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Nachwuchspreis Literatur im Erzgebirge 2014. Dazu im Interview: Annemarie Reichenbach, Gewinnerin Epik, 16-20 Jahre

(Für das Interview etwas nach unten blättern!)

Am 09.03.2014 präsentierte sich das Erzgebirge bereits zum fünften Mal von seiner literarischen Seite: In der Baldauf Villa in Marienberg wurden auch dieses Jahr wieder die Nachwuchspreise für Literatur verliehen. Landtagspräsident Dr. Matthias Rößler zeigte sich in seiner Eröffnungsrede froh darüber, dass die Veranstaltung in der Region inzwischen „eine Tradition geworden ist.“

Logo Baldauf Villa

Im gefüllten Saal und bei frühlingsgleichen Temperaturen fanden Ehrungen in den Kategorien Lyrik und Epik statt, Sonderpreise gab es für Zusendungen in Mundart. Unterteilt wurden die verschiedenen Sparten in unterschiedliche Altersklassen.

Allerdings will ich nicht zu sehr in den Veranstaltungsrahmen abschweifen. Denn andere Fragen drängen in den Vordergrund. Wenn schon der Nachwuchs gefördert und ausgezeichnet wird, dann sollte zumindest ersichtlich werden: Was waren die Themen und was bewegte die jungen Autorinnen und Autoren?

Im Bereich Mundart wurden von den Verfasserinnen die Texte zum Zwecke der Originalität selbst vorgetragen. Heitere Geschichten, nicht ohne kritisches Moment aus den Augen von Jugendlichen: Hier ein Schulausflug ins Elbsandsteingebirge, dort der alljährliche Wahnsinn beim Geschenkekaufen vor Weihnachten. Alte Hüte vielleicht, dennoch zeigten die vorgetragenen Texte durch ihre mundartliche Färbung, dass Inhalt nicht nur durch Textaussage, sondern auch durch Akustik vermittelt werden kann. Man sagt uns Erzgebirglern manchmal nach, eigentümlich zu sein – und charmanter als in Mundart könnte diese Eigentümlichkeit nicht skizziert werden. Dass Nicki Luise Schlosser aus Crottendorf und Sabrina Seifert aus Großrückerswalde es geschafft haben, dieses regionale Kolorit sowohl sprachlich als auch psychologisch einzufangen und die Geschichten dadurch greifbar zu machen, dafür gebührt beiden die Auszeichnung mit dem Sonderpreis Mundart zu recht!

Preisträgerinnen des Nachwuchspreises Literatur im Erzgebirge 2014

Preisträgerinnen des Nachwuchspreises Literatur im Erzgebirge 2014

Nach dieser unterhaltsamen Einstimmung wandte sich die Veranstaltung den mundartlich weniger auffälligen Preisen in den Bereichen Lyrik und Epik zu. Besonders auf die Lyrikauszeichnungen hatte ich mich gefreut – und meine Erwartungen wurden erfüllt. Die Jury zeigte sich offen für moderne Lyrik und gestand den ersten Preis in der Altersgruppe 10-12 Jahre drei Elfchen-Gedichten aus der Feder von Selina Ficker aus Aue  zu, deren nüchterne thematische Treffsicherheit auf Sprachgefühl und Sprachökonomie schließen ließen. Der erste Preis in der Altersgruppe 13-15 Jahre wurde Lucie Neumann aus Flöha, OT Falkenau verliehen. – (Und außerordentlich stolz war ich darauf, dass der zweite Preis in der Altersklasse 10-12 Jahre überreicht wurde an Leona Rössel aus Lößnitz, welches ebenfalls meine Heimatstadt ist.)

In der Altersgruppe 16-20 dominierten, man mag es eventuell vorausgeahnt haben, existenzialistische Töne, die einen Bogen über Freiheitsgefühl, Ich-Suche und Selbstbestimmung spannten. In durchweg starken Versen gelang es Deborah Löschner aus Marienberg, OT Pobershau ein farbenreiches, wenn auch manchmal düster ausgeleuchtetes Bild zu zeichnen. Die reimfreien Verse – darüber habe ich mich besonders gefreut – wurden von der Jury gewürdigt und keine gestelzten Reim-Monster erhielten die vorderen Preise. Die zeitgenössische Lyrik scheint sich auch im Erzgebirge einen Weg durch die oft traditionalistisch angehauchten Lehrpläne geschaufelt zu haben, das ist ein gutes Zeichen abseits von veralteten Mustern und der oft tristen Forenlyrik unserer Zeit.

Die Gewinnertexte allerdings der Avantgarde zuzuordnen, ginge zu weit, das sprachliche Repertoire orientierte sich einige Male doch nahe an bekannten Wendungen und den gefürchteten Wie-Vergleichen. Davon abgesehen, wurde das Sprachmaterial rhythmisch auffällig stark durchgestaltet und wirkte unaufdringlich nuanciert, sodass ich zu dem Schluss komme: Wenn das der Anfang war, dann darf man auf alles Weitere gespannt sein – schließlich handelt es sich um einen Nachwuchspreis, der die Motivation für weiteres Textschaffen befördern soll. Dass im Bereich Lyrik die Grundlagen dazu vorhanden sind, das wurde am 09.03.2014 eindrucksvoll vorgeführt.

Zum Abschluss ging es an die Prosa. Beide Gewinnertexte orientierten sich an dem Motiv der Figurenbewegung. In der Kategorie bis 16 Jahre wurde entlang eines Marathonlaufes erzählt, der in einer geträumten Transformation des Erzählers in einen Baum endete. Gemessen an der Altersklasse wurde überraschend tiefgründig über Affekt und Relativität nachgedacht, ohne dies allerdings explizit zu benennen. Herzlichen Glückwunsch an Luisa Heilmann aus Marienberg!

Noch beeindruckender war hingegen die Auszeichnung von Annemarie Reichenbach aus Lengefeld, OT Reifland in der Altersklasse 16-20 Jahre mit ihrer Kurzgeschichte „Inhalt eines Lederkoffers“. Unübertroffen stark an diesem Nachmittag führte die Autorin ihre Protagonisten in verschränkter Erzählweise auf zwei ganz unterschiedlichen Bahnen entlang. Dass sich deren Wege kreuzten, bemerken beide schließlich an zwei vertauschten Koffern, ohne jedoch die Verwechslung als solche und sich gegenseitig wahrgenommen zu haben. Nicht nur konzeptionell gelang es der Autorin, Tiefe in ihre Worte zu geben. Spürbar war dies auch an der Verwendung ganz unterschiedlicher Satzgestaltungen bei der stillen, kaum hörbaren Verknüpfung beider Erzählstränge, und vor allem durch die beinahe poetische Wendung zum Schluss der Erzählung, die elegant zusammenführte, was in den Charakterbiografien bis dahin noch offen geblieben war. Das war bewusst geschriebene, durchdacht arrangierte Literatur einer jungen Autorin, die mit ihren Texten eigentlich nur eines will: Alles Schlechte etwas besser machen. Ich freue mich, dass Annemarie sich bereiterklärt hat, für den textbasis.blog ein paar Fragen zu beantworten!

„Mein Lebenstraum ist es, später mal ein Haus am Meer zu haben und dort dann im Strandkorb zu sitzen und Bücher und Tausende Briefe an alle Menschen zu schreiben, denen es an Liebe und Lebendigkeit fehlt.“ (Annemarie Reichenbach)

Annemarie Reichenbach

Annemarie Reichenbach aus Lengefeld, OT Reifland. Gewinnerin des Nachwuchspreises Literatur im Erzgebirge 2014 in der Kategorie Epik, 16-20 Jahre

Textbasis: Herzlichen Glückwunsch zum ersten Platz in der Kategorie Epik der Altersklasse 16–20, Annemarie! Wie viel Überwindung kostet es eigentlich, an einem Nachwuchswettbewerb teilzunehmen?
Annemarie Reichenbach:
Dankeschön! Nun, eigentlich fällt es mir jetzt nicht mehr besonders schwer, da ich es endlich mal getan habe. Schon lange vorher wurde mir nahegelegt, mal irgendwo teilzunehmen, aber entweder habe ich von diesen Wettbewerben erst nach Einsendeschluss erfahren oder immer wieder Ausreden vorgeschoben; und dann – hups – war der Wettbewerb auch schon wieder vorbei. Wahrscheinlich ist der Grund meistens der gewesen, dass es mir nie darum ging, mit dem Schreiben irgendetwas zu erreichen, sondern ich das einfach als Entspannung gesehen habe. Aber nun, da hat sich ja durch den wirklich überraschenden Erfolg wohl einiges an meiner Einstellung gegenüber Wettbewerben geändert!

Textbasis: Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Wie lang schreibst du schon und was begeistert dich an der Literatur?
Annemarie Reichenbach:
Ich schreibe eigentlich, seit ich schreiben kann, auch wenn das wahrscheinlich ziemlich seltsam klingt. Meine Lieblingsbeschäftigung als Kind war Telefonieren und Bücher-vorgelesen-bekommen, und als ich dann endlich schreiben und lesen konnte, waren meine Lieblingsunterrichtsstunden immer die, in denen wir Geschichten schreiben sollten. Da ich außerdem ziemlich viel und gern lese (obwohl das leider in den letzten Jahren zeitbedingt weniger geworden ist), hatte ich schon immer ein ziemlich enges Verhältnis zur Literatur und vor allem zu den „Geschichten, die das Leben schreibt“. Als ich dann auf verschiedenen Reisen, Freizeiten oder Kuren immer mehr Leute kennenlernte, die ich selten sehen konnte, habe ich oft ganze Tage verbracht, mit diesen zu schreiben. Das war wahrscheinlich unbewusste Übung oder so.
Mit 11 habe ich dann angefangen, längere Geschichten und kleine Bücher oder Theaterstücke zu schreiben, sei es für die Schule, als Geschenk für andere oder einfach nur zum Spaß. Seit meiner „ersten großen Liebe“ mit 13 habe ich Gedichte, Lieder und Kurzgeschichten verfasst, um erst Liebeskummer und dann Alltag und Realität zu verarbeiten – und genau das hat mich so fasziniert. Literatur hat etwas geschafft, was nichts anderes geschafft hatte, kein Sport, kein anderes Hobby: Ich habe dadurch all meine Gefühle verarbeiten können und war danach „mit mir im Reinen“. Außerdem finde ich es nach wie vor faszinierend, wie unterschiedlich Menschen Literatur erleben, interpretieren und schaffen, und dass Literatur eigentlich nie wirkungslos bleibt.

Textbasis: Nun behaupten einige, dass die jungen Menschen heute pauschal weniger lesen würden und weniger Interesse am Schreiben hätten. Woran liegt das – oder kannst du dem nicht zustimmen?
Annemarie Reichenbach:
Wie schon gesagt, ich muss leider auch feststellen, dass ich deutlich weniger Bücher lese als früher, sei es aus Zeitgründen oder weil einfach so viel englische und deutsche und französische Pflichtschullektüre auf meinem Nachttisch lag. So geht es anderen jungen Leuten, die sich eigentlich sehr für Literatur interessieren, sicher auch.
Außerdem ist es ja nicht so, dass wir weniger lesen, wir lesen einfach nur nicht so viele Bücher – aber wenn man mal die Wörter zählen würde, die wir täglich durch Facebook, Blogs oder SMS in unseren Kopf (und manchmal in unser Herz) lassen …
Wahrscheinlich sind viele einfach zu „müde“ und würden eine Buchverfilmung meist einem Buch vorziehen – berieseln lassen, keine eigenen Gedanken machen – das muss man im Alltag eh schon genug.
Ich freue mich allerdings immer, wenn ich irgendwo durch Städte laufe oder Nahverkehr fahre und junge Menschen sitzen statt mit dem Smartphone mit einem Buch in der Hand da; oder eben nur mit einer Reisezeitschrift. Aber sicher, ohne diese ganze mediale Neuorientierung würde man sicher mehr Bücher als irgendwelche Onlineartikel lesen. Das Interesse am Schreiben kann ich nur schlecht beurteilen, da sehr viele Freunde und junge Menschen in meinem Umfeld schreiben – Gleiches verträgt sich wahrscheinlich mit Gleichem -, aber ob so im Allgemeinen weniger Literatur junger Menschen entsteht?

Textbasis: Wie sieht es aus mit dem Literaturunterricht an deiner Schule: Ist der zeitgemäß oder wünschst du dir als junge Autorin manchmal Veränderungen?
Annemarie Reichenbach:
Ich empfinde den jetzigen Sekundarstufe-II-Unterricht im Deutsch-Leistungskurs als genau die richtige Mischung zwischen historischen und zeitgemäßen Elementen. Wir können sehr viel kreativ einbringen, zum Beispiel Gedichtverfilmungen oder gestaltende Interpretationen und Projekte. Wir lernen dabei aber auch viel über die individuellen Hintergründe und vor allem das Theaterspielen, da unsere Lehrerin selbst eine Theatergruppe leitet. Ich weiß aber, dass es in anderen Kursen gar nicht so ist, deshalb hab bestimmt nur ich so viel Glück, und andere junge Autoren sehen ihren Literaturunterricht eher als Zeitverschwendung an. Der Lehrplan selbst gibt nicht so unheimlich viel her, aber entscheidend ist, was man daraus macht.

Textbasis: Gibt es Zukunftspläne oder war das schon dein letzter Text?
Annemarie Reichenbach:
Ich glaub, schon allein die Tatsache, wie ich mich selbst in ein paar Jahren sehe, ist ein ganz großer Einwand dagegen! Mein Lebenstraum ist es, später mal ein Haus am Meer zu haben und dort dann im Strandkorb zu sitzen und Bücher und Tausende Briefe an alle Menschen zu schreiben, denen es an Liebe und Lebendigkeit fehlt. Ich gehe nie ohne mein kleines Notizbuch aus dem Haus, und kein Weg, egal wohin, ist vorbei, ohne dass ich es aus der Tasche ziehe und Verse oder Impressionen aufschreibe. Ich möchte auch in meinem späteren Beruf einmal viel mit dem Schreiben, vielleicht sogar dem Journalistischen zu haben, weiß allerdings noch nicht genau, wohin mich mein Weg führen wird. Ein weiterer sehr konkreter Plan ist der Druck eines kleinen Lyrikbandes mit etwa 40 Gedichten aus dem letzten Jahr, die von Alltag, Depression und Fundstücken handeln. Und wer weiß: Vielleicht bringe ich bald das Buch zu Ende, das mir seit zwei Jahren aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses sehr am Herzen liegt, und das ich immer wieder anfange und dann wieder lösche, und wieder anfange, und wieder verwerfe, weil es mir noch schwerfällt, mit dieser Sache klarzukommen.
Auf jeden Fall kann ich mir nie vorstellen, mit dem Schreiben aufhören zu wollen. Schon jetzt macht es mir sehr viel Freude, wie soll es erst dann sein, wenn ich nach dem ganzen Schulstress momentan vielleicht sogar noch mehr Zeit dafür habe? Man weiß nie was die Zukunft bringt und ich mag Pläne ohnehin nicht so. – Aber das Schreiben aufgeben? Niemals!

Textbasis: Herzlichen Dank für deine Antworten, Annemarie. Ich gratuliere dir noch einmal zum ersten Platz und wünsche dir für die Zukunft viel Erfolg, viele gute Ideen und natürlich flinke Finger. Mögen sie dich deinem Haus am Meer entgegen tippen!

Abschließend möchte ich mich herzlich bedanken für die Einladung zu einem tollen Nachmittag in Marienberg! Besonderer Dank gilt dabei den Organisatorinnen, Unterstützern und natürlich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, dass sie den Mut hatten, sich der Öffentlichkeit mit eigenen Texten zu stellen. Nur weiter so!

(Und eine Beobachtung kann ich zum Abschluss nicht unerwähnt lassen: Jungs, haut in die Tasten, wetzt eure Kugelschreiber stumpf! Beinahe hätte ich nicht von Teilnehmerinnen und Teilnehmern schreiben können, der männliche Anteil war verschwindend gering – das kann nicht sein, macht den Mädels und den jungen Frauen nächstes Jahr einmal ordentlich Dampf unter den Schreibblöcken. Da geht ganz sicher noch mehr!)

Danke an alle, bis 2015 in Marienberg!