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[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


[Poesie, das ist Musik! #1] Gedichte bewusst schreiben

Liebe Leserinnen und Leser des textbasis.blogs, pünktlich zum Start des lyrischen Mittwochs folgt die neue Artikelreihe „Poesie, das ist Musik!“. Darin soll ein bisschen darüber nachgedacht werden, warum überhaupt noch Gedichte geschrieben werden und werden sollten. Worin liegen die Unterschiede zur Prosa, was sind Stärken und Schwächen eines Gedichtes gegenüber langen Absätzen mit intensiver Grauwirkung? Weiterhin: Was unterscheidet ein gutes von einem schlechten Gedicht und was ist das grundlegende Handwerkszeug, das jede Poetin und jeder Poet braucht, um sich in der Welt der Lyrik wohlzufühlen, ohne bloß ein paarmal mehr die Enter-Taste der Tastatur zu drücken? All dies soll Thema der neuen Artikel sein und ich freue mich, mit Ihnen zusammen ein bisschen die Gedanken kreisen zu lassen um etwas, das vermeintlich nur noch ein stiefmütterliches Dasein am Rande der breiten Lesegesellschaft fristet.

Das Ei sei Ausgangspunkt folgender Metapher. „Prosa: die Schale; Lyrik: das Eigelb. Das Eiweiß? Die Welt!“ Ein paar Worte dazu. Anfang allen Schreibens ist unsere Welt, egal ob für Fachbuch, Dystopie oder Sciene Fiction Mystery. Unterschiedlich ist lediglich der Grad der Distanz zum Gewohnten. Wie Anarchie nur vor einem Netz von Normen sein kann, so kann jedes noch so fantasievolle Buch nur sein vor dem Hintergrund, vor dem es sich fantasievoll abheben will. Das ist so. Das Eiweiß, unser Alltag, wabbelt und wabbelt. Autoren aller Texte, alle Künstler, nutzen dieses Wabbelige, um daraus Nützliches und Schönes zu formen.

Den Alltag in eine Form bringen, die sich unterscheidet vom Tristsein unaufgefangener Vergänglichkeit, das Eiweiß umschließen, ihm eine Form geben, die das Alltägliche unter sich verbirgt und uns makellos wie ein frisches Ei anlacht, das ist die Prosa, das sind Fachtexte und Romane. Anders die Lyrik, die will nicht das große Ganze, die geht in die Details, Ausschnitte des Alltags verdichtet zu einem goldenen Kern. Wo die Prosa mit vielen Worten viel erreicht, da versucht die Lyrik mit wenigen Worten ebenso viel zu erreichen. Und wie sowohl Schale als auch Eigelb zu einem Ei gehören, so sind Prosa und Lyrik keine Konkurrentinnen, lediglich zwei Möglichkeiten, dem Zerfließen des Alltags neue Dimensionen hinzuzufügen: Ihn einzufangen, ihm eine Gestalt zu verleihen, die Prosa. Noch tiefer in ihn vorzudringen, mit dem Wenigen das Intensive hervorzuheben, die Lyrik.

Mehr als diese Metapher möchte ich nicht zum Unterschied zwischen Lyrik und Prosa sagen. Schließlich ist dies keine akademische Diskussion, sondern soll kurzweiliges Nachsinnen bleiben, orientiert an der Praxis des Schreibens. Also: Punkt.

Der Vergleich mit dem Ei hilft, die Herangehensweise von Lyrik und Prosa an die Welt zu unterscheiden, aber für das Schreiben von Gedichten ist das ein wenig hilfreicher Vergleich. Denn warum sollte man überhaupt Gedichte schreiben und nicht alles in „normale“ Texte verpacken? Die Antwort darauf ist schwierig und zu einem Großteil auch geprägt von der persönlichen Vorliebe beim Schreiben. Wenn Sie noch nie den Drang verspürt haben, ein Gedicht zu schreiben und sich mit Prosa-Skizzen und kleinen oder großen Texten so ausdrücken, dass es Ihnen eine Erleichterung ist: Sodann, der Meister bleibt der Zunft stets treu. Wenn Sie jedoch offen sind und Lust haben, Neues zu probieren, eventuell schon ein paarmal selbst versucht haben, Gedichte zu verfassen, dann hat sie der süße Stachel der Lyrik bereits infiziert. Nun ist es daran, sich treiben zu lassen.

Worauf ich hinaus will, Sie haben es selbstverständlich schon herausgelesen, ist die Grundvoraussetzung allen lyrischen Schaffens: der Drang, die Bereitschaft, die Lust, Gedichte zu schreiben. Ohne die geht es nicht, denn sonst kommt am Ende kein Gold und nur Pyrit heraus. Also: Handwerkzeug aller Poeten ist und bleibt der Drang, sich lyrisch ausdrücken zu wollen. Dieses Wollen muss mehr sein als die Überlegung: „Hm, eigentlich könnte ich heute mal ein Gedicht schreiben.“ Denn das kommt dann auch heraus: „Hm, hier wollte wohl jemand heute mal ein Gedicht schreiben.“ … Wenn Sie gestatten und es nicht für Eitelkeit abtun, erlauben Sie mir, kurz über mich selbst zu schreiben. Ich liebe die Lyrik, ich liebe Gedichte. Ich schreibe auch selbst, aber ich schreibe recht wenig. Ich schreibe Gedichte meist dann, wenn mich eine unsichtbare Hand zu drängen scheint, wenn ich das Gefühl habe, eine Idee, einen Gedanke nicht anders als in Gedichtform niederschreiben zu können. Ich würde mir wünschen, mehr dieser „lyrischen Momente“ zu haben, aber ich fordere sie nicht heraus. Ich erzwinge keine schönen Worte, denn schön wird nichts, wenn man es nicht von ganzem Herzen will.

Damit sei genug über mich gesprochen, denn es geht nicht um mich, sondern um die Leidenschaft, Gedichte zu schreiben. In sich gehen, hören, wie man ist, fühlen, wie es sich aus einem herausschreibt, den Stift packen – die Feder rennt dann ganz von allein über das Papier. Und doch: so einfach ist es natürlich nicht immer.

Zwar hat sich die Lyrik mehr und mehr auch einem intuitiven Schreibstil geöffnet, der feste Formen hinter sich lässt, der schon fast an Prosatexte in Gedichtform erinnert, der oft kryptisch und hochkomplex zugleich ist, in dem die Botschaft verschwimmt zu Bildern des Abstrusen, welches selbst die Botschaft zu sein scheint. Aber: das ist natürlich nicht das Ergebnis eines Nichtkönnens, sondern eines Wollens. Viele Gedichte sind verfasst in Reimen, metrisch und strophisch perfekt, inhaltlich der Form angepasst, versoptimiert in Silbenzahl und Vokalhäufigkeit. Diese Stilisierung gehört zur Lyrik, war in der deutschen Literaturgeschichte lange Zeit unhinterfragter Standard und löste sich nur langsam auf zu moderner Dichtkunst, wie wir sie heute kennen. Doch der hohe Stilisierungsgrad ist ein Segen und eine Gefahr. Der Segen: beherrscht man die Kunst, dann entsteht verdichtete Sprache, so intensiv, das kein Prosatext mitziehen kann. Die Gefahr: beherrscht man sie nur halb, entstehen schreckliche Zeilengebilde, die nicht verhüllen können, dass jemand wollte, aber offensichtlich nicht konnte. Das ist das Aus. Ende für das Gedicht.

Andersherum ist es genauso: Verzichtet man auf metrischen Gleichklang, auf strophische Einheit, auf den Wohlklang des Reimes, so liest man oft Gedichte, die platt wirken, die den Charme eines Brotlaibes versprühen, der eine Woche in der Brotdose vergessen wurde. Denn die Vereinfachung bedarf immer des Wissens um das Komplexe. Wer nie von Metrik gehört hat, dem wird das Gefühl für den Rhythmus freier metrischer Gestaltung fehlen. Wer nie gereimt hat, der kennt den Grad der Freiheit nicht, auf den Reim zu verzichten. Um etwas wegzulassen, muss man etwas weglassen können.

Ich selbst schätze die moderne Lyrik, ich liebe die Grenzenlosigkeit des Abstrusen, die Provokation des Schneidenden, den pulp im traditionsreichen Kleid. Dennoch sollten auch moderne Poetinnen und Poeten nicht die alten Wurzeln der Lyrik vergessen, welche die deutsche Literatur bekannt, berühmt gemacht haben. Denn nur weil man heute selten Gedichte liest, die in ihrer Konstruktion einem Gryphius’schen Glashaus entsprechen und doch voller Leben sind, so heißt das nicht, dass diese Lyrik nicht mehr geschrieben werden könnte. Aber die Verführung des Einfachen, des Schnellen verleitet zum Hinwerfen von Worten, die nur nachträglich deklariert werden als Gedicht und nicht aus sich selbst herausstrahlen.

Keinesfalls soll, bei allem Gequäkel, der Eindruck entstehen, dass nur der ein Gedicht schreiben sollte, der ein Poetik-Studium hinter sich hat. Das wäre vermessen und kleingeistig (und das Ergebnis dann eventuell auch nicht besser). Es soll aber heißen: Gedichte schreiben, auch wenn sie kurz sind, ist ebenso kompliziert, wie Romane zu schreiben, die über viele, viele Seiten spannend oder interessant sein sollen. Deswegen diese Artikelreihe. Ich wünschte mir, dass sie ein paar basics, um in der Sprache unserer Zeit zu bleiben, vermittelt, die Ihnen helfen, noch bessere und noch bewusster Ihre Gedichte zu schreiben. Und aus diesem Grund werden sich kommende Artikel der Reihe „Poesie, das ist Musik!“ mit den grundlegenden Themen Metrik, Reim, Kadenz, Strophenform und Stilmittel beschäftigen. Nicht als Lehrstoff sollen sie wirken, sondern als interessanter Lesestoff. Leicht, musikalisch, so wie Ihre Gedichte. Bis zum nächsten Mal – und bleiben Sie lyrisch!


Spiel mit dem Verstehen

„Ich habe keine Eier!“

Dies sei die Überschrift eines kurzen Textes.

Kapitel 1: Die Torte
Miriam will eine Torte backen. Sie schaut in den Kühlschrank. „Mist!“, denkt sie, „da fehlen ja die ganzen Zutaten. Neija, muss ich eben nochmal los.“ Sie nimmt Zettel und Stift und notiert: „Butter, Sahne, Erdbeeren“.
Miriam verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
„Wo mein Freund bloß wieder steckt …“ Sie schaut auf die Uhr. „Eigentlich viel zu spät zum Torte backen – und müde bin ich auch schon.“
Sie räumt die Zutaten in den Kühlschrank. „Oh nein, jetzt hab ich die Eier vergessen … zu dumm aber auch. Ich leg mir besser den Einkaufszettel hin, damit ich morgen dran denke, die noch zu besorgen. Aber jetzt geh ich erst mal zu Bett.“

Kapitel 2: Der Zettel
Frank eilt nach Hause. Der blöde Stau hatte ihn aufgehalten und er ist über eine Stunde zu spät. Hoffentlich nimmt ihm Miriam das mal nicht krumm. Er schließt auf, vor der Schlafzimmertür stehen Miriams Plüsch-Schafpantoffeln. Sie schläft also schon.
Eine Käsestulle will er sich zum Abendessen machen, aber auf dem Weg zum Kühlschrank entdeckt er einen Zettel auf dem Tisch. „Miriam wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihr noch die Sachen kaufe, dann kann sie morgen den Samstag ganz entspannt angehen.“
Frank verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
Nachdem er Sahne, Butter und Erdbeeren im Kühlschrank hat, isst er ein Brot mit Käse, einem köstlichen Rotschimmelkäse, und geht ebenfalls zu Bett.

Kapitel 3: Das unheilvolle Ende
Der nächste Morgen. Miriam in der Küche, Frank im Bad.
„Ich geh nur schnell los was kaufen, Frank. Ich will eine leckere Torte backen!“ – „Die Sachen hab ich gestern noch für dich gekauft, Schatz. Da bist du überrascht, was?“ – „Schon … aber hast du auch Eier gekauft?“ – „Wie? Ich habe keine Eier! Nur das, was auf dem Zettel stand.“ – „Aber jetzt haben wir doch alles doppelt – und immer noch keine Eier. Ach, Frank!“ – „Ach, Miriam!

Genug der Prosa. Schauen wir etwas genauer hin. Miriam steht für alle Autorinnen und Autoren dieser Welt. Frank für die gesamte Leserschaft. Und was Miriam mit dem Einkaufszettel tatsächlich meint, das weiß auch nur Miriam. Frank hingegen glaubt lediglich zu wissen, was Miriam meint – und er geht los und kauft die falschen Sachen.
Wenn also schon eine einfache Einkaufsliste für derartige Verwirrung sorgt, welch mögliches Wirrwarr birgt ein Zeitungsartikel, welch Katastrophe gar ein ganzer Roman?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte. Das einzig Gewisse an jedem Text ist, dass er missverstanden werden kann (und werden wird, folgt man Murphys Gesetz). Dieses Missverstehen ist dabei jedoch nicht immer etwas Negatives.
Einerseits sollte man sich als Schreibender durchaus bewusst sein, dass oft gerade das, was man eigentlich sagen wollte, ganz anders verstanden wird (da der Leser keine Gedanken, sondern nur Buchstaben lesen kann). Andererseits bieten sich dadurch auch viele Möglichkeiten. Denn stellen Sie sich den Text vor, der nicht missverstanden werden könnte (Gebrauchsanleitungen sind leider keine solchen Vertreter). Der Autor nähme dem Leser all seine Fantasie. Denn da, wo der Leser etwas nicht weiß, da malt er die schwarzen Buchstaben in seinem Kopf mit Farben zu einem Bild, zu seinem Bild.

Geben Sie also Ihren Lesern die Möglichkeit zu Malen. Schreiben Sie „gespenstiger Nebel“ und nicht „der Nebel war matt und grau, ein bisschen weiß; man meinte nichts zu erkennen in der Ferne, aber hätte man nachgemessen, so hätte man festgestellt, dass man immerhin drei, ja fast vier Meter weit blicken konnte. Auch die Umrisse der Häuser und Bäume waren gut erkennbar, wenn man seine Augen etwas an das Schummrige gewöhnt hatte.“ Ein wahrhaft gespenstiger Textnebel! Schreiben Sie: „Im Mondschein sprang ein Schatten vor uns über die Straße.“ und nicht: „Das Reh sah beinahe aus wie ein Mensch, zwar sprang das Tier schnell über die Fahrbahn, aber man konnte es deutlich erkennen, und das, obwohl es schon recht finster war am Abend.“

Spielen Sie mit dem Leser, lassen Sie ihn im Unklaren. Achten Sie jedoch auch darauf, dass wichtige Stellen nicht völlig dunkel bleiben: „Der Mörder trat hinter sie. Sie küsste ihn. Dann war ihr Freund tot. Doch er lachte.“ Lassen Sie den Leser Gespenster sehen und sagen Sie ihm nicht, dass eigentlich gar nichts in den dunklen Schatten am Waldrand lauert. Legen Sie Miriams Einkaufsliste auf den Tisch, aber gehen Sie danach nicht zu Bett. Ein bisschen Unklarheit ist gut, aber zu viel kostet sie hinterher nur die Torte.