Tilt Shift Panoptikum, veröffentlicht er in regelmäßigen Abständen die oben genannten kurzen Geschichten. Gefüllt mit diesen ist mittlerweile in Eigenregie sein erstes Buch entstanden.

Wie gute Texte eben sind, besitzen sie meist mehr als nur eine interessante Geschichte und mehr als nur eine einfache Botschaft. Denn immer wenn der Fokus überschwappt in die eine oder andere Richtung, wird es entweder belanglos oder belehrend. Im heute vorgestellten Text findet man einen harmonischen Ausgleich zwischen dem, was gesagt wird, und dem, weshalb es gesagt wird. Zuerst einmal der Protagonist: Künstler Kurt Kessler bietet uns eine wunderbar egozentrische Blaupause eines verschrobenen Selbstverständnisses. Kessler belacht und ist gleichzeitig lachhaft, reizt uns mit, wie ich finde, durchaus interessanten Ideen, provoziert mit dem Ungewöhnlichen. – Und dennoch: Bei den Spinnereien eines durchgeknallten Künstlers belässt es der Autor freilich nicht. Im Verhalten von Kurt Kessler wird deutlich, dass falsche Selbsteinschätzung zwar zu guten Ideen, aber langfristig nicht zu guter Kunst führen kann. Denn Kessler lagert das Schaffende des Künstlers aus und wälzt es ab auf seine Bediensteten und Angestellten, wird zum wandelnden Think tank, aber schafft dadurch nichts eigenes mehr. Natürlich, diese Kunstkritik ist nicht das, was Alain Fux’ Texte in erster Linie transportieren wollen, aber gerade vor einem solchen Hintergrund, der für sich genommen schon interessant ist, machen abgefahrenen Geschichten doch erst richtig Spaß; nämlich genau dann, wenn man das Gefühl hat, etwas Ganzes und nicht nur das Halbe vor sich zu haben. Also gleich mittenrein in den Kosmos des Tilt Shift Panoptikums –

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren …

Ein schwarzer, mattlackierter Hummer H3x hielt hinter den Traktoren und hupte mehrmals durchdringend. Da Enno und Burk nur mit den Schultern zuckten, stieg der Fahrer aus. Ein großer, schmaler, kahlrasierter Mann, in Jeans. Sie erklärten ihm das Problem. Er zeigte auf das Schild an der Wand: ‚Reserviert für Kurt Kessler, Künstler‘ und stellte sich vor: „Ich bin Kurt Kessler und morgen eröffnet in dem Museumshangar hier hinter Euch meine große Ausstellung. Wisst Ihr was, Ihr geht jetzt mit und wir schauen uns gemeinsam an, wie der Stand ist.“
Ein Assistent Kesslers musste sich um die Traktoren und den Hummer kümmern. Die anderen drei betraten den Hangar durch den Hintereingang. Ein weiterer Pulk von Assistenten wartete drinnen und begleitete den Meister auf seinem Rundgang.
Sie kamen zuerst in einen Raum mit dicken, mattschwarz lackierten Rohren, die kreuz und quer durch den Raum verliefen. Man musste sich bücken, um darunter durch zu gehen. Kessler wollte, dass noch mehr Rohre verlegt werden sollten. „Viel mehr Rohre. Ich will, dass man hier reinkommt und sagt: ‚Boah, hier sind ja Unmengen von Rohren!‘ Verstanden? Ich will mindestens doppelt so viele Rohre. Alles klar?”
Sie kamen zu einer geschlossenen Tür, auf der ein großer, feuerroter Aufkleber prangte: ‚Feuerpolizeilich geschlossen.’ Kessler erklärte Enno und Burk, dass dahinter ein großer Haufen mit 257 kg reinem Schwefel lag. Im Katalog sei das alles erklärt. Er hatte damit gerechnet, dass die Feuerwehr diesen Raum sperren würde, das gehörte zur Installation. „So was kann man sich nicht ausdenken”, bemerkte er.
Im nächsten Raum stand ein schwarzes Fass, aus dem ein Rohr kam, durch eine Pumpe führte und dann fünf Meter hoch bis zur Hallendecke führte. Oben konnte man einen altmodischen Duschkopf erkennen. Darunter, auf dem Hallenboden, ein paar zerplatzte Tropfen Teer. Kessler konferierte intensiv mit seinen Leuten und befand, dass eine Art Heizdecke unter das Fass zu legen sei, damit der Teer flüssig genug werden könne, um zu dem Düsenkopf gepumpt zu werden. „Wenn man sich nicht selbst um alles kümmert”, meinte er kopfschüttelnd zu Enno und Burk.
Sie kamen in einen leeren Raum. „Jetzt wird es spannend, denn hier fehlt noch was”, stellte Kessler fest. „Freunde, was habt Ihr denn in den nächsten drei Wochen vor?”, fragte er Enno und Burk. Die beiden schauten sich an, zuckten mit den Schultern und gaben mit ihren heruntergezogenen Mundwinkeln zu verstehen, dass es keine besonderen Pläne gab und sie Vorschlägen gegenüber aufgeschlossen sein würden. „Perfekt. Ihr werdet hier in diesem Raum auf euren Traktoren sitzen. Das ist das i-Tüpfelchen der Ausstellung. Lebende Ready-Mades. Außerdem ist dann auch mein Parkplatz wieder frei. Könnt Ihr singen? Nein? Umso besser, dann braucht Ihr Euch nicht zu verstellen. Kennt Ihr ‚Underneath the Arches‘? Ein tolles Lied.“ Er wandte sich ab und schrie zur Hangardecke hinauf: „Manchmal könnte ich vor mir selbst auf die Knie gehen!“

Alain Fux

Alain Fux

Textbasis: Herzlich willkommen, Alain! Es ist schön, dass Du am lyrischen Mittwoch teilnimmst und ein bisschen Zeit für das Interview einräumen konntest. Ich falle auch gleich mit der Tür ins Haus. Das Tilt Shift Panoptikum ist anders, scheint sich Momente aus dem großen Ganzen herauszugreifen und sie neu zusammenzuwürfeln. Was unterscheidet Deine Texte von einem „normalen“ Roman?
Alain Fux: Hallo Sebastian. Erst einmal vielen Dank für die Einladung! Hast Du ‚Cinema Paradiso‘ gesehen? Darin wird ein Filmband vorgeführt, in dem Kussszenen aus vielen unterschiedlichen Filmen aneinander gereiht sind. Quasi der Vorläufer eines Supercuts. In meinen Geschichten gehe ich ebenfalls selektiv vor. Ich beschreibe jeweils eine Situation, einen Austausch oder eine Beobachtung, die, aus meiner Sicht, definierend für die Vor- und Nachgeschichte sind. Ich versuche, den Kern aus einer Entwicklung zu nehmen und darzustellen. Wie Rosinenpicken. Wenn die Szene beschrieben ist, kann man sich ausmalen, was davor geschah und wie es weitergehen könnte. Theoretisch könnte man aus allen Geschichten etwas Längeres stricken, aber mich interessiert halt nur der dargestellte Ausschnitt. Hat für mich auch den Vorteil, dass das Schreiben viel flotter vorangeht, als wenn Du einen langen Roman schreibst. Und man kann sich eher auf Experimente einlassen.

Textbasis: Bereitet das keine Probleme, wenn es darum geht, Spannung über einen längeren Zeitraum aufzubauen? Und wie findest Du eigentlich Deine Ideen für die Texte, lässt Du Dich einfach von Geschichte zu Geschichte treiben oder steckt hinter allem dennoch ein ausgearbeiteter Plot?
Alain Fux: Ich stelle mir das vor, dass ein Leser bei einer Geschichte anfängt, sich von mir an die Hand nehmen lässt und so von einer Situation zu einer anderen kommt. Irgendwann ist der Leser satt, legt die Geschichten weg und fängt irgendwann später wieder an, wenn er Lust auf mehr hat.
Die Geschichten sind insofern miteinander verknüpft, dass ich mich beim Schreiben frage: Was könnte jetzt passieren? Was wäre wenn? Und wenn ein neuer Erzählstrang mir interessant erscheint, dann schlage ich die Richtung ein. Das Tolle am Schreiben ist, dass Du Deine eigene Welt schaffen kannst, ohne Einschränkung. Außer Träumen kenne ich keine andere Tätigkeit, wo das in dem Umfang möglich ist.

Textbasis: Du betätigst Dich neben dem Schreiben ebenfalls als Maler. Welche Art Bilder malst Du und inwieweit beeinflusst Dich das in Deiner Art zu schreiben? Oder lassen sich beide Bereiche gar nicht miteinander vergleichen und stehen separat?
Alain Fux: Ich male im Wesentlichen Menschen. Als Porträt oder als eine Momentaufnahme einer Handlung. Wenn ich schreibe, stelle ich mir die Szene vor wie ein Film. Ich sehe also, was passiert, und erzähle dann nur, was vor meinem inneren Auge geschieht. Absichtlich beschränke ich mich auf das große Ganze und streue nur dann Einzelheiten mit hinein, wenn sie für mich wichtig sind. Das machst Du beim Malen auch: Details arbeitest Du nur aus, wenn es dazu einen Grund gibt.

Textbasis: In einer Deiner Mails hast Du geschrieben, dass Dir beim Schreiben besonders gefällt, die Zeit beliebig dehnen und raffen zu können. Worin siehst Du die Stärken einer variablen Zeitgestaltung und steckt diese auch als Konzept hinter dem Tilt Shift Panoptikum?
Alain Fux: Tilt Shift ist eine Aufnahmetechnik aus der Fotografie, bei der jeweils nur ein extrem begrenzter Bildbereich scharf gestellt ist. Dadurch hat der Betrachter den Eindruck, dass es sich um Bilder von maßstabgetreuen Modellen handelt, ähnlich wie bei einer Modelleisenbahn.
Panoptikum ist zum einen eine Sammlung von Kuriositäten, zum anderen ein Konzept des Philosophen Jeremy Bentham zum Bau von Gefängnissen, bei denen alle Insassen von einem zentralen Ort beaufsichtigt werden. Auch das hat alles mit Sehen zu tun. Es geht mir also sehr stark darum, den Blick zu lenken, sowohl im Raum als auch in der Zeit. Wenn ein Zeitabschnitt, egal wie lang, nicht relevant ist, kann man ihn in der Erzählung auslassen. Oder anders herum, der kleinste Augenblick kann gedehnt werden, falls das sinnvoll erscheint. Der gelenkte Blick. Und Malerei ist ja auch nichts anderes: Sehen durch die Augen des Malers.

Textbasis: Das klingt alles recht experimentell und geht weg von der gängigen Textgestaltung. Findest Du, dass die klassische Veröffentlichung in Buchform noch geeignet ist, um Deine Geschichten richtig einzufangen? Oder kannst Du Dir alternative Wege vorstellen, die sich eher an Deinem Konzept orientieren?
Alain Fux: Das Buch finde ich als Medium völlig in Ordnung. Da ich von etablierten Verlagen bisher nur Absagen bekomme, habe ich mir aber auch überlegt, die Geschichten in Form eines Abreißkalenders herauszugeben. Ich finde die Idee interessant, dass man morgens ein Blatt vom Kalender abreißt und auf der Rückseite eine Geschichte liest. Jeden Tag etwas Neues. Am Ende aber spielt sich eh alles im Kopf ab und dann ist das physische Medium nicht so wichtig. Und bei Büchern schließe ich E-Books mit ein.

Textbasis: Nun ist bereits auch ein erstes Buch durch Dich veröffentlicht worden. Worin liegen die Unterscheide zu den Geschichten, die Du derzeit auf Deinem Blog veröffentlichst, und wohin wird Deine schriftstellerische Reise gehen, hast Du weitere Projekte geplant?
Alain Fux: Von Tilt Shift Panoptikum wird es drei Teile geben mit jeweils 360 Geschichten. Den ersten Teil habe ich im Eigenverlag herausgegeben. Die Geschichten sind auch so im Blog veröffentlicht worden, aber in Buchform, finde ich, sind sie besser zu lesen.

Textbasis: Und zum Schluss noch etwas ein klein wenig anderes: Du musst für ein Jahr abgeschottet allein in einem dusteren aber ansonsten gut ausgestatteten Haus leben. Was nimmst Du mit: Laptop mit Netzkabel aber ohne Internetanschluss oder Leselampe und Bücherkiste?
Alain Fux: Interessante Frage. Verstehe ich in Kurzform als ‚Lesen oder Schreiben‘. Das ist wirklich schwierig, denn ich möchte weder auf das eine noch auf das andere verzichten … Ich glaube, dass ich mich für das Schreiben entscheiden würde. Im Zweifel lieber aktiv sein.

Textbasis: Aktiv sein, an der Überlegung ist ’was dran. Und wenn man dann doch wieder das Haus verlässt, hat man sicher das ein oder andere Manuskript mehr. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir, Alain, dass wir heute hier einen Deiner Texte vorstellen konnten und natürlich auch für Deine Antworten. Ich finde, dass das Tilt Shift Panoptikum eine super Idee ist und wünsche Dir für die Zukunft noch viele weitere gute Eingebungen und witzige Einfälle, damit auch zukünftig dieser bunte Reigen weitergesungen werde. Denn bunt ist er ohne Frage und irgendwie auch ziemlich durchgeknallt. – Wenn Ihnen nach ein bisschen guter Unterhaltung ist und wenn Sie bereit sind, zusammen mit Alain Fux auf dessen Blog von Geschichte zu Geschichte zu schweifen, sich durch ein kleines Textuniversum zu lesen, dann zögern Sie nicht und gehen Sie dem folgenden Link nach, direkt hinein ins Tilt Shift Panoptikum: Klick und wuuusch!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 11] Constanze – Das Meer singt Lieder…

Liebe Leserinnen, liebe Leser, diese Woche ist er zurück, der lyrische Mittwoch. Wo vor sieben Tagen die Impressionen der Mainzer Minipressen-Messe an eine schöne Zeit erinnerten, werden auch heute wieder Erinnerungen auftauchen. Es ist mir eine große Ehre, Ihnen Constanze vorstellen zu dürfen. Sie studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalistin vorrangig im Gesundheitsbereich, lebt mit ihrem Mann im Schwarzwald und veröffentlicht auf dem Blog Das poetische Zimmer ihre Gedichte. Ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass Constanzes Liebe zur Oper, zur Musik und zur Satzmelodie Kleinodien feingeistiger Sprachschöpfung hervorbringt, deren wunderbare Wortbilder klingend im Gehörgang lang nachhallen.

Diesen besonderen Klang, dieses Verweilen der Verse und des Reims im inneren Ohr, dieses Eindrücken und Beeinflussen des Empfindens teilt ihre Lyrik mit der besonderen Intensität offener Wahrnehmung. Denn hat man sich erst der Betrachtung ganz hingegeben, so strömen Eindrücke oftmals erstaunlicher Form auf uns zu: Da beginnt ein überpustetes Meer zu singen, da wird aus der ursprünglichen Umgebung eine Eingebung direkt ins Herz, ins Empfinden. Da verschmelzen Wahrnehmung und Welt und stimmen das Wahre Lied des Fühlens an, welches atmend untertaucht „ins große Rauschen“ und feierlich beruhigt und immerzu erfährt: –

Das Meer singt Lieder…

Das Meer singt Lieder der Erinnerungen,
Gedanken, die gen Himmel fliehn.
Mein Herz, das lauscht,
lauscht immerzu im Stillen
zu allem, was mir nah erschien.
Und rinnt hinein ins große Rauschen,
und brandet an in bunten Träumen,
versickert Klang in weiten Räumen,
wo Sehnsuchtsbilder Kreise ziehn…

Constanze

Constanze

Textbasis: Liebe Constanze, ich freue mich, dass Du einer Teilnahme am lyrischen Mittwoch zugestimmt hast und mit Deinem Gedicht eine salzig-melancholische Prise Lyrisches durch den Blog wehen lässt. Welchen Freiraum bietet Dir das Gedicht, bieten Dir Verse, wenn Du über die Welt und dich selbst schreibst, gerade auch im Hinblick auf Deine Tätigkeit als Journalistin?
Constanze: Für mich als gefühlsbetonter, bildorientierter, musikalischer Mensch ist diese Art des künstlerischen Ausdrucks geradezu ideal. Und im Unterschied zum journalistischen Beitrag beziehungsweise zum reinen Sachtext dient es dem Ausdruck des persönlichen, inneren Erlebens. Das heißt nun aber nicht, dass man sich beim Dichten in einem schier unergründlichen, ichbezogenen Gefühlsüberschwang ergehen sollte. Möchte man den Inhalt mit anderen teilen, muss man vielmehr auch etwas allgemein Gültiges nachvollziehbar darin aufleuchten lassen.
Das hier vorgestellte Meergedicht verdeutlicht ein wenig meine Motivation. Mit einem poetischen, meditativen Blick gehe ich oftmals durch die Welt und die Dinge und Vorgänge sprechen dann in sehr eindringlicher Weise zu mir. In ihnen offenbaren sich besondere Stimmungen, zuweilen existentielle Aspekte des Daseins wie etwa Freiheit, Ewigkeit, Vergänglichkeit, Tod und Leben beispielsweise. Das berührt mich und ist es meiner Meinung nach wert, in ästhetisch verdichteter Form gesteigerten Ausdruck zu erfahren. Inspiriert davon, kommen mir Bilder, Gedanken, Melodien hoch, bilden sich Assoziationsketten im Innern. Das Äußere wird mit der Fantasiewelt verschmolzen, „brandet an in bunten Träumen“ und gebiert etwas Neues, ein thematisches Bild oder Gleichnis, welches in der passenden Verschmelzung unterschiedlicher Bedeutungsfelder seinen unvergleichlichen Ausdruck erfährt. Wenn ich Glück habe, erwächst mir im Vorfeld bereits eine melodiöse Verszeile oder ein ganz bestimmter Rhythmus. Dies alles notiere ich mir fast immer erst einmal auf einem kleinen Zettel, um es dann einige Zeit später vollends zu verdichten.

Textbasis: Wie Du mir während der Vorbereitungen unseres Interviews schriebst, fasziniert dich die Musik – und diese Musikalität hört man aus Deinen Zeilen heraus. Wie verbindet die Versmelodie dabei Inhalt und Bilder zu bleibenden Eindrücken? Was passiert, wenn Melodie und Text schief liegen?
Constanze: Dem Lyrischen, Liedhaften im herkömmlichen Sinne bin ich besonders zugetan, denn hier werden eben Wort, Bild und Musik beziehungsweise Rhythmus, Klang aufs Schönste miteinander verwoben. In dieser Art der Verdichtung kann ein mitzuteilender Gedanke zu einem außerordentlich sinnlichen Erlebnis werden und dadurch vielleicht zu einem nachhaltigeren (Selbst-)Erleben führen, weil (Wort)Bilder mit Musik beziehungsweise Rhythmus und Klang unmittelbarer das Gefühl ansprechen und bekanntlich tiefer im Innern verankert werden, als es sonst der Fall sein würde.
Um auf diese Weise eingängig zu sein, muss die Melodie zum einen so geschaffen werden, dass sie für den Leser deutlich im Innern vernehmbar wird, ihn selbst in die ausgedrückte Schwingung versetzt, bestenfalls sogar in einen rauschartigen Zustand, um ihn so in einem Fluss durch den Text zu tragen. Zum anderen besteht die hohe Kunst darin, Zeilen zu kreieren, die den Inhalt (Bild, Gedanke, Bewegung) auf formaler, musikalischer Ebene spiegeln, so wie es uns beispielsweise meisterhaft aus Rilkes „Panther“ entgegenleuchtet: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“
Fügt es sich aber auf allen Ebenen nicht harmonisch zusammen, ja kommt der Leser auf halbem Wege gar ins Stolpern, weil der Rhythmus beispielsweise durch eine falsche Silbenanzahl im Vers oder etwa durch ein klanglich unpassendes Wort an der falschen Stelle aus dem Ruder läuft, dann wirkt es eher lächerlich und aufgesetzt und ein Höhenflug wird nur noch zum kläglichen Absturz.

Textbasis: Das bedeutet dann ja ebenfalls, dass das Gedicht immer vom Vortrag lebt, erst gesprochen sich ganz entfaltet. Kann es nicht auch Lyrik geben, die ganz und gar auf dem Papier aufblüht (sieht man einmal ab von künstlerischen Ausformungen wie etwa der Konkreten Poesie et cetera)?
Constanze: In der Tat ist es meiner Meinung nach so, dass Dichtung im herkömmlichen Sinn ihre Magie erst mit dem Vortrag vollends entfaltet. Ich selbst bin zu dieser Art des Schreibens ja auch erst wieder über die Rezitation von Gedichten hier im Netz gekommen, vornehmlich von Versen meines Lieblingsdichters Rilke. Dadurch haben sich mir gänzlich neue Dimensionen erschlossen. Nicht nur, dass mich das Sprechen von Lyrik für die eigenen Versuche erneut öffnete, nachdem ich seit Studientagen in dieser Richtung gar nichts mehr unternommen hatte, sondern es hat mich auch im besonderen Maße für dieses melodiöse, unvergleichlich schöne, nicht alltägliche Sprechen sensibilisiert. Es lässt mich persönlich Harmonie empfinden und die Schönheit dieser Sprache direkt fühlen und mit ihr auch die Möglichkeiten des Ausdrucks, die in ihr verborgen liegen. Vielleicht müssten Menschen, die nur noch wenig Lust verspüren, sich der traditionellen, liedhaften Dichtung zu nähern, nur einmal damit beginnen, diese wieder bewusster zu lesen und auszusprechen, und sie wird sich ihnen auf eine neue, ungewöhnliche Weise erschließen und sie einnehmen. Übrigens, längst bevor ich überhaupt noch einmal erneut mit dem eigenen Dichten begann, war es mein und meines Mannes liebster Zeitvertreib geworden, gemeinsam Gedichte unserer Lieblingsautoren auswendig zu lernen und uns diese gegenseitig aufzusagen.

Textbasis: Das bringt mich sodann auch direkt zur nächsten Frage. Gemeinsam veröffentlichen Du und Dein Mann (Pseudonym Wolfregen) im „poetischen Zimmer“ jeweils eigene Gedichte, gibt es da ab und an so etwas wie eine gemeinsame Arbeit am Text oder bedeutet das Gedichteschreiben gerade nur subjektive, individuelle Ausformung?
Constanze: Gemeinsame Projekte gab es bisher nur insofern, als ich Gedichte von Wolfregen zu einer ausgewählten Musik im Internet rezitiert habe. Ansonsten arbeitet jeder für sich im „stillen Kämmerlein“, bis ein neuer Text fertig vorliegt. Dann aber kommt die Präsentation vorm jeweils anderen ins Spiel und danach die gemeinsame Überarbeitung der Schwachstellen im Text. Dabei hat sich bewährt, dass sich mein Mann recht gut im allgemein Formalen auskennt und ich hier noch immer einiges dazulernen kann, während ich mehr die Expertin fürs Inhaltliche beziehungsweise Klangliche auf der Wortebene bin. So hat sich das bisher immer sehr gut ergänzt.

Textbasis: Und wie funktioniert das, in einer Welt voller Technik, Verdummungsfernsehen und Hast noch die nötige Muße zu finden? Was braucht es, um hinter dem schnöden Alltag das schöne Besondere zu sehen?
Constanze: Um das schöne Besondere im Alltag zu sehen, muss man mit einem wachen, für die Details offenen Auge durch die Welt gehen, hinter die Erscheinungen blicken, um damit das Wesentliche, Kostbare des Daseins zu ergründen. Auch, um Unschönes ab und zu auszublenden, so wie das Verdummungsfernsehen mit dem Ausschaltknopf am TV-Gerät Gott sei Dank ausblendbar ist. Zumindest im Privaten sollte man sich mit etwas beschäftigen, das der persönlichen Selbstfindung dient und die eigenen Kräfte stärkt. Für mich persönlich leistet dies zum Beispiel unter anderem die Hinwendung zur Historie. Sieht man einmal von den Missständen ab, die es zu allen Zeiten gab, so erscheinen mir frühere Leben zumindest im Privaten doch überschaubarer und damit beschaulicher und anschaulicher gewesen zu sein. Weniger schnelllebig, abstrakt und nüchtern, mehr den natürlichen Harmonien und dem Lauf der Jahreszeiten zugewandt. Mit den Gedichten und der Musik der Klassiker bekommt man eine Ahnung davon.
Mit Blick zurück schätzt man mehr das, was ist, als jenes, was in Zukunft noch alles sein sollte. Damit kommt Ruhe und Gelassenheit in den Tag. Technik wird viel bewusster für die eigenen Belange sinnvoll eingesetzt und nicht zum alles beherrschenden Faktor, der innerlich zerstreut und vom eigenen Selbst wegführt.

Textbasis: Dieses bewusste Wahrnehmen von sich selbst in seiner Umgebung, diese damit gewonnene Ruhe, scheint den Sinn für Struktur, für Wohleingepasstheit zu untermauern, den man in Deiner Lyrik vorfindet. Wenn man einen Blick unter die Verse des hier vorgestellten Gedichtes und die Gedichte auf Deinem Blog wirft, findet man stets eine starke Betonung des Rhythmischen, oft auch eine durchkomponierte Gestaltung in Reim und Metrum. Wie weit engt diese Vorgehensweise ein – gerade heute, wo noch immer viele Gedichte bewusst auf diese Gestaltungsmittel verzichten –, wie weit eröffnet sie Möglichkeiten, die den Freien Rhythmen verschlossen bleiben?
Constanze: Freie Rhythmen tragen der Spontanität des ausgedrückten Erlebens mehr Rechnung. Bei meinen ersten lyrischen Schritten habe ich auch lediglich versucht, die im Innern frei erwachsene, rhythmische Zeile mit weniger Beachtung von Metrum und Reim zu einem vollständigen Gedicht auszuweiten. In einer gewissen Hochgestimmtheit ist mir das dann auch einmal, denke ich, ganz gut gelungen mit den Zeilen zu „Mein Zimmer: die Stille…“. In so einer Situation wächst man fast über sich hinaus, vergisst alles andere um sich herum und ist ganz bei der Sache, und damit auch wiederum ganz bei sich selbst angekommen. Aber solche außerordentlichen Zustände stellen sich ja nicht per Knopfdruck ein und oftmals auch nicht in dieser Intensität. Mittlerweile ist es mir schon mehrfach passiert, dass mir der lyrische Fluss ein Schnippchen geschlagen hat und ich trotz gewecktem Dichterinnengeist einige Plagerei mit dem Rhythmus hatte. Längere Zeit weigerte ich mich, immer zu Anfang eines neuen Textes mindestens ein Gerüst aus festgelegter Silbenanzahl im Vers sowie ein festes Reimschema zu bauen. Ich dachte, dadurch würden die Zeilen einen Großteil ihrer Musikalität einbüßen und vielleicht zu statisch wirken. Dann aber habe ich gemerkt, dass so ein Gerüst eigentlich erst so richtig frei macht für den Inhalt, für das mit den Worten zu malende Bild, sofern man in dieser Manier überhaupt dichten möchte. Man kann sich problemlos daran festhalten und gerät nicht mehr so leicht ins Stolpern. Außerdem können fest durchkomponierte Versmelodien in ihrer Schwingung besser tragen und sind deshalb letzten Endes wahrscheinlich eingängiger, weil der Leser sich diese leichter merken kann, sie sogar mitsingen könnte.

Textbasis: In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, kurz noch etwas zu folgendem Satz zu sagen, den Du mir im Vorfeld unseres Interviews mitteiltest. Du schriebst, „dass die echte Schwingung eigentlich erst auf der Wort- und Silbenebene erfolgt.“ Transportieren nicht auch die Strophe und das Gedicht selbst ihre eigenen Schwingungen?
Constanze: Ja, das stimmt natürlich. Aber erst am richtigen Ort platziert, entfalten Wörter und Silben ihren ganz eigentümlichen Zauber im poetischen Gefüge, denn sie unterstützen im besten Fall mit ihrem Klang und ihrer Betonung den Rhythmus in seiner Ausprägung sowie den mitzuteilenden Gedanke auf inhaltlicher Ebene. Das überprüfe ich im fertigen Gedicht stets anhand mehrerer Durchgänge und variiere dann die Worte, stelle sie um oder ersetze sie durch passendere, manchmal sogar öfters innerhalb eines Verses, bis ich schlussendlich den optimalen Fluss und Ausdruck erreicht habe.

Textbasis: Wie sich die Art zu dichten in vielen Jahren verändert hat, so veränderten sich ebenso auch die Möglichkeiten, die eigenen lang erdachten und durchkomponierten Gedichte einem breiten Publikum zu präsentieren. Welche Vorteile siehst Du für Dichterinnen und Dichter in der Möglichkeit, unkompliziert im Internet zu veröffentlichen? Und was macht eventuell auch den gedruckten Gedichtband gerade einzigartig?
Constanze: Das Internet bietet Autoren wie nie zuvor die Möglichkeit, eine interessierte Leserschaft zu finden, auch wenn kein Verlag auf der Welt jemals bereit wäre, ihre Texte zu drucken. Als Autor kann man auch schon einmal vorab zwanglos testen, wie die Gedichte denn ankommen, was gefällt und was weniger gefällt. Und vielleicht bietet sich dann ja irgendwann doch noch einmal die Chance, gerade über eine wachsende Leserschaft die Lorbeeren einer Buchveröffentlichung zu ernten. Dadurch gestaltet sich das Literaturgeschehen im Netz wesentlich bunter, vielfältiger.
Andererseits besteht die Gefahr, dass in einer Invasion pseudokünstlerischer Ergüsse irgendwann das wirklich Kunstvolle untergeht und die ganze Szene zunehmend verwässert. Aus diesem Grund hat eine Veröffentlichung in Buchform meiner Meinung nach wesentlich mehr Gewicht. Es ist schon eher eine qualitative Anerkennung der dichterischen Leistung, wenn man gedruckt wird, denn warum sollte ein Verlag das finanzielle Risiko eingehen mit Texten, von denen er sich eigentlich nicht viel verspricht.
Auch ist es meiner Meinung nach ein viel schöneres, da bewussteres und sinnlicheres Vergnügen, ein gedrucktes Bändchen schlussendlich in Händen zu halten und zu lesen. Denn nach wie vor unvergleichlich ist der Eindruck einer kunstvollen Papiergestaltung, ganz zu schweigen vom einzigartig Haptischen und Akustischen beim Anfassen und Umblättern der einzelnen Seiten. Falls sich also einmal die Gelegenheit ergeben sollte, dass ein Verlag sich meiner Gedichte annehmen möchte, werde ich dies außerordentlich zu schätzen wissen.

Textbasis: Dieser Überlegung stimme ich zu, denn gerade der Rolle der Verlage als „Kontrollinstanzen“ kommt doch die bedeutende Aufgabe zu, der von Dir angesprochenen Möglichkeit des Verwässerns ein bisschen entgegenzuwirken. Damit verabschiede ich mich ganz herzlich von Dir, Constanze, und bedanke mich für Dein Gedicht und Deine Antworten. Ebenfalls verabschiede ich mich von allen Leserinnen und Lesern, denn auch heute muss der lyrische Mittwoch wieder dem Unausweichlichen des Lebens entgegentreten: dem Ende. Doch das bedeutet keinesfalls, dass Sie nicht noch ein Weilchen genießen dürfen: Klicken Sie den folgenden Link, machen Sie es sich bequem und tanzen Sie lesend ein bisschen durch die Gedichte von Constanze und Wolfregen. Ein ganz besonders feiner Sessel ist bereits reserviert, treten Sie also nun ein – in das poetische Zimmer.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 10] Haruko – Come Home

Der lyrische Mittwoch begeht sein erstes Jubiläum, die zehnte Folge hat es ans Tageslicht geschafft! Und das wird gefeiert, zu allererst natürlich mit dem Inhalt des heutigen Beitrages. Mit Frohlocken im Herzen darf ich Ihnen Susanne Stanglow vorstellen, die schon seit einigen Jahren unter ihrem Pseudonym Haruko Lieder schreibt und Musik veröffentlicht. Sie lebt derzeit in Berlin und arbeitet an ihrem zweiten Album, das schon im Juni dieses Jahres erscheinen soll; bereits 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt „Wild Geese“. Wie ich erfahren habe, laufen sogar bereits die Arbeiten an einem dritten Langspieler. Damit jedoch nicht genug: Der textbasis.blog verlost ein Exemplar des neuen Albums! Wer an der Verlosung teilnehmen möchte, rebloggt diesen Artikel, schreibt einen eigenen oder kommentiert einfach kurz. Die Gewinnerin oder der Gewinner wird von mir persönlich informiert und bekommt das Album per Post, sobald es erhältlich ist.

Aber genug des Freudentaumels. Schauen wir uns den Beitrag dieser Woche etwas genauer an. Mir scheint es in ihm um Straßen zu gehen, und das erste Problem mit denen ist, dass sie immer von dort wegführen, wo man sie betreten hat. Und manchmal führen sie so weit weg, dass man zu lang für die Rückreise braucht: wieder am Anfang ist man doch nicht zurückgekehrt. – Das zweite Problem der Straßen ist eher passiver Natur. Denn wer eine Straße entlanggeht, der lässt etwas zurück. Harukos Titel „Come Home“, vom bald erscheinenden neuen Album, erinnert uns an die Zurückgelassenen, er erinnert uns daran, dass nicht jedem Anfang ein Zauber innewohnt, sondern dass es manchmal zu spät ist, um überhaupt neu anzufangen. Und so ruft es ein letztes Mal mit unverwechselbarer Stimme und in wunderbaren Klangfarben dezenter Gitarrenmelodien aus dem Lied –

Come Home

Come home, come home my darling
I am wondering where you did go …
The children are sitting at the window, they keep asking for you
Come home, come home! The kettle’s put on
I’ll make you some tea and some cake
Come home, come home! The water is warm
The children will sit on your lap

Days have passed and weeks have passed
and then months and years …
The children still sit at the window but they stopped shedding their tears
And I stopped cooking dinner for four
And I stopped thinking of you
I thought my heart had found it’s peace
but now I think it’s just gone cold

Then one day you came back to us
I heard your footsteps on the floor
The children were asking „mother, who’s that stranger at the door?“
And I closed the door and I closed my heart
This is not your home anymore!
When the dogs come out to hunt you I won’t open the door

Haruko

Haruko

Textbasis: Herzlich willkommen, Haruko. Ich freue mich, dass du die Zeit gefunden hast, am lyrischen Mittwoch teilzunehmen und diese zehnte Folge mit deiner Musik zu verschönern. Seit wann schreibst du schon Lieder und was bedeutet es dir, Musik zu machen?
Haruko: Die ersten Lieder habe ich mit 15 oder 16 geschrieben, als ich grade angefangen habe, Gitarre zu spielen und ein bisschen dazu zu singen. Es waren allerdings noch sehr unbeholfene Versuche mit ziemlich schlechten Texten, die ich niemandem mehr zeigen würde. Mit 17 habe ich meinen Freund Hlynur Gudjonsson kennengelernt und wir haben angefangen, zusammen Musik zu machen, und ich habe zum ersten Mal Lieder geschrieben, bei denen ich das unbestimmte Gefühl hatte, dass es gut sein könnte, sie nicht mehr nur für mich selbst zu spielen. Was es mir bedeutet, Musik zu machen, ist gar nicht so einfach in Worte zu fassen. Es hat sich alles sehr natürlich entwickelt und ich habe mich nie wirklich gefragt, ob das, was ich mache, richtig ist. Lieder zu schreiben war und ist für mich eine Möglichkeit, mich selbst besser zu verstehen und auszudrücken. Gleichzeitig ist es eine Art Energie, die sich selber lenkt …

Textbasis: Wahrscheinlich ist es auch diese Energie, die einen sofort überwältigt. Zumindest war es bei mir so, ich selbst höre deine Veröffentlichungen ja unglaublich gern und habe mich in deine Musik verliebt. Wie waren die Reaktionen der anderen Hörer auf dein Debüt und den bald erscheinenden Nachfolger?
Haruko: Überraschend gut! Die Aufnahmen für mein erstes Album, „Wild Geese“, sind, kurz nachdem ich die Lieder geschrieben hatte, entstanden und waren auch mit die ersten Aufnahmen, die ich überhaupt gemacht habe. Ich war 18 und hatte keine Ahnung davon, wie man ein Album produziert und habe es alleine zu Hause bei meinen Eltern auf einem kleinen 4‑Spur-Gerät aufgenommen. Die Songs waren eigentlich nur als Demos für meine Internetseite gedacht, aber ein kleines amerikanisches Plattenlabel – Bracken Records – hatte sofort Interesse daran, das Album auf Vinyl rauszubringen. Es gab viele positive Rezensionen auf verschiedenen Blogs, Internetseiten und Zeitschriften und ein paar Anfragen von anderen Labels. Ich habe anfangs alle möglichen beziehungsweise unmöglichen Konzerte gespielt – als Vorband für Punkbands, im Programm zwischen Elektro-Pop und Trash und ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass es trotzdem Leute im Publikum gab, denen die Musik gefallen hat. Natürlich gab es auch schlechte Kritiken, aber ich mache ja schließlich auch nicht Musik, um allen zu gefallen, sondern habe immer nur das gemacht, worauf ich Lust hatte und was aus mir selbst kam, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen.

Textbasis: Frei aus sich selbst heraus Kunst zu schaffen, das ist auch in meinen Augen der richtige Weg, um langfristig wirklich man selbst zu bleiben. Dennoch muss man sich ja immer ein bisschen an Konventionen halten, also beispielsweise, dass zu einem Lied oft ein Text gehört. Wenn du entscheiden müsstest, was wäre dir lieber: ein gesungener Text oder eine Melodie ohne Sprache? In welchem Verhältnis stehen Text und Musik für dich; und muss eigentlich immer eine Message vermittelt werden?
Haruko: Für mich sind Liedtext und Musik eine zusammenhängende Sache.
Wenn ich Lieder schreibe, habe ich nie vorher einen fertigen Text, sondern fange meist an zu spielen, während sich eine Melodie in meinem Kopf formt, und so langsam fügen sich Textzeilen in diese Melodie ein. Dabei denke ich nicht bewusst über den Text und die Worte nach – es ist eher so, dass die Worte irgendwo aus dem Unterbewusstsein kommen und selbst ihren Platz in dem Lied finden. Zwar denke ich, dass Melodien auch ohne Text für sich stehen können und auch umgekehrt – wie beim Gedicht oder beim Sprechgesang, wo es keine konkrete Melodie gibt –, allerdings fällt es mir persönlich schwer, Text und Musik zu trennen. Und weil ich meist die Texte nicht wirklich bewusst schreibe, versuche ich auch nicht direkt, eine Botschaft damit zu transportieren. Ich glaube, ich erzähle in meinen Texten eher von meinem Innenleben, als dass ich damit irgendetwas vermitteln möchte.

Textbasis: Das heißt ja dann auch immer, dass man ein bisschen abhängig ist von der Muse. Hast du selbst schon Bekanntschaft mit Schreibblockaden machen müssen? Was hilft dir dann dabei, dich selbst zu motivieren, neue Inspiration zu gewinnen?
Haruko: Ja, es passiert durchaus, dass ich mit einem Lied mal nicht weiterkomme. Ab und zu braucht ein Text Zeit, um fertig zu werden, und es dauert eine Weile, bis ich das Gefühl habe, dass alle Worte an ihrem Platz sind. Ich versuche dabei, nichts erzwingen zu wollen, sondern greife die Ideen immer mal wieder auf und meistens ergibt sich dann irgendwann alles von alleine. Bei einem Lied war es zum Beispiel so, dass ich nur den Anfang hatte und der Rest erst ungefähr ein halbes Jahr später dazukam. Ich denke, manchmal fehlen einem einfach noch die Erfahrungen oder Eindrücke, die man gebraucht hat, um etwas zu vollenden.

Textbasis: Dann ist es ja umso besser, dass dein neues Album schon kurz vor der Fertigstellung steht und bald erscheinen wird. Verrate uns doch bitte ein bisschen mehr darüber. Welche Veränderungen gibt es gegenüber dem Debüt „Wild Geese“?
Haruko: Ich werde mein nächstes Album sehr wahrscheinlich auf meinem eigenen kleinen Label herausbringen. Es hat sehr lange gedauert, bis das Album fertig war, daher möchte ich es so schnell wie möglich veröffentlichen, um den Kopf frei zu haben für etwas Neues. Die ersten Aufnahmen für das Album sind im Frühling 2011 entstanden, danach habe ich mit ein paar anderen Musikern aus verschiedenen Ländern zusammengearbeitet: Ich habe ihnen meine Gesangs- und Gitarrenspuren geschickt, sie haben etwas dazu eingespielt und mir zurückgeschickt. Das ist zum Beispiel eine Sache, die das Album von „Wild Geese“ unterscheidet, auf dem ich nur alleine zu hören war.

Textbasis: Wird es zum Album auch eine Tour geben? (Und was ist eigentlich das „echte Lied“ für dich: die unveränderliche Aufnahme oder die immer neue Inszenierung?)
Haruko: Ich werde wahrscheinlich im Herbst ein paar Konzerte spielen, bei denen man das Album dann auch kaufen kann. Wo genau, wird man auf meiner Internetseite herausfinden können.
Das „echte Lied“? Eine Frage über die man lange diskutieren kann! Für mich kann es beides sein. Es gibt Musiker, die ich nur live richtig gut finde, und es gibt Aufnahmen, die 50, 60 Jahre alt sind, die ich mir trotzdem immer wieder mit einer Gänsehaut anhören kann. Ich glaube, es kommt vor allem auf den Moment an – wie fühlt sich der Musiker, ist er emotional mit seinem Lied verbunden? Für mich sind sowohl Aufnahmen als auch Konzerte wichtig, jedoch, wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich für Aufnahmen entscheiden, da man mit ihnen mehr Leute, unabhängig von Wohnort und Zeit, erreichen kann.

Textbasis: Das ist eine sehr schöne letzte Antwort! Vielen Dank für das Lied und die Einblicke in deine Welt, Haruko. Ich freue mich auf dein neues Album und wünsche dir weiterhin viel Erfolg mit deiner Musik. – Möchten Sie mehr hören von der wundervollen Kombination sanfter Stimme und sanfter Melodien? Dann empfehle ich Ihnen einen Blick auf die Webseite der Künstlerin und Harukos Bandcamp-Seite. Dort finden Sie die bisherigen Veröffentlichungen und können ganz in Ruhe ein bisschen die Zeit schöner verstreichen lassen. Und denken Sie daran: Wer heute rebloggt, mitschreibt oder kommentiert, könnte morgen schon gewinnen (nämlich das im Juni erscheinende neue Haruko-Album!)

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 9] Anke Müller – Besuch eines Preußler-Protagonisten

Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche es Ihnen – doch wenn nicht, dann wird Ihnen der lyrische Mittwoch heute mit einer frischen Prise Humor helfen, den Tag gut gelaunt anzugehen. Aber immer der Reihe nach. Es ist mir eine Ehre, Ihnen diese Woche die Texterin und Freie Autorin Anke Müller vorstellen zu dürfen. Sie lebt in Nordrhein-Westfalen, arbeitete in einer Werbeagentur in München, produzierte Werbefilme in Düsseldorf und textet derzeit für andere und sich selbst. Auf ihrem Blog veröffentlicht sie Kolumnen und Geschichten aus ihrer „verrückten Familie“, ihr erster Roman befindet sich kurz vor der Fertigstellung. Sie sagt, dass ihre Aufsatzhefte in der Schule von den Deutschlehrern grundsätzlich einbehalten wurden. Ich freue mich, sie und ihre lebhafte Sprache heute hier auf dem textbasis.blog zu haben.

An das „Kleine Gespenst“ von Herrn Ottfried Preußler kann ich mich noch sehr gut erinnern, wahrscheinlich ging es mir damals, wie es unzähligen Kindern noch heute geht: Ich konnte nicht genug vom unfreiwilligen schwarzen Taggespenst bekommen; ich freute mich jedes Mal wieder, mit ihm zur falschen Zeit zu erwachen. – Schöne Kindertage!; und auch das Aufstehen zur falschen Zeit ist im Buch viel spannender, als wenn man in der wirklichen Welt dem Dösen unfreiwillig entrissen wird. Anke Müller erzählt uns in ihrem kurzen Text eine Episode über eine gestörte Nachtruhe, sie erzählt von Gespenstern, die nächtens durch Zimmer schleichen, und Füßen, die steinhart in Rippen treten. Und dennoch: Noch nie war es angenehmer, den Alltag durch die Brille federleichter Sprache zu genießen, ihm das zu nehmen, was ihn alltäglich macht und daraus das besonders Unterhaltsame zu schaffen. Freuen Sie sich nun also bitte auf den –

Besuch eines Preußler-Protagonisten

Letzte Nacht, es muss kurz nach Geisterstunde gewesen sein, stand plötzlich ein kurzes Gespenst in der Schlafkammer. Fahles Licht aus einem anderen Zimmer im Rücken, nur Umrisse waren zu erkennen. Das Hemdchen reichte fast bis zum Boden, die Härchen halblang und zerzaust. – Ich habe mich echt erschrocken.
Aber dann habe ich’s mit Totstellen probiert. Funktionierte auch super, denn mein Mann hob seine Bettdecke an und sagte zu dem Ding: „Komm her, kuschel dich zu mir.“
Ich – weiterhin nicht da. Das sah das Ding wohl auch so und trampelte mir voll in die Rippen. Kaum war es da runter, zog so ein Hirni an meinem Kissen. Habe ich leise geknurrt, woraufhin von meinem Kissen abgelassen wurde.
Als die das neben mir endlich sortiert gekriegt hatten, beugte sich mein Mann zu mir: „Da drüben brennt noch Licht.“
Stimmt“, sagte ich und drehte mich auf die andere Seite.
Mein Mann sank zurück in sein Kissen und begann augenblicklich ruhig und gleichmäßig zu atmen.
So, und dann ging das erst richtig los! Ich wollte gerade wieder einschlafen, rammt ein kleiner Fuß meinen Rücken. Ich sofort hellwach! Doch wer jetzt meint, das Fußding wurde wieder eingezogen – von wegen! Ein zweites kleines Hammelbein bohrt sich unter meine Schulter.
Ich nehme also das Durcheinander und schiebe es dem Vater unter die Bettdecke. Immerhin war es dessen blöde Idee, das Gespenst ohne weitere Fragen ins Bett zu lassen. Ziehe mir die Decke erneut über die Ohren – RUMPS!
So geht das ein paar Mal. Immer energischer schiebe ich das Gebein unter des Vaters Decke. Und immer geschwinder finden die Beinchen zu mir zurück.
Gegen zwei Uhr langt es mir. Ich nehme das kleine Gespenst behutsam auf (man will ja nix wegbrechen) und lege es schön bequem in meinem Bett zurecht. Da seufzt es zufrieden und ein Ärmchen schmiegt sich kurz um meinen Hals.
Ich bin dann ein Zimmer weiter in ein freies Bett mit rosa Hello-Kitty-Bettwäsche umgesiedelt. Das Licht habe ich auch gelöscht. Mein letzter Gedanke gegen 3 Uhr 15 galt dem Vater: Hoffentlich pennt der mindestens genauso schlecht wie ich!
Am Morgen habe ich ihn gefragt. „Und, hast gut geschlafen?“
Klar, selten so gut.“

Anke Müller

Anke Müller

Textbasis: Hallo Anke, schön, dass du heute am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Wie ich von dir erfahren habe, schreibst du schon seit deiner Jugendzeit und konntest den Stift seitdem nicht mehr loslassen – zumindest nicht für lange. Erzähl doch mal, was hat dich festhalten lassen an ihm, am Schreiben überhaupt?
Anke Müller: Hallo Sebastian, ich freue mich, dass dir meine Gespensternacht gefällt! Schreiben bedeutet für mich ordnen. So wie Wäsche zusammenlegen und im Schrank verstauen. Habe ich geschrieben, fühle ich mich aufgeräumt. Wobei Stift – mit der Hand kann ich nicht. Eine Tastatur muss sein. Meine handgeschriebenen Briefe klingen holprig. Schreiben mit der Hand dauert mir einfach zu lange.

Textbasis: Dann ein dreifaches Hoch auf die Technik, denn ich freue mich immer wieder, wenn mein E-Mail-Postfach mir sagt, dass du eine neue Geschichte auf deinem Blog veröffentlicht hast. Verrückte Welt, denke ich dann. – Ganz ehrlich, ist dein Alltag wirklich so verrückt oder passt du deine Geschichten hier und da ein wenig an?
Anke Müller: Weißt du, ich finde es gut, wenn meine Leute Gas geben und ich nur nacherzählen muss. Die sind nicht langweilig. Ich passe auch nichts an. Gut, Füllwörter in den Dialogen kürze ich raus und es kommt vor, dass ein Satzbau umgestellt werden muss. Soll sich ja gut lesen und ich will keinen langweilen. Aber das sind kleine Änderungen.

Textbasis: Nun schreibst du aber nicht nur für deinen Blog, sondern arbeitest auch freiberuflich als Texterin. Was macht für dich den Unterschied aus zwischen Auftragsarbeit und eigenen Texten? Kann man immer gleichmotiviert an alle Texte herangehen, um sie möglichst kreativ, möglichst lebendig zu gestalten?
Anke Müller: Nun … 😀 … ich kann ja schlecht sagen: Auftragsarbeit macht weniger Freude. Auftragsarbeit ist zum Überleben und wer bezahlt, der verdient und bekommt meinen vollsten Einsatz. Eigener Text ist die Belohnung und mein Inspirationsquell. Weil ich aufgrund meiner familiären Situation nur teilzeitselbständig bin, nehme ich mir die Freiheit, Jobs auszuwählen. So richtig sachlich-ernsthaften Text mag ich allerdings nicht.

Textbasis: Ich hatte es oben kurz erwähnt, dein erster Roman steht vor der Fertigstellung. Verrate uns doch bitte, woran genau du schreibst und um was es geht?
Anke Müller: Ich schreibe einen Jugendkriminalroman, Lesealter ab 11, den ich als Reihe angelegt habe. Protagonist ist Homar, der Sohn einer Geheimagentin. Er lebt im Internat. Oft braucht Mutter Inga seine Hilfe und sie bringen gemeinsam Ganoven zur Strecke.
Im ersten Band geht es nach Mailand. Alle Spieler des AC Milan wurden entführt. Keine Anhaltspunkte, die Lösegeldforderung lässt auf sich warten. Zu allem Übel ziehen die Carabinieri Inga gleich bei der Einreise nach Italien hoch. Den Truck mit der Spezialausrüstung und dem Geheimraum im Anhänger konfiszieren sie ebenfalls. Homar ist ziemlich allein gestellt. Ob da nicht etwas ganz anderes hinter steckt?

Textbasis: Die beiden passen thematisch ja super zusammen: das kleine Gespenst, das die Welt bei Tage erkundet; und Homar, der gemeinsam mit seiner Mutter die Welt der Ganoven und Gangster durcheinanderrüttelt. Was hat dich dazu bewogen, einen Jugendroman zu schreiben?
Anke Müller: Als mein Sohn kleiner war, begleitete ich seine Lektüren intensiv. Es störte mich, dass ich keine Lokalkrimis für Kinder fand. Am Ende spielt Homars erster Fall zwar in Mailand, aber er umfasst nur einen Auftrag mit einer 3-Tages-Reise. Basiscamp, also das Internat, liegt in Deutschland und der nächste Fall wird Homar und seine Mutter nach Duisburg führen. Eine Dachgeschosswohnung im Innenhafen, gleich neben der Synagoge, habe ich den beiden bereits ausgeguckt.

Textbasis: Gut zu wissen, dass die beiden bestens aufgehoben sind. Welche Rolle spielt für dich das Bloggen neben der ganzen Schreibarbeit und dem täglichen Wahnsinn? Alles nur zusätzliche Belastung?
Anke Müller: Ganz im Gegenteil! Das Bloggen macht mir Freude. Anhand der Leserreaktionen analysiere ich meine Texte und ziehe wertvolle Informationen für weitere Arbeit daraus. Erlaubt es die Zeit nicht, blogge ich nicht.

Textbasis: Zum Schluss: Hast du irgendwelche ganz persönlichen Geheimtipps für angehende Autorinnen und Texter, um besser zu schreiben?
Anke Müller: Da habe ich tatsächlich etwas, das ich fast täglich praktiziere. Pointiertes Schreiben: Die beste Fingerübung für mich ist das Kommentieren in den sozialen Netzen. Ich bevorzuge Facebook. Dort habe ich eine feine Gruppe handverlesener Gleichgesinnter. Immer wieder eine Herausforderung und Anlass zur Freude.

Textbasis: Das ist in der Tat ein ausgefallener Ratschlag, um sich selbst ein bisschen fitter zu machen und auf neue Ideen zu kommen. Damit sind wir aber auch schon wieder am Ende dieser Folge angekommen. Ich hoffe, dass Sie Anke Müllers Text und ihre Antworten erfrischt und angeregt haben. Ich jedenfalls danke dir ganz herzlich für deine Teilnahme und das unterhaltsame Interview. Wenn Sie noch mehr gute Laune und lockerleichte Sprachen wollen, wenn Ihnen noch ein klein wenig die Nacht hinter den Augen sitzt, dann zögern Sie nicht, lassen Sie sich von folgendem Link direkt zu Ankes Blog leiten und lesen Sie sich munter. Auf zu Ankes verrückter Welt des Alltags!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.