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Alter Grieche! Aristoteles’ Poetik #1 – Sympathie

Wie im Roman, so im Leben. Manchmal hört oder liest man einen Satz und denkt sich: da steckt viel Wahrheit drin!. Dabei ist es eigentlich unklar, was man mit „Wahrheit“ genau meint. Der Satz passt eben einfach gerade gut. Eventuell denkt man auch an etwas völlig anderes, als das, was der Autor oder Sprecher meinte. Dies schließt direkt an den Beitrag von vorletzter Woche an, wo es ja um die Möglichkeit ging, Texte absichtlich für den Leser offen und mehrdeutig zu lassen. Denn in einem Text steckt nicht nur, was der Autor sagen wollte, sondern vielmehr eine Blaupause für unendlich viele eigene Gedanken.

Auf diese Weise möchte ich mich auch mit der Poetik von Aristoteles beschäftigen (eine Poetik ist dabei ein Werk, welches Hinweise zum richtigen Schreiben gibt). Weder soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfolgen, noch soll die Bedeutung des Werkes mit anderen Poetiken verglichen werden. Vielmehr will ich einzelne Sätze herausgreifen und zusammen mit Ihnen ein bisschen über diese nachdenken und ein paar Überlegungen ableiten, welche für das tägliche Schreiben nützlich sein können. Auf diese Weise geraten die Klassiker nicht in Vergessenheit und es entsteht lebhafter, staubfreier Dialog.

Beschäftigen wir uns also heute mit einem kurzen Zitat gleich aus dem Beginn der Poetik.

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte.“1

Die „Nachahmenden“ können wir als die Autoren verstehen, welche in ihren Büchern die Welt nachahmen. Autoren schreiben erfundene Geschichten in eine Welt, die unserer ähnlich ist. In diesen Geschichten kommen Personen vor, die „entweder gut oder schlecht“ sind. Nun möchte man nicht so schwarz-weiß malen und alle Menschen in gute und schlechte einteilen. Sagen wir also: alle Menschen sind unterschiedlich sympathisch. Dazu zählen die Menschen der realen Welt, als auch die Personen in einem Roman. Geht man nun derart mit Aristoteles mit, so unterscheiden sich eben alle Menschen und Romanfiguren dadurch, dass sie unterschiedlich sympathisch sind.

Behalten wir folgende Worte im Hinterkopf: „die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien“. Also: sympathisch oder unsympathisch. An dieser Stelle können wir aus dem alten Griechenland ins Jetzt zurückkehren. Wuschhh… Denken wir nur daran, wie schnell wir im Alltag unterscheiden können, ob uns jemand sympathisch ist oder ob wir das Gefühl haben „nicht so richtig warm“ zu werden. Dieses Gefühl kennen wir alle. Und da nun auch jede Figur in einem Buch immer etwas mit einem echten Menschen gemeinsam hat (nämlich das, dass wir sie als menschenähnlich erkennen), so finden wir Romanfiguren ebenfalls sympathisch oder unsympathisch.

Für das Schreiben ergibt sich daraus die einfach gesagte Regel: Die Hauptfigur im Buch, das muss auch die Sympathische sein. Nur wenn der Leser ein Interesse an einer Figur entwickelt, so wird er auch weiterlesen. Dabei muss die Figur natürlich kein Saubermann oder eine Heilige sein. Aber der Leser darf nie das Gefühl haben: „Was für eine Idiotin, was für ein Trottel, keine Lust weiterzulesen.“ Da stellt sich natürlich die Frage: Wie macht man das, dass eine Figur dem Leser sympathisch erscheint, auch wenn Sie eigentlich ein Fiesling ist?

Drei Dinge erscheinen mir wichtig: 1. Die Figur braucht ein Motiv, damit Ihr Handeln nachvollziehbar ist. Robin Hood wäre ein einfacher Verbrecher gewesen, wenn nicht seine Taten durch ein besonderes Motiv gerechtfertigt gewesen wären. 2. Die Figur muss Interesse wecken beim Leser. Denn ein Mensch, dessen Wortschatz beschränkt zu sein scheint auf „Hmm“ und „Hmhm“ wird einem kaum sympathisch erscheinen. Wir erfahren nichts über ihn und haben auch keine Lust weiter nachzufragen. Wir sind nicht interessiert, wie es mit ihm weitergeht (und das ist der wahre Tod einer Hauptfigur). 3. Eine Figur muss den Willen besitzen, Schwierigkeiten zu überwinden. Interessant wird ein Charakter, wenn er eine Lösung sucht, um Schwierigkeiten zu beseitigen, die sein Handeln behindern. „Ein Sturm zieht auf, wir müssen runter vom Himalaya, doch oh! ein Besatzungsmitglied ist verschwunden!“ Falsche Antwort: „Hmhm … egal.“ Wahrlich eine spannende Geschichte mit einer starken Hauptfigur …

Sympathisch wird eine Figur also, wenn sie ein starkes Motiv hat, dass ihre Handlungen rechtfertigt, wenn sie eine interessante Geschichte besitzt, von der wir als Leser gern mehr erfahren möchten, und wenn sie interessant reagiert auf Probleme (die eigentlich jeder Autor seinen Hauptfiguren immer in den Weg zu legen scheint). Umgekehrt heißt das, dass eine Hauptfigur auf dem besten Weg ist, unsympathisch zu werden, wenn sie nicht nachvollziehbare Sachen tut, wenn sie maulfaul und uninteressant ist und wenn sie Probleme ignoriert, anstatt sie zu lösen.

Wenngleich dieses Rezept natürlich nicht verbindlich ist, so gibt es doch ein paar Anhaltspunkte, seine Charaktere so zu erschaffen, dass sie gern gelesen werden. Denn das höchste Gut des Autors ist die Neugier des Lesers, mehr über die Hauptfigur erfahren zu wollen und sie bei ihren Entscheidungen begleiten zu können. Dabei ist es mit den Charakteren so, wie es Aristoteles schon geschrieben hat: Wie jeder Mensch gut oder schlecht ist, so sollten es auch die Romanfiguren sein. Zwar verlassen wir die moralische Ebene, wenn wir statt „gut“ und „schlecht“ „sympathisch“ und „unsympathisch“ einsetzen. Doch darin liegt die Chance, auch moderne Geschichten erzählen zu können, wo nicht immer der Böse auch der Unsympathische ist (man denke an Tarantinos Pulp Fiction und die Bodenwelle).

Rundum: Wie jeder Mensch aus Fleisch und Blut sympathisch oder unsympathisch sein kann, so sind es auch Ihre Romanfiguren für Ihre Leser. Deswegen gestalten Sie Figuren mit interessanten Lebensgeschichten, starken Handlungsmotiven und guten Einfällen,  denn es ist im Roman wie im Leben – und das wusste auch schon Aristoteles.
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Buchempfehlung und Quellenangabe:
1Aristoteles: Poetik. S. 7.
Bibliogr. erg. Ausg. Ditzingen: Reclam,
1994. – ISBN 3-15-007828-8


Spiel mit dem Verstehen

„Ich habe keine Eier!“

Dies sei die Überschrift eines kurzen Textes.

Kapitel 1: Die Torte
Miriam will eine Torte backen. Sie schaut in den Kühlschrank. „Mist!“, denkt sie, „da fehlen ja die ganzen Zutaten. Neija, muss ich eben nochmal los.“ Sie nimmt Zettel und Stift und notiert: „Butter, Sahne, Erdbeeren“.
Miriam verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
„Wo mein Freund bloß wieder steckt …“ Sie schaut auf die Uhr. „Eigentlich viel zu spät zum Torte backen – und müde bin ich auch schon.“
Sie räumt die Zutaten in den Kühlschrank. „Oh nein, jetzt hab ich die Eier vergessen … zu dumm aber auch. Ich leg mir besser den Einkaufszettel hin, damit ich morgen dran denke, die noch zu besorgen. Aber jetzt geh ich erst mal zu Bett.“

Kapitel 2: Der Zettel
Frank eilt nach Hause. Der blöde Stau hatte ihn aufgehalten und er ist über eine Stunde zu spät. Hoffentlich nimmt ihm Miriam das mal nicht krumm. Er schließt auf, vor der Schlafzimmertür stehen Miriams Plüsch-Schafpantoffeln. Sie schläft also schon.
Eine Käsestulle will er sich zum Abendessen machen, aber auf dem Weg zum Kühlschrank entdeckt er einen Zettel auf dem Tisch. „Miriam wird sich bestimmt freuen, wenn ich ihr noch die Sachen kaufe, dann kann sie morgen den Samstag ganz entspannt angehen.“
Frank verlässt das Haus, geht einkaufen und kommt abgehetzt zurück.
Nachdem er Sahne, Butter und Erdbeeren im Kühlschrank hat, isst er ein Brot mit Käse, einem köstlichen Rotschimmelkäse, und geht ebenfalls zu Bett.

Kapitel 3: Das unheilvolle Ende
Der nächste Morgen. Miriam in der Küche, Frank im Bad.
„Ich geh nur schnell los was kaufen, Frank. Ich will eine leckere Torte backen!“ – „Die Sachen hab ich gestern noch für dich gekauft, Schatz. Da bist du überrascht, was?“ – „Schon … aber hast du auch Eier gekauft?“ – „Wie? Ich habe keine Eier! Nur das, was auf dem Zettel stand.“ – „Aber jetzt haben wir doch alles doppelt – und immer noch keine Eier. Ach, Frank!“ – „Ach, Miriam!

Genug der Prosa. Schauen wir etwas genauer hin. Miriam steht für alle Autorinnen und Autoren dieser Welt. Frank für die gesamte Leserschaft. Und was Miriam mit dem Einkaufszettel tatsächlich meint, das weiß auch nur Miriam. Frank hingegen glaubt lediglich zu wissen, was Miriam meint – und er geht los und kauft die falschen Sachen.
Wenn also schon eine einfache Einkaufsliste für derartige Verwirrung sorgt, welch mögliches Wirrwarr birgt ein Zeitungsartikel, welch Katastrophe gar ein ganzer Roman?

Sie ahnen, worauf ich hinaus möchte. Das einzig Gewisse an jedem Text ist, dass er missverstanden werden kann (und werden wird, folgt man Murphys Gesetz). Dieses Missverstehen ist dabei jedoch nicht immer etwas Negatives.
Einerseits sollte man sich als Schreibender durchaus bewusst sein, dass oft gerade das, was man eigentlich sagen wollte, ganz anders verstanden wird (da der Leser keine Gedanken, sondern nur Buchstaben lesen kann). Andererseits bieten sich dadurch auch viele Möglichkeiten. Denn stellen Sie sich den Text vor, der nicht missverstanden werden könnte (Gebrauchsanleitungen sind leider keine solchen Vertreter). Der Autor nähme dem Leser all seine Fantasie. Denn da, wo der Leser etwas nicht weiß, da malt er die schwarzen Buchstaben in seinem Kopf mit Farben zu einem Bild, zu seinem Bild.

Geben Sie also Ihren Lesern die Möglichkeit zu Malen. Schreiben Sie „gespenstiger Nebel“ und nicht „der Nebel war matt und grau, ein bisschen weiß; man meinte nichts zu erkennen in der Ferne, aber hätte man nachgemessen, so hätte man festgestellt, dass man immerhin drei, ja fast vier Meter weit blicken konnte. Auch die Umrisse der Häuser und Bäume waren gut erkennbar, wenn man seine Augen etwas an das Schummrige gewöhnt hatte.“ Ein wahrhaft gespenstiger Textnebel! Schreiben Sie: „Im Mondschein sprang ein Schatten vor uns über die Straße.“ und nicht: „Das Reh sah beinahe aus wie ein Mensch, zwar sprang das Tier schnell über die Fahrbahn, aber man konnte es deutlich erkennen, und das, obwohl es schon recht finster war am Abend.“

Spielen Sie mit dem Leser, lassen Sie ihn im Unklaren. Achten Sie jedoch auch darauf, dass wichtige Stellen nicht völlig dunkel bleiben: „Der Mörder trat hinter sie. Sie küsste ihn. Dann war ihr Freund tot. Doch er lachte.“ Lassen Sie den Leser Gespenster sehen und sagen Sie ihm nicht, dass eigentlich gar nichts in den dunklen Schatten am Waldrand lauert. Legen Sie Miriams Einkaufsliste auf den Tisch, aber gehen Sie danach nicht zu Bett. Ein bisschen Unklarheit ist gut, aber zu viel kostet sie hinterher nur die Torte.


Du kanst misch mal lesen! Rechtschreibung und Höflichkeit

hallo zum Blogeintrahg fon die Woche!

Fühlen Sie sich begrüßt? Aber verstanden haben Sie schon, was da oben steht – von daher kann ich mich eigentlich entspannt zurücklehnen.

So einfach liegt die Sache dann wohl doch nicht und ich heiße Sie auch diese Woche wieder herzlich willkommen zum sonntäglichen Blogeintrag hier auf dem textbasis.blog. Heute geht es um korrekte Rechtschreibung und warum es sinnvoll ist, seine Texte zumindest kurz zu überfliegen, nachdem man mit dem Tippen fertig ist.

Stellen Sie sich vor, Sie bekommen eine atemberaubende Gehaltserhöhung und finden folgendes Schreiben dabei:

Seer gehrte Frau Muster, führ ihre dolle Abreit habe ich mich entschloßen Ihnen ab so fort viel mehr Gelt, dobbelt so viel, zu bezahln. Vilen Dank!

Ich meine, man könnte damit leben, dass der Verfasser eventuell noch das Eine oder Andere bezüglich der deutschen Rechtschreibung lernen könnte. Denn ab sofort klingeln die Kassen – und was bedeutet da schon dieser oberflächliche Wisch?
Andererseits ist es in vielen Fällen gerade nicht so, dass es keine Rolle spielt, wie ein Text geschrieben wurde. Die Idee zu diesem Blogeintrag kam mir während des Lesens folgender Textstelle:

The sight of this ill-spelled, badly written document was the final blow; its crudities stung me even more than the message it contained, though this was blunt enough.1 (auf Deutsch: „Der Anblick dieses falsch geschriebenen, schlecht verfassten Schriftstücks war die traurige Krönung; seine Schroffheiten trafen mich mehr als die Botschaft, die es barg, obgleich diese schonungslos genug war.“)

Die Sprecherin ist die Romanfigur Evelyn. Zusammen mit einem Liebesschwindler floh sie vom Anwesen ihres Großvaters. Dieser, sehr verärgert, enterbte Evelyn. Als Alberto, der besagte Liebesschwindler, davon erfährt, lässt er Evelyn mittellos und allein in Italien sitzen; in seinem Abschiedsbrief erwähnt er, dass er sich auf die Suche nach einträglicherer Gesellschaft begeben habe.
Trotz aller Kürze der geschilderten Ereignisse ist die Reaktion Evelyns auf die hinterlassene Nachricht verwunderlich. Die Art und Weise, wie Alberto geschrieben hatte, schmerzt sie mehr als die Botschaft selbst!

Nun haben wir zwei Beispiele: die Gehaltserhöhung und Albertos Botschaft an Evelyn. Im ersten Fall ist die Rechtschreibung vernachlässigbar und Frau Muster freut sich über den Inhalt. Im zweiten Fall vernachlässigt Evelyn den Inhalt und ist erbost über die Rechtschreibung. Denkt man über diese beiden widersprüchlichen Beispiele nach, kommt man schnell zu einer Einsicht: Rechtschreibung ist nicht allein deswegen wichtig, um verstanden zu werden. Sie dient überdies dazu, sich angemessen auszudrücken.

Denn auch wenn etwas grauhenfoll falch geschrieben ist, verstehen wir meist, was gemeint ist (und der Gurnd dfüar ist nihct aeilln, dsas die Bchuastebnolgfe in eienm Wort gar nchit so wchiitg ist). Der Grund ist vielmehr, dass wir uns die Fehler beim Lesen wegdenken, weil wir vom Wort zum Sinn wollen. Unsere Neugier ist einfach zu groß, denn wir wollen erfahren, was da steht. Wir wollen nicht an Rechtschreibfehlern hängenbleiben.
Aber das schiene dann ja doch zu heißen, dass man eigentlich gar nicht richtig schreiben müsse, wenn des Lesers Neugier schon dafür sorgen werde, den Sinn zu finden. (Was dabei nicht immer so leicht für den Leser ist, wenn man beispielsweise statt von Uranvorkommen von Urahnvorkommen spricht).

Doch Vorsicht mit solchen Schlussfolgerungen. Denn egal ist es sicherlich nicht, wie man schreibt. Dies führt uns Evelyns Reaktion deutlich vor Augen. Für sie ist die Nachricht der Dolch; jedoch die Stiche desselben in ihr Herz sind die Fehler und der Unflat des Textstücks! Indem der Schwindler Alberto sich keine Mühe gab, ordentlich zu schreiben, beschmutzte er Evelyn umso mehr. Dass er sich nicht die Zeit genommen hat, ihr wenigstens einen letzten Rest Respekt entgegenzubringen und dass er die Nachricht schrieb wie eine unbedeutende Einkaufsliste, das erschüttert die arme Evelyn – und das ist es auch, was jeden Leser erschüttert: dem Autor nichts zu bedeuten!

Denn der Leser ist nicht so doof, dass er nicht versteht, was da vor ihm steht – und sei es noch so falsch und schrecklich geschrieben. Er wird nur nicht allzu oft so gutherzig sein, die Respektlosigkeit des Autors zu vergeben. Wie man nicht sagt: „Ey, du Bäcker, mach mirn Sack voll Brötchen!“, so schreibt man auch nicht: „kanst du mir bite beim Mahlern helfen Morgen mittag!?mfg“.
Wenn der Leser nicht spürt, dass sich der Autor alle Mühe gibt, kein grober Alberto zu sein, dann wird der Leser nie glücklich frohlocken – und auch nie denken: Das liest sich gut, das hat er schön gesagt, der schreibt toll, den les ich wieder!“

Es reicht demnach nicht, sich nur verständlich zu machen. Der Leser erkennt nahezu immer, was man von ihm will. Es kommt darauf an, dem Leser zu vermitteln: Dafür, dass du meinen Text liest, danke ich dir – und sei es nur dadurch, dass ich mir für dich Mühe gegeben habe beim Schreiben. Der Inhalt mag dann sein wie er will, aber diese Höflichkeit sollte die Voraussetzung jedes Textes sein. Sie ist der Dank dafür, dass ein Leser sich überhaupt Zeit nimmt, meinen Text zu lesen.

Und wenn man sich große Mühe gegeben hat und der Leser das auch spürt, dann macht es auch nichts, wenn sich mal ein Tippfelher einschleicht oder man das ein oder andere Komma falsch gesetzt hat. Denn es kommt nicht darauf an, perfekt zu sein, es kommt darauf an: höflich zu sein. Wer es gut meint, mit dem meint man es auch gut. Wer sich aber gar keine Mühe gibt, von dem wird man schnell denken, dass er nicht nur unhöflich ist, sondern dass er wohl auch gar nicht anders schreiben kann. Dann hatte man zwar immerhin für kurze Zeit überhaupt einen Leser; doch was man dagegen lang haben wird, sind keine Leser.

PS: Deswegen sollte man auch bei dem Schreiben zur obigen Gehaltserhöhung stutzig werden. Ist der Chef nicht in der Lage, ein Mindestmaß an Höflichkeit und richtiger Rechtschreibung aufzubringen, dann wird er wohl auch kaum in der Lage sein abzuschätzen, ob es finanziell überhaupt möglich ist, doppelt so viel Gehalt zu zahlen. Denn lieber etwas weniger Geld über einen sehr langen Zeitraum, als viel Geld über einen ganz, ganz kurzen.

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1 Peters, Elizabeth: Crocodile on the sandbank. In: Peters, Elizabeth: Amelia Peabody Omnibus : Books 1–4. [E-Book]. Kindle Position: 433/23004.
London : Constable & Robinson
2012. – ISBN 978-1-78033-978-8


Ich seh’ etwas… Unsichtbare Zeichen im Text

Im ersten „echten“ Beitrag dieses Blogs soll es um etwas gehen, das man eigentlich gar nicht sieht: nämlich um unsichtbare Zeichen. Wie Sie diese Zeichen aus ihrem Versteck locken, warum es sinnvoll ist, auch auf unsichtbare Zeichen bei der Texterstellung zu achten, und welche Möglichkeiten zur effektiven Textbearbeitung sich daraus für Sie ergeben, soll hier kurz an der Textverarbeitungs-Software Microsoft Word 2010 gezeigt werden.

Nehmen wir zur Verdeutlichung ein einfaches Textbeispiel, dass an die Zwecke dieses Artikels angepasst wurde. Auf den ersten Blick ist der Text korrekt formatiert und (abgesehen von der zu Demonstrationszwecken eingefügten Aufzählung in der wörtlichen Rede) wenig auffällig.

Textbeispiel 1

Es scheint so, als sei diese Passage weitestgehend in Ordnung und bedürfe keiner weiteren Überarbeitung. Doch täuscht der Eindruck. Denn bei der Texterstellung wurde nicht darauf geachtet, die Option zur Darstellung unsichtbarer Formatierungssymbole zu aktivieren. Diese können in Microsoft Word über die Tastenkombination Strg+Shift+* ein- bzw. ausgeblendet werden. Blendet man die Formatierungssymbole ein, zeigt sich, dass der kurze Beispieltext noch einiger Bearbeitung bedarf. Werfen wir einen Blick auf sein „wahres“ Aussehen.

Textbeispiel 2

Wie Sie erkennen, wurden durch Eingabe der oben genannten Tastenkombination zusätzliche Zeichen im Text eingeblendet, welche vorher unsichtbar waren. Leerzeichen werden nun durch einen hohen Satzpunkt (•) dargestellt, Absätze durch das Absatzzeichen (¶) und Tabulatoreinzüge durch einen kleinen Pfeil.

Wenn Sie diese Funktion das erste Mal nutzen, kann es vorkommen, dass Ihnen Ihr Text ungewohnt und unübersichtlich vorkommt. Jedoch ist es empfehlenswert, sich an diese Darstellung zu gewöhnen, denn viele Fehler fallen so direkt auf und können schnell ausgebessert werden.
Im Beispieltext lassen sich auf diese Weise sieben Möglichkeiten zur Verbesserung finden. Sie setzen sich zusammen aus überflüssigen Leerzeichen, falscher Formatierung und einem falsch gesetzten Absatz. Im folgenden Bild wurden die Fehler rot markiert.

Textbeispiel 3

Durch die eingeblendeten Formatierungszeichen lassen sich die überflüssigen Leerzeichen schnell ausmachen. Zudem fällt sofort auf, dass in der Aufzählung einmal nicht die Tabulator-Taste und stattdessen Leerzeichen für die Formatierung benutzt wurden. Am Ende des Textes findet sich überdies ein falsch gesetzter Absatz. Dieser würde den Satz auseinanderreisen; er fällt jedoch deswegen nicht auf, da er zufälligerweise mit dem Zeilenende übereinstimmt. Bei Verwendung anderer Schriftgrößen würde diese Überschneidung wegfallen und es ergäbe sich ein unschöner, nicht gewollter Zeilenumbruch.

Durch die Arbeit mit eingeblendeten Formatierungszeichen können demnach häufige Flüchtigkeitsfehler schnell ausgebessert werden. Dadurch gelingt es, dass Ihr Text nicht nur äußerlich korrekt, sondern auch für weitere Schritte seiner Verwendung optimal vorbereitet ist. Denn doppelte Leerzeichen zwischen Wörtern, ungewollte Umbrüche oder inkorrekte Formatierungen behindern nicht nur die zügige Bearbeitung, sondern führen oft auch zu optischen Schnitzern, welche beim Lesen unangenehm auffallen.
Nach der Umarbeitung und der Ausbesserung unseres Beispieltextes ergibt sich nun also ein „sauberer“ Text, der sich auch unter der Oberfläche sehen lassen kann.

Textbeispiel 4

Abschließend möchte ich Ihnen noch ein paar Tipps nennen, mit denen Sie bereits erstellte Texte schnell nach Fehlern bei der Verwendung von unsichtbaren Formatierungszeichen durchsuchen können. (Mit der Tastenkombination Strg+F kann der Benutzer in Microsoft Word ein Dokument nach Wörtern und Zeichen durchsuchen.)

Benutzen Sie die Suchfunktion und geben als Suchbegriff zwei Leerzeichen ein, so wird Ihnen Word all diejenigen Stellen anzeigen, wo versehentlich zwei oder mehr aufeinanderfolgende Leerzeichen gesetzt wurden. Geben Sie als Suchbegriff stattdessen ein Leerzeichen gefolgt von „^p“ (ohne Anführungszeichen) ein, wird Ihnen Microsoft Word alle Absatzzeichen heraussuchen, vor denen noch überflüssige Leerzeichen stehen. Mit diesen beiden Suchen lassen sich häufige Fehler ganz leicht selbst beseitigen.

Viel Spaß beim Ausprobieren!

PS: Trotz aller hier gegebenen Hilfestellungen sei angemerkt, dass es neben den für diesen Beitrag benutzten noch viele weitere unsichtbare Formatierungszeichen gibt. Zudem können Dokumente über die erweiterte Suchfunktion von Microsoft Word nach zahlreichen weiteren Formatierungen durchsucht werden.