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[Endspurt!] Eure Gedichte für den Frühling sucht der sinn.wort.spiel-Blog!

Nur noch neun Stunden! Das ist die Zeit, die Sie noch haben, um Ihr schönstes Frühlingsgedicht an Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel-Blog zu senden. Die Gewinnerin oder der Gewinner der Gedichtparade hat offiziell den Frühling herbeigelockt und erhält sogar noch ein tolles Buchpaket obendrauf. Wer also noch ein paar Worte für Herrn Lenz in der Schublade hat, der eile und sende sie ein!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 6] Stefan Wirner – Romanze in der Tram

Der Mittwoch bringt schöne Verse, heute die des Germanisten und Journalisten Stefan Wirner. Ich freue mich, dass er zugesagt hat und der eher tristen Wochenmitte wieder einen Hauch lyrischer Laune beigibt. In 2011 veröffentlichte Stefan seinen Liebes-Reise-Gedichtband „Love To Go“, in den Jahren zuvor die Cut-up-Romane „Installation Sieg“ (1999), „Berlin Hardcore“ (2000) und „Schröderstoiber“ (2002). Auf seinem Blog Transvers erscheinen seit Januar weitere Gedichte in kurzer zeitlicher Abfolge. Ich freue mich, Ihnen eines seiner Gedichte hier auf dem textbasis.blog präsentieren zu können.
„Kein Freud ist ohne Schmerz“, schrieb Gryphius; und noch immer grüßt uns das Todesgedenken bei jedem genauen Blick hinein ins Leben mit eisigem Finger. Irgendwo schießen sich Menschen tot und kämpfen für irgendwas, anderswo kämpft einer um seine Liebe, für einen Kuss. Ungleiche Kämpfe: der eine endet mit Blut auf dem Feld, der andere mit Blut in den Wangen. Und doch: Die Tram fährt fort, ein Anruf steht noch aus, dort knallen bald noch die Gewehre, hier piepsen bald schon die Tastentöne des Mobiltelefons. Im Bewusstsein des Leides sich nicht von ihm verzehren lassen: Mit flinkfüßigen Reimen durch die Verse hopsen, am Ende zwar wieder in der Tageszeitung ankommen, doch wenigstens bis dahin alle Freude auskosten –

Romanze in der Tram

Er hat es,
das Strahlen des
Verliebten im
Gefühl des Sieges,

er kämpfte schon lang.

Sie glänzt ihn mit
großen, runden Augen an
und errötet dann.

Beim nächsten Halt
hüpft er aus
dem Abteil
und drückt ihr dabei
einen Kuss auf die Wang’.
„Ich rufe dich an.“

Ein sehnsuchtsvoller Blick
durch die schmutzigen Scheiben,
der Fahrtwind wirbelt
das Herbstlaub zurück.

Autos, ein Hupen,
sie senkt ihren Blick
und liest in den
Schlagzeilen vom Krieg.

Stefan Wirner

Stefan Wirner

Textbasis: Lieber Stefan, ich freue mich, dass du diese Woche am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Seit vielen Jahren schreibst du Gedichte, beruflich bist du tätig als Journalist. Was zieht dich immer wieder hin zu den Versen, wo unterscheiden und wo überschneiden sich eventuell auch Lyrik und Journalismus bei dir?
Stefan Wirner: Lieber Sebastian, erstmal vielen Dank für die Einladung. „Der lyrische Mittwoch“ ist eine wunderbare Idee, ich wünsche Dir viel Glück damit und viele interessante Gesprächspartner. Es ist mir eine Ehre.
Zu Deiner Frage: Der Journalismus befasst sich mit den alltäglichen Katastrophen und Ungerechtigkeiten dieser Zeit. Mit Politik, Wirtschaft und Macht, mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt. Der Journalist begibt sich selbst in diese Ebene hinein, er lebt in ihr und von ihr. Der Dichter hingegen sollte diese Ebene eher meiden. Denn Gedichte stehen von ihrer Natur her in Widerspruch dazu. Sie stellen per se einen größeren Einspruch dar, als jeder politische Kommentar in einer Tageszeitung es könnte. In einem Gedicht entsteht eine andere Welt, es transzendiert, wenn es gelungen ist, unser alltägliches Dasein. Ich meine damit nicht l’art pour l’art. Ich meine eine Lyrik, die etwas zur Sprache bringt von den anderen Möglichkeiten des Menschen.

Textbasis: Von den Konventionen des bloßen Kommentierens lösen sich ja auch deine drei Romane. Sie sind geprägt von der Montagetechnik William S. Burroughs’, einer experimentellen Methode, Texten neuen und anderen Sinn zu entlocken, sie gerade dadurch in ihrer Absurdität zu entlarven. Deine Gedichte hingegen wirken in sich ruhig und geschlossen. Gab es ein Umdenken, ein Umlenken in deiner Arbeit als Schriftsteller?
Stefan Wirner: Die Cut-up-Romane standen in engem Zusammenhang mit meiner journalistischen Tätigkeit. Sie waren vollständig durchdrungen davon. Damals wollte ich in Diskurse intervenieren. Dann aber habe ich mich wieder nach einem Ort gesehnt, der frei von alltäglicher Politik und von Nachrichten ist. Gedichte eröffnen diesen Raum, ich möchte sagen, diesen sakralen Raum. Es gab eine Zeit, da war es notwendig, die sakralen Räume der Gedichte zu zertrümmern. Sie waren nämlich zu Kitsch und zur Beweihräucherung und Verklärung schlechter Verhältnisse verkommen. In der Folge aber hat man das Gedicht völlig der äußeren Welt ausgeliefert und es zu einer Form des Journalismus degradiert. Dem möchte ich wieder etwas entgegensetzen. Nichts gegen den Journalismus, er hat eine grundlegende Funktion in der Demokratie. Das Gedicht aber muss seinen eigenen Ton finden, jenseits des Jargons des Alltäglichen.

Textbasis: Sprachlich muss es sich hervorheben, da stimme ich dir zu, aber das Gedicht muss doch immer auch hinein in den Alltag und dort das Besondere finden. So ist „Romanze in der Tram“ auch kein reines Liebesgedicht geworden, sondern es ist eingebettet in Weltgeschehen. Wie freudig der Moment für Liebenden und Geliebte in der Tram ist, draußen in der Welt herrscht der Krieg. Er weht nur mit einem Vers ins Gedicht, aber er ist da. Oft konnten wir in den Interviews des lyrischen Mittwochs lesen, dass gerade die Betonung des Subjektiven die Aufgabe der Lyrik sei. Welchen Herausforderungen muss sich deiner Meinung nach die Lyrik noch stellen?
Stefan Wirner: Die radikale Versenkung ins Subjektive ist die Basis des Gedichts. Aber es begnügt sich selbstverständlich nicht damit. Wenn das Gedicht im Subjektiven verharrt, ist es eher ein privates Tagebuch-Poem und sollte in der Schublade bleiben. Durch die Versenkung in das Subjektive versucht der Dichter, Aussagen über unsere Welt zu treffen, die allgemeingültig werden. In dem Sinne, dass der Leser etwas von seiner eigenen Welt darin wiedererkennt, bestenfalls deutlicher sieht und besser versteht.
Zu „Romanze in der Tram“: Als Subthema enthält dieses Gedicht das Verhältnis von Leben und Journalismus. Das Gedicht geht auf eine Beobachtung zurück. Ich sah ein innig flirtendes Paar in der Trambahn, verfolgte, wie der Mann aussteigen musste, die letzten sehnsuchtsvollen Blicke beim Ausstieg. Die Tram fuhr los, er winkte. Die Frau schien erfüllt von dieser Liebe, sie senkte aber, als ihr Geliebter außer Sichtweite war, ihren Blick und sah in die Zeitung. Ein niederschmetternder Moment. Dieser Augenblick der Liebe, der nach Unendlichkeit verlangte, wurde beendet mit Nachrichten vom Krieg, mit profanen Neuigkeiten aus der Innenpolitik, Artikel über wirtschaftliche Entscheidungen et cetera. Diese Beobachtung wollte ich festhalten, weil sie für die Art steht, wie wir heute leben.

Textbasis: Und die Art, wie wir heute leben, trifft der Titel deines Gedichtbandes mit seinem „to go“ treffend. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen Liebes-Reise-Gedichtband zu schreiben und zu veröffentlichen? Ist die „Romanze in der Tram“ das, was du dir unter einem Liebes-Reise-Gedicht vorstellst?
Stefan Wirner: Der Gedichtband „Love To Go“ beschreibt eine Bewegung, eine äußere und innere Reise. Jedes einzelne Gedicht kann für sich stehen, ergibt aber in der Folge mit den anderen diese lyrische Erzählung. Die Idee dazu entstand in einer Zeit, da ich mich mehr für die Probleme der Liebe als für die der Politik zu interessieren begann. Die Liebe ist ohne Zweifel eines der rätselhaftesten Phänomene. Schauen wir uns die Welt an: Kriege, Umweltzerstörung, religiöser Hass, Neid und Konkurrenz. Und dennoch lieben Menschen andere Menschen: Eltern ihre Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt, Partner ihre Partner, egal, welcher Hautfarbe und Herkunft und welchen Geschlechts. Das erstaunt mich immer wieder und versöhnt mich ein wenig mit den Menschen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du, dass du dich für einen Book-On-Demand-Dienst entschieden hast, um deinen Gedichtband zu veröffentlichen, da es schwierig sei, einen Verlag für Lyrik zu finden. Was macht es den Verlagen so schwer, Gedichte zu veröffentlichen, was müsste sich auch auf Leserseite ändern?
Stefan Wirner: Viele Menschen können mit Gedichten nichts anfangen. Lyrik verkauft sich schlecht. Da muss man nur einen Verleger fragen. Die meisten Lyrikbände sind entweder Projekte eines idealistischen Verlages, dem an der Sache liegt, oder es handelt sich um Bücher von Schriftstellern, die neben ihren kommerziell erfolgreichen Büchern auch Lyrik schreiben.

Textbasis: Reisen wir in die Zukunft, aber nur ein klein wenig. Die E-Books wirbeln den Buchmarkt durcheinander, das ist bekannt. Welche Chancen bietet das E-Book für Verlage, Dichterinnen und das Gedicht selbst?
Stefan Wirner: Zum E-Book selbst kann ich wenig sagen. Aber vielleicht zu den neuen Möglichkeiten, die durch das Internet entstehen. Heute kann ein Buch, das niemand verlegen will, über das Internet trotzdem seine Leser finden, wenn es der Verfasser klug anstellt und ein bisschen Glück dabei hat. Das ist doch eine gute Entwicklung. Eine Demokratisierung der Literatur, wenn man so will. Vergleichbar vielleicht mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder der Einführung des Taschenbuchs.

Textbasis: Unsere Reise geht weiter. Fernab in der Zukunft: Das Gedicht hat die langen Texte im Literaturbetrieb verdrängt. Was muss die Prosa tun, um wieder gleichzuziehen, welche Stärken muss sie ausspielen?
Stefan Wirner: Was mich zuweilen an zeitgenössischer deutscher Prosa stört, ist die sprachliche Unzulänglichkeit und die Unglaubwürdigkeit. Die meisten Texte werden der Welt nicht gerecht, die sie schaffen und beschreiben wollen. Sie sind in sich nicht authentisch. Etwa wenn der Verfasser so tut, als wüsste er, wie Gauß und Humboldt gefühlt und gedacht haben, an anderer Stelle dann aber sein Nicht-Wissen als modernen Kniff verkauft.
Wenn die Prosa nicht zu Fernsehliteratur verkommen will, muss sie sich wieder auf ihre ureigensten Stärken besinnen und nicht von den narrativen Möglichkeiten des Films und des Fernsehens träumen und versuchen, sie zu kopieren. Viele Bücher werden schon für die Verfilmung geschrieben, und am Ende weiß man nicht, was schlechter war: das Buch oder der Film. Zeitgenössische Prosa lässt sich meist in vier, fünf Sätzen zusammenfassen. Bei einem guten Gedicht ist das unmöglich. Wer mir nicht glaubt, kann es meinetwegen mit „Der Turmsegler“ von René Char versuchen.

Textbasis: Hoffen wir, dass es nicht zu einem solchen Übergewicht kommen wird, sondern dass Lyrik und Prosa zukünftig gleichauf einhergehen, beide mit kraftvoller Sprache und authentisch in ihrer jeweiligen Art. Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, lieber Stefan, für deine Teilnahme. Wenn Sie, angeregt durch Stefans Antworten, mehr wollen, dann besuchen Sie bitte Stefan Wirners Transvers-Blog und hüllen Sie Ihre Augen noch ein bisschen länger in seine Verse. Ganz im Fahrwasser der „Romanze in der Tram“ freue ich mich, dass durch die Zusammenarbeit mit Stefan diese Folge so schön geworden ist; gleichzeitig ist es schade, dass wir schon wieder am Ende des lyrischen Mittwochs dieser Woche angekommen sind. Warum Gryphius auch immer recht haben muss … Bleiben Sie lyrisch, bis zum nächsten Mal!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Sich von der Wucht der Poesie erschlagen lassen, auch diese Woche wieder – herzlich willkommen zur fünften Folge des lyrischen Mittwochs! Heute begleitet uns ein Gedicht von Andi, der seit vielen Jahren Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym „dergrund“ auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er zugesagt hat und des Mittwochs Schnödheit aufhellt durch den Glanz seiner Worte.
Wie oft hört man, dass die Liebe alles verändern könne – und wie oft hat man schon darüber gelesen. Dabei sind Wörter wie „Liebe“ mittlerweile nichts mehr als aufgeweichte Worthülsen: breit, breiig, schleimig. Und deswegen findet man „Liebe“ auch nirgends in Andis Versen. Was man hingegen findet, sind die Wirkungen dessen, was man gemeinhin dieser Sinnesregung intensiver Empfindungsoffenheit zuschreibt: Nämlich das Funkeln des Alltäglichen unter dem Schleier wunderbarer Verklärung. Wenn Himmel zu Lapislazuli, wenn Tränen Perlmuttropfen und Augen „sternförmige Strahlenpupillen“ werden, dann zeigt sich, wofür das Wort „Liebe“ zu leer geworden ist –

Sternförmige Strahlenpupillen

Diese Aufregung kenne ich nicht von mir
Wie ich auf sie zugehe – mit Herzklopfen
Sie, Sonnenschein umhüllt sie, sie ist so wunderschön

Ihre Augen
Sternförmige Strahlenpupillen, doppelte Zickzack-Sonnen
Frühlingsgrün und Himmelblau zugleich

Beidseitiger Sog zueinander hin
Magnetisch, magisch, trifft es nicht, unaufhaltsame, unaufhörliche
Sofortige Sucht nacheinander

Es ist plötzlich passiert, einfach passiert
Aus der Leichtigkeit heraus und deswegen umso unglaublicher
Es fühlt sich sowas von fantastisch normal, einfach natürlich
   zwischen uns beiden an

Es ist ein ehrliches und echtes
Ein gemeinsames, wunderbares und synchron starkes Gefühl
Unbewusst von uns beiden vorausgeahnt und jetzt elektrisierend
   bewusst, prickelnd

Ich schaue in ihre Augen, tiefer und tiefer und sie in meine
So dass wir die Zeit vergessen, atemlos aufgeregt sind
Sehnsüchtig die Berührung des Anderen erwarten und verlangen

dergrund

dergrund

Textbasis: Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Andi! Ich freue mich, dass du uns pünktlich zum Frühlingsbeginn diese luftlockeren Worte mitgebracht hast. Unübertrieben, leicht und frisch ist deine Sprache; stark und anschaulich deine Bilder. Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Erzähl uns doch bitte kurz etwas über dich und dein bisheriges Schreiben.
Andi: Lieber Sebastian, herzlichsten Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen kann und für deine lieben Worte über mein Gedicht.
Ja, die Worte müssen aus mir raus. Immer wenn ich stark fühle, egal ob positiv oder negativ. Es ist für mich eine Art des Verarbeitens des Geschehens, des Gegenwärtigen. Ich schreibe eigentlich nie über weit Vergangenes, Zurückliegendes. Trotzdem sind meine Texte nicht autobiografisch zu sehen. Das Echte in meinen Texten sind die Gefühle, die ich auslote, auskoste.
Ich bin 39 Jahre alt und ich finde es sehr interessant, dass sich meine Art, von Frauen zu schwärmen, die Art des Fühlens, wenn ich mich verliebe, im Vergleich zur Teenagerzeit nicht stark verändert hat. Der Körper wird älter und ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn mich meine Gefühle beflügeln. Aber der pure Ausdruck des Gefühls ist noch genauso wuchtig und mich mitreißend. Ich liebe diese Intensität.
Ich habe mit elf Jahren begonnen, Gedichte zu schreiben. Zum Glück hatte ich in meiner Schulzeit sehr gute Lehrer. Vor allem mein Deutschlehrer hat mich mit seiner Gedichtauswahl beeindruckt und für die Schriftstellerei begeistert.
Ich habe in der Folge Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher und philosophische Texte geschrieben. Meine Leserschaft war sehr klein und setzte sich aus meinem Freundeskreis zusammen. Damals in den Achtzigerjahren gab es kein Internet und dass an meinen Texten Verlage Interesse hätten, glaubte ich nicht.
2009 fand ich durch Zufall eine Künstler-Community auf Myspace. Diese setzte sich aus Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Das war eine sehr aufregende Zeit für mich. Wir inspirierten uns gegenseitig und konstruktive Kritik an meinen Texten half mir, mich weiterzuentwickeln. Leider sind die Myspace-Zeiten vorbei. Eine Plattform, auf der wir alle künstlerisch vereint waren, existiert nicht mehr. Jetzt sind wir über viele unterschiedliche soziale Netzwerke beziehungsweise Blogdienste verstreut.
2009 fand ich zudem den Mut, mich auch mit einem meiner Gedichte bei der Brentano-Gesellschaft für die Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts zu bewerben. Ich wurde aufgenommen und auch in den Folgejahren glückte es mir jedes Jahr, dass ein weiteres Gedicht mehr aufgenommen und von mir veröffentlicht wurde. In 2012 nahm eine sehr liebe und verehrte Freundin von mir, Emma Wolff, auch einen Text in ihrer Anthologie „Ein Leben mit Autismus“ auf. Ich selbst bin kein Autist. In meinem Text „Weltenrauschen“ beschreibe ich, wie ich sie im liebevollen Umgang mit ihrem Sohn, der das Asperger-Syndrom hat, wahrnehme.
Interessant finde ich, dass, wenn ich schreibe, ich einen Flow bekomme. Ich nenne diesen Flow auch meine „Mann auf dem Mond-Phase“. Ich bin für niemanden ansprechbar und höre auch niemanden. Ich bin von der Außenwelt abgeschottet und befinde mich tief in meinem Inneren. Ich denke, wenn mir dies in der U-Bahn passierte, dass dies sehr strange auf andere wirken würde, die mich nicht kennen.

Textbasis: Gleich hintenan noch die Frage, die sich vermutlich viele Leser stellen: Was hat es mit deinem Pseudonym „dergrund“ auf sich, und was möchtest du uns über deinen Entschluss verraten, nicht unter deinem bürgerlichen Namen zu schreiben? Was gewinnst du, was büßt du vielleicht auch manchmal durch diese Entscheidung ein?
Andi: Der Ursprung des „dergrund“-Blogs ist, dass ich auf Myspace meistens sehr positiv gestimmte Gedichte veröffentlicht habe und einen anderen Blog haben wollte, in dem ich düster, böse und verzweifelt sein konnte. Also die andere Seite des Lichts, der Dunkelheit in mir Ausdruck verleihen konnte. Mittlerweile ist der „dergrund“-Blog nun mein Hauptblog geworden.
Mit dem Pseudonym „dergrund“ verbinde ich mein Streben, im Kontakt mit meinem Innersten zu stehen. Wie Wurzeln im Boden Halt suchen, verankere ich mich mit meinem Innersten. Für mich war es wirklich ein harter Kampf, wieder zu meinem Innersten zu finden. Es mir einzugestehen, dass ich mich verloren hatte, war der erste Schritt, mich wieder zu finden, mich wieder zu entdecken. Aber wie konnte ich mich selbst verlieren? Sicherlich war mein Ehrgeiz, in allem erfolgreich sein zu müssen, der Grund, viele Jahre im Prinzip wie eine Maschine zu funktionieren. Karriere-Mechanismen sind durchschaubar und die Antizipation der Erwartungen, um erfogreich zu sein, erfordert nur ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dazu gehörte für mich wohl auch, die Verbindung zu meinem Innersten zu kappen.
Warum will ich anonym bleiben? In meinen Gedichten bin ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Erwartungen des Lebens. Frei von moralischen Grundsätzen. Ich kann mich in meinen Gedichten meinen Gefühlen und Träumen hingeben. Diese Offenheit wäre für mein direktes Umfeld möglicherweise zum Teil sehr irritierend. Auf der anderen Seite wahrscheinlich auch überraschend, wie tief meine Gefühle sein können.
Eine Einbuße wäre es sicherlich, wenn ich nicht mehr alles veröffentlichen könnte, was ich derzeit fühle. Wenn ich Angst haben müsste, dass alles, was ich schreibe, möglicherweise zwanghaft als wahr und autobiografisch gesehen würde. Also fühle ich mich unter „dergrund“ frei und trage keine Maske, außer die des Pseudonyms.

Textbasis: Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in deine Arbeit als Künstler. Während des Lesens von „Sternförmige Strahlenpupillen“ spürt man erotische Vibrationen, elektrisches Herzknistern. Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte und warum verschmelzen Liebe und Lyrik so gut miteinander bei dir?
Andi: Ich bin ein Schwärmer. Ich liebe das Leben und die Liebe. Das Gefühl, verknallt, verliebt zu sein, einen guten Flirt zu haben, das ist mein Doping.
Die Synthese von Liebe und Lyrik gelingt, glaube ich, nur, wenn die Gefühle ehrlich sind und nichts hinzufantasiert wird. Mir gelingt es zum Beispiel nicht, wenn ich etwas künstlich erzeugen möchte, etwas übertrieben sexuell verbal ausreize, wenn ich aus der Liebe ein Experiment in einem Textforschungslabor mache. Jegliche Effekthascherei führt zu Kitsch und wird als Unehrlichkeit vom Leser enttarnt. Lyrik ist keine Lüge, sondern der Versuch ehrlich, wahr zu sein.

Textbasis: Schweift man ein wenig durch die Gedichte auf deinem Blog, stellt man auch fest, dass nicht alle deine Texte geprägt sind von Heiterkeit und innerem Scheinen. In Fetzen skizzierst du oft die Welt. Das Fetzenhafte, das Herausgerissene, auch das begegnet uns in und zwischen deinen Versen. Welche Rolle spielt Lyrik, spielt Schreiben allgemein für dich im Umgang mit der Welt?
Andi: Keiner meiner Texte entsteht aus einer inneren Ausgeglichenheit heraus. Ich glaube, wenn überhaupt, gelingt es mir, im Leben ein dynamisches Gleichgewicht aus positiven und negativen Eindrücken zu halten. Ich bin ein Expressionist, der sich in einer Zentrifuge aus „gut“ und „böse“, „Licht–“ und „Schattenwesen“ dreht. Das Schreiben verbindet meine innere Welt mit der Äußeren. Das Schreiben ist die Brücke.
In meinen Texten stelle ich mich natürlich auch meinen „Dämonen“, aufwühlenden Alpträumen oder auch Misserfolgen jeglicher Art, um sie verarbeiten, um aus ihnen Gutes ziehen zu können. Das Leben ist Veränderung, und wenn es einen Traum in Fetzen zerreißt, kann ein Neuanfang das Beste sein, was einem im Leben passieren kann.

Textbasis: Würde das bedeuten, dass am Besten jeder Gedichte schreiben sollte, oder gehört mehr dazu, als Wörter einfach gedankenlos hinzuwerfen? Muss Lyrik immer Kunst sein, oder ist sie ebenso Mittel sanfter Selbst-Therapie, völlig unabhängig von dritten Augen?
Andi: Gedankenlos hingeworfene Worte beinhalten oft mehr Wahrheit als alle künstlich erdachten Wortkombinationen. Sie können ein gnadenloser Spiegel sein. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der noch nie ein Gedicht geschrieben hat, es zu wagen. Je öfter diese expressionistischen Übungen ausgeführt werden, umso dichter und purer können die dargestellten Emotionen werden. Der entscheidende Faktor, ob diese Texte dann als Kunst wahrgenommen werden, ist, wie intensiv und ehrlich die dargestellten Gefühle dem Leser erscheinen.
Gedichte schreiben ist für mich sicherlich eine Art Selbst-Therapie, aber auch ein Akt der Unabhängigkeit, ein Zeugnis der inneren Freiheit.

Textbasis: Ich hoffe, dass sich viele Dichterinnen und Dichter in spe deine Ermutigung annehmen! Wo ziehst du der Lyrik dennoch eine Grenze?
Andi: Die Lyrik kann das Leben nicht ersetzen. Gedichte sind oft nur entschlüsselbar, ihre Botschaften werden für mich erst hörbar, wenn ich in die selben Lebenssituationen gerate, wie der Dichter, der sie niederschrieb. Und dann sind sie Balsam für meine Seele.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Viele deiner Texte werden von Bildern oder Bildvariationen begleitet. Sind die Bilder Teile des Gedichtes, der Text ein Teil der Bilder? Wie unterstützen Bilder das schwarze Wortleuchten?
Andi: Ich bin mir da selbst noch nicht sicher.
In letzter Zeit fotografiere ich sehr gerne und editiere die Bilder, verfremde sie, bis aus ihnen etwas Neues entsteht. Vielleicht das, was ich eigentlich gesehen habe in dem Moment, als ich das Foto geschossen habe.
Und die Gedanken, die mir dabei in den Kopf kommen, schreibe ich dann auf …

Textbasis: Und damit ist leider auch der schönste Teil des Mittwochs wieder zu Ende. Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Andi für das Gedicht und dass er sich die Zeit genommen hat für die spannenden Antworten. Ich hoffe, dass auch diese Woche wieder viele Anregungen und Gedanken für Sie im Text steckten, die Sie neugierig auf mehr Lyrik, auf mehr Sichtweisen anderer Künstler machen. Und die in Ihnen eine Frühlingslust der Poesie erwecken, um selbst die schönsten Verse zu dichten. Wenn Sie vor dem Scheiben noch ein paar Lustimpulse brauchen, oder den Drang nach mehr lyrischem Genuss verspüren, folgen Sie dem Link zu Andis Gedichtblog und lassen Sie sich ein bisschen in der Zeit verwehen. Bis zur nächsten Folge, Lyrik ahoi!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 4] Maya Rinderer – nach der leiche

Sieben Tage seit dem letzten Gedicht! Zeit für neue lyrische Kost und damit herzlich willkommen zur vierten Folge des lyrischen Mittwochs auf dem textbasis.blog. Mit Freude darf ich Ihnen dieses Mal die österreichische Dichterin und Autorin Maya Rinderer vorstellen. Ihre Gedichte veröffentlicht sie regelmäßig auf ihrem Lyrik-Blog, ihr Debüt-Roman „Esther“ ist bereits 2011 erschienen. Derzeit arbeitet sie an einem Gedichtband mit dem Titel „An alle Variablen“, der voraussichtlich im Juni dieses Jahres erscheinen wird, sie schreibt Kurzgeschichten, feilt an einem Theaterstück und konzipiert ein Drehbuch für eine Miniserie. Mit vollem literarischem Schub gibt sich Maya dem Schreiben hin und ich bin froh und dankbar, dass sie diesem Interview so kurzfristig zugesagt hat.
Das Gedicht „nach der leiche“ zeigt uns, wie intensiv die Beziehung zwischen Autorin und Gedicht ist. Oftmals gleicht sie einem Krimi – man begibt sich auf die Suche, man inspiziert und manchmal seziert man auch: sich selbst. Bereit sein zu finden, Teile von sich zu verpacken, den Preis für die egopathologische Arbeit zu zahlen, sich selbst wie den Satzfluss zu verlieren. Fragment um Fragment bergen, weitermachen, weiterschreiben, heraufholen, was es da unten in sich gibt; und am Ende den Fall auflösen: blut- und emotionsverschmiert sich selbst erkennen –

nach der leiche

ich schreibe mir einen weg durch
durch mein ich schreibe mir
hast du mich unter dem boden gefunden
was hast du mit meinem körper gemacht
ihn in zeitungspapier eingewickelt

ich schreibe mich durch und auch
streiche ich mich durch und durch
werde ich niemals sein wenn du mich
nicht freilässt mir nicht vertraust
dass ich schon weiß was für

ich schreibe das beste für mich wäre
was das beste für mich schreiben
hast du meinen körper auseinander
genommen um zu sehen was
überhaupt in ihm drin ist wie er

ich schreibe mir einen weg durch
weg durch mein leben durch meinen
körper den du in zeitungspapier
ich pflücke mich auseinander damit ich
mich von innen heraus verstehen kann

Maya Rinderer

Maya Rinderer

Textbasis: Vielen lieben Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Maya, es ist toll, dein Gedicht hier auf dem Blog vorstellen zu können. Dein Text nimmt uns mit auf eine intensive, in blutiges Zeitungspapier verpackte Reise, die beschreibt, wie nah Schreiben immer mit dem eigenen Empfinden und Fühlen verbunden ist – und wie schwierig es sein kann, sich selbst wirklich zu finden. Was bedeutet Schreiben für dich und wann hast du deine Leidenschaft für Wort und Text entdeckt?
Maya Rinderer: Vielen Dank für die Anfrage, beim lyrischen Mittwoch mitzumachen! Ich habe einmal gehört, dass Autoren nie über das Schreiben schreiben sollten, aber genau das tue ich, um seine Bedeutung verstehen zu lernen, die ist nämlich so riesengroß in meinem Leben, dass es mir schwerfällt, sie zu erklären. Es ist diese Art, in Geschichten zu denken, das tue ich, seitdem ich klein bin. Bevor ich schreiben konnte, habe ich meine Texte meinen Eltern einfach diktiert. Sobald ich selber schreiben konnte, begann ich, alle Möglichkeiten zu erforschen, ich begann Wörter zu sammeln, die sich reimen, experimentierte mit Onomatopoesie, schrieb auch längere Geschichten, aber mein Traum war es immer, einen Roman zu schreiben. Die Bedeutung des Schreibens liegt für mich darin, dass ich es tun muss, weil all die Ideen und Gedanken, die ich habe, verarbeitet werden müssen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe.

Textbasis: Dein Debüt-Roman „Esther“ ist vor zwei Jahren erschienen, du arbeitest gerade an einem Gedichtband – und schreibst dabei noch an zahlreichen anderen Projekten. Wie sehr beeinflusst das Schreiben dein Leben und was inspiriert dich, was treibt dich an und woher bekommst du all die Ideen für deine Texte?
Maya Rinderer: Einfach zu leben gibt mir so viel, worüber ich schreiben kann. Ich höre zum Beispiel Dialoge oder Gedichtzeilen in meinem Kopf, ohne bewusst darüber nachzudenken, alles was ich tun muss, ist sie aufzuschreiben und daraus einen fertigen Text zu bauen. Weil ich Angst habe, irgendwelche Ideen verpassen zu können, habe ich immer ein Notizbuch dabei. Die Menschen in meiner Umgebung sehen mich ständig schreiben. Man könnte sagen, dass das Schreiben mein Leben bestimmt, aber mir macht das nichts aus, weil ich es so gerne tue.

Textbasis: Vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in dein künstlerisches Schaffen gewährt hast. Wie ich „nach der leiche“ verstehe, hält uns dein Gedicht einen Spiegel vor, der uns zeigt, was eigentlich passiert, wenn wir versuchen, unser Inneres niederzuschreiben. Welche Rolle spielt die Lyrik, spielen Gedichte überhaupt noch in einer Zeit, in der alles immer schneller wird, in der Gefühle zu Emoticons werden?
Maya Rinderer: Ich habe einmal geschrieben „Gesichtsausdrücke sind auch nur Satzzeichen“. Damit will ich sagen, dass man die Gefühle schreiben kann, sie aber nur eine Annäherung, ein Porträt der Wirklichkeit sind. Das versuche ich mit meinen Gedichten, ich will, dass die Menschen sich darin wiederfinden können. Man könnte sagen, dass in „nach der leiche“ das Schreiben zu weit ging, das Unbewusste aufgedeckt hat, weil das Schreiben die Seele freilegt.

Textbasis: Viele Gedichte auf deinem Blog verwandeln scheinbar alltägliche Situationen in Wortdimensionen lyrischen Empfindens, wie du zuletzt mit „vogelperspektive“ erneut wortstark vorgeführt hast. Nun stammen die Gedichte auf deinem Blog aus den Jahren 2011 und 2012, dein neuer Gedichtband ist für Juni 2013 geplant. Was erwartet deine Leser, wenn sie diesen Sommer deine neuen Verse genießen?
Maya Rinderer: Die Gedichte in „An alle Variablen“ sind anders als die, die ich im Blog poste, formal und teilweise inhaltlich. Diese hundert Gedichte sind zusammengesetzt eine lange Geschichte wie in einem Roman, ich verarbeite darin genaugenommen meinen Schulalltag, meine Freundschaften. Vielleicht ist es mir sogar gelungen, zu zeigen, wie die heutige Jugendgesellschaft ist. Ich zitiere häufig meine Freunde, erzähle von wahren Begebenheiten, dann geht es wieder um Ängste und die Zukunft und dass wir uns jeden Tag von Neuem eine Utopie zu bauen versuchen.

Textbasis: Ich denke, dass dies eine gute Umschreibung der Lyrik ist: Einerseits die eigenen Gefühle zu verarbeiten und andererseits die alltäglichen Utopien zu durchleuchten. Nähern wir uns der Lyrik einmal von einer anderen Seite. Wenn du entscheiden müsstest: Welche Jahreszeit ist die Lyrik?
Maya Rinderer: Ich schreibe viel über Regen. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst, aber Lyrik ist wie Sommerregen.

Textbasis: Der Vergleich lädt zum Träumen ein! Gibt es neben deinen Gedichten und begonnenen Projekten schon weitere Ideen für neue Texte? Was hält die Zukunft für uns aus deiner Feder bereit? Was sind deine langfristigen literarischen Pläne und Wünsche?
Maya Rinderer: Neben dem Roman, an dem ich derzeit arbeite, habe ich auch eine fast ausgereifte Idee für eine Fortsetzung für „Esther“ aus der Perspektive der sogenannten dritten Generation, zu der ich auch gehöre, den Enkeln von Holocaustüberlebenden. Gedichte schreibe ich auch weiterhin. Mein Traum ist es, genug Material zu sammeln, um die Geschichte meiner aus Syrien stammenden Großmutter niederzuschreiben.

Textbasis: Ich wünsche dir, dass du diesen Traum wahr werden lassen kannst. Zum Abschluss noch eine etwas andere Frage. In einer Kunden-Rezension auf der Webseite eines großen Online-Versandhauses kann man begeisterte Worte zu deinem Roman „Esther“ lesen. Wie sind die bisherigen Reaktionen deiner Mitmenschen auf deine Liebe zur Sprache und auf deine Texte?
Maya Rinderer: Die Reaktionen auf das Buch waren ganz verschieden. Ich habe viel Unterstützung bekommen, es gab aber auch Menschen, die meinten, es sei eine Anmaßung, über das Thema des Holocaust zu schreiben, wenn man zwölf Jahre alt ist und ihn nie selber erlebt hat. Ich schätze jede Kritik und möchte dennoch betonen, dass es für mich das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist, dieses Buch zu schreiben. Erst dadurch habe ich gelernt, mit der Vergangenheit meiner Familie umzugehen.

Textbasis: Mit diesen Worten der jungen, vielversprechenden Autorin Maya Rinderer sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Wie immer gilt mein Dank der Autorin für das Beantworten der Fragen und das Bereitstellen des Gedichtes. Ohne Mayas freundliche und schnelle Zusage hätte der lyrische Mittwoch diese Woche aus organisatorischen Gründen ausfallen oder verschoben werden müssen. Herzlichen Dank für die professionelle Zusammenarbeit und dein Engagement! Und für die Zukunft natürlich alles Gute und viel Erfolg bei der Umsetzung deiner Pläne und Träume!
Möchten Sie weitere Gedichte der Autorin lesen? Besuchen Sie bitte Ihren Lyrik-Blog und erleben Sie noch mehr Nahaufnahmen von Bekanntem aus ganz anderen (Innen)Perspektiven. Viel lyrisches Vergnügen, bis nächste Woche!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.