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[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


[Nahdenken! #2] Kreativ kopiert, verliert

Über rollende Rubel freut man sich, überrollende Rubel dagegen können schnell wehtun. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel in der Kolumne „Nahdenken!“

Es geht um das: Geld. Und es geht um das: Schreiben. Beide fügen sich oftmals nicht in die Verbindung, die man sich wünsch, besonders dann nicht, wenn man selbst Autor ist. Man schreibt zwar, aber das liebe Geld will nicht so richtig. Viele Autoren kennen die Situation und es ist vor allem für Erstveröffentlichungen schwierig, den Absatz zu finden, den man sich erhofft. Es ist schwer dahin zu kommen, dass sich die viele Zeit, die man ins Schreiben gesteckt hat, auszahlt. Das kennen viele und daran lässt sich auch nichts ändern. Der Beruf des Schriftstellers ist einer, der Mut erfordert, aber auch einer, der neben allem Mut immer vom Wohlwollen der Leser und oft von der Veröffentlichung bei einem Verlag abhängt. Doch wie kommt man nun verflixt nochmal dahin, dass sich die Mühe und all das Herzblut endlich lohnen?

Eine Antwort – und das ist gerade diejenige, von der ich abraten möchte – ist das kreative Kopieren von Stoffen, Perspektiven und Trends. Kreativ nenne ich es deswegen, da ich fest davon überzeugt bin, dass jedes Kopieren immer vor dem Hintergrund einer eigenen Vorstellung stattfindet. Meint: Ich lese etwas, es gefällt mir und es ist erfolgreich, ich mach es auch so. Prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn man plagiiert schließlich nicht, sondern man lässt sich lediglich stark inspirieren. Das ist in Ordnung, aber das kann schnell gefährlich werden.

Denn jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Buch ermüdet aus der Hand legt, weil man das Gefühl hat, es so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Und wenn das passiert, dann kommt es gar nicht erst dazu, dass der Rubel an Fahrt gewinnt, und dann kommt er auch nie bei einem selbst an. Denn der Widerspruch liegt schon in der Überlegung, die hinter einem solchen Vorgehen steckt: Ich mach es wie andere! Aber wenn ich etwas wie jemand anderes mache, so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes. Das klingt blöd, aber es ist so. Das „ich“ bekommt man nicht weg, man wird nie zum Original, man bleibt der, der nachmacht (wie kreativ auch immer).

Betrachtet man das aus finanzieller Perspektive, dann sieht das folgendermaßen aus: Etwas ist gut und neu und erfolgreich – es bringt viel Geld. Das will man natürlich auch. Wenn man es nachmacht, dann kann es immer noch gut sein (und eventuell auch erfolgreich), aber es wird natürlich nicht zu etwas Neuem. Das liegt ja in der Natur der Sache. Nun ist es aber gerade so, dass die bekanntesten Autoren auch diejenigen sind, von denen man gern etwas nachmachen möchte (denn man findet es ja gerade mit vielen anderen Lesern zusammen gut, deswegen wird es ja erst erfolgreich). Verständlich, aber das kann langfristig doch nicht das Ziel sein, wenn man mit ganzem Herzen schreibt! Man will doch nicht nur den Profit, man will doch auch zu einer Schriftstellerin oder zu einem Schriftsteller werden, von dem die anderen abschreiben wollen!

Natürlich wieder einmal leichter gesagt, als getan. Aber ich denke, dass jeder, der sich dem Schreiben verschrieben hat (Entschuldigung!), dies tut, weil es ein innerer Drang ist und nicht, weil man schnell Geld machen will (dies wäre das wünschenswerte Ergebnis, keine Frage). Doch das schnelle Geld als Autor zu verdienen, ist in etwa so wahrscheinlich, wie das schnelle Geld beim Lottospielen einzuheimsen. Mit einem Unterschied, wohlgemerkt! Beim Lotto stehen die Chancen immer gleich schlecht, beim Schreiben kann man seine Chancen beeinflussen. Und ein erster Schritt dazu ist der, dass man dem Leser auf keinem Fall das Gefühl vermittelt, dass er schon tausendmal gelesen hat, was er dort vor sich sieht.

Was heißt das bis hierher? Kreatives Kopieren kann gut und erfolgreich sein, aber es wird nie zu etwas führen, das für viele andere inspirierend wirkt. Drei Gründe, warum das langfristig schlecht ist: man wird unzufrieden mit sich selbst, wenn man nichts Eigenes schafft; man läuft Gefahr den Leser zu langweilen; man wird für andere nie das Vorbild sein, von dem man selbst kreativ kopierte (weil man nichts Neues, nicht Kopierwürdiges schafft). Schlussfolgerung: Immer etwas völlig Neues erfinden! Um Gottes Willen, bloß nicht. Die Schlussfolgerung ist natürlich völliger Mumpitz und keinesfalls, wozu ich als Alternative raten möchte. Denn wenn schon nicht allen gelingt, ein Buch gut kreativ zu kopieren, so gelingt es nur den Allerwenigsten, eines ganz neu und innovativ zu machen. Richtige Schlussfolgerung: an dem orientieren, was es schon gibt. Das klingt jetzt wie ein Widerspruch, ich weiß.

Dennoch liegt darin der erste Schritt, ein Buch zu Scheiben, was der Verleger im Programm haben will und was der Leser bis zum Schluss gierig in der Hand hält. Denn ich meine nicht, man soll sich an dem orientieren, was es schon gibt im Buchhandel, sondern, was es in einem selbst schon gibt. Denn wenn ich schreibe, wofür ich mich interessiere, dann wird es zu etwas, das ich gemacht habe, wie ich es will – und darin liegt schon der ganze Unterschied zu dem Satz weiter oben, wo es hieß: „so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes.“ Nicht das „ich“ muss weg, damit man sich möglichst dem „jemand anderes“ annähert! Das „jemand anderes“ muss weg.

Indem man dieses „jemand anderes“ von sich wegschiebt, sollte man sich aber auch keinesfalls isolieren. Viel zu lesen und vieles gut zu finden (und auch vieles schlecht), ist Grundvoraussetzung jedes Schreibens. Aber der Satz „Ich will wie jemand anderes“, der muss verschwinden. Her muss: „Jetzt will ich!“ – und dann wird in die Tasten gehauen bzw. beginnt man dann, sich sein Buch auszudenken. Inspirieren lassen, natürlich. Kreativ kopieren: bitte nicht.

Denn wenn der Rubel rollen soll, dann darf weder der Verleger das Gefühl haben: „Nichts Eigenes drin, weg damit“ und auch der Leser darf nicht denken: „Schon wieder immer dasselbe!“ Und da der Verlag nicht will, dass der Leser so etwas denkt, wird er es auch selbst merken und eventuell von einer Veröffentlichung absehen. – Daher kommt dann auch der viele Mut, der zum Schreiben nötig ist. Denn man muss sagen: Ich mach das jetzt, wie ich es will, auch wenn zurzeit viele es anders machen; denn ich will das. Come hell or high water! Und glauben Sie mir, wenn Sie es machen, wie Sie es wollen, dann merken das auch Verlag und Leser, dass hier ein Autor das gemacht hat, was er wollte – und nicht, was er kopieren wollte.

Das ist das Geheimnis. Und jetzt braucht es nur noch die ganzen anderen Dinge, die für gutes Schreiben nötig sind: Begabung, Ausdauer, gute Ideen, viel Zeit und Geduld – die Liste könnte noch sehr viel länger werden, aber ich fasse zusammen. Wenn Sie das Geheimnis (was eigentlich gar nicht so geheim ist) erkannt haben, dann braucht es: den Mut der Autorin, den Mut des Autors. Denn ohne den geht gar nichts. Nicht einmal, etwas zu kopieren (besonders dann, wenn es nicht kreativ kopiert wurde) … man weiß ja durch die Medien, wozu das im schlimmsten Fall führen kann und dass das oft mit Rücktritten verbunden ist.

Denn dann wurde man vom Rubel überrollt: Man will ihn, man greift nach ihm, man bekommt ihn, doch dann erwischt er einen, und man liegt da. Man war wer, aber man hat nichts hinterlassen (außer sich selbst auf dem Boden). Um Freund mit dem Rubel zu werden, muss man zuerst Freund mit sich selbst sein. Denn die Freundschaft zum Rubel ist immer eine tückische, die zu sich selbst eine notwendige.


Auf Obwegen. Schreiben wollen, Formulieren können und verstanden werden

Der erste Satz eines Textes wird komponiert; doch er sollte keine Fahrstuhlmusik, sondern ein Wortrockkonzert sein!
Lesen und schaudern Sie zu Beginn, wie man es gerade nicht macht:

„Ob ob „ob“ „wegen“ weniger oft denn „ob“ selbst vorkommt, also ob dem „ob“ seinem Selbst, gleichsam ob dem dem „ob“ ihärentem wegen, demnach quasi doch bloß ob der Existenz „ob“s? Mitnichten.“

Nichts außer Textquark! Und dabei hätte man es so viel schöner sagen können – wenn man es überhaupt sagen wollte. Folgend ein paar Überlegungen zum Schreiben, Formulieren und Verstehen von Texten (und eine Übersetzung der obigen Wortwirren gibt’s auch noch, wenn Sie mögen.)

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1. Schreiben wollen
Im Blogeintrag dieser Woche beziehe ich mich auf das Buch „Deutsch für junge Profis“ von Wolf Schneider. Gleichsam man nicht alle seine Thesen zur Sprache teilen muss, ist und bleibt Herr Schneider doch ein Vorbild für stilsicheres Schreiben. Ein Blick in seine Bücher sei allen Sprachverliebten und Texterschaffenden nachdrücklich ans Herz gelegt.

„Am Anfang steht die Erkenntnis: Ein Text ist nicht schon deshalb gut, weil er (a) korrekt und (b) von mir ist.“ (Schneider 2012: S. 9) Mit diesem Hinweis entlässt uns Schneider zu Anfang in sein Buch – und schon aus diesem Satz kann jeder Schreiber Wichtiges lernen. Auf den Inhalt und auf die Verpackung kommt es an, denn auf „Basis der korrekten Grammatik muss ich eine Kunst erlernen […]“ (ebd.: S. 9).

Aus den Normierungen (den Vorschriften der Sprache) heraus muss ich das Grenzenlose, das Kreative entwickeln. Gleichzeitig muss ich mir bewusst werden, dass deswegen nicht alles, was ich schreibe, auch gut ist. Die Kunst besteht darin, zu sagen: Das Thema ist gut, mein Text bescheiden – Wohlauf denn, neu ans Werk! Die Bereitschaft, das Wort Synapsenaktivitätsresultat zu streichen und stattdessen Geistesblitz zu schreiben, ist ein erster Anfang. Kritisch mit sich selbst sein und nicht für sich, sondern seine Leser den Stift führen – das sollte aller Wörter Anfang sein.

2. Formulieren können
Mit dem guten Willen ist es freilich dann noch nicht getan. Nur weil ich nicht ausschließlich für mich schreiben will, entsteht noch kein guter Text. Wolf Schneider liefert 32 kurze Kapitel, die zum Nachmachen einladen. Doch obgleich ich alle Kapitel empfehle, kann ich hier nicht auf alle eingehen. Deswegen sollen nur ein paar pfiffige Hilfen herausgepickt werden.

Das Wichtigste dabei gleich zum Anfang. Hat der Leser keine Lust weiterzulesen, dann liest er auch nicht weiter. Versuch gescheitert, Text tot. Schneider schreibt: „160 Zeichen oder 10 Sekunden lang haben Sie Zeit den furiosen ersten Satz anzureichern, auszupolstern […] Nach 20 Sekunden oder 350 Zeichen jedenfalls ist alles verloren.“ (Schneider 2012: S.20f.) Heißt: Vieles kann schiefgehen beim Schreiben, aber geht es am Anfang schief, dann ist der Rest auf jeden Fall verloren.

Natürlich gibt es Texte, denen mit furiosen ersten Sätzen nicht gedient ist (Doktorarbeiten, Kondolenzschreiben etc.), das weiß Schneider natürlich auch. Aber der Text, der einen Leser erst gewinnen muss, um gelesen zu werden, der tut gut daran, Wortwirbel und Satzspitzen toben zu lassen. Auf dass diese den Leser mitreisen und antreiben. Konkret: Der „erste Satz“ des Textes ist meist nicht der zuerst geschriebene Satz.

Also weiter. Der Text steht, der erste Satz zündet. Nun heißt es kontrollieren, den eigenen Text erforschen. Man weiß was drin steht, aber oft muss man noch entdecken, wie man es eigentlich geschrieben hat. Und nicht alles, was man findet, ist immer schön. Für konkrete Schreibhilfe: lesen sie Schneider. Zusammengefasst: schreiben Sie klar und prägnant, schreiben Sie verständlich, warten oder tüfteln Sie an guten Ideen. Verwenden Sie wenig Adjektive aber kraftvolle Verben, und meißeln Sie starke Sätze mit starken Substantiven. Erfüllen Sie Erwartungen und schreiben Sie anschaulich.

3. Verstanden werden
Viel gelesen wird viel, das war die These des letzten Blogeintrags. Aber damit viel gelesen wird, muss umso mehr geschrieben worden sein. Denn obschon nicht jeder alles liest, so wird man das Gefühl nicht los, dass jeder alles aufschreibt – denn Schreib-Blogs haben Schreib-Blöcke schon lang ersetzt. Nun ist es natürlich das Ziel von uns allen, gute Texte zu schreiben. Dennoch wird nicht jeder Text gut und viele Texte sind kompliziert und unverständlich. Dann ist es manchmal so, als müsse man die Spiegeltür im Spiegellabyrinth finden: Konzentration und bloß nicht verwirren lassen!

Aber wie das Wetter, so kann man sich nicht immer aussuchen, was man liest. Muss man einen komplizierten, im Mittel mäßigen Text lesen und verstehen, dann gilt es Geduld zu haben. Suchen Sie das Thema des Textes – und wenngleich es der Autor manchmal wohl selbst nicht so genau wusste, fragen Sie: „Was will man mir sagen?“. Bekommen Sie ein Gespür, wo es hingehen soll.

Danach lösen Sie komplizierte Wörter auf. Machen Sie aus der Lapidarmarginalie „Unwichtiges“ und aus der „Produktgewinnoptimierungsmaßnahmendurchsetzung“ die „Preiserhöhung“. Wenn Sie nun lesen, dass die „Produktgewinnoptimierungsmaßnahmendurchsetzung keine Lapidarmarginalie ist“, dann wissen Sie schon, dass „Preiserhöhung nichts Unwichtiges“ ist.

Daraus schlussfolgern Sie, dass das Unternehmen wohl bald schon sein Gewinninteresse auf die Kunden umlegen wird. Schlussendlich verkürzen Sie zu „Alles wird wieder teurer werden“ – und Sie sind am Ende.
(Und weil Sie wissen, wie man einen unverständlichen Text verständlich macht, wissen Sie auch, wie man ihn selbst schreibt, um sofort verstanden zu werden.)

Buchempfehlung und Quellenangabe:
Schneider, Wolf: Deutsch für junge Profis : Wie man gut und lebendig schreibt.
3. Aufl. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt,
2012. – ISBN 978-3-49962-629-6

Ende des Beitrags! Wer jetzt noch weiterliest, ist selber schuld und wird schon sehen, was er davon hat.
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4. Die Übersetzung
Her mit dem Satzscheusal vom Anfang! Testen wir das Ganze einmal am Beispiel:

„Ob ob „ob“ „wegen“ weniger oft denn „ob“ selbst vorkommt, also ob dem „ob“ seinem Selbst, gleichsam ob dem dem „ob“ ihärentem wegen, demnach quasi doch bloß ob der Existenz „ob“s? Mitnichten.“

Es geht scheinbar um die Wörter „ob“ und „wegen“. Nun wird gegliedert, aufgelöst und umgeschrieben:

„[Ob]1 [ob]2 [„ob“]3 [„wegen“]4 [weniger oft denn]5 [„ob“ selbst]6 [vorkommt]7, [also ob]8 [dem „ob“ seinem Selbst]9, [gleichsam ob dem]10 [dem „ob“ ihärentem wegen]11, [demnach quasi doch bloß]12 [ob]13 [der Existenz „ob“s]14? [Mitnichten]15.“

„[Ob]1 [wegen]2 [dem Wörtchen „ob“]3 [das Wörtchen „wegen“]4 [weniger oft als]5 [das Wörtchen „ob“ selbst]6 [vorkommt]7, [also wegen]8 [dem „ob“ seinem Selbst]9, [gleichsam wegen dem]10 [dem Wörtchen „ob“ innewohnendem wegen]11, [demnach also doch nur]12 [wegen]13 [der Existenz des Wörtchens „ob“]14? [Nein]15.“

Es sieht schon fast aus wie ein deutscher Satz. Nun noch Ausformulieren und die restlichen Verklausulierungen verständlich machen:

„Kann es sein, dass durch das Vorhandensein des Wörtchens „ob“ das Wörtchen „wegen“ weniger oft genutzt wird als das Wörtchen „ob“? Ein Grund dies anzunehmen liegt in der Beschaffenheit des Wörtchens „ob“. Denn dieses ist mehrdeutig und besitzt ebenfalls die Funktion des Wörtchens „wegen“. Es ist mit ihm bedeutungsgleich, wird es nicht als Konjunktion benutzt („Ich frage mich, ob sie rechtzeitig ankommen wird.“), sondern als Präposition („Sie kam nicht rechtzeitig an ob/wegen des schlechten Wetters.“). Ist es also der Fall, dass allein durch das bloße Vorhandensein des bedeutungsgleichen Wortes „ob“ das Wort „wegen“ seltener benutzt wird? Die Antwort lautet: „Nein“. Denn „ob“ als Präposition hat das Wort „wegen“ keinesfalls verdrängt und kommt sogar seltener vor, da es, laut Duden, gehoben veraltend ist.“

Aha! Darum geht’s also. Aber was will uns der Text sagen? Wir verkürzen:

„Auch wenn die Wörter „ob“ und „wegen“ teilweise bedeutungsgleich sind, so wird „ob“ seltener verwendet“. Oder: „Verwenden Sie „wegen“, denn „ob“ kommt als Präposition aus der Mode.“

Und wenn Sie dann feststellen, dass Sie dies den Lesern eigentlich gar nicht sagen wollen, dann ersparen Sie sich und den Lesern das nächste Mal all die Mühe. Folgen Sie keinen Obwegen, sondern kommen Sie schnell ans Ziel. Haben Sie eine gute Idee, schreiben Sie einen guten Text dazu. Das ist schwer, aber es lohnt sich.


Hallo Welt!

Ich heiße Sie herzlich willkommen auf den Seiten des textbasis.blogs.

In Zukunft möchte ich Ihnen auf dieser Homepage interessante Lese-Empfehlungen und hilfreiche Artikel zu den Themen Texterstellung und Textbearbeitung anbieten. Meine Erfahrungen als Freier Lektor sollen dabei ebenso einfließen wie meine persönliche Begeisterung für Bücher und Sprache im Allgemeinen. Ich wünsche mir, dass Sie auf dem textbasis.blog Anregung und Ermutigung finden, selbst zu schreiben und mit Freude zu texten.
Terry Pratchett sagte einmal sinngemäß, dass Schreiben der größte Spaß sei, den man mit sich selbst haben könne. Damit hat er natürlich Recht und alles, was es dazu braucht, sind Stift und Papier (respektive einen Laptop mit funktionierender Textverarbeitungs-Software; Hammer und Meißel etc. pp.).

Dabei ist es selbstredend nicht immer nur der Spaß, der beim Schreiben im Vordergrund steht. Bücher machen ist harte Arbeit, einen Werbetext zu entwerfen fordert ein feines Gespür für Zielgruppen und Gestaltung, Fachtexte bedürfen klarer Sprache und disziplinierter Gedankenführung und so fort.
Damit aus einem Text ein guter Text wird, steckt viel Zeit und Wissen in seiner Erstellung. Mögen die hier veröffentlichten Beiträge einen Teil dazu beisteuern, dass Sie mit viel Freude und eventuell auch der ein oder anderen neuen Information an Ihre Texte herantreten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß und eine angenehme Zeit.