Schlagwort-Archive: reim

[Der lyrische Mittwoch, Folge 16] Hanna-Linn Hava – klagelied

wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

(Was könnte das Blogger-Herz mehr erfreuen, als die vielen lieben Menschen, die mithelfen, den Mittwoch auf dem textbasis.blog zu einem lyrischen Leckerbissen zu machen? Dieser Folge möchte ich einen großen Dank an all diejenigen vorausschicken, die regelmäßig mitlesen, kommentieren, denen die Beiträge gefallen, die mir intelligente E‑Mails zusenden und natürlich denen, die sich bereits sechzehn Mal die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten, und Ihre Texte zur Verfügung gestellt haben. Vielen herzlichen Dank!)

Diese Woche hat Hanna‑Linn Hava, Bloggerin, freie Autorin und Malerin, Zeit eingeräumt, damit wir ihr ein bisschen über die literarische Schulter und in ihre Gedanken schauen können. Hanna‑Linn ist „in der Fantasie zuhause“ und „in der Realität ein wenig fehl am Platz“, wie sie selbst schreibt. Sie wuchs in unmittelbarer Umgebung zur riesigen Privatbibliothek der Eltern auf, wurde vom Sog der Seiten angezogen und ließ sich schon früh darin treiben. Irgendwann kamen zum Lesen das Geschichtenerzählen und später das Studium der Freien Malerei hinzu. In 2009 belegte sie mit der Kurzgeschichte „Sein Name war Jonas“ den zweiten Platz des Würth‑Literaturpreises und erreichte die Aufnahme ihres Gedichtes „Als die Sätze verschwanden“ in die Jokers–Anthologie. Inzwischen schrieb sie ihren ersten Roman, „Schneewittchens Geister“, der bereits das Interesse eines Verlages gefunden hat, und veröffentlichte vor wenigen Tagen in Kleinstauflage ihren wertig ausgestatteten Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“. Es ist mir eine Ehre, Ihnen heute ein Gedicht daraus vorstellen und Hanna‑Linn als Gast begrüßen zu dürfen.

In ihrem Gedicht „klagelied“ begegnen wir einem lyrischen Ich, das sich auf einer Reise befindet und dessen Gepäck aus den verschiedenen Facetten des Nichts und des Fehlens besteht. Mit schweren Koffern, stechenden Rosen im Arm und enttäuschten Beinen im Leerraum zwischen Boden und Schluchtabgang balancierend, begleiten wir das lyrisch Ich mit Strophen wie Schritten im Prozess des angestrengten Austarierens, begleiten es beim Versuch, Gleichgewicht zu halten zwischen Enttäuschung und Voranschreiten. Wie ein Regen, den der Wind mal schwächer, mal stärker ins Gesicht peitscht, fallen die Reime durch den Text, bis sie am Ende die Neigung gefährlich verlagern und als Diamanttropfen zu Boden schmelzen. In dieser Poesie des Verlorenen verwandelt sich innere Leere in Bilder von Realitätsresten, dort manifestiert sich Klage nicht im Weinerlichen, sondern im Bedrückenden kleiner Alltäglichkeiten –

klagelied

nichts in der hand außer sehnsucht
nichts im kopf außer rand und band
balanceakt auf der angstschlucht
mit dem rücken zur rostigen wand

nichts zu zahlen den teuren wegzoll
nichts zu essen für ein jahr
lieder gesungen in a-moll
ein versprechen, das keines war.

nichts im koffer nur steine
nichts am leib außer haut
wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

nichts im arm außer rosen
nichts im haar, das ergraut
in töpfen erkaltete soßen
der diamantenschmuck taut.

Hanna-Linn Hava

Hanna-Linn Hava

Textbasis: Liebe Hanna‑Linn, vielen Dank, dass du heute am Lyrischen Mittwoch teilnimmst. Du schreibst, dass du zwischen Buchrückenwänden aufgewachsen bist. Wie hat dich das Lesen beeinflusst und welche Rolle spielt es auch heute noch für dich beim Verfassen von eigenen Texten?
Hanna‑Linn: (lächelt) Ich bedanke mich für die geschmeidige Einleitung zum „klagelied“, lieber Sebastian, und wende mich mit Vergnügen der ersten Frage zu, die ja dort ansetzt wo alles beginnt: in der Kindheit. In meinem Fall wurde damals tatsächlich die Liebe zum gedruckten Wort in all seiner Vielfalt gründlich eingepflanzt; inzwischen ist daraus ein derart tief verwurzeltes Geflecht erwachsen, dass es mein Leben ganz durchdringt.
Dabei ging ich, was die Buchauswahl betrifft, recht wahllos vor: Ich arbeitete mich eben durch alles, was ich kriegen konnte – zuerst die gesamte Kinderbuchauswahl, wie Michael Ende, Astrid Lindgren, aber auch Karl May oder Herr der Ringe, später in der Jugend, wie oft üblich, die deutschen Klassiker und die Existenzialisten, und noch später, und bis heute sehr gern, die amerikanischen Erzähler, wie John Irving. Aber genauso gibt es einiges an Fantasy-Literatur unter meiner aktuellen Lektüre, die oft zu Unrecht belächelt wird. Terry Pratchett zum Beispiel ist ein großartiger Erzähler. Diese Vielfalt prägte mich also insofern, dass ich, wie ich meine, erstens eine recht tolerante Haltung zur Literatur entwickelt habe – in jedem Genre gibt es Lesenswertes und auch Schlechtes – und zweitens gehe ich dadurch vor allem intuitiv an meine eigenen Texte heran. Ich mache mir nicht bewusst, auf was ich zurückgreife, wenn ich formuliere, oder warum ich jenen Stil bevorzuge. Literaturtheoretisch bin ich nämlich weniger belesen.
Wie ein Kind, das mit Pferden aufwächst: das lernt den Umgang mit den Tieren durch Erfahrung und das Tun ganz automatisch. Auch wenn dadurch nicht unbedingt ein guter Reiter daraus wird.
Habe ich gerade Bücher mit Pferden und das Schreiben mit dem Reiten verglichen? (lacht) Schnell zur nächsten Frage!

Textbasis: Würdest du also den Weg hin zum fertigen Text als ein findiges Suchen oder ein aufmerksames Warten beschreiben? Was bedarf der Inspiration, was der Planung?
Hanna‑Linn: (überlegt kurz) Auch wenn ich gerade deutlich feststellte, dass ich vom Gefühl geleitet schreibe, was ja also das Finden im riesigen Speicher des Unbewussten bedeutet, so muss ich auch dem Prozess des Suchens einige Wichtigkeit einräumen. Das eine bedingt das andere: Weder die reine, freie Inspiration, noch die totale, intellektuelle Planung ergeben ein rundes Ganzes. Oft ist es so, dass einfaches, nicht mal allzu aufmerksames Warten genügt, um von einer fantastischen Idee oder einem besonderen Bild oder auch nur einem hinreißenden Satz gefunden zu werden. Das ist dann die Muse, die manchmal und so unberechenbar küsst.
Aber um daraus dann einen abgeschlossenen Text zu schaffen, sei es eine Kurzgeschichte, ein Gedicht, bedarf es – und das betone ich nachdrücklich – dem bewussten Suchen, dem Handwerk und auch, jawohl, der Disziplin.
Wie schön wäre es, wenn man einfach müßig warten dürfte, bis man, erfüllt von feuriger Inspiration, seitenweise Meisterschaftliches schaffen würde!
Aber oft kamen die besten, wie ich finde, meiner Werke zustande, nachdem ich mich stundenlang an einer Stelle quälte, die nicht so werden wollte, wie sie sollte – und durch pure Hartnäckigkeit dann doch noch wurde.

Textbasis: Bevor wir uns weiter vorwagen, und ein bisschen mehr ins Detail gehen, eine Frage noch, die sich ganz dem „normalen Leben“ zuwendet. Wie verbindest du Alltag und Schreibarbeit miteinander, und warum lohnt es sich, diese Mühen auf sich zu nehmen?
Hanna‑Linn: Es lohnt sich nicht nur, diese Mühen auf sich zu nehmen, es ist eine Voraussetzung dafür, dass beides funktioniert. Das ist ein wichtiger Punkt, den du hiermit ansprichst, und der einiges aus der letzten Frage aufgreift: Genauso, wie Inspiration und Disziplin sich verbinden müssen, um ein schönes Kind zu bekommen – das war jetzt wieder ein zu bildlicher Vergleich, stellt euch das bitte nicht allzu genau vor (lacht) – genauso schließen sich die alltägliche und die künstlerische Welt nicht gegenseitig aus, sondern bedingen sich.
Als Künstler kann man sich durchaus schnell von der Realität entfernen, wenn man für sich alleine sich nur seinen Werken und Innenwelten widmet. Ein gewisser Rückzug ist ja auch nötig, um die Ruhe und Konzentration zu erlangen, die man dringend braucht, um sich intensiv und produktiv mit einem Projekt zu beschäftigen – ob in der Malerei oder Literatur. Es ist also nichts dagegen einzuwenden, einmal für einige Wochen in eine einsame Hütte zu verschwinden.
Aber das kreative Schaffen speist sich auch aus dem Alltag – ohne Alltag, ohne Erfahrungen, ohne Leben: die inneren Welten trocknen aus, versiegen. Der Künstler kreist nur noch um sich selbst.
Wenn ich bis tief hinein in die Nacht eifrig an einer Arbeit gesessen habe, und am nächsten Morgen um sechs Uhr klingelt der Wecker – dann fluche ich, sicher. Aber ich bin auch froh, dass mein Alltag mich dazu zwingt, mich in der Realität zu verwurzeln und einen Rhythmus zu finden.

Textbasis: Kommt daher auch ein bisschen dein Wunsch nach künstlerischer Freiheit und Zwanglosigkeit?
Hanna‑Linn: (seufzt) Oh, gewiss: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das ein Leben ohne jegliche materielle Einschränkungen, das es mir erlauben würde, nur noch und ausschließlich ein Künstlerleben zu führen. Allerdings war ich schon immer jemand, der sich gesellschaftlichen Zwängen gern und konsequent entzogen hat. Ich habe mir sehr viele Freiheiten genommen und recht unkonventionelle Entscheidungen getroffen – nur um hin und wieder festzustellen, manchmal auch durchaus schmerzhaft, dass das, was mir zuerst als weite Freiheit erschien, dann doch überraschenderweise mit Regeln und Beschränkungen aufwartete.
Inzwischen glaube ich nicht mehr an den Segen der Zwanglosigkeit, wie ich ja bereits zuvor erläuterte.
Allerdings (seufzt nochmal tief) wünsche ich diese ganzen stupiden Verpflichtungen, zu denen der Alltag uns zwingt, oft genug und aus vollem Herzen zum Teufel. Aber wer tut das nicht?

Textbasis: Wie harmoniert dieser Wunsch nach freier Kunst mit deiner bewussten Zuwendung zum Reim und der Wahl eher traditioneller Strophen‑  und Gedichtformen? Oder löst sich diese Diskrepanz auf im hüpfenden Versmaß?
Hanna–Linn: (lacht) Ja, das hüpfende Versmaß, das löst alle Anspannungen vergnüglich auf! Dabei sehe ich den tradionellen Reim nicht als Widerspruch zur freien Lyrik. Letzendlich ist der Reim nichts anderes als ein Kleid; darin kann eine bereits tausendmal gesehene Plastikpuppe stecken, die uns langweilt, oder ein spannend unbekanntes, lebendiges Wesen, welches wir kennenlernen möchten.
Ich persönlich nutze den Reim aus verschiedenen Gründen: Zum einen ködert mich einfach der Klang, die Musik, die entsteht, wenn Worte sich reimen. Zum anderen sind meine Gedichte oft voller altmodischer Bilder: voller Rosen, Jünglinge, Schicksale und Tod. Ich erwähnte mal vor Kurzem den Begriff Neoromantik, nicht ganz ernst gemeint, aber so ein wenig die Atmosphäre beschreibend, die mir vorschwebt. Dafür erlaube ich mir zum Beispiel die Freiheit, alles, auch alle Substantive, kleinzuschreiben – weil ich denke, dass in einem Gedicht die Wörter alle gleichberechtigt sind und sogar ein und eine wichtige Bedeutung hat, ganz anders als in längeren Prosatexten. Wobei das jetzt ein anderes Thema wäre.
Außerdem erscheint es mir schon eher wie ein Zwang, dass Reime nicht mehr salonfähig sind in der modernen Lyrik. Vielleicht will ich beweisen, dass ein Reim immer noch mehr sein kann als kunstloser Kitsch. Ob mir das gelingt, mögen andere beurteilen. Vielleicht, ganz vielleicht, will ich auch ein wenig damit provozieren. (grinst) Du hattest sicher doch damit recht, Sebastian, dass ich bei aller später im Leben erlangten Vernunft, immer noch der Zwanglosigkeit zugewogen bin und starre Regeln nicht akzeptieren will!
Und: Wie man ein gereimtes Gedicht liest, ist von höchster Wichtigkeit! So gesprochen, wie man es in der Schule vorträgt, mit der Betonung immer auf den letzten Silben, also dem Reim, so gesprochen klingt selbst Goethe blöde.

Textbasis: Wahr gesprochen … Nun ist vor ein paar Tagen dein neuer Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“ erschienen, zu dem ich dir herzlich gratuliere. Wie lange hast du an ihm geschrieben und was hast du für die Zukunft geplant?
Hanna‑Linn: Die Verwirklichung von „Trotzigschön“ entsprang dem Wunsch, eine Auswahl der gesammelten Gedichte in einer schönen Form zusammenzufassen; aus einer losen Sammlung also ein wirkliches, in sich geschlossenes und fassbares Werk zu machen.
Daran geschrieben habe ich so ungefähr die letzten drei Jahre – also immer dann, wenn ich mich mit meinem Romanmanuskript irgendwo verrannt hatte, aber trotzdem noch voller Wörter und Bilder war. Es ist so befriedigend, ein Gedicht innerhalb eines Tages zu beenden, während sich die Fertigstellung eines Romans so endlos hinzieht. Damit bin ich schon bei meinen weiteren Plänen: Als erstes die Veröffentlichung von „Schneewittchens Geister“. Zweitens durch genügend Interesse der Leser für „Schneewittchens Geister“ ausreichend Geld zu verdienen, um einen zweiten Roman zu schreiben, und auch, um mich ausschließlich dem Schreiben dieses Romans widmen zu dürfen.
Wenig originell, ich weiß. Aber wenn es funktioniert, und ich endlich in meiner alten Villa mit Park und Atelier und so weiter lebe, dann, Leute, werde ich dort die schicksten literarischen Salons abhalten, versprochen! (winkt fröhlich in die Runde)

Textbasis: Auf diese literarischen Salons freue ich mich, sag auf jeden Fall Bescheid, wenn es soweit ist – ich bin mir sicher, dass wir mit großem Gefolge einrücken werden. Aber noch rasch zur letzten Frage. Stellen wir uns vor, die Literatur wäre eine Uhr mit nur einem Zeiger, dem Gedicht. Welchen Takt schlüge dieser Zeiger?
Hanna‑Linn:

Die Lyrik ist die blaue Stunde auf dem Ziffernblatt der Literatur.

die poesie erwacht zur dämmerstunde
ein glockenschlag erklingt gedämpft und tief
der zeiger zittert stumm in seiner runde
die zarte nacht ists, die zum wortgespiele rief.

Textbasis: Mit diesen schönen Versen gleitet es sich ja fast widerstandslos hinein ins Ende dieser gutgelaunten und interessanten Folge des Lyrischen Mittwochs. Ich freue mich, dass du so offen und froh aus dem Schreibstübchen geplaudert hast, und natürlich über die Kostprobe aus „Trotzigschön“. Deinem Romanprojekt wünsche ich, dass es die Kraft haben werde, dir mehr als nur eine Villa zu bescheren, und dass es die literarischen Salons ermöglichen möge, in denen wir uns schon bald wiedertreffen wollen. Es hat mir großen Spaß gemacht, deine Antworten zu lesen, und ich wünsche dir für alle kommenden Schreibarbeiten gute Finger und flinke Ideen. — Möchten Sie nach diesem Ausflug in die Buchstabenwelt von Hanna‑Linn Hava auch noch ein bisschen in der „Poesie von anderswann“ verweilen? Dann ziehen Sie den Versfüßen Verssocken über und tapsen sie zum Blog der Autorin, auf welchem Sie viele weitere verdichtete Gedanken und auch ein paar sehr anregende Reflexionen über das Schreiben finden. Verssockenträger, hier entlang: Hanna‑Linn Hava.

Advertisements

[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.