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Ausgelassen punkten …

Im Artikel des vorigen Sonntags erwähnte ich an einer Stelle die Auslassungspunkte. Seitdem schwirren mir diese drei Runden im Kopf herum, und die Idee, über diesen Kullerverbund einen separaten Artikel zu schreiben, hat sich hartnäckig festgesetzt. Hiermit gebe ich ihr nach.

Die Auslassungspunkte sind etwas eitel. Man sollte sie daher nicht verwechseln mit ihrer Verwandtschaft, den Satzpunkten. Denn Auslassungspunkte sind ein Satzzeichen und nicht etwa drei. Dazu ein Vergleich:

Faslch
(1) „Ich sah sie und ahnte ..​​.“

Richtig
(2) „Ich sah sie und ahnte …“

Dem kundigen Auge fällt wahrscheinlich schon am Schriftbild auf, dass es Unterschiede zwischen (1) und (2) gibt. Diese entstehen, da es sich bei den Auslassungspunkten nur optisch um drei einzelne Punkte handelt. Eine falsche Verwendung ist daher auch noch später im Druck sichtbar und lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers im ungünstigsten Fall weg vom eigentlichen Inhalt.

Word und andere Programme verschleiern die falsche Zeichensetzung allerdings etwas, da sie die Eingabe von drei aufeinanderfolgenden Satzpunkten automatisch korrigieren. Das ist zweifelsohne gut für den Anwender, andererseits aber schlecht fürs Verstehen. Daher fallen die falschen Auslassungspunkte vorrangig immer dort auf, wo keine automatische Korrektur stattfindet: in E‑Mails, in Plain-text-Dateien aber auch in SMS‑ und Chat-Nachrichten.

Nun möchte ich keinesfalls behaupten, dass es einen großen Unterschied macht, ob Sie via WhatsApp die Nachricht „bin in 5min da..​​.“ oder „bin in 5min da…“ erhalten. Aber wenn es um Ihr Buch, um ihren Text geht, dann sollten diese Detail ebenfalls stimmen. Wie setzt man also sein Wissen um die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte konkret um, wenn sich auf der Tastatur dafür keine eigene Taste befindet?

Der umständliche Weg führt über das Kopieren und Einfügen vorhandener Auslassungspunkte. Einfacher ist unter Windows hingegen die Eingabe mittels verfügbarer Alt-Codes. Diese ermöglichen es Nutzerinnen und Nutzern, Zeichen zu erzeugen, die nicht als Tasten auf der Tastatur vorhanden sind, eventuell sogar im verwendeten Zeichensatz fehlen. Durch Halten der Alt-Taste und Eingabe einer spezifischen Ziffernkombination auf dem Ziffernblock lassen sich leicht die gewünschten Zeichen hervorrufen.

Für die Auslassungspunkte lautet diese Kombination „Alt + 0133“ (Apple: Alt + .-Taste). Nach Eingabe des Befehls erscheinen die Pünktchen sofort auf dem Monitor. Womit man zumindest schon einmal auf der sicheren Seite wäre, was die Verwendung des richtigen Zeichens betrifft. Doch damit nicht genug, denn in dem Dreigepunkt stecken noch mehr Schwierigkeiten Möglichkeiten.

Falsch
(3) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s …?“
(4) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich…“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Richtig
(5) „Wie bitte? Wo soll hier eine Klippe s…?“
(6) „Unterbrich mich nicht immer, wenn ich …“ – „Mach ich doch gar nicht!“

Auch hier findet man die Unterschiede wieder im Detail. Allgemein gesprochen, werden die Auslassungspunkte verwendet, um anzuzeigen, dass etwas vom Satz weggelassen wurde. Dabei unterscheidet man, ob es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil wie in (6) oder einen Wortteil wie in (5) handelt. Daraus lässt sich folgende einfache Regel ableiten:

Handelt es sich beim Weggelassenen um einen Satzteil, geht den Pünktchen ein Leerzeichen voraus. Handelt es sich um einen Wortteil, entfällt das Leerzeichen. Wird der ursprüngliche Satz nach den Auslassungspunkten nicht fortgesetzt, ersetzen die Auslassungspunkte den Satzpunkt, jedoch nie Ausrufungs- oder Fragezeichen.

Und weil das alles noch nicht verwirrend genug ist, so können die Auslassungspunkte auch zum Anzeigen von Sprechpausen verwendet, also immer dort gesetzt werden, wo weder Satzteil noch Wortteil weggelassen wird. In diesen Fällen werden die Auslassungspunkte eingeschlossen in Leerzeichen:

Falsch
(7) Ich glaube…ich…kann nicht…mehr.

Richtig
(8) Ich glaube … ich … kann nicht … mehr.

Mir ist bewusst, dass das recht viel ist, was man sich zu solch einem relativ selten verwendeten Zeichen merken soll. (Und wahrscheinlich tröstet der Hinweis darauf, dass es noch einiges mehr zu beachten gibt, das hier des Umfangs wegen nicht auch noch erwähnt wird, ebenfalls nur mäßig.) Trotzdem bin ich der Meinung, dass man gerade durch die Kenntnis solcher Feinheiten seine eigenen Texte verbessern kann. Denn wenn man die Kniffe beherrscht, erschließen sich neue Möglichkeiten für das Schreiben. – Oberflächlich betrachtet, macht es keinen großen Unterschied, ob man schreibt:

(9) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin …“
oder
(10) „Du sollst beim Kreissägen nicht in die Luft schauen! Schau hinunter zu deinen Händen!“ – „Ist ja gut, ich schau ja schon hin…“

 … nur eben schade um des Gesellen Finger.

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[Nahdenken! #4] sic!

Herzlich willkommen zum vierten Beitrag in der Kolumne „Nahdenken!“. Kennen Sie das? Irgendwo im Internet, auf der Suche nach einer Information, begegnet es Ihnen, wie ein Gespenst taucht es unerwartet auf und erschreckt sic!

Grauenvoll, wahrlich. Dabei ist die Funktion dieses kleinen Wörtchens ziemlich unschuldig. Denn häufig anzutreffen in wissenschaftlichen Texten, dient es dort als redaktioneller Hinweis darauf, dass ein Zitat originalgetreu übernommen wurde – besonders dann, wenn dessen Inhalt fraglich ist oder sich ein Fehler im Quellentext eingeschlichen hat. Ein Beispiel anhand einer fiktiven Buchbesprechung:

Mex Mastermann stellt in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte von Galileo Galilei dar. Sein Schreibstil ist pointiert, seine Thesen herausfordernd. Bleibt zu hoffen, dass sein Einleitungssatz es auch sein soll. Dort schreibt Mastermann nämlich, dass „Galilei zweifelsohne einer der einflussreichsten Astrologen [sic] Italiens und der gesamten Welt“ gewesen sei.

Da ist Herrn Mastermann wohl ein Schnitzer unterlaufen, auf den uns der Autor des oben stehenden Textes hinweisen möchte; denn natürlich war Galilei wohl eher Astronom denn Astrologe. Indem unser fiktiver Autor also seinen Lesern mitteilt, dass Herr Mastermann einem Fehler erlegen ist, so muss jener sich doch selbst absichern, dass nicht er den Fehler durch gedankenloses Zitieren oder dergleichen verschuldet hat. Also schreibt er korrekterweise ein [sic] mit in das Zitat. – Lassen Sie uns da ein bisschen genauer hinschauen.

Zitate werden im Wortlaut wiedergegeben. Und immer, wenn man etwas daran ändert oder hinzufügt, verweist man darauf mit Anmerkungen, die man in eckige Klammern setzt:

Gierig fraßen sie [die Geier?, Anm. d. Verf.] das frische Cowboyfleisch.
oder
Ich möchte Ihnen in den folgenden 20 000 Wörtern kurz schildern, wie ich eines Tages fortging […] und am Ende feststellen musste, dass ich mein Portemonnaie vergessen hatte. Danke für Ihr Interesse.

Die erste Anmerkung in eckigen Klammern zeigt dem Leser an, dass das, was in den Klammern steht, nicht zum Zitat gehört, sondern von der Verfasserin, der Zitierenden, ergänzt wurde. Die zweiten eckigen Klammern weisen durch Auslassungspunkte darauf hin, dass ein Teil vom Zitat weggelassen wurde. Also kurzum, die eckigen Klammern sagen immer: Hier hat der Autor, der zitiert, etwas mit dem ursprünglichen Zitat gemacht, er hat es auf irgendeine Art bearbeitet.

Kommen wir aber nun zum eigentlichen Thema, zum sic. Sic stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: so. Demnach lässt sich das [sic] oben im Buchbesprechungstext etwa folgendermaßen lesen: „Diese Formulierung findet sich so im Original und stammt nicht von mir, der ich dieses Zitat zitiere“ oder kürzer „So steht es dort“. Daran ist bis jetzt nichts Seltsames oder Unübliches, so wird zitiert. Einen etwas gespenstigen Twist bekommt die Sache allerdings, wenn man auf Verwendungsweisen wie [!] oder [sic!] trifft.

Sicher, es gibt keine Vorschrift, die sagt: „So musst du, und das geht gar nicht!“ Deswegen finden sich in wissenschaftlichen Texten auch alle drei Varianten. Allerdings möchte ich die Frage stellen: Wie soll man [!] oder [sic!] am besten lesen? Oben bereitete das bei [sic] keine Schwierigkeiten, es steht für „So steht es dort“. Wie aber bei [!]? Soll man da im Geiste lesen „Ey!“, „Achtung!“ oder „Is’ so!“? Und bei [sic!] etwa „So steht es dort, wirklich, glaub mir!“? Wohl kaum, denn das erste wirkt aufdringlich, das zweite unglaubwürdig.

Darum wird hier für die Schreibweise [sic] plädiert, denn sie ist schlicht und elegant. Die eckigen Klammern zeigen an, dass auf etwas im Zitat hingewiesen werden soll, und sic präzisiert, dass es im Original genau so geschrieben steht, wie es zitiert wurde. Soweit zur Verwendung in wissenschaftlichen Texten. –

Doch findet sic, wie mir scheint, auch mehr und mehr im alltäglichen Bla-Blub-Schreiben Verwendung. Formulierungen wie „Da bin ich gestern voll besoffen (sic!!!) noch mit dem Auto nach Hause und hab die Karre voll in den Baum geparkt, scheiße!“ verdeutlichen es unzweifelhaft. Woher aber dieser Hang zu jenem ursprünglich redaktionellen Auszeichnungsvermerk? Man ahnt die Katastrophe …

Dass im Slang etwas als „krank“ bezeichnet werden kann, ist bekannt. Es ist dann in etwa „abgefahren“. Auch dass viele Anglizismen im Deutschen verwendet werden, ist nichts Neues. Sachen sind (gefühlt) schon immer „cool“ oder „abgespact“ gewesen (zu: „abspacen“ …) Warum also nicht die phonetische Ähnlichkeit bemühen und das kleine sic zum großen wilden Ausruf „Sick!“ transmutationieren und es der Abgespactheit halber in ursprünglicher Schreibung verwenden? Wirkt ja doch cool irgendwo – und die eckigen Klammern sind sowieso irgendwie komisch und irgendwarum viel zu umständlich auf der Tastatur einzugeben. Und noch paar Ausrufungszeichen extra passen eh immer. „Damit ist es [sic] dann angerichtet, der Salat.

Bis zum nächsten Mal!


[Linkzeit] Buchpakete gewinnen bei Matthias Czarnetzki / Besser schreiben mit Tipps von g:textet

Auf dem Blog von Matthias Czarnetzki läuft derzeit eine sehr schöne Aktion, bei der ordentlich E-Books abzugreifen sind. Das Vorgehen ist simpel:

1. E-Book mit Leseproben für 0,89 € kaufen oder sich auf seinem Blog als VIP-Leser anmelden (dann gibt’s das Buch geschenkt)
2. Leseproben im E-Book lesen
3. Die Fragen zu den Leseproben beantworten (und hier einsenden)
4. Sind die Antworten richtig, nimmt man automatisch am Gewinnspiel teil

Zu gewinnen gibt es humorvolle Bücher folgender Autoren:

  • Hellmut Pöll
  • Daniel Morawek
  • Dori Mellina
  • Michael Meisheit
  • Herfried Loose
  • Matthias Czarnetzki

Wenn Sie interesse haben, surfen Sie doch kurz auf Matthias Czarnetzkis Blog vorbei, dort gibt’s die Details. Teilnahmeschluss ist der 21.05.2013. Auf zu neuen Büchern!

Doch das war noch nicht alles, was es umsonst gibt! Gudrun Lerchbaum hat auf ihrem Blog g:textet einen wundervollen Artikel mit Tipps zum bewussten Schreiben eingestellt. Ein Venedigaufenthalt und die anstehende Überarbeitung ihres Romans haben Sie dazu bewogen, ein bisschen darüber nachzudenken: „Was darf man, was ist unvermeidlich, was geht gar nicht?“ Gemeint ist die Verwendung floskelhafter Sprache. Kurzweilig und aufschlussreich, uneingeschränkt zu empfehlen! Klick!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 4] Maya Rinderer – nach der leiche

Sieben Tage seit dem letzten Gedicht! Zeit für neue lyrische Kost und damit herzlich willkommen zur vierten Folge des lyrischen Mittwochs auf dem textbasis.blog. Mit Freude darf ich Ihnen dieses Mal die österreichische Dichterin und Autorin Maya Rinderer vorstellen. Ihre Gedichte veröffentlicht sie regelmäßig auf ihrem Lyrik-Blog, ihr Debüt-Roman „Esther“ ist bereits 2011 erschienen. Derzeit arbeitet sie an einem Gedichtband mit dem Titel „An alle Variablen“, der voraussichtlich im Juni dieses Jahres erscheinen wird, sie schreibt Kurzgeschichten, feilt an einem Theaterstück und konzipiert ein Drehbuch für eine Miniserie. Mit vollem literarischem Schub gibt sich Maya dem Schreiben hin und ich bin froh und dankbar, dass sie diesem Interview so kurzfristig zugesagt hat.
Das Gedicht „nach der leiche“ zeigt uns, wie intensiv die Beziehung zwischen Autorin und Gedicht ist. Oftmals gleicht sie einem Krimi – man begibt sich auf die Suche, man inspiziert und manchmal seziert man auch: sich selbst. Bereit sein zu finden, Teile von sich zu verpacken, den Preis für die egopathologische Arbeit zu zahlen, sich selbst wie den Satzfluss zu verlieren. Fragment um Fragment bergen, weitermachen, weiterschreiben, heraufholen, was es da unten in sich gibt; und am Ende den Fall auflösen: blut- und emotionsverschmiert sich selbst erkennen –

nach der leiche

ich schreibe mir einen weg durch
durch mein ich schreibe mir
hast du mich unter dem boden gefunden
was hast du mit meinem körper gemacht
ihn in zeitungspapier eingewickelt

ich schreibe mich durch und auch
streiche ich mich durch und durch
werde ich niemals sein wenn du mich
nicht freilässt mir nicht vertraust
dass ich schon weiß was für

ich schreibe das beste für mich wäre
was das beste für mich schreiben
hast du meinen körper auseinander
genommen um zu sehen was
überhaupt in ihm drin ist wie er

ich schreibe mir einen weg durch
weg durch mein leben durch meinen
körper den du in zeitungspapier
ich pflücke mich auseinander damit ich
mich von innen heraus verstehen kann

Maya Rinderer

Maya Rinderer

Textbasis: Vielen lieben Dank für deine Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Maya, es ist toll, dein Gedicht hier auf dem Blog vorstellen zu können. Dein Text nimmt uns mit auf eine intensive, in blutiges Zeitungspapier verpackte Reise, die beschreibt, wie nah Schreiben immer mit dem eigenen Empfinden und Fühlen verbunden ist – und wie schwierig es sein kann, sich selbst wirklich zu finden. Was bedeutet Schreiben für dich und wann hast du deine Leidenschaft für Wort und Text entdeckt?
Maya Rinderer: Vielen Dank für die Anfrage, beim lyrischen Mittwoch mitzumachen! Ich habe einmal gehört, dass Autoren nie über das Schreiben schreiben sollten, aber genau das tue ich, um seine Bedeutung verstehen zu lernen, die ist nämlich so riesengroß in meinem Leben, dass es mir schwerfällt, sie zu erklären. Es ist diese Art, in Geschichten zu denken, das tue ich, seitdem ich klein bin. Bevor ich schreiben konnte, habe ich meine Texte meinen Eltern einfach diktiert. Sobald ich selber schreiben konnte, begann ich, alle Möglichkeiten zu erforschen, ich begann Wörter zu sammeln, die sich reimen, experimentierte mit Onomatopoesie, schrieb auch längere Geschichten, aber mein Traum war es immer, einen Roman zu schreiben. Die Bedeutung des Schreibens liegt für mich darin, dass ich es tun muss, weil all die Ideen und Gedanken, die ich habe, verarbeitet werden müssen. Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe.

Textbasis: Dein Debüt-Roman „Esther“ ist vor zwei Jahren erschienen, du arbeitest gerade an einem Gedichtband – und schreibst dabei noch an zahlreichen anderen Projekten. Wie sehr beeinflusst das Schreiben dein Leben und was inspiriert dich, was treibt dich an und woher bekommst du all die Ideen für deine Texte?
Maya Rinderer: Einfach zu leben gibt mir so viel, worüber ich schreiben kann. Ich höre zum Beispiel Dialoge oder Gedichtzeilen in meinem Kopf, ohne bewusst darüber nachzudenken, alles was ich tun muss, ist sie aufzuschreiben und daraus einen fertigen Text zu bauen. Weil ich Angst habe, irgendwelche Ideen verpassen zu können, habe ich immer ein Notizbuch dabei. Die Menschen in meiner Umgebung sehen mich ständig schreiben. Man könnte sagen, dass das Schreiben mein Leben bestimmt, aber mir macht das nichts aus, weil ich es so gerne tue.

Textbasis: Vielen Dank, dass du uns diese Einblicke in dein künstlerisches Schaffen gewährt hast. Wie ich „nach der leiche“ verstehe, hält uns dein Gedicht einen Spiegel vor, der uns zeigt, was eigentlich passiert, wenn wir versuchen, unser Inneres niederzuschreiben. Welche Rolle spielt die Lyrik, spielen Gedichte überhaupt noch in einer Zeit, in der alles immer schneller wird, in der Gefühle zu Emoticons werden?
Maya Rinderer: Ich habe einmal geschrieben „Gesichtsausdrücke sind auch nur Satzzeichen“. Damit will ich sagen, dass man die Gefühle schreiben kann, sie aber nur eine Annäherung, ein Porträt der Wirklichkeit sind. Das versuche ich mit meinen Gedichten, ich will, dass die Menschen sich darin wiederfinden können. Man könnte sagen, dass in „nach der leiche“ das Schreiben zu weit ging, das Unbewusste aufgedeckt hat, weil das Schreiben die Seele freilegt.

Textbasis: Viele Gedichte auf deinem Blog verwandeln scheinbar alltägliche Situationen in Wortdimensionen lyrischen Empfindens, wie du zuletzt mit „vogelperspektive“ erneut wortstark vorgeführt hast. Nun stammen die Gedichte auf deinem Blog aus den Jahren 2011 und 2012, dein neuer Gedichtband ist für Juni 2013 geplant. Was erwartet deine Leser, wenn sie diesen Sommer deine neuen Verse genießen?
Maya Rinderer: Die Gedichte in „An alle Variablen“ sind anders als die, die ich im Blog poste, formal und teilweise inhaltlich. Diese hundert Gedichte sind zusammengesetzt eine lange Geschichte wie in einem Roman, ich verarbeite darin genaugenommen meinen Schulalltag, meine Freundschaften. Vielleicht ist es mir sogar gelungen, zu zeigen, wie die heutige Jugendgesellschaft ist. Ich zitiere häufig meine Freunde, erzähle von wahren Begebenheiten, dann geht es wieder um Ängste und die Zukunft und dass wir uns jeden Tag von Neuem eine Utopie zu bauen versuchen.

Textbasis: Ich denke, dass dies eine gute Umschreibung der Lyrik ist: Einerseits die eigenen Gefühle zu verarbeiten und andererseits die alltäglichen Utopien zu durchleuchten. Nähern wir uns der Lyrik einmal von einer anderen Seite. Wenn du entscheiden müsstest: Welche Jahreszeit ist die Lyrik?
Maya Rinderer: Ich schreibe viel über Regen. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst, aber Lyrik ist wie Sommerregen.

Textbasis: Der Vergleich lädt zum Träumen ein! Gibt es neben deinen Gedichten und begonnenen Projekten schon weitere Ideen für neue Texte? Was hält die Zukunft für uns aus deiner Feder bereit? Was sind deine langfristigen literarischen Pläne und Wünsche?
Maya Rinderer: Neben dem Roman, an dem ich derzeit arbeite, habe ich auch eine fast ausgereifte Idee für eine Fortsetzung für „Esther“ aus der Perspektive der sogenannten dritten Generation, zu der ich auch gehöre, den Enkeln von Holocaustüberlebenden. Gedichte schreibe ich auch weiterhin. Mein Traum ist es, genug Material zu sammeln, um die Geschichte meiner aus Syrien stammenden Großmutter niederzuschreiben.

Textbasis: Ich wünsche dir, dass du diesen Traum wahr werden lassen kannst. Zum Abschluss noch eine etwas andere Frage. In einer Kunden-Rezension auf der Webseite eines großen Online-Versandhauses kann man begeisterte Worte zu deinem Roman „Esther“ lesen. Wie sind die bisherigen Reaktionen deiner Mitmenschen auf deine Liebe zur Sprache und auf deine Texte?
Maya Rinderer: Die Reaktionen auf das Buch waren ganz verschieden. Ich habe viel Unterstützung bekommen, es gab aber auch Menschen, die meinten, es sei eine Anmaßung, über das Thema des Holocaust zu schreiben, wenn man zwölf Jahre alt ist und ihn nie selber erlebt hat. Ich schätze jede Kritik und möchte dennoch betonen, dass es für mich das Wichtigste in meinem Leben gewesen ist, dieses Buch zu schreiben. Erst dadurch habe ich gelernt, mit der Vergangenheit meiner Familie umzugehen.

Textbasis: Mit diesen Worten der jungen, vielversprechenden Autorin Maya Rinderer sind wir schon wieder am Ende der heutigen Folge angekommen. Wie immer gilt mein Dank der Autorin für das Beantworten der Fragen und das Bereitstellen des Gedichtes. Ohne Mayas freundliche und schnelle Zusage hätte der lyrische Mittwoch diese Woche aus organisatorischen Gründen ausfallen oder verschoben werden müssen. Herzlichen Dank für die professionelle Zusammenarbeit und dein Engagement! Und für die Zukunft natürlich alles Gute und viel Erfolg bei der Umsetzung deiner Pläne und Träume!
Möchten Sie weitere Gedichte der Autorin lesen? Besuchen Sie bitte Ihren Lyrik-Blog und erleben Sie noch mehr Nahaufnahmen von Bekanntem aus ganz anderen (Innen)Perspektiven. Viel lyrisches Vergnügen, bis nächste Woche!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, kontaktiere mich bitte per E-Mail, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Nahdenken! #2] Kreativ kopiert, verliert

Über rollende Rubel freut man sich, überrollende Rubel dagegen können schnell wehtun. Herzlich willkommen zum zweiten Artikel in der Kolumne „Nahdenken!“

Es geht um das: Geld. Und es geht um das: Schreiben. Beide fügen sich oftmals nicht in die Verbindung, die man sich wünsch, besonders dann nicht, wenn man selbst Autor ist. Man schreibt zwar, aber das liebe Geld will nicht so richtig. Viele Autoren kennen die Situation und es ist vor allem für Erstveröffentlichungen schwierig, den Absatz zu finden, den man sich erhofft. Es ist schwer dahin zu kommen, dass sich die viele Zeit, die man ins Schreiben gesteckt hat, auszahlt. Das kennen viele und daran lässt sich auch nichts ändern. Der Beruf des Schriftstellers ist einer, der Mut erfordert, aber auch einer, der neben allem Mut immer vom Wohlwollen der Leser und oft von der Veröffentlichung bei einem Verlag abhängt. Doch wie kommt man nun verflixt nochmal dahin, dass sich die Mühe und all das Herzblut endlich lohnen?

Eine Antwort – und das ist gerade diejenige, von der ich abraten möchte – ist das kreative Kopieren von Stoffen, Perspektiven und Trends. Kreativ nenne ich es deswegen, da ich fest davon überzeugt bin, dass jedes Kopieren immer vor dem Hintergrund einer eigenen Vorstellung stattfindet. Meint: Ich lese etwas, es gefällt mir und es ist erfolgreich, ich mach es auch so. Prinzipiell ist dagegen natürlich nichts einzuwenden, denn man plagiiert schließlich nicht, sondern man lässt sich lediglich stark inspirieren. Das ist in Ordnung, aber das kann schnell gefährlich werden.

Denn jeder kennt das Gefühl, wenn man ein Buch ermüdet aus der Hand legt, weil man das Gefühl hat, es so ähnlich schon tausendmal gelesen zu haben. Und wenn das passiert, dann kommt es gar nicht erst dazu, dass der Rubel an Fahrt gewinnt, und dann kommt er auch nie bei einem selbst an. Denn der Widerspruch liegt schon in der Überlegung, die hinter einem solchen Vorgehen steckt: Ich mach es wie andere! Aber wenn ich etwas wie jemand anderes mache, so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes. Das klingt blöd, aber es ist so. Das „ich“ bekommt man nicht weg, man wird nie zum Original, man bleibt der, der nachmacht (wie kreativ auch immer).

Betrachtet man das aus finanzieller Perspektive, dann sieht das folgendermaßen aus: Etwas ist gut und neu und erfolgreich – es bringt viel Geld. Das will man natürlich auch. Wenn man es nachmacht, dann kann es immer noch gut sein (und eventuell auch erfolgreich), aber es wird natürlich nicht zu etwas Neuem. Das liegt ja in der Natur der Sache. Nun ist es aber gerade so, dass die bekanntesten Autoren auch diejenigen sind, von denen man gern etwas nachmachen möchte (denn man findet es ja gerade mit vielen anderen Lesern zusammen gut, deswegen wird es ja erst erfolgreich). Verständlich, aber das kann langfristig doch nicht das Ziel sein, wenn man mit ganzem Herzen schreibt! Man will doch nicht nur den Profit, man will doch auch zu einer Schriftstellerin oder zu einem Schriftsteller werden, von dem die anderen abschreiben wollen!

Natürlich wieder einmal leichter gesagt, als getan. Aber ich denke, dass jeder, der sich dem Schreiben verschrieben hat (Entschuldigung!), dies tut, weil es ein innerer Drang ist und nicht, weil man schnell Geld machen will (dies wäre das wünschenswerte Ergebnis, keine Frage). Doch das schnelle Geld als Autor zu verdienen, ist in etwa so wahrscheinlich, wie das schnelle Geld beim Lottospielen einzuheimsen. Mit einem Unterschied, wohlgemerkt! Beim Lotto stehen die Chancen immer gleich schlecht, beim Schreiben kann man seine Chancen beeinflussen. Und ein erster Schritt dazu ist der, dass man dem Leser auf keinem Fall das Gefühl vermittelt, dass er schon tausendmal gelesen hat, was er dort vor sich sieht.

Was heißt das bis hierher? Kreatives Kopieren kann gut und erfolgreich sein, aber es wird nie zu etwas führen, das für viele andere inspirierend wirkt. Drei Gründe, warum das langfristig schlecht ist: man wird unzufrieden mit sich selbst, wenn man nichts Eigenes schafft; man läuft Gefahr den Leser zu langweilen; man wird für andere nie das Vorbild sein, von dem man selbst kreativ kopierte (weil man nichts Neues, nicht Kopierwürdiges schafft). Schlussfolgerung: Immer etwas völlig Neues erfinden! Um Gottes Willen, bloß nicht. Die Schlussfolgerung ist natürlich völliger Mumpitz und keinesfalls, wozu ich als Alternative raten möchte. Denn wenn schon nicht allen gelingt, ein Buch gut kreativ zu kopieren, so gelingt es nur den Allerwenigsten, eines ganz neu und innovativ zu machen. Richtige Schlussfolgerung: an dem orientieren, was es schon gibt. Das klingt jetzt wie ein Widerspruch, ich weiß.

Dennoch liegt darin der erste Schritt, ein Buch zu Scheiben, was der Verleger im Programm haben will und was der Leser bis zum Schluss gierig in der Hand hält. Denn ich meine nicht, man soll sich an dem orientieren, was es schon gibt im Buchhandel, sondern, was es in einem selbst schon gibt. Denn wenn ich schreibe, wofür ich mich interessiere, dann wird es zu etwas, das ich gemacht habe, wie ich es will – und darin liegt schon der ganze Unterschied zu dem Satz weiter oben, wo es hieß: „so ist das Ergebnis immer: etwas, das ich mache wie jemand anderes.“ Nicht das „ich“ muss weg, damit man sich möglichst dem „jemand anderes“ annähert! Das „jemand anderes“ muss weg.

Indem man dieses „jemand anderes“ von sich wegschiebt, sollte man sich aber auch keinesfalls isolieren. Viel zu lesen und vieles gut zu finden (und auch vieles schlecht), ist Grundvoraussetzung jedes Schreibens. Aber der Satz „Ich will wie jemand anderes“, der muss verschwinden. Her muss: „Jetzt will ich!“ – und dann wird in die Tasten gehauen bzw. beginnt man dann, sich sein Buch auszudenken. Inspirieren lassen, natürlich. Kreativ kopieren: bitte nicht.

Denn wenn der Rubel rollen soll, dann darf weder der Verleger das Gefühl haben: „Nichts Eigenes drin, weg damit“ und auch der Leser darf nicht denken: „Schon wieder immer dasselbe!“ Und da der Verlag nicht will, dass der Leser so etwas denkt, wird er es auch selbst merken und eventuell von einer Veröffentlichung absehen. – Daher kommt dann auch der viele Mut, der zum Schreiben nötig ist. Denn man muss sagen: Ich mach das jetzt, wie ich es will, auch wenn zurzeit viele es anders machen; denn ich will das. Come hell or high water! Und glauben Sie mir, wenn Sie es machen, wie Sie es wollen, dann merken das auch Verlag und Leser, dass hier ein Autor das gemacht hat, was er wollte – und nicht, was er kopieren wollte.

Das ist das Geheimnis. Und jetzt braucht es nur noch die ganzen anderen Dinge, die für gutes Schreiben nötig sind: Begabung, Ausdauer, gute Ideen, viel Zeit und Geduld – die Liste könnte noch sehr viel länger werden, aber ich fasse zusammen. Wenn Sie das Geheimnis (was eigentlich gar nicht so geheim ist) erkannt haben, dann braucht es: den Mut der Autorin, den Mut des Autors. Denn ohne den geht gar nichts. Nicht einmal, etwas zu kopieren (besonders dann, wenn es nicht kreativ kopiert wurde) … man weiß ja durch die Medien, wozu das im schlimmsten Fall führen kann und dass das oft mit Rücktritten verbunden ist.

Denn dann wurde man vom Rubel überrollt: Man will ihn, man greift nach ihm, man bekommt ihn, doch dann erwischt er einen, und man liegt da. Man war wer, aber man hat nichts hinterlassen (außer sich selbst auf dem Boden). Um Freund mit dem Rubel zu werden, muss man zuerst Freund mit sich selbst sein. Denn die Freundschaft zum Rubel ist immer eine tückische, die zu sich selbst eine notwendige.