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Schreiben in der Weihnachtszeit

Es geht in schweren Stiefeln auf den vierten Advent zu und auch wenn der Schnee noch ein bisschen fehlt, schleicht sich die feierlich-hektische Stimmung doch mehr und mehr in den Alltag. Es ist Weihnachten bald – und darum möchte ich allen lieben Menschen, denen ich dieses Jahr real oder im Internet begegnet bin, danken. Dazu gehört ihr, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des lyrischen Mittwochs, die ihr euch all meinen Fragen ausgesetzt und dadurch den textbasis.blog bunter gemacht habt. – Dazu gehören natürlich auch alle Freundinnen und Freunde, die ich im Laufe des Jahres kennenlernen durfte und auf deren E-Mails und Nachrichten ich nicht mehr verzichten möchte. – Auch über die engen Bloggrenzen hinaus möchte ich allen Menschen meinen Dank aussprechen, die mich unterstützt haben, und allen, die sich von mir haben helfen lassen. Es ist, was es ist: Ohne euch wäre mir langweilig gewesen dieses Jahr – und glücklich kann ich sagen, dass mir dieses Schicksal gänzlich erspart geblieben ist. Herzlichen Dank dafür und fröhliche Weihnachten!

Doch da es hier auch ein wenig um Schreibtipps gehen soll, will ich den Bogen einmal zurückspannen zum Thema. Schreiben in der Weihnachtszeit mag auf den ersten Blick etwas kurios anmuten, denn gerade an Weihnachten räumen sich doch immer viele andere Dringlichkeiten den Weg frei in den Alltag. Eventuell gehören auch Sie zu den Menschen, die Weihnachten und die Feiertage darauf verzichten, viel zu schreiben, um dann im neuen Jahr, nachdem all die Hektik langsam wieder nachlässt, verstärkt Buchstabenwälder zu schaffen. Die Frage, die ich mir gestellt habe, war die: Wie kann man die stressige Zeit dennoch nutzen, um der Schreiblust nachzuhängen, ohne lange Stunden des Nachdenkens und der Arbeit investieren zu müssen?

Meiner Meinung nach, sollte man sich dazu ganz grundsätzlich an den kürzeren Formaten orientieren – ich spreche in diesem Zusammenhang jedoch nicht von der Lyrik, sondern von den kürzen Prosaformen. Anders, als es oft hier auf dem Blog geschrieben wurde, empfehle ich dieses Mal eine Methode, die ganz und gar abweicht von der genauen Planung des Textinhalts und sich an einem Muster der Vorweihnachtszeit orientiert: der Hektik. Hektik zeichnet sich dadurch aus, dass ein bestimmtes Ziel in weniger als der vorhandenen Zeit zwingend erreicht werden muss. So soll es denn auch beim Schreiben in der Weihnachtszeit sein.

Diese Übung des Weihnachtsschreibens hat thematisch nichts mit Weihnachten zu tun, thematisch sind Sie völlig frei. Ihre körperliche und geistige Verfassung sollte unterdes nicht nur von Hektik geprägt sein, ein bisschen Zeit sollten Sie sich einräumen, sonst funktioniert es nicht; allerdings im Text, da wird es hektisch hergehen! Versuchen Sie doch einfach einmal dieses: Folgen Sie blind den Ideen in Ihrem Kopf, das Erstbeste, das Ihnen lustig, interessant oder absurd erscheint, nehmen sie als Aufhänger für Ihren Text – und danach hauen Sie in die Tasten und Schreiben ohne darüber nachzudenken, warum Sie gerade schreiben oder wo Sie am Ende herauskommen werden. Sobald Ihnen eine neue Idee kommt, ein interessanter Gedanke, den Sie vor Schreibbeginn nicht hatten, hängen Sie ihm schnellstmöglich nach und biegen Ihre Geschichte um ihn herum, sodass immer mehr ein kurzer, sprunghafter Text entsteht, der ganz und gar dem Schreibfluss entsprungen ist. Während des Schreibens denken Sie sich eventuell noch ein Ende aus, das so gar nicht zum Rest des Textes passen will. Dann biegen Sie einmal scharf ab und schreiben auf dieses Ende zu, ohne auch nur einmal die Finger still über der Tastatur zu halten.

Sobald diese kleine Gedankensturmskizze geschrieben ist, verfahren Sie damit, wie Sie möchten; denn nicht das Ziel, sondern der Weg ist, worauf es dabei ankommt. Neben aller Leichtigkeit und Tändelei zielt diese Art des spontanen Schreibens auf ganz essentielle Fähigkeiten ab, die durch sie trainiert werden können: Einerseits üben Sie, schneller zu denken, als Sie schreiben. Das schult die Fähigkeit, einen eigenen Textfluss zu entwickeln und seine Gedanken schnell ausdrücken zu können. Andererseits trainiert es auch das Denken selbst, denn durch das Sprunghafte sind Sie gezwungen, Wendungen zu erdenken und Sackgassen zu verknüpfen, von denen Sie kurz vorher noch nicht einmal wussten, dass sie existierten. Nicht zuletzt kann man bei dieser Art zu schreiben auch üben, korrekt und richtig zu schreiben. Versuchen Sie so viele richtige Kommas zu setzen und so viele rechtschreiblich korrekte Wörter wie möglich zu tippen – nach einer Weile werden Sie feststellen, dass man dadurch effektiv die Qualität seiner Erstversion steigern kann und sich einige Textarbeit im Nachgang erspart. Dennoch: Jegliche durchrutschende Fehler werden rigoros ignoriert und nicht während des Schreibens verbessert! Hier kommt es auf den flüssigen Schreibprozess an, welcher Zweck der Übung ist. Nicht zuletzt soll es einfach nur eine Menge Spaß machen, gedankenlos dreinzuschlagen in die Tasten und und am Ende dort rauszukommen, wo man nicht einmal erahnt hätte hinzugelangen.

Diese kleinen Skizzen lassen sich dann nachträglich auch gut für einen witzvollen Vortrag in kleiner Runde verwenden, um einmal ein bisschen ausgefallene Unterhaltung zu bieten und zu interessanten Gesprächen anzuregen. – Schlussendlich jedoch gehören die Ergebnisse dieser Übung der seltsamen Textgattung an, deren finaler Abgang in den Papierkorb keinen allzu großen Verlust bedeutet, also scheuen Sie sich nicht, die Ergebnisse mit einem Lächeln in den Papierhimmel zu schicken. Diese Übung soll in erster Linie das Schreiben an sich trainieren und die Ideenfindung im kreativen Prozess. Sie soll keine Texte für die Ewigkeit schaffen – die können Sie dann nachher, wenn es wieder ruhiger ist, in aller Ausführlichkeit strukturieren und planen, um sie danach wie von Geisterhand niederzuschreiben.

In diesem Sinne: Hohoho! Allen friedliche Weihnachten und eine schöne Zeit zum Jahresende.

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 23] Joanna Lisiak – Betrachtet westlich

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

auch heute wird der Mittwoch wieder schön. Ich freue mich sehr, Ihnen in der aktuellen Ausgabe die Dichterin, Schriftstellerin und Künstlerin Joanna Lisiak vorstellen zu dürfen. Bereits zahlreiche Anthologie-Beiträge und Veröffentlichungen, Stücke, Hörspiele und Kollaborationen zieren ihr Œuvre. Zuletzt erschienen von der 1971 in Polen geborenen, seit 1981 in der Schweiz lebenden Autorin der Kurzprosaband „Besonderlinge – Galerie der Existenzen I“ (2012) und der Gedichtband „Klee composé, Lyrik mit Paul Klee“ (2010/2013 als E‑Book). Der Nachfolgeband der „Besonderlinge“ ist für 2014 bereits geplant.

Joanna Lisiaks Lyrik zeichnet sich durch einen nüchternen Grundtenor aus, ein unaufgeregtes Fühlen und Mitfühlen. Aus einfachen Worten strickt sie, was komplexe Zusammenhänge einfängt. Ein Blick nach Basel, ein Moment so gewöhnlich wie das Leben. Doch ihm wird das Gewöhnliche entzogen, er wird zum Sinnbild, an dem sich die Gedanken des lyrischen Ichs bis hinauf zu den Göttern entlanghangeln. Verortet zwischen Naturlyrik, Prosa und Mystik lustwandeln die Verse befreiten Schrittes hin und wider – und zur selben Zeit doch auch neben den Lesern wie ein guter Freund auf langer Reise. Er ist nah, aber hält doch beide Arme von sich gestreckt, um zu umarmen, um in alle Himmelsrichtungen zu fassen –

Betrachtet westlich

Schaue ich ins westliche Tal sehe ich
Basel das heisst ich sehe es nicht doch
weiss ich hinter den Hügeln ist Basel
Basel von hinten.
Basel weiss nichts davon kennt
diesen Blickwinkel kaum verzeichnet ihn
im Stadtführer nie.

Auch Kater du wie sollst du ahnen können
dass du heute nicht rein darfst weil wir
verreisen weil ich dich jetzt anschauend
um die Sorge weiss die ich mir machte
wenn du bliebst.
Du hast Wärme und Schlafplatz im Sinn
vermagst meinen Gedanken nicht zu folgen.

So etwa stelle ich mir die Götter vor wie sie
in ihren Wolken lachen und auf mich zeigen
habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt mir
ernsthafte Gedanken über mein Leben gemacht.
Als könnte ich mich je sehen sehen von hinten
aus westlicher Sicht so als Beispiel.

Tatsache ist ich schaffe es nicht aus meiner
Gedankenwelt geschweige denn in andere hinein
ich hafte in eigenen Dimensionen fest
und sie lachen schenken etwas Phantasie
einen Traum mir zum Trost.
Ich weiss nur wenig.
Das weiss ich gut.

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden
bald verpufft eine Idee ins Unbekannte.
Alles andere den lachenden Göttern.

Joanna Lisiak

Joanna Lisiak

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch, Joanna. Schon nach einem kurzen Blick auf deine Veröffentlichungen erkennt man, dass es dich zwischen den Genres umhertreibt. Wie siehst du dich selbst als Künstlerin, eher als Grenzgängerin oder Weltenbummlerin?

Joanna Lisiak:
Herzlichen Dank, Sebastian, für die Einladung! Ist der Weltbummler derjenige, der umherschweift, um das zu finden, was er schon in sich hat und was ihn ausmacht, oder sucht er das Fremde, das ihn Ergänzende? Auf gewisse Weise tun wir das doch alle, aber ich tue mich schwer damit, mich derart klar zu zeichnen. Grenzgängerin insofern, als dass ich aufbreche, um zu sammeln und mich durchaus reizt, was ich noch nicht kenne. Neue Dinge auszuprobieren hat mir schon immer Türen geöffnet – und wenn es die der Erkenntnis waren, dass es nämlich die falschen Türen waren, die ich aufgebrochen habe.

Immerhin schaffe ich somit Reflexionen, die mich ebenfalls weiterbringen. Wenn eine bestimmte Idee, die ich habe, mich in eine bestimmte Richtung drängt, dann folge ich ihr und versuche nicht, den Weg umzulenken. Ein Einfall, der ganz klar eine Szene darstellt, gehört in mein dramatisches Werk, ein lyrisches Bild in die Lyrik und so weiter. Da ich keine Romane schreibe – zumindest habe ich das vorerst nicht vor – kann ich mir diese Ideen nicht für diesen Roman aufsparen. Insofern haben es die Romanautoren leichter, trotz des weit bekannten langen und mühsamen Atems, der ja vonnöten ist, um Romane zu schreiben: Diese Autoren können alle ihre Ideen in einen Roman verpacken, der dann alle lyrischen, essayistischen Aspekte, lebendigen Gespräche, Erzählungen und so weiter beinhalten kann.

Ich aber möchte mich schon sehr bald entscheiden, wohin ich die Idee verpflanze und wo sie dann blühen soll. Es ist auch eine Charaktersache. Ein reiner Lyriker würde seine Gedanken solange wälzen, bis sie in die Form der Lyrik passen. Ich aber bin meistens so von der Idee angetan, dass ich keine Zeit verlieren möchte, sie unnötig lange gären zu lassen, mit der Idee verunsichert zu sein. Wobei ich hiermit anfügen muss, dass ich durchaus eine dicke Mappe mit notierten Ideen habe, die ich erst viel später verwerte. Es ist also ein Prozess.

Vielleicht hat es damit zu tun, ob man jemand ist, der eher ein homogener Künstler, Autor, Mensch ist, oder jemand, der heterogen veranlagt ist. Ich glaube, dass ich eher heterogen bin. Das herauszufinden, ist vielleicht etwas Grundlegendes für jemanden, der etwas schaffen möchte, denn so kann man mit einer gewissen Authentizität und mit einem bestimmten Zug weiterarbeiten. Wer sich zu früh eine Poetologie anlegt, verhindert möglicherweise das, was er später seine eigene Handschrift nennen möchte.

Textbasis: Das ist eine interessante Unterscheidung zwischen Homogenität und Heterogenität, gerade wenn sie angewendet wird auf Worte und Zuschreibungen wie Künstler, Autor oder Mensch. Wie könnte man als angehende Autorin, als angehender Autor denn herausfinden, ob man eher zu der einen, eher zu der anderen Art gehört? Und sind (verfrühte) Poetologien für dich immer nur eine Schablone, durch welche man leichtfertig ein Bild von seiner Kunst zeichnet, wie man sie gern hätte?

Joanna Lisiak:
Ein Autor oder vielmehr der Mensch, der auch Autor ist, sollte, egal, ob er sich grob, genau, temporär, unter gewissen Umständen oder überhaupt nicht zuteilen möchte, möglichst aufrichtig sein in dem, was er tut oder denkt. Mit gelebter Aufrichtigkeit ist man ganz nah an etwas, das sehr wertvoll ist. Ich möchte das lieber nicht an grossen Worten festmachen, sondern damit sagen, dass dieser Weg kein verkehrter sein kann und oftmals einfach nur Klarheit und innere Ruhe schafft. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Theorien gelesen, mich daran gerieben oder gar ergötzt hätte. Aber ich fand es für mein Schaffen bislang immer hilfreicher, meine eigenen, simplen Fragen zu stellen, als die Texte, die ich schrieb, durch komplizierte Dogmen zu hinterfragen: Was würde XY zu dieser Textstelle sagen, wenn er damals von Z sprach? Oder: Warum gefällt mir dieses Gedicht der Lyrikerin B so gut und was ist es, das mich bei D langweilt, nicht überzeugt? Solche inneren Zwiegespräche sind für mich leichter annehmbar, als ganze Theorien zu wälzen und nach Fertigstellung eines Textes nicht zu wissen, wo anfangen, um ihn wie einzuschätzen.

Letztendlich geht es darum, sich gelegentlich zu orientieren, neu zu orten, abzulenken und so weiter, bevor es auf der Reise weitergeht. Egal ob man dazu Schablonen, Krücken, persönlichen Austausch oder ganz andere Reize braucht. Diese reflektierenden, ordnenden Dinge spielen sich jedoch, was mein eigenes Schaffen angeht, in einer anderen Phase ab, auch zeitlich, und nicht, wenn ich mittendrin im Schreibprozess bin. Ich habe während des Schreibens nicht eine Unmenge an Zeit und Energie vorrätig, um zugleich zu analysieren, auf einer theoretischen Ebene philosophisch abzuheben. Auch in den Momenten der absoluten Aufrichtigkeit gibt es keine weiteren Störfaktoren, da bin ich ganz alleine auf mich gestellt, wissend, dass nur ich in dem Moment weiss oder eben nicht weiss.

Textbasis: In „Betrachtet westlich“ entspinnt sich der Verlauf des Gedichtes ja um einen Blick hinüber zu dem hinter Hügeln verborgenen Basel. Keine Luftschlösser oder kryptische Rätselbotschaften sind es, sondern der Blick auf das Reale (auch wenn davon nicht alles sichtbar ist). Wie wichtig ist diese Verankerung der Lyrik im Jetzt, in der alltäglichen Situation für dich?

Joanna Lisiak:
Sie ist nicht per se wichtig oder per se unwichtig. Manche Texte werden der Realität entrissen und schweifen derart ab, dass es beinah ein Tabu wäre, dem interessierten Leser zu verraten, wo der Ursprung des Textes liegt. Für den Leser ist dies an sich ja nicht wichtig. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Mir passt beides sehr gut, also, ob eine Gedankenreise zu verankern vermag, was sich unmittelbar in der Realität abspielte (beziehungsweise abspielen könnte) oder ob eine Erfahrung ihre Bahn des Erlebnisses verlassen kann und sich in neuen Perspektiven, neuen Sphären ein Zuhause sucht. Ich geniesse beides: die Nähe der Wirklichkeit, aber auch die wilden Ausblühungen, die mich staunen lassen können. Ich bewerte und kategorisiere nicht, was ausgedacht, aber verdichtet ist, was reell, aber gänzlich transformiert, verwässert ist.

Was mir am Schreiben sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass ich mit der entfachten Begeisterung mitgehen, mich davontragen lassen kann, und auf diesem Weg bin ich ziemlich tolerant und scheue auch das Tempo nicht, das gegeben ist. Vielleicht ist das vergleichbar mit einem Rosenzüchter, der nur eine ganz bestimmte Rose mit dieser Färbung, dieser Dorndichte, dieser Wuchshöhe, diesem Duft et cetera als Rose anerkennt oder ob er jemand ist, der die Natur in seiner Vielfalt annehmen kann. Ich bin wohl die, die mit einem vollen Rosenkorb nach Hause kommt und beim Aussortieren merkt, dass sich da noch ganz andere Pflanzen im Korb befinden, die mit der Rose gar nichts zu tun haben. Die anschliessende Arbeit bleibt in beiden Fällen nicht aus, aber mir fällt es in der Tat leichter, mich aus der grösseren Menge, der Vielfalt und dem Reichtum auf etwas zu fokussieren oder etwas Bestimmtes darin zu finden. Dies ist wohl ebenfalls Veranlagungssache.

Ich finde, man muss das für sich ausprobieren und es ist absolut legitim, es mal so und dann anders zu handhaben. Der Mensch, auch der Autor, verändert sich zeitlebens. Das heisst, um auf die Frage zurückzukommen: Ich möchte nicht entscheiden, ob meine Lyrik dort oder dort steht, sondern wo das einzelne Gedicht sich verankert. Und in meiner Lyrik kommen alle möglichen Mischformen vor.

Textbasis: Dass du dich als Künstlerin nicht selbst der Möglichkeiten berauben möchtest, frei zu schaffen, halte ich für nachvollziehbar und gut. Dennoch, gerade in der Rückschau, ergibt sich ja doch oft ein Pfad, auf dem man bewusst oder unbewusst entlanggegangen ist. Wo hat deine künstlerische, literarische Reise begonnen und wo bist du inzwischen überall gewesen? Kannst du in deinem Werk diesbezüglich bereits Tendenzen ausmachen?

Joanna Lisiak:
Ich veröffentliche seit 2000, das heisst seit rund dreizehn Jahren. Ist das nun lang oder kurz? Ich empfinde das als eine zu kurze Zeit, um retrospektiv zu werden. Seit ich mit dem Schreiben angesteckt wurde (deutlich vor 2000 übrigens), ist dennoch viel passiert und ich habe viel geschrieben, ausprobiert, gelesen, gehört. Momentan habe ich acht bis zehn fertige Manuskripte vorliegen: Kurzprosa, Lyrik (verschiedener Mach/Art), eine Unmenge an Dramoletten, Reflexionen, Theaterstücke, Kolumnen, Essays, sogar ein Ratgeber ist dabei! Zudem sind Projekte angedacht und im Tun – und es will vorläufig kein Ende nehmen. Was ich damit sagen will, ist: Ich bin permanent am selben Ort wie damals, als ich mit dem Schreiben begonnen habe. Ich befinde mich eben in diesem Schreiben, das vorderhand noch nicht versiegen möchte. Einzig mit dem Unterschied, dass das eine oder andere zwischenzeitlich veröffentlicht wurde, jemand gelegentlich darüber spricht oder ich selbst ein paar Worte über das Schreiben verliere.

Im Grunde schreibe ich aber einfach nur (weiter), weil ich nämlich dieses absolute Bedürfnis habe, es zu tun. Das ist der Hauptpfad, den ich ausmachen kann. Das Spiel mit Worten zudem, das Ausdrücken von Stimmungen, für die man de facto gar keine Worte finden kann, weil sie sich in anderen Sphären abspielen, sind weitere Begleiterscheinungen.

Textbasis: Wie viel Zeit verbringst du momentan mit dem Schreiben? Ist dein Schreiballtag durchstrukturiert oder gestaltet sich dein Tagesablauf eher geprägt von kreativen Phasen und Geistesblitzen? Erzähl doch bitte ein bisschen, wie Schreiben und Leben bei dir zusammenkommen.

Joanna Lisiak:
Kreative Pause ist eine schöne, fast diplomatisch anmutende Formulierung, die man auch benutzen kann, um zu rechtfertigen, warum es so viele Schreibpausen gibt. De facto komme ich viel weniger zum Schreiben, als ich das gerne möchte. Ich habe einen Beruf, wie die meisten Autoren, und schreibe in den Randzeiten, sehr oft am Wochenende, wenn ich nichts anderes vorhabe. Würde ich sehr lange nicht arbeiten müssen und nur schreiben können, wäre ich selbst äusserst gespannt, wie viele Schreibprozente ich konsequent aufbringen würde.

Ich schreibe dann, wenn die Zeit stimmt. Ich kenne mich gut und weiss daher, was mich anregt, was ich brauche, um zu schreiben, wann es funktioniert und wann ich mich lieber anderem zuwenden soll. Und die Zeit stimmt sicher auch dann, wenn mich unvermittelt ein Geistesblitz trifft (oder getroffen hat), die Stimmung und Aussicht auf ein paar ungestörte Stunden da ist. Ich spüre gut, wann ich nah des Schreibflusses, des „Flows“ bin. Die Zeit stimmt aber rein theoretisch auch dann, wenn ich viel von dieser Zeit habe, was so perfekt wie prekär sein kann: Ich habe vor gut einem Jahr die Erfahrung gemacht, dass ich zwar viel Zeit, viele aufnotierten Ideen zur Verfügung hatte, jedoch die entsprechende Schreibstimmung nicht aufkommen wollte.

Vom saloppen Wort „Schreibblockade“ wollte ich jedoch nichts wissen, denn das klingt für meine Verhältnisse viel zu dramatisch, ist ein dicker Stempel, den man sich da aufdrückt, und das wollte ich mir nicht antun. Ich wollte nichts deklarieren und mich somit auch nicht paralysieren. Und weil ich sehr diszipliniert bin, habe ich mir vorgenommen in einer unverbindlichen, beinahe meditativen Art und Weise meine Ideen, die sich über die vielen Jahre gesammelt hatten durchzulesen: wieder und wieder. Nach einigen Tagen war ich mittendrin in einer höchst kreativen Phase. Ich erinnere mich gut, dass ich die Initialzündung suchte wie jemand, der zwar die Nadel im Heuhaufen sucht, und nicht von der Idee loskommen will, zu glauben, dass diese Nadel tatsächlich existiert.

Ich hätte auch, wie ich das oft tue, etwas ganz anderes unternehmen können, um dann zurückzukommen auf diese Schachtel mit den Ideen, doch ich wollte es diesmal wirklich wissen und erfahren: Passiert etwas oder passiert nichts, wenn ich einfach dran bleibe? Beharrlichkeit, ein gewisses Selbstbewusstsein und etwas Nonchalance (denn mir war stets bewusst, dass die Welt – auch die meine nicht – keineswegs untergehen würde, wenn ich jetzt kein ordentliches Gedicht zustande bringe) helfen da sicherlich. Was auch nicht schadet, ist, wenn man sich einer solchen Aufgabe, bei der nicht sicher ist, ob sie gelöst werden kann, trotzdem mit einer gewissen Freude, Würde und aufrichtiger Hingabe widmet.

Textbasis: Vielen Dank für diesen offenen Einblick in dein Schaffen. Ich denke, du zeigst sehr eindringlich, wie Kunst immer auch eingebunden ist in den Alltag, gleich wie intensiv man sie lebt und betreibt. – Würdest du dieses bewusste, hingabevolle Vorgehen uneingeschränkt empfehlen oder bist du der Meinung, dass gerade Literatur, die viel mehr für Unterhaltungszwecke geschrieben wird, ungleich pragmatischer vorgehen sollte? Denn – ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – der Wunsch vieler bleibt ja nach wie vor Popularität und reichlich finanzieller Erfolg.

Joanna Lisiak:
Da ich nicht von Popularität oder finanziellem Erfolg getrieben bin, kann ich wenig dazu sagen, geschweige denn Empfehlungen machen. Ich bin aber überzeugt, dass derjenige Autor, der Ruhm und Geld auf dem Radar hat, um die Mechanismen und Hebel, die anzukurbeln sind, weiss, die ihn an sein gewünschtes Ziel bringen. Ein finanzieller Nebeneffekt ist sicherlich fast jedem Autor willkommen, aber für einen echten Antrieb reicht mir das nicht aus. Mich interessiert nicht die Frage, ob eine Literatur für Unterhaltungszwecke, für Geld, für fachliche oder breite Anerkennung gemacht wurde, sondern wie sich der Autor zum Werk verhält. Es ist möglich mit Leidenschaft und tiefer Überzeugung Schund zu schreiben, wie es wahrscheinlich auch möglich ist, vernünftige, ja hochwertige Literatur auf der Basis von Fingerübungen, Fleiss und Disziplin zu machen. Aber noch interessanter als die Frage nach dem Autor oder dem Hintergrund ist doch: Wo ist diejenige Literatur, die für mich gut ist, die mich unterhält, mich anregt, mich wegfegt, die mich überrascht, anrührt, die mehr aus dem Leben macht und somit mehr aus mir? Die Vielfalt der Literatur macht ja deutlich, dass es viele Richtungen, Geschmäcker, Wege des Schreibens und des Lesens gibt. Jeder muss, ob als Autor oder Leser, selbst suchen und sich glücklich schätzen, wenn er etwas gefunden hat, das bei ihm anklingt. Kurz und gut: Jedem das Seine, so oder so oder anders.

Textbasis: Die Sichtweise aus deiner letzten Antwort finde ich sehr erfrischend. Im Prinzip ist es ermüdend, immer den alten Kontrast zu lesen: Kommerz versus Kunst. Du betonst eher das Schreiben an sich und auch das Moment der Selbstfindung, am Ende vielleicht ein bisschen zu wissen, was man will und wie man es am besten erreichen kann. Das finde ich gut, denn Schreiben, ob nun finanziell erfolgreich oder intim und einsam, bleibt doch immer: Schreiben.
Ich bedanke mich sehr für deine ausführlichen und ehrlichen Antworten, Joanna! Ich bin mir sicher, dass sich einige der Ideen und Ratschläge auch in Ihre jeweils eigene Schreibpraxis einarbeiten lassen.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


[Poesie, das ist Musik! #2] Mit den Reimen nicht geizen – oder doch?

Was ich mag, ist der Blogeintrag am Sonntag! — Nicht alles, was sich reimt, gewinnt auch. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel der neuen Reihe. Zwei Fragen heute: Sollte man reimen? Und wie macht man es richtig?

Was ich nicht möchte, ist eine bloße Auflistung aller möglichen Reimarten mit dazugehörigen Beispielen. Getreu dem Motto des ersten Artikels „Gedichte bewusst schreiben“ ist es mir wichtiger, dem Reim ein bisschen auf den Zahn zu fühlen. Denn so schlecht kann er nicht sein, der Reim, nur allzu häufig wird er schlecht eingesetzt.

Was man sich in etwa unter einem Reim vorstellt, brauche ich nicht mit vielen Worten erklären. Für diesen Artikel und für die bewusste Anwendung beim Schreiben reicht es, wenn man sich Reime vorstellt als ähnlich klingende Wörter und Wortfolgen. Man könnte schon hier sehr tief ins Detail gehen, aber ich möchte keine wissenschaftliche Betrachtung anbieten, sondern ein paar Schreibtipps geben. Reim also: Kopf – Zopf, sehen – gehen, Fleischklops – Rollmops, dein Herz – mein Schmerz etc.

Durch den Reim bekommt die Sprache einen besonderen Klang. Gereimte Worte fallen auf, aber sie machen einen Text nicht automatisch besser. Das liegt daran, dass Reimen keine Kunst ist – nur gutes Reimen ist eine Kunst. Denn ein paar ähnlich tönende Wörter findet jeder: „Ich hatte ein Gespräch mit dem Boss im fünften Stock,/ darauf hatte ich gar keinen Bock,/ der merkte bestimmt: Meine Finger sind ganz spröde,/ das finde ich jetzt ganz blöde!“ Bitte, bitte!, so nicht. Das Ergebnis ist kein Gedicht (auch wenn sich ein paar Wörter reimen), es ist Dilettantismus; und dabei wäre das Ungereimte so harmlos gewesen: „Heute hatte ich ein Gespräch mit dem Chef im fünften Stock. Ich hatte keine Lust, aber das Schlimmste war, dass er bestimmt meine spröden Finger bemerkt hat.

Das heißt also: Wenn Sie Ihr Gedicht mit Reimen ein bisschen aufpeppen wollen, dann  nutzen Sie den Reim sparsam und kreativ, unterstreichen Sie mit ihm, was Sie sagen wollen. Niemand zwingt Sie zum Reimen, nutzen Sie diese Freiheit! Ein gelungenes Beispiel:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern erkenn ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Hier die Version, die ich nicht empfehle:

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
mit goldenen Ringen, die an den Fingern blitzen.
Die Menschen zwängen sich durch die Gassen,
auch meine Geliebte ist mit in den Massen.
Bald sind wir beide verheiratet und zu zweit,
Ich bin dazu schon so lange bereit!

Worin liegt nun aber der Unterschied und warum wirkt die zweite Version einfältig und uninspiriert? Dafür gibt es viele Gründe, einer davon ist in diesem Fall jedoch der ungeschickte Einsatz des Reimes. Das zweite Gedicht schreit dem Leser entgegen: „Schau mich an, ich reime mich, bin ich nicht geil?“ Es scheint, als hätte der Verfasser uns fragen wollen: „Ist das nicht schön, dass ich reimen kann?“ Antwort: „Nein.“ – Denn dass sich die letzten Wörter im Vers reimen, ist gar nichts, das bekommt jeder irgendwann hin. Aber das Schöne, das liegt oft im Subtilen. Ein Flüstern ist oft intensiver als ein Schreien. Das ist im Gedicht nicht anders. Fassen wir zusammen: Im zweiten Gedicht besteht die „Kunstfertigkeit“ des Autors offenbar darin, dass er die letzten Wörter jeder Zeile reimt (flitzen – blitzen, Gassen – Massen, zu zweit – bereit). Doch sein Reimen ist weder kreativ, noch unterstreicht es den Text. Das Reimen scheint lediglich Augenwischerei, um uns vorzugaukeln, dass es sich um ein Gedicht handele.

Blicken wir deshalb noch einmal zum ersten Gedicht. Zur Verdeutlichung führe ich auf, was und wo dort gereimt wurde (reimende Wörter fett hervorgehoben):

Hunderte Menschen seh ich flitzen,
sich winden, sich zwängen durch die Gassen,
die engen, an ihren Fingern seh ich goldene Ringe,
sehe, wie sie im Mittagslicht funkeln, wie sie sagen:
„Jetzt in den Massen, doch daheim wieder zu zweit.“ –
In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen,
ich zwinge mich zur Ruhe — bald bin auch ich zu zweit.

Wir haben also:

  • flitzen – winden
  • zwängen – engen
  • Gassen – Massen
  • Ringe – zwinge
  • zu zweit – zu zweit

Die Reime ziehen sich sanft durch das Gedicht, sie schreien nicht, sie versuchen zu gleiten. Bei flitzen – winden spricht man von einem unreinen Reim, einer Assonanz. Dort reimen sich nur die Vokale i – e in beiden Wörtern. Das schnelle Bewegen der Menschen („Hunderte Menschen seh ich flitzen) und ihre Verrenkungen („sich winden, sich zwängen“) werden durch die Assonanz näher zusammengezogen.

Anders bei zwängen – engen. Hier sind die Wortsilben zwar im Schriftbild nicht, dafür aber klanglich ähnlich. Zudem wird das Zwängen durch den schnell folgenden Reim im nächsten Vers hervorgehoben („sich zwängen durch die Gassen,/ die engen …“).

Dass sich ein Reim nicht immer am Ende des Verses aufdrängen muss, zeigt ebenfalls das Beispiel von Ringe – zwinge. Der Mann sieht seine Geliebte in den Massen („In Ihren Augen ein flüchtiges Sonnenstrahlblitzen“), er denkt an die bevorstehende Hochzeit („bald bin auch ich zu zweit“), an die Eheringe, die seine und die Finger seiner Frau zieren werden („an ihren Fingern seh ich goldene Ringe“). Der Gedanke an die Ringe beruhigt ihn (ich zwinge mich zur Ruhe —“). Diese Verbindung schleicht sich über den Reim subtil in den Text ein.
Ebenso verhält es sich mit Gassen – Massen: Der schreiende Reim am Versende der zweiten Gedichtversion wurde in den Text verlegt, um dort zu klingen.

Der Klang spielt dann bei zu zweit – zu zweit ebenfalls die entscheidende Rolle. Denn auch Wörter, die identisch sind, hinterlassen eine besondere Akustik im Kopf. Indem bewusst nicht gereimt wird zu zweit – bereit, wie im zweiten Gedicht, wird der Wunsch nach der Zweisamkeit durch die Wiederholung der gleichen Wörter viel intensiver zum Ausdruck gebracht.

Mit diesen wenigen Beispielen hoffe ich gezeigt zu haben, dass man mit Reimen viel mehr anstellen kann, als sie ans Ende jedes Verses zu zwingen. Dort nämlich kann sie jeder hinpflanzen. Kunstvoll und galant wird ein Gedicht aber erst, wenn man Worte bewusst einsetzt, sie in die eigenen Texte einwebt, mit ihnen sein Gedicht malt. Dem Leser ein Bild zeigen, ihn aber nicht anschreien. Zugegeben, es ist möglich, dass der Leser nicht jeden Reim, nicht alles Kunstvolle Ihres Textes sofort erkennt (vor allem wenn es sehr subtil eingewoben wurde; haben Sie es beim ersten Lesen bemerkt: flitzenSonnenstrahlblitzen?). Aber was er ganz sicher erkennt, ist Folgendes: „Hier hat jemand etwas Besonderes mit der Sprache gemacht, nicht nur ein paar Wörter aneinander gereimt, hier hat jemand ein Gedicht geschrieben.“

Der Reim ist also nicht nur Zwang und er ist nicht nur Schmuck, der Reim ist ein sprachliches Mittel, das sie bewusst und kunstvoll einsetzen sollten, um Ihre Texte noch weiter zu verbessern. Gerade heute, wo der Reim oft etwas altmodisch wirkt, ist es an Ihnen, ihn kunstvoll anzuwenden. Denn ihm gar keine Beachtung zu schenken, würde nur bedeuten, sich selbst eine Möglichkeit zu rauben, einfallsreiche Texte zu schreiben. In diesem Sinne: Experimentieren Sie, reimen Sie, aber tun Sie es mit Stil. Schaffen Sie das Besondere, das Ihre Texte einzigartig macht.


Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #1 – Sympathie

Wie im Roman, so im Leben. Manchmal hört oder liest man einen Satz und denkt sich: da steckt viel Wahrheit drin!. Dabei ist es eigentlich unklar, was man mit „Wahrheit“ genau meint. Der Satz passt eben einfach gerade gut. Eventuell denkt man auch an etwas völlig anderes, als das, was der Autor oder Sprecher meinte. Dies schließt direkt an den Beitrag von vorletzter Woche an, wo es ja um die Möglichkeit ging, Texte absichtlich für den Leser offen und mehrdeutig zu lassen. Denn in einem Text steckt nicht nur, was der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Blaupause für unendlich viele eigene Gedanken.

Auf diese Weise möchte ich mich auch mit der Poetik von Aristoteles beschäftigen (eine Poetik ist dabei ein Werk, welches Hinweise zum richtigen Schreiben gibt). Weder soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgen, noch soll die Bedeutung des Werkes mit anderen Poetiken verglichen werden. Vielmehr will ich einzelne Sätze herausgreifen und zusammen mit Ihnen ein bisschen über diese nachdenken und ein paar Überlegungen ableiten, welche für das tägliche Schreiben nützlich sein können. Auf diese Weise geraten die Klassiker nicht in Vergessenheit und es entsteht lebhafter, staubfreier Dialog.

Beschäftigen wir uns also heute mit einem kurzen Zitat gleich aus dem Beginn der Poetik.

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte.“1

Die „Nachahmenden“ können wir als die Autoren verstehen, welche in ihren Büchern die Welt nachahmen. Autoren schreiben erfundene Geschichten in eine Welt, die unserer ähnlich ist. In diesen Geschichten kommen Personen vor, die „entweder gut oder schlecht“ sind. Nun möchte man nicht so schwarz-weiß malen und alle Menschen in gute und schlechte einteilen. Sagen wir also: alle Menschen sind unterschiedlich sympathisch. Dazu zählen die Menschen der realen Welt, als auch die Personen in einem Roman. Geht man nun derart mit Aristoteles mit, so unterscheiden sich eben alle Menschen und Romanfiguren dadurch, dass sie unterschiedlich sympathisch sind.

Behalten wir folgende Worte im Hinterkopf: „die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien“. Also: sympathisch oder unsympathisch. An dieser Stelle können wir aus dem alten Griechenland ins Jetzt zurückkehren. Wuschhh… Denken wir nur daran, wie schnell wir im Alltag unterscheiden können, ob uns jemand sympathisch ist oder ob wir das Gefühl haben „nicht so richtig warm“ zu werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Und da nun auch jede Figur in einem Buch immer etwas mit einem echten Menschen gemeinsam hat (nämlich das, dass wir sie als menschenähnlich erkennen), so finden wir Romanfiguren ebenfalls sympathisch oder unsympathisch.

Für das Schreiben ergibt sich daraus die einfach gesagte Regel: Die Hauptfigur im Buch, das muss auch die Sympathische sein. Nur wenn der Leser ein Interesse an einer Figur entwickelt, so wird er auch weiterlesen. Dabei muss die Figur natürlich kein Saubermann oder eine Heilige sein. Aber der Leser darf nie das Gefühl haben: „Was für eine Idiotin, was für ein Trottel, keine Lust weiterzulesen.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das, dass eine Figur dem Leser sympathisch erscheint, auch wenn Sie eigentlich ein Fiesling ist?

Drei Dinge erscheinen mir wichtig: 1. Die Figur braucht ein Motiv, damit Ihr Handeln nachvollziehbar ist. Robin Hood wäre ein einfacher Verbrecher gewesen, wenn nicht seine Taten durch ein besonderes Motiv gerechtfertigt gewesen wären. 2. Die Figur muss Interesse wecken beim Leser. Denn ein Mensch, dessen Wortschatz beschränkt zu sein scheint auf „Hmm“ und „Hmhm“ wird einem kaum sympathisch erscheinen. Wir erfahren nichts über ihn und haben auch keine Lust weiter nachzufragen. Wir sind nicht interessiert, wie es mit ihm weitergeht (und das ist der wahre Tod einer Hauptfigur). 3. Eine Figur muss den Willen besitzen, Schwierigkeiten zu überwinden. Interessant wird ein Charakter, wenn er eine Lösung sucht, um Schwierigkeiten zu beseitigen, die sein Handeln behindern. „Ein Sturm zieht auf, wir müssen runter vom Himalaya, doch oh! ein Besatzungsmitglied ist verschwunden!“ Falsche Antwort: „Hmhm … egal.“ Wahrlich eine spannende Geschichte mit einer starken Hauptfigur …

Sympathisch wird eine Figur also, wenn sie ein starkes Motiv hat, dass ihre Handlungen rechtfertigt, wenn sie eine interessante Geschichte besitzt, von der wir als Leser gern mehr erfahren möchten, und wenn sie interessant reagiert auf Probleme (die eigentlich jeder Autor seinen Hauptfiguren immer in den Weg zu legen scheint). Umgekehrt heißt das, dass eine Hauptfigur auf dem besten Weg ist, unsympathisch zu werden, wenn sie nicht nachvollziehbare Sachen tut, wenn sie maulfaul und uninteressant ist und wenn sie Probleme ignoriert, anstatt sie zu lösen.

Wenngleich dieses Rezept natürlich nicht verbindlich ist, so gibt es doch ein paar Anhaltspunkte, seine Charaktere so zu erschaffen, dass sie gern gelesen werden. Denn das höchste Gut des Autors ist die Neugier des Lesers, mehr über die Hauptfigur erfahren zu wollen und sie bei ihren Entscheidungen begleiten zu können. Dabei ist es mit den Charakteren so, wie es Aristoteles schon geschrieben hat: Wie jeder Mensch gut oder schlecht ist, so sollten es auch die Romanfiguren sein. Zwar verlassen wir die moralische Ebene, wenn wir statt „gut“ und „schlecht“ „sympathisch“ und „unsympathisch“ einsetzen. Doch darin liegt die Chance, auch moderne Geschichten erzählen zu können, wo nicht immer der Böse auch der Unsympathische ist (man denke an Tarantinos Pulp Fiction und die Bodenwelle).

Rundum: Wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut sympathisch oder unsympathisch sein kann, so sind es auch Ihre Romanfiguren für Ihre Leser. Deswegen gestalten Sie Figuren mit interessanten Lebensgeschichten, starken Handlungsmotiven und guten Einfällen,  denn es ist im Roman wie im Leben – und das wusste auch schon Aristoteles.
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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 7.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8