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Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 2

Ich begrüße Sie herzlich im neuen Jahr und zurück auf dem textbasis.blog. Um nicht selbst dem zu erliegen, worum es in dieser kurzen Artikelserie geht, folgt heute etwas verspätet der zweite Teil zum Thema Cliffhänger als Stilmittel. Ging es im ersten Teil darum, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert, so wird hier geschaut, an welchen Stellen er überhaupt eingesetzt werden kann. Denn nicht jede Stelle in einem Text ist geeignet, Spannung aufzubauen, indem wichtige Informationen verschwiegen werden.

Der Cliffhänger als Stilmittel besitzt, so schrieb ich im ersten Teil, die Möglichkeit, Gefühle beim Leser hervorzurufen. Im Idealfall vermittelt der Cliffhänger das Gefühl großer Spannung und motiviert zum Weiterlesen, im weniger idealen Fall verärgert er die Leser und enttäuscht sie. Die Kunst ist demnach, den Cliffhänger so einzusetzen, dass er an der jeweiligen Stelle im Text die gewünschte Wirkung hervorruft; und hierfür ist es notwendig, dass man weiß, welche Anforderungen eine Textstelle überhaupt an den Cliffhänger stellt. Aus diesem Grund folgen nun ein paar Überlegungen zu den drei wichtigsten Haupteinsatzgebieten – und ohne lang abzuschweifen beginnen wir dabei mit dem Ende.

Das Ende

Das Textende ist wohl die heikelste Stelle für einen Cliffhänger, denn die Gefahr ist dort am größten, den Leser durch unterlassene Informationen zu verärgern. Das Ende eines fiktionalen Textes bedeutet immer Explosion oder Auflösung. Explosion dann, wenn wie in der Suspense-Literatur üblich ein Geschehen mehr und mehr zugespitzt und verdichtet wird, um am Ende einen großen Knall zu erzeugen. Auflösung bedeutet es dann, wenn der Leser sich mit den Figuren auf eine Reise durch den Text begeben hat, um eine Lösung zu finden und so das Gesamtbild der Handlung zu verstehen. Allein aus dieser groben und einfachen Unterscheidung heraus wird deutlich, dass der Cliffhänger immer auch ein Risiko bedeutet, denn einerseits könnte der große Knall zu einem lahmen Verpuffen werden, andererseits ist es durchaus möglich, dass das Auslassen einer lang gesuchten Information am Ende zu Frustration beim Leser führt.

Wie können Sie also vorgehen, wenn am Ende des Textes ein Cliffhänger stehen soll, der die Leser erfolgreich motiviert, auch die Folgebände zu lesen? Die Antwort ist simpel, die Umsetzung erfordert aber etwas Geschick. Überlegen wir: Der Cliffhänger verschweigt etwas, was der Leser wissen will. Wird etwas verschwiegen, was der Leser wissen will, ist er enttäuscht. Jedoch: Wird etwas verschwiegen, so erzeugt das Spannung. Dennoch gilt: Gleichzeitig Spannung und Enttäuschung hervorzurufen, schließt sich aus und ist unmöglich. Doch das ist nur auf den ersten Blick eine unlösbare Situation! Denn kennt man die Muster, die einem erfolgreichen Cliffhänger zugrunde liegen, kann man genau das erreichen.

Haupthandlung und Nebenhandlung

Um die Auflösung schon vorwegzunehmen: Das Geheimnis ist, den Cliffhänger nicht auf die Haupthandlung zu beziehen, sondern auf die Nebenhandlung. Die Haupthandlung ist das, was Ihre Leser an der Stange hält, was sie umblättern lässt. In einem Seitenmarathon lesen sie sich zum Ende und dort erwarten sie, dass dann auch das Ende steht. Daran sollten Sie keinesfalls herumwerkeln, wenn Sie Ihre Leser auch weiterhin behalten möchten. Die Nebenhandlung allerdings, die ist wie geschaffen für Cliffhänger. Alles, was es dazu bedarf, ist gute Vorbereitung und eine spannende Nebenhandlung an sich. Ich verstehe dabei unter Nebenhandlung all das, was nicht direkt zum Handlungsverlauf gehört, also Charakterbiografien, kleine Abenteuer abseits der Haupthandlung, ein zweiter Handlungsstrang, der parallel zur Haupthandlung verläuft et cetera.

Ein Beispiel: Ein Kommissar ermittelt einen Fall, am Ende löst er ihn. Der Kommissar jedoch soll Protagonist einer Romanreihe sein und auch in weiteren Fällen ermitteln. Um Ihre Leser neugierig zu machen, bietet es sich an, am Ende des Textes einen Cliffhänger einzubauen. Gelingt das, werden die Leser sich mit höherer Wahrscheinlichkeit an Sie als Autorin erinnern, wenn Ihre Folgebände erscheinen. Allerdings kann dieser Cliffhänger nicht so gestaltet sein, dass der zu ermittelnde Fall nicht aufgelöst wird, der Cliffhänger muss also die Nebenhandlung betreffen.
Hierfür können nun verschiedene Muster angewendet werden: Zum Beispiel kann sich der Cliffhänger auf die Biografie des Kommissars beziehen, die selbst Teil der Geschichte ist. Die Leser erfahren gelichzeitig die Auflösung des Falls aber die Geheimnisse, die sich in der Biografie verstecken, werden am Ende nicht verraten, eventuell werden die Geheimnisse sogar effektvoll in den Fokus gerückt. Das schafft Spannung durch die Lesersympathie zum Protagonisten und Befriedigung durch die Auflösung des Falls, dem Abschluss der Haupthandlung. Natürlich funktioniert das in jedem fiktionalen Genre, nicht nur in der Kriminalliteratur.

Eine andere Möglichkeit, den Cliffhänger am Textende einzusetzen ist weniger elegant, aber ebenso zielführend. Wir bleiben beim Kriminalfall: Der Ermittler löst ihn, das Rätsel ist keines mehr. Doch dann! Es huscht eine Person durch die Zeilen, die dem gejagten Bösewicht verdächtig ähnlich ist. Sollte dem Ermittler ein Fehler passiert sein, hat er gar nur einen Doppelgänger gejagt? Das ist der Stoff für weitere Bände und der Leser wird gern wieder mit auf die Reise gehen. Dieses Muster knüpft zwar direkt an die Haupthandlung an, da es jedoch keinen Einfluss mehr auf den Abschluss der Geschichte hat, gehört es zur Nebenhandlung. Deren Aufgabe ist es, die Leser an die eigenen Bücher zu binden. Die Gefahr einer solchen Methode besteht darin, dass man schnell unglaubwürdig wirkt, wenn der Cliffhänger zu abwegig ist. Geschickt eingesetzt, hält er jedoch die Geschichte auch über das Buchende hinaus lebendig.

Geteilte Haupthandlung

Ein ähnliches Vorgehen, das allerdings weitaus größerer Planung im Vorfeld bedarf, ist das Aufteilen der Haupthandlung in Teilhandlungen, die mit jeweils einem bedeutenden Ereignis verbunden sind. Das liest sich abstrakt, ist aber leicht erklärt: Man nehme einen verrückten Killer, der die Polizei an der Nase herumführt. Immer wieder mordet er, immer wieder ist er den Ermittelnden einen Schritt voraus. Sagen wir, dass der Killer am Ende des dritten Bandes gefasst werden soll, so muss ihm die Polizei dreimal auf der Spur sein. Am Ende der beiden ersten Bände wird die bandspezifische Tat aufgeklärt oder verhindert, aber der Killer ist noch auf freiem Fuß. Hier entsteht allein durch die Konzeption der Reihe ein geschmeidiger Cliffhänger, der wohl das Paradebeispiel dafür ist, wie am Ende eines Textes Informationen weggelassen werden können, ohne dass der Leser dadurch verärgert wird. Allerdings ist diese Methode auch diejenige, die am meisten Planung und schriftstellerisches Geschick erfordert, muss doch die Konzeption schon von vornherein über mehrere Bände angelegt werden.

Natürlich gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, mit dem Cliffhänger Spannung zu erzeugen, aber mit Kenntnis dieser drei sind Sie in der Lage, Ihre Manuskripte so zu gestalten, dass am Ende Spannung und Zufriedenheit gemeinsam auftreten. Diese Muster abzuwandeln oder sich neue auszudenken, funktioniert dann auch viel einfacher, wenn Sie sich dessen bewusst sind, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert. Bis hierhin wurden drei Möglichkeiten vorgestellt: 1) eine spannende Nebenhandlung schaffen, die am Ende offen gelassen wird (etwa über die Protagonistenbiografie); 2) gelöste Teile der Haupthandlung infrage stellen (etwa den Bösewicht wieder auferstehen lassen); 3) die Haupthandlung in Teilhandlungen zerlegen und nur die Lösung der Teilhandlung am Ende vorstellen. Wenn Sie bewusst schreiben und sich an diese Muster erinnern, können Sie leicht Ihre Manuskripte professioneller und komplexer gestalten.

Cliffhänger überall: Kapitelende und Prolog

Abschließend sollen noch zwei weitere Stellen vorgestellt werden, an denen der Einsatz von Cliffhängern sinnvoll ist. Da vieles von dem bereits Gesagten wieder zutrifft, fasse ich mich hier kürzer. Als interessante Stellen für Cliffhänger bieten sich neben dem Ende noch der Prolog und das Kapitelende an. Dabei gilt: Je weiter vorn im Text ein Cliffhänger steht, umso mehr dürfen Sie abweichen von dem, was für den Cliffhänger am Textende gilt. Das bedeutet: Am Kapitelende dürfen Sie Ihre Leser ruhig ein bisschen enttäuschen, dass nicht alle Fragen beantwortet wurden. Denn Ihre Leser wissen ja, dass noch einige Seiten vor ihnen liegen, auf denen sie die Lösung finden werden. Achten Sie dennoch immer darauf, dass das Kapitelende das Ende einer Sinneinheit bleibt. Das heißt: Auch wenn nicht alles aufgelöst wird am Kapitelende, so muss doch eine Entwicklung in der Handlung erkennbar sein, muss der Leser Neues erfahren haben. Sonst wird aus dem Cliffhänger ein Gähner, der dazu führt, dass man nicht weiterlesen möchte.
Eine Besonderheit gilt es fernerhin zu beachten: Wenn Sie mehrere Handlungsstränge anlegen, dann sollten diese gleich spannend sein. Denn ist nur einer wirklich spannend und wird dieser mit einem Cliffhänger am Kapitelende abgeschlossen, so kommt es zu der Situation, dass der Leser möglichst schnell über den zweiten, eventuell langweiligeren Handlungsstrang hinwegliest, nur um die Auflösung des Cliffhängers zu erfahren. Das schafft ein ganz und gar unharmonisches Lese-Erlebnis und sollte tunlichst vermieden werden.

Die größten Freiheiten bei der Gestaltung des Cliffhängers lässt Ihnen der Prolog. Dort ist das oberste Ziel, den Leser in Stimmung zu bringen, möglichst viele Rätsel auf den Weg zu werfen, eventuell auch mit etwas zu locken, das so noch gar nicht zum erwarteten Rest des Buches passt. Spannen Sie hier Ihre Leser auf die Folter, ärgern Sie sie ein wenig damit, dass sie nicht gleich wissen, um was es geht. Denn dann, nach einem solchen Prolog, nach dem man neugierig in der Luft hängt, stürzt man sich erst recht erwartungsvoll in die kommenden Seiten. Dennoch gilt hier natürlich auch, das Maß zu wahren: Schreiben sie den Prolog so wie den Rest ihres Buches, schreiben Sie nicht zu reißerisch und erwähnen Sie nichts, worauf Sie später nicht wieder eingehen. Denn dann fühlt sich der Leser betrogen und ist enttäuscht. Dann wirkt der Cliffhänger am Anfang des Textes wie ein missratener Cliffhänger am Ende: Ihrem Erfolg als Autorin oder Autor entgegen, anstatt Ihre Leser mit der Geschichte zu verschweißen und an Sie zu binden. Ich wünsche stilvolles Abhängen!

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 24] Lilo Wessel – so/weit ist alles fern

im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern

Liebe Leserinnen und Leser,

heute als Gast im lyrischen Mittwoch begrüße ich ganz herzlich die Autorin Lilo Wessel, und ich freue mich, eines ihrer Gedichte vorstellen zu dürfen. Die in Deutschland und Griechenland lebende Autorin widmet sich seit ihrer Pensionierung und nach 40-jähriger Lehrerinnentätigkeit in den Fächern Deutsch und Sozialkunde wieder vermehrt dem Schreiben. Die studierte Germanistin und Politikwissenschaftlerin kehrt damit nun stärker zu ihren akademischen Wurzeln zurück, wendet sich bevorzugt der Prosa zu, besitzt aber ein ausgesprochenes Talent für eingängige Verse und eigenwillige Gestaltung.

Eines ihrer experimentellen Gedichte fand heute seinen Weg in den lyrischen Mittwoch. In Anlehnung an ein Lied Miriam Makebas entsteht eine Momentaufnahme, die so bunt ist wie ein Testbild, jedoch ungleich mehrdeutiger. Die Vermengung von Wahrnehmung und Reiz, die subjektive Interpretation der Situation wird hier nicht als Ganzes vollzogen, sondern geteilt in ihre Momente. Entlang den Textzeilen von Makebas Ring Bell, die von Hoffnung und schöner Erwartung erzählen, rieselt auf das lyrische Ich der gesamte Rest der Welt ein. Von Flughafendurchsagen über Hunde, die sich durch ihre Namen mit Sternzyklen vermischen, aber sich dann auflösen in einen „sternhimmel / mit typischem winter / charakter“. – Und das lyrische Ich in dieser Flut von simultanen, chronologisch freigelegten Erfahrungen? Es bleibt trotz der Fülle doch irgendwo verloren in sich, im „spiegelkabinett leerer versprechungen“ und am Ende „in erwartung des maximalen nichts“, verharrend in den Gegensätzen –


.

so/weit ist alles fern

miriam makeba münchen 1972 E0719
if i could be a shimmering star
….i’d shine now. how i would shine.
realiter paris (05/01/05) betrachtender: sternenhimmel
mit typischem winter
charakter dem himmels
jäger folgen
zwei hunde sothis & prokyon die erde (lucy)
passagiert sonnennächsten punkt acht minuten &
zehn sec. – sonne licht erde (conakry cky – paris cdg?)
………someone
i love has promised to be mine now
im spiegelkabinett leerer versprechungen
so/oft so/weit ist alles nichts so fern
ich immer noch
geschlagen
mit blindheit usw.
in erwartung des maximalen nichts

Porträt Lilo Wessel

Lilo Wessel

Textbasis: Hallo Lilo, ich freue mich, dass du dich heute den Fragen des lyrischen Mittwochs stellst und eines deiner Gedichte für einen schöneren Mittwoch gespendet hast. Ich möchte gleich zu Beginn von außen an deine Tätigkeit als Autorin herantreten. Nach vielen Jahren Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen veränderte sich dadurch auch deine eigene Art zu schreiben oder wirken diese Eindrücke im Schreibprozess weniger nach als man meinen mag?

Lilo Wessel:
Das Zusammensein mit den jungen Menschen hat mich in meiner gesamten Persönlichkeitsentwicklung geprägt. Das schlägt sich unter anderem nieder in meiner Art des Denkens … Ich denke zwar logisch und kritisch, aber nicht in festumrissenen, eingefahrenen Bahnen wie viele in meinem Alter. Ich experimentiere gedanklich, treibe Gedankenspiele. Aber immer schaue ich auch hinter die Dinge, bis dorthin wo sie kompliziert und traurig werden. Das habe ich bereits als jugendlicher Mensch getan, aktuell scheint mir das weniger verbreitet. Damals war ich sehr stark von Thomas Manns „Tonio Kröger“ beeinflusst, wie du vielleicht an der Formulierung merkst. –

Mir ist Jugendsprache vertraut, deren Entwicklung. Natürlich gibt es eine Menge Ausdrücke, Wörter und Phrasen in meinem Wortschatz; inwieweit ich sie aktiv verwende, hängt im realen Leben vom Adressatenbezug ab, im fiktionalen von der Konzeption der jeweiligen Figur.

Heute gehe ich salopper, unverkrampfter um mit Sprache, andererseits wiederum sehr präzise; das stellt für mich keinen Widerspruch dar.

Textbasis: Salopp, aber präzise. Das klingt nach: Wer die Regeln kennt, der darf sie auch brechen. Ist es das, woran man vor allem auch angehende Schreibende erinnern sollte, dass Wagnis nie ohne Wissen funktioniert? Und dann eher in der Lyrik oder der Literatur ganz allgemein – wie ist dein Eindruck der gegenwärtigen Situation?

Lilo Wessel:
Um deine These aufzugreifen: Das Kennen der Regeln ist meines Erachtens Bedingung dafür, dass man sie brechen kann. Wagnis ohne Wissen funktioniert nicht! Und zwar in allen Bereichen, natürlich auch in der Literatur. Die Frage ist, was man kennen/können muss fürs literarische Schreiben, was man lernen kann, was nicht. Gegenwärtig boomt der „Creative-writing-Markt“: Zahlreiche Schreibratgeber, Schreibseminare online und live, Autorenforen und Schreibgruppen im Internet sowie universitäre Studiengänge suggerieren, dass man literarisches Schreiben lernen könne. Klar, ein Autor muss  entsprechend seiner Gattung mit den Bauformen des Erzählens, des lyrischen und dramatischen Schreibens vertraut sein, mit rhetorischen Stilmitteln; das Regelsystem seiner Sprache kennen, überhaupt meisterlich sein im Umgang mit Sprache. Allerdings reicht selbst die perfekte Beherrschung eines entsprechenden Instrumentariums nicht aus, um einen wirklich guten Text hervorzubringen. Dazu bedarf es einer literarischen Begabung, eines Talents, das sich weder durch Fleiß noch durch wie auch immer geartete Schreibkurse ersetzen lässt.

Es gibt genügend Bücher auf dem Markt, die handwerklich perfekt sind, aber immer nette „Einmal-Bücher“ bleiben werden. Und vermutlich noch mehr, die es gar nicht erst auf den Buchmarkt geschafft haben.

Textbasis: Nun sind nicht alle deine Gedichte so experimentell wie das oben stehende „so/weit ist alles fern“. Dennoch wird darin, ganz unabhängig vom Inhalt, dein Hang zum Spiel mit Sprache deutlich, deine Lust, Wirkung durch Abweichung zu erzielen. Was zeichnet für dich ein gelungenes Gedicht aus?

Lilo Wessel: Wenn du mich als Germanistin fragst: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es den Erwartungshorizont des Lesers destruiert. Denn sonst hat ein lyrischer Text lediglich Konsumcharakter. Über jedes erdenkliche Thema ist bereits geschrieben worden. Ein gelungenes Gedicht muss daher inhaltlich, sprachlich, textlich und konzeptionell, eventuell auch medial neu konstruiert sein. Mich begeistert die – oft atemlose – Fetzensprache von Friederike Mayröcker in ihren scheinbar formlosen Gedichten genauso wie die strengen Formen von Durs Grünbein im Zusammenspiel mit ihrer eigenen Tonalität. – Ich kann aber ganz banal antworten: Ein Gedicht ist dann gelungen, wenn es mir gefällt, dergestalt, dass es eine bestimmte Befindlichkeit trifft, in der ich gerade bin. Auch das leisten die Gedichte meiner beiden Lieblingslyriker Mayröcker und Grünbein.

Textbasis: Das sind zwei interessante Punkte, die du nebeneinander aufführst: der Bruch mit dem Erwartungshorizont einerseits und andererseits das subjektive Gefallen. Es scheint so, als solle die Dichterin ihre Leserschaft aus der Reserve locken mit Zuckergebäck, um es bildlich zu sagen. Worin besteht die Kunst, diese beiden Ebenen zusammenzubringen, zu destruieren und dabei zu gefallen? Oder ist das zu theoretisch und Lyrik besteht – im Endeffekt – doch eher im Drauflosschreiben?

Lilo Wessel:
Nein, nicht im Drauflosschreiben. Das wenigste entsteht spontan. Basis für gelungenes Schreiben ist – ich sagte es bereits – handwerkliches Können und Talent. Bruch des Erwartungshorizontes und subjektives Gefallen schließen sich nicht aus. In seinem „Don Quijote“ bricht Cervantes strukturell und inhaltlich mit der Tradition des Schäferromans und des ritterlichen Abenteuerromans. Er spielt mit den Lesererwartungen, die, zunächst auf diese Tradition ausgerichtet, im Laufe der ersten dreißig Seiten systematisch zerstört werden. Sein Roman wurde schon zu Erscheinungszeiten ein Riesenerfolg.
Durs Grünbein arbeitet mit klassischen Strophenformen und füllt sie mit einer neuen, saloppen Sprache. Er zählt zu den bedeutenden Lyrikern des deutschsprachigen Raums.

Mir persönlich gefallen lyrische Texte, die meine Erwartungen demontieren; ich begreife derartige Texte als Herausforderung zur stilistischen, formalen und inhaltlichen Auseinandersetzung und gleichzeitig als Horizonterweiterung. Aber eine solche Leseweise ist nicht jedem eigen. Und ehrlich gesagt lese ich ganz gerne auch mal nur zu Unterhaltungszwecken. Ob ein (lyrischer) Text gefällt oder nicht, hängt von der Lesehaltung des Einzelnen ab. Hat einer eine identifikatorische Lesehaltung, eine analytisch-kritische? Geht es um ästhetisches Lesen, um unterhaltendes oder um pures Statuslesen? Inwieweit ein Lyriker solche Fragen bei seinem Schreibprozess berücksichtigt, sei dahingestellt.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du mir, dass du dich sehr zur Prosa hingezogen fühlst und dich ihr wieder stärker widmen möchtest. Gibt es schon konkrete Pläne, Wünsche, Hoffnungen, wo deine literarische Reise hingehen soll? Was wäre denn so ein Traumziel, dem du gern nachhängst?

Lilo Wessel:
Zurzeit arbeite ich an Erzählungen mit der Thematik „Misslungene Kommunikation und Interaktion“. Deren Inhalte basieren auf skurrilen Erlebnissen, die ich während meiner zahlreichen Aufenthalte in Griechenland hatte. Ein befreundeter Künstler entwickelt derweil Illustrationen zu den Texten. Der schwierigste Part wird wohl die Suche nach einem geeigneten Verlag sein. Self Publishing oder ein Bezahlverlag kommen für mich nicht in Frage. –

Mein Traumziel: Endlich Zeit haben, nur fürs Schreiben. Ich habe Stoff und Ideen für drei sehr unterschiedliche Romane im Kopf. Da hat sich im Laufe der Jahre vieles angesammelt und festgesetzt, was sich gedanklich stets weiterentwickelt hat. Leider hatte ich berufs- und familienbedingt niemals Zeit, um kontinuierlich an langen Texten zu schreiben. Angesichts meines numerischen Alters muss ich mich nun ranhalten. Aber zunächst einmal die Kurzformen. Natürlich habe ich auch Lust, wieder Gedichte zu schreiben.

Textbasis: Das klingt im ersten Moment hart, wenn du schreibst, dass Self Publishing nicht in Frage komme (vom Bezahlverlag sehe ich aus offenkundigen Gründen einmal ab). Bieten sich für Self Publisher nicht auch Möglichkeiten, die vor allem in den schwächeren Marktsegmenten (Kurzgeschichten, Lyrik et cetera) Möglichkeiten bieten? Wie bewertest du diesbezüglich heute noch die Rolle der Verlage?

Lilo Wessel:
Mir ist bekannt, dass mittlerweile namhafte Autorinnen und Autoren den Weg über Self Publishing gegangen sind, weil sich zunächst kein Verlag fand, der ihre Texte publizieren wollte. Die gegenwärtig sehr erfolgreiche Krimi-Autorin Nele Neuhaus ist ein Beispiel dafür; sie wurde später von Ullstein unter Vertrag genommen. Und man weiß, dass die Verlage inzwischen unter den Self Publishern nach Talenten stöbern. Insofern hast du natürlich Recht, dass sich hier neue Möglichkeiten auftun. Andererseits findet man in diesem Bereich eine Fülle von Texten, die besser niemals das Licht der Welt erblickt hätten. – Laut dem Börsenblatt des deutschen Buchhandels werden in Deutschland jährlich rund 350 Millionen Bücher verkauft, davon 30 Prozent Belletristik. Angesichts solcher Zahlen ist ein Ende der herkömmlichen Verlage noch nicht in Sicht, wenngleich große Umstrukturierungsprozesse in Gang sind.

Was Bücher betrifft, bin ich altmodisch. E-Books lese ich keine, besitze kein digitales Lesegerät; ich brauche das Haptische. Ich möchte Papier fühlen, unterstreichen, markieren, anmerken können … alles mit Bleistift in Habachthaltung der Hand.

Ich liebe es, Zeit in Buchhandlungen und Bibliotheken zu verbringen, mit den Leuten dort zu plaudern, zu stöbern, mag diesen speziellen Geruch, der dort vorherrscht, mag es, mich dort in eine kuschelige Leseecke zu verziehen. Und wenn eines Tages dort ein Buch von mir im Regal stünde, wäre ich überglücklich.

Textbasis: Ich zumindest halte dir die Daumen, dass schon bald auch Bücher aus deiner Feder sich mit in die Regale reihen. Gerade im Spannungsfeld zwischen elektronischem Publizieren und klassischer Verlagsveröffentlichung bieten sich Möglichkeiten (einfache Publikation) aber auch Risiken (unbemerktes Untergehen). Die persönliche Vorliebe zum Haptischen, zum Buch in der Hand, prägt noch viele Autoren, wie auch in deinen Antworten deutlich wurde. Dennoch meine ich: Wer heute schreibt, der muss sich mehr Gedanken machen über die Publikationsform als vormals. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Veränderungen am Buchmarkt auch die Textproduktion und das Schreiben beeinflussen werden. Jedoch eines, Lilo Wessel hat es erwähnt, ist immer von Vorteil: Sein Handwerk zu beherrschen, auch wenn es womöglich einen Rest gibt, der nur durch Talent ausgefüllt werden kann. Vielen Dank für das Interview!

Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 23] Joanna Lisiak – Betrachtet westlich

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

auch heute wird der Mittwoch wieder schön. Ich freue mich sehr, Ihnen in der aktuellen Ausgabe die Dichterin, Schriftstellerin und Künstlerin Joanna Lisiak vorstellen zu dürfen. Bereits zahlreiche Anthologie-Beiträge und Veröffentlichungen, Stücke, Hörspiele und Kollaborationen zieren ihr Œuvre. Zuletzt erschienen von der 1971 in Polen geborenen, seit 1981 in der Schweiz lebenden Autorin der Kurzprosaband „Besonderlinge – Galerie der Existenzen I“ (2012) und der Gedichtband „Klee composé, Lyrik mit Paul Klee“ (2010/2013 als E‑Book). Der Nachfolgeband der „Besonderlinge“ ist für 2014 bereits geplant.

Joanna Lisiaks Lyrik zeichnet sich durch einen nüchternen Grundtenor aus, ein unaufgeregtes Fühlen und Mitfühlen. Aus einfachen Worten strickt sie, was komplexe Zusammenhänge einfängt. Ein Blick nach Basel, ein Moment so gewöhnlich wie das Leben. Doch ihm wird das Gewöhnliche entzogen, er wird zum Sinnbild, an dem sich die Gedanken des lyrischen Ichs bis hinauf zu den Göttern entlanghangeln. Verortet zwischen Naturlyrik, Prosa und Mystik lustwandeln die Verse befreiten Schrittes hin und wider – und zur selben Zeit doch auch neben den Lesern wie ein guter Freund auf langer Reise. Er ist nah, aber hält doch beide Arme von sich gestreckt, um zu umarmen, um in alle Himmelsrichtungen zu fassen –

Betrachtet westlich

Schaue ich ins westliche Tal sehe ich
Basel das heisst ich sehe es nicht doch
weiss ich hinter den Hügeln ist Basel
Basel von hinten.
Basel weiss nichts davon kennt
diesen Blickwinkel kaum verzeichnet ihn
im Stadtführer nie.

Auch Kater du wie sollst du ahnen können
dass du heute nicht rein darfst weil wir
verreisen weil ich dich jetzt anschauend
um die Sorge weiss die ich mir machte
wenn du bliebst.
Du hast Wärme und Schlafplatz im Sinn
vermagst meinen Gedanken nicht zu folgen.

So etwa stelle ich mir die Götter vor wie sie
in ihren Wolken lachen und auf mich zeigen
habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt mir
ernsthafte Gedanken über mein Leben gemacht.
Als könnte ich mich je sehen sehen von hinten
aus westlicher Sicht so als Beispiel.

Tatsache ist ich schaffe es nicht aus meiner
Gedankenwelt geschweige denn in andere hinein
ich hafte in eigenen Dimensionen fest
und sie lachen schenken etwas Phantasie
einen Traum mir zum Trost.
Ich weiss nur wenig.
Das weiss ich gut.

Vorerst ist alles primär wie gehabt.
An der Oberfläche kräuselt sich das Empfinden
bald verpufft eine Idee ins Unbekannte.
Alles andere den lachenden Göttern.

Joanna Lisiak

Joanna Lisiak

Textbasis: Herzlich willkommen beim lyrischen Mittwoch, Joanna. Schon nach einem kurzen Blick auf deine Veröffentlichungen erkennt man, dass es dich zwischen den Genres umhertreibt. Wie siehst du dich selbst als Künstlerin, eher als Grenzgängerin oder Weltenbummlerin?

Joanna Lisiak:
Herzlichen Dank, Sebastian, für die Einladung! Ist der Weltbummler derjenige, der umherschweift, um das zu finden, was er schon in sich hat und was ihn ausmacht, oder sucht er das Fremde, das ihn Ergänzende? Auf gewisse Weise tun wir das doch alle, aber ich tue mich schwer damit, mich derart klar zu zeichnen. Grenzgängerin insofern, als dass ich aufbreche, um zu sammeln und mich durchaus reizt, was ich noch nicht kenne. Neue Dinge auszuprobieren hat mir schon immer Türen geöffnet – und wenn es die der Erkenntnis waren, dass es nämlich die falschen Türen waren, die ich aufgebrochen habe.

Immerhin schaffe ich somit Reflexionen, die mich ebenfalls weiterbringen. Wenn eine bestimmte Idee, die ich habe, mich in eine bestimmte Richtung drängt, dann folge ich ihr und versuche nicht, den Weg umzulenken. Ein Einfall, der ganz klar eine Szene darstellt, gehört in mein dramatisches Werk, ein lyrisches Bild in die Lyrik und so weiter. Da ich keine Romane schreibe – zumindest habe ich das vorerst nicht vor – kann ich mir diese Ideen nicht für diesen Roman aufsparen. Insofern haben es die Romanautoren leichter, trotz des weit bekannten langen und mühsamen Atems, der ja vonnöten ist, um Romane zu schreiben: Diese Autoren können alle ihre Ideen in einen Roman verpacken, der dann alle lyrischen, essayistischen Aspekte, lebendigen Gespräche, Erzählungen und so weiter beinhalten kann.

Ich aber möchte mich schon sehr bald entscheiden, wohin ich die Idee verpflanze und wo sie dann blühen soll. Es ist auch eine Charaktersache. Ein reiner Lyriker würde seine Gedanken solange wälzen, bis sie in die Form der Lyrik passen. Ich aber bin meistens so von der Idee angetan, dass ich keine Zeit verlieren möchte, sie unnötig lange gären zu lassen, mit der Idee verunsichert zu sein. Wobei ich hiermit anfügen muss, dass ich durchaus eine dicke Mappe mit notierten Ideen habe, die ich erst viel später verwerte. Es ist also ein Prozess.

Vielleicht hat es damit zu tun, ob man jemand ist, der eher ein homogener Künstler, Autor, Mensch ist, oder jemand, der heterogen veranlagt ist. Ich glaube, dass ich eher heterogen bin. Das herauszufinden, ist vielleicht etwas Grundlegendes für jemanden, der etwas schaffen möchte, denn so kann man mit einer gewissen Authentizität und mit einem bestimmten Zug weiterarbeiten. Wer sich zu früh eine Poetologie anlegt, verhindert möglicherweise das, was er später seine eigene Handschrift nennen möchte.

Textbasis: Das ist eine interessante Unterscheidung zwischen Homogenität und Heterogenität, gerade wenn sie angewendet wird auf Worte und Zuschreibungen wie Künstler, Autor oder Mensch. Wie könnte man als angehende Autorin, als angehender Autor denn herausfinden, ob man eher zu der einen, eher zu der anderen Art gehört? Und sind (verfrühte) Poetologien für dich immer nur eine Schablone, durch welche man leichtfertig ein Bild von seiner Kunst zeichnet, wie man sie gern hätte?

Joanna Lisiak:
Ein Autor oder vielmehr der Mensch, der auch Autor ist, sollte, egal, ob er sich grob, genau, temporär, unter gewissen Umständen oder überhaupt nicht zuteilen möchte, möglichst aufrichtig sein in dem, was er tut oder denkt. Mit gelebter Aufrichtigkeit ist man ganz nah an etwas, das sehr wertvoll ist. Ich möchte das lieber nicht an grossen Worten festmachen, sondern damit sagen, dass dieser Weg kein verkehrter sein kann und oftmals einfach nur Klarheit und innere Ruhe schafft. Es ist nicht so, dass ich nicht auch Theorien gelesen, mich daran gerieben oder gar ergötzt hätte. Aber ich fand es für mein Schaffen bislang immer hilfreicher, meine eigenen, simplen Fragen zu stellen, als die Texte, die ich schrieb, durch komplizierte Dogmen zu hinterfragen: Was würde XY zu dieser Textstelle sagen, wenn er damals von Z sprach? Oder: Warum gefällt mir dieses Gedicht der Lyrikerin B so gut und was ist es, das mich bei D langweilt, nicht überzeugt? Solche inneren Zwiegespräche sind für mich leichter annehmbar, als ganze Theorien zu wälzen und nach Fertigstellung eines Textes nicht zu wissen, wo anfangen, um ihn wie einzuschätzen.

Letztendlich geht es darum, sich gelegentlich zu orientieren, neu zu orten, abzulenken und so weiter, bevor es auf der Reise weitergeht. Egal ob man dazu Schablonen, Krücken, persönlichen Austausch oder ganz andere Reize braucht. Diese reflektierenden, ordnenden Dinge spielen sich jedoch, was mein eigenes Schaffen angeht, in einer anderen Phase ab, auch zeitlich, und nicht, wenn ich mittendrin im Schreibprozess bin. Ich habe während des Schreibens nicht eine Unmenge an Zeit und Energie vorrätig, um zugleich zu analysieren, auf einer theoretischen Ebene philosophisch abzuheben. Auch in den Momenten der absoluten Aufrichtigkeit gibt es keine weiteren Störfaktoren, da bin ich ganz alleine auf mich gestellt, wissend, dass nur ich in dem Moment weiss oder eben nicht weiss.

Textbasis: In „Betrachtet westlich“ entspinnt sich der Verlauf des Gedichtes ja um einen Blick hinüber zu dem hinter Hügeln verborgenen Basel. Keine Luftschlösser oder kryptische Rätselbotschaften sind es, sondern der Blick auf das Reale (auch wenn davon nicht alles sichtbar ist). Wie wichtig ist diese Verankerung der Lyrik im Jetzt, in der alltäglichen Situation für dich?

Joanna Lisiak:
Sie ist nicht per se wichtig oder per se unwichtig. Manche Texte werden der Realität entrissen und schweifen derart ab, dass es beinah ein Tabu wäre, dem interessierten Leser zu verraten, wo der Ursprung des Textes liegt. Für den Leser ist dies an sich ja nicht wichtig. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch. Mir passt beides sehr gut, also, ob eine Gedankenreise zu verankern vermag, was sich unmittelbar in der Realität abspielte (beziehungsweise abspielen könnte) oder ob eine Erfahrung ihre Bahn des Erlebnisses verlassen kann und sich in neuen Perspektiven, neuen Sphären ein Zuhause sucht. Ich geniesse beides: die Nähe der Wirklichkeit, aber auch die wilden Ausblühungen, die mich staunen lassen können. Ich bewerte und kategorisiere nicht, was ausgedacht, aber verdichtet ist, was reell, aber gänzlich transformiert, verwässert ist.

Was mir am Schreiben sehr wichtig ist, ist die Tatsache, dass ich mit der entfachten Begeisterung mitgehen, mich davontragen lassen kann, und auf diesem Weg bin ich ziemlich tolerant und scheue auch das Tempo nicht, das gegeben ist. Vielleicht ist das vergleichbar mit einem Rosenzüchter, der nur eine ganz bestimmte Rose mit dieser Färbung, dieser Dorndichte, dieser Wuchshöhe, diesem Duft et cetera als Rose anerkennt oder ob er jemand ist, der die Natur in seiner Vielfalt annehmen kann. Ich bin wohl die, die mit einem vollen Rosenkorb nach Hause kommt und beim Aussortieren merkt, dass sich da noch ganz andere Pflanzen im Korb befinden, die mit der Rose gar nichts zu tun haben. Die anschliessende Arbeit bleibt in beiden Fällen nicht aus, aber mir fällt es in der Tat leichter, mich aus der grösseren Menge, der Vielfalt und dem Reichtum auf etwas zu fokussieren oder etwas Bestimmtes darin zu finden. Dies ist wohl ebenfalls Veranlagungssache.

Ich finde, man muss das für sich ausprobieren und es ist absolut legitim, es mal so und dann anders zu handhaben. Der Mensch, auch der Autor, verändert sich zeitlebens. Das heisst, um auf die Frage zurückzukommen: Ich möchte nicht entscheiden, ob meine Lyrik dort oder dort steht, sondern wo das einzelne Gedicht sich verankert. Und in meiner Lyrik kommen alle möglichen Mischformen vor.

Textbasis: Dass du dich als Künstlerin nicht selbst der Möglichkeiten berauben möchtest, frei zu schaffen, halte ich für nachvollziehbar und gut. Dennoch, gerade in der Rückschau, ergibt sich ja doch oft ein Pfad, auf dem man bewusst oder unbewusst entlanggegangen ist. Wo hat deine künstlerische, literarische Reise begonnen und wo bist du inzwischen überall gewesen? Kannst du in deinem Werk diesbezüglich bereits Tendenzen ausmachen?

Joanna Lisiak:
Ich veröffentliche seit 2000, das heisst seit rund dreizehn Jahren. Ist das nun lang oder kurz? Ich empfinde das als eine zu kurze Zeit, um retrospektiv zu werden. Seit ich mit dem Schreiben angesteckt wurde (deutlich vor 2000 übrigens), ist dennoch viel passiert und ich habe viel geschrieben, ausprobiert, gelesen, gehört. Momentan habe ich acht bis zehn fertige Manuskripte vorliegen: Kurzprosa, Lyrik (verschiedener Mach/Art), eine Unmenge an Dramoletten, Reflexionen, Theaterstücke, Kolumnen, Essays, sogar ein Ratgeber ist dabei! Zudem sind Projekte angedacht und im Tun – und es will vorläufig kein Ende nehmen. Was ich damit sagen will, ist: Ich bin permanent am selben Ort wie damals, als ich mit dem Schreiben begonnen habe. Ich befinde mich eben in diesem Schreiben, das vorderhand noch nicht versiegen möchte. Einzig mit dem Unterschied, dass das eine oder andere zwischenzeitlich veröffentlicht wurde, jemand gelegentlich darüber spricht oder ich selbst ein paar Worte über das Schreiben verliere.

Im Grunde schreibe ich aber einfach nur (weiter), weil ich nämlich dieses absolute Bedürfnis habe, es zu tun. Das ist der Hauptpfad, den ich ausmachen kann. Das Spiel mit Worten zudem, das Ausdrücken von Stimmungen, für die man de facto gar keine Worte finden kann, weil sie sich in anderen Sphären abspielen, sind weitere Begleiterscheinungen.

Textbasis: Wie viel Zeit verbringst du momentan mit dem Schreiben? Ist dein Schreiballtag durchstrukturiert oder gestaltet sich dein Tagesablauf eher geprägt von kreativen Phasen und Geistesblitzen? Erzähl doch bitte ein bisschen, wie Schreiben und Leben bei dir zusammenkommen.

Joanna Lisiak:
Kreative Pause ist eine schöne, fast diplomatisch anmutende Formulierung, die man auch benutzen kann, um zu rechtfertigen, warum es so viele Schreibpausen gibt. De facto komme ich viel weniger zum Schreiben, als ich das gerne möchte. Ich habe einen Beruf, wie die meisten Autoren, und schreibe in den Randzeiten, sehr oft am Wochenende, wenn ich nichts anderes vorhabe. Würde ich sehr lange nicht arbeiten müssen und nur schreiben können, wäre ich selbst äusserst gespannt, wie viele Schreibprozente ich konsequent aufbringen würde.

Ich schreibe dann, wenn die Zeit stimmt. Ich kenne mich gut und weiss daher, was mich anregt, was ich brauche, um zu schreiben, wann es funktioniert und wann ich mich lieber anderem zuwenden soll. Und die Zeit stimmt sicher auch dann, wenn mich unvermittelt ein Geistesblitz trifft (oder getroffen hat), die Stimmung und Aussicht auf ein paar ungestörte Stunden da ist. Ich spüre gut, wann ich nah des Schreibflusses, des „Flows“ bin. Die Zeit stimmt aber rein theoretisch auch dann, wenn ich viel von dieser Zeit habe, was so perfekt wie prekär sein kann: Ich habe vor gut einem Jahr die Erfahrung gemacht, dass ich zwar viel Zeit, viele aufnotierten Ideen zur Verfügung hatte, jedoch die entsprechende Schreibstimmung nicht aufkommen wollte.

Vom saloppen Wort „Schreibblockade“ wollte ich jedoch nichts wissen, denn das klingt für meine Verhältnisse viel zu dramatisch, ist ein dicker Stempel, den man sich da aufdrückt, und das wollte ich mir nicht antun. Ich wollte nichts deklarieren und mich somit auch nicht paralysieren. Und weil ich sehr diszipliniert bin, habe ich mir vorgenommen in einer unverbindlichen, beinahe meditativen Art und Weise meine Ideen, die sich über die vielen Jahre gesammelt hatten durchzulesen: wieder und wieder. Nach einigen Tagen war ich mittendrin in einer höchst kreativen Phase. Ich erinnere mich gut, dass ich die Initialzündung suchte wie jemand, der zwar die Nadel im Heuhaufen sucht, und nicht von der Idee loskommen will, zu glauben, dass diese Nadel tatsächlich existiert.

Ich hätte auch, wie ich das oft tue, etwas ganz anderes unternehmen können, um dann zurückzukommen auf diese Schachtel mit den Ideen, doch ich wollte es diesmal wirklich wissen und erfahren: Passiert etwas oder passiert nichts, wenn ich einfach dran bleibe? Beharrlichkeit, ein gewisses Selbstbewusstsein und etwas Nonchalance (denn mir war stets bewusst, dass die Welt – auch die meine nicht – keineswegs untergehen würde, wenn ich jetzt kein ordentliches Gedicht zustande bringe) helfen da sicherlich. Was auch nicht schadet, ist, wenn man sich einer solchen Aufgabe, bei der nicht sicher ist, ob sie gelöst werden kann, trotzdem mit einer gewissen Freude, Würde und aufrichtiger Hingabe widmet.

Textbasis: Vielen Dank für diesen offenen Einblick in dein Schaffen. Ich denke, du zeigst sehr eindringlich, wie Kunst immer auch eingebunden ist in den Alltag, gleich wie intensiv man sie lebt und betreibt. – Würdest du dieses bewusste, hingabevolle Vorgehen uneingeschränkt empfehlen oder bist du der Meinung, dass gerade Literatur, die viel mehr für Unterhaltungszwecke geschrieben wird, ungleich pragmatischer vorgehen sollte? Denn – ob dies gut oder schlecht ist, sei dahingestellt – der Wunsch vieler bleibt ja nach wie vor Popularität und reichlich finanzieller Erfolg.

Joanna Lisiak:
Da ich nicht von Popularität oder finanziellem Erfolg getrieben bin, kann ich wenig dazu sagen, geschweige denn Empfehlungen machen. Ich bin aber überzeugt, dass derjenige Autor, der Ruhm und Geld auf dem Radar hat, um die Mechanismen und Hebel, die anzukurbeln sind, weiss, die ihn an sein gewünschtes Ziel bringen. Ein finanzieller Nebeneffekt ist sicherlich fast jedem Autor willkommen, aber für einen echten Antrieb reicht mir das nicht aus. Mich interessiert nicht die Frage, ob eine Literatur für Unterhaltungszwecke, für Geld, für fachliche oder breite Anerkennung gemacht wurde, sondern wie sich der Autor zum Werk verhält. Es ist möglich mit Leidenschaft und tiefer Überzeugung Schund zu schreiben, wie es wahrscheinlich auch möglich ist, vernünftige, ja hochwertige Literatur auf der Basis von Fingerübungen, Fleiss und Disziplin zu machen. Aber noch interessanter als die Frage nach dem Autor oder dem Hintergrund ist doch: Wo ist diejenige Literatur, die für mich gut ist, die mich unterhält, mich anregt, mich wegfegt, die mich überrascht, anrührt, die mehr aus dem Leben macht und somit mehr aus mir? Die Vielfalt der Literatur macht ja deutlich, dass es viele Richtungen, Geschmäcker, Wege des Schreibens und des Lesens gibt. Jeder muss, ob als Autor oder Leser, selbst suchen und sich glücklich schätzen, wenn er etwas gefunden hat, das bei ihm anklingt. Kurz und gut: Jedem das Seine, so oder so oder anders.

Textbasis: Die Sichtweise aus deiner letzten Antwort finde ich sehr erfrischend. Im Prinzip ist es ermüdend, immer den alten Kontrast zu lesen: Kommerz versus Kunst. Du betonst eher das Schreiben an sich und auch das Moment der Selbstfindung, am Ende vielleicht ein bisschen zu wissen, was man will und wie man es am besten erreichen kann. Das finde ich gut, denn Schreiben, ob nun finanziell erfolgreich oder intim und einsam, bleibt doch immer: Schreiben.
Ich bedanke mich sehr für deine ausführlichen und ehrlichen Antworten, Joanna! Ich bin mir sicher, dass sich einige der Ideen und Ratschläge auch in Ihre jeweils eigene Schreibpraxis einarbeiten lassen.

In diesem Sinne: Bis zum nächsten Mal, und bleiben Sie lyrisch!


Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 1

Text zitiert aus (mit freundlicher Genehmigung des Autors):

Adriaen Cliffhanger. Sein letztes Abenteuer.“ (S. 643)

„… Adriaen ließ los und stürzte in die Tiefe. Er hatte all die Jahre gesucht, hatte sich verrannt und war dem Tod nicht nur ein Mal haarscharf entkommen. Er schlug hart auf. Weit über ihm schlossen sich gerade die schweren Steintüren, die riesige Halle um ihn herum zitterte. Er wusste, er durfte jetzt nicht an die Schmerzen oder den Rückweg denken, alles was zählte, war die Frau. Sie stand in einem Mantel aus warmem Licht vor ihm, schwebte ein paar Zentimeter über dem Boden. Wer war sie? Der Schatten eines Felsvorsprungs verdeckte hüpfend ihr Gesicht im Schein der Fackeln. Für ihn gab es nur noch den Weg nach vorn, er ging auf sie zu. Langsam legte er seinen Kopf nach hinten, seine Augen fuhren über ihren weißen Körper und über ihre feenzarten Brüste. Wer war diese Frau? Seit zwanzig Jahren suchte er die Antwort, und jetzt sollte er in ihr Gesicht blicken, mit ihr sprechen können? Er konnte sie sehen, ihr Wesen erschien ihm unendlich fremd – und doch so vertraut wie das einer Freundin. Seine Gedanken spielten Himmel und Hölle, ja, es gab sie wirklich, er hatte sie endlich gefunden! Das war das grand final seines Lebens; nun würde alles gut werden …“

Ende

Einleitung

Kaum etwas in der Welt der Literatur ist mit solch schönen Gefühlen behaftet wie der Cliffhänger. Ist er doch am Ende eines jeden Buches Garant dafür, dass man am liebsten in die Seiten beißen würde. Kein Film ist so schön, wie derjenige, der im Kino mit einem romantischen „Fortsetzung folgt …“ endet. – Der Cliffhänger besitzt die Kraft, gleichzeitig unbändige Wut und ein hohes Maß an Ernüchterung hervorzurufen, eine Fähigkeit, die er wohl mit keinem anderen Stilmittel sonst teilt.

Wahrscheinlich sind es gerade solche Beispiele, die den Cliffhänger unbeliebt und etwas anrüchig machen, weshalb sein Einsatz nicht mehr ganz zum guten Stil unserer Zeit gehört. Gerade dann nicht, wenn Leserinnen und Leser aufgrund des stressigen Alltags ohnehin nicht mehr so viel und auch nicht mehr so lang am Stück lesen. Falsch eingesetzt ist der Cliffhänger eine Garantie, dass Sie Ihre Leser verärgern werden, im schlimmsten Fall sogar enttäuschen. Doch was so starke Emotionen auszulösen vermag, das kann unmöglich an sich schlecht sein. Die Kunst ist es also, den Cliffhänger bewusst einzusetzen und so seine nützliche Wirkung auszuschöpfen. Darum soll es in diesem und in den beiden kommenden Teilen dieses Artikels gehen.

Lesen als Reise

Um zu verstehen, wie man den Cliffhänger am besten einsetzt, ist es erforderlich ein bisschen nachzudenken. Nämlich darüber, wie und warum der Cliffhänger eigentlich funktioniert. Dies soll hier daher an erster Stelle geschehen, bevor wir eingehen auf Einsatzmöglichkeiten und Wirkungsweisen. Stellen wir uns zu Beginn die einfache Frage: „Warum nervt es uns, wenn wir am Ende nicht erfahren, wie eine Geschichte ausgeht?“ Die Antwort darauf ist verhältnismäßig simpel und nachvollziehbar:

Jeder der freiwillig einen Text liest, der möchte irgendwie unterhalten werden (sonst würde er nicht lesen). Die meisten Texte sind so angelegt, dass sie von ihrer Struktur her die Leserschaft an die Hand nehmen und sie durch spannendere und weniger spannende Textbereiche führen. Immer so, dass der Leser das Gefühl hat, sacht geleitet zu werden ohne je vor Langeweile einzuschlafen oder in wirrer Action völlig den Überblick zu verlieren. Zumindest im Idealfall sollte das so sein. Damit Lesende jedoch überhaupt an die Hand genommen werden können, bedarf es eines Zieles; und das ist – ganz pragmatisch gesprochen – das Ende des Buches.

Sie haben ihr Ziel (nicht) erreicht

Am Buchende will die Leserin erfahren, warum es sich gelohnt hat, will der Leser erfahren, was er nicht wusste. Nämlich das, was die Geschichte die ganze Zeit ausgespart hatte: ihre Auflösung; ihr Finale; eine letzte große Wendung; ein Rätsel, das plötzlich keines mehr ist; den Kuss der Verliebten oder, oder, oder (nicht selten auch die Rettung der Welt im letzten Moment). So sind wir es als Leser gewohnt und so funktionieren auch die meisten Bücher. Am Ende steht das, was man am Anfang noch nicht wissen soll. Freilich gibt es verschiedene Möglichkeiten, kreativ mit diesem Strukturmerkmal aller Prosa umzugehen. Etwa in der Kurzgeschichte, die oft das offene Ende zum Stilmittel erhebt, um genau zwei oder mehr Lesarten anzubieten, und den Leser, quasi interaktiv, entscheiden zu lassen. Doch das ist die Ausnahme.

Wenn also nun eine Geschichte, zu deren Ende man hin lesen möchte, dieses Ende ausspart, aber vorher im Text keinerlei Hinweis darauf gegeben hat, dass am Ende eben nicht das Ende, sondern lediglich ein Cliffhänger stehen wird – natürlich!, dann enttäuscht das alle, die am Ende auch das Ende erwartet hatten! Dann hat der Cliffhänger es wieder einmal geschafft, er hat erbost, die Leser haben keine Lust mehr. Sie werfen das Buch womöglich in die Ecke oder aus dem Fenster (oder ganz tief ins Regal, da müssen sie es hinterher nicht einmal mehr wegräumen). Und Sie, die Autorin, der Autor, haben nur eines erreicht: Ihr gesamtes Buch zu ruinieren und sich selbst zu schaden. Alles wegen ein paar Zeilen, die ebenso gut noch hätten stehen können.

Denn nichts ist für die Schaffung einer langfristigen Bindung zwischen Ihren Werken und Ihren Lesern hinderlicher, als die Leser nicht strahlend und zufrieden im Lesesessel zurückzulassen. Wenn nicht die Situation entsteht wie nach guten Filmen, wo man noch kurz in Gedanken verharrt und heimlich immer denjenigen verflucht, der zuerst „Ja, war nicht schlecht, oder?“ et cetera sagt, dann fehlt etwas Entscheidendes: Das Glück und die Freude der Leserin, des Lesers, ihr Buch gelesen und es unglaublich toll gefunden zu haben.

Ausblick

Bis hierher scheint der Cliffhänger also recht wenig sinnvoll zu sein, spielt er gerade mit dieser sensiblen Stelle der Leserzufriedenheit. Wenn man nun ein bisschen um die Ecken denkt und nachfragt, wie man dieses gefühlige Verhältnis nutzen könnte, ohne es auszunutzen, dann muss man fragen, an welchen Stellen der Cliffhänger überhaupt eingesetzt werden kann, ganz unabhängig von der Wirkung die er erzielt. Wo also die Stellen im Manuskript sind, wo man auf dieses Stilmittel gewinnbringend zurückgreifen kann.

Im zweiten Teil dieser kleinen Artikelserie wird es um genau jene Fragestellung gehen: Welche Stellen bieten Ihnen als Autorinnen und Autoren die Möglichkeit zum Einsatz des Cliffhängers? Im dritten Teil wird dann zusammen mit den Überlegungen der ersten beiden Teile geprüft werden, wie sich der heikle Einsatz des Cliffhängers risikofrei bewerkstelligen lässt und wie sich das auf das Lese-Erlebnis auswirkt. Doch für nun erst einmal genug Gedankennahrung. Bon appétit!


[Ausschreibung: die Gewinner!] Matthias Engels – Seestück

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Herzlichen Glückwunsch an

Matthias Engels

zum

1. Platz

der Ausschreibung
Des Sommers dunkle Seite,
mit der Erzählung

–Seestück–

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Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz

Matthias Engels dürfte Ihnen nicht unbekannt sein, wenn Sie häufiger auf dem textbasis.blog lesen. Der in Westfalen lebende Sortimentsbuchhändler, Herausgeber und Literaturreferent war bereits Gast in der vierzehnten Folge des lyrischen Mittwochs und kann inzwischen auf zahlreiche Publikationen zurückblicken (zuletzt: Engels & Brusius – dingfest. collagen & gedichte, 2013). Mit „–Seestück–“, dieser kurzen, melancholisch wogenden Erzählung, die Betrachtung und Nachdenken sanft ineinandergreifen lässt, setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und belegt den ersten Platz der Ausschreibung „Des Sommers dunkle Seite“. Tändelnd verbinden sich in ihr Beobachtung und Selbstbezogenheit, wird das Meer auf den Kopf gestellt zur Nachtszene. Doch die Idylle ist nicht nur Meeresrauschen, Sonnenschein und Strandurlaub – in allem scheint sich ein Teil vom Protagonisten Jan zu verstecken. Und Jan selbst scheint Bestandteil von allem zu sein. (Klicken Sie das Video für den gelesenen Text.)

–Seestück–

Am Sommerurlaub haben sie bisher nicht gespart, auch wenn er Jan für den Rest des Jahres mit immer mulmigerem Gefühl die Kontoauszüge ziehen ließ. Er empfand beim Prüfen dieser Zettel immer dieselbe merkwürdige Enttäuschung und nicht einmal nur wegen der zum Monatsende hin gen Null tendierenden Zahlen. Ein schönes Wochenende, ein Urlaub, besondere Momente, alles war darauf in Buchungen übersetzt und die Erlebnisse, die damit verbunden waren, nicht erwähnt.

Ein gemeinsames Essen, (die Kinder liebten das chinesische Büffet) an einem Tisch, in den unter einer Glasplatte eine kleine Landschaft aus Bambus eingelassen war; konzentriertes, unbeholfenes Stochern mit Stäbchen in Reis war hier nur eine Abbuchung von 54 Euro von einem Empfänger namens Lotus-Lokal. Und der verfluchte Glückskeks, der mit der Rechnung gebracht wurde, barg bei Jan den Spruch auf einem Zettel: Es ist Zeit, ein wenig Geld zu sparen!

Ein Ausflug in die Stadt, an einem klaren Frühlingstag, ein Bummel um den See und durch Geschäfte, mit einem neuen Buch für die Tochter und einem kleinen Spielzeug für den Sohn, ist auf diesen Auszügen nur:
– 8 Euro 95 an ihre bevorzugte Buchhandelskette und
– 7 Euro 50 an den Spielzeugladen.
Trostlos, denkt Jan dann und hat einen neuen Grund, sich diese lichtempfindlichen Zettel nicht mehr anzusehen.

Es ist eigentlich alles so einfach. Allein das Fehlen jeglicher Verpflichtungen lässt ihn herunterschalten. Er war schon als Kind begeistert gewesen vom flackernden Schnee im Fernsehen in Sendepausen (auch etwas, das es nicht mehr gab und was er den Kindern erst hätte erklären müssen). Für ihn hatte es immer etwas Beruhigendes gehabt. Ähnlich geht es ihm jetzt mit der monochromen Fläche Silbergrau, vor der er steht.
Ein Ärobier an seinen Elementsgrenzen, den aufrechten Gang gewohnt als Ausweis seiner fortgeschrittenen Spezies, doch ahnend, der Quastenflosser belächelt beharrlich die Zentralperspektive. Das Meer ist seit jeher des Himmels Reim, mit verminderter Transparenz, anders im Aggregatszustand und ohne zweifelhafte Transzendenz: Neptun und die Mischwesen aus Mensch und Fisch sind längst schon Disney und harmloser Kitsch. Und die Atlanter? – Sie gähnen gelangweilt.

Es ist immer noch derselbe Parkplatz, den sie zuerst ansteuern, nur teurer. Immer noch derselbe See, um den sie laufen, um ans Meer zu gelangen. Jetzt gibt es dort auch Tretboote. Was damals ein Verliebtenparadies war, ist jetzt ein Kinderversprechen geworden, das von der Gegend gottlob (noch?) mühelos gehalten wird.
Jan weiß, später werden die Kinder über diese Urlaube eventuell anders denken, werden sie spießig oder altmodisch finden und vielleicht wenigstens mit einem Lächeln sagen, dass die Alten sich halt nie weiter weg getraut haben. Oder sich schämen, wenn die Freunde und Klassenkameraden erzählen, an welchen exotischen Orten sie selbst ihre Ferien verbracht haben.

Jan registriert andere Dinge. Die Einheimischen sind geschäftsmäßiger geworden und weniger ruppig, seit die Flüge ins Ausland so billig sind. Ein wenig spürt er die Schäbigkeit des Ganzen, bemerkt plötzlich die Familien, die mit ihnen hier sind. Sie wirken nicht, als führen sie aus Überzeugung hierher, sondern weil das Budget nichts anderes zulässt. Zwar werden hier und da nutzlose Dinge allzu freigiebig gekauft, aber das ein oder andere Eis dann ohne Begründung gestrichen. Er fragt sich, ob sie auch so wirken, und kann das zum Glück (noch?) verneinen.

Unglaublich klein sind die Kinder, wenn sie nur 30 Meter entfernt von ihm im Watt stehen, mit ihren Schaufeln Dämme anlegen und zum Einsturz bringen und neue aufbauen. Als er damals mit Sonja allein hier war, hat er auch Familien beobachtet, aber die wirkten anders. Bollerwagen mit Kindern hinter sich herziehend, Eimer oder Schaufeln schleppend, ganz gewöhnlich. Ganz wie heute auch, aber damals kam ihm das erstrebenswert vor. Das wollten sie auch und wenn ein Pärchen ungefähr ihrer beider Statur hatte oder etwas in der Wirkung ähnlich war, haben sie sich oft vorgestellt, dass sie das sein könnten, zehn Jahre älter.

Vor diesen grauen Flächen; vor dieser leise schwappenden See, diesem diesigen Himmel ohne jede Tiefe, fühlt sich Jan erstaunlicherweise beruhigt. Grobes, unregelmäßiges Gras im klumpigen Sand, Pfützen vom gerade erst abgezogenen Regen wie große Scherben darin. Es riecht nach Meer – das heißt, genau genommen – nach salzigem Schmodder und Schlick, alles andere als fein. Plärrende Kinderstimmen und polterndes Elterngeschimpfe in unattraktiven Dialekten wehen vom Spielplatz herüber. Auf der Bank links schweigt eine bärbeißige Alte mit Krampfadern ihren Bildzeitung lesenden Mann an. Von Mutterschaft und Langeweile völlig zerstörte Körper liegen in pedantisch aufgehäuften Sandfestungen mit Deutschlandfähnchen, am Fähranleger drängeln ältere Eltern mit ihren sportiven Hightech-Kinderwagen in der Schlange vor. Trekking-Jacken, Künstlerschals um Vertreterhälsen, gut gelaunte Männergesangsvereine aus dem Rheinland mit Fischerhemden aus dem Andenkenladen über den Bierbäuchen. Trostlos tobendes Menschengewirr in einer denkbar unwirtlichen Enttäuschung aller Sommerträume.

Das sind wir nicht. Das sind wir immer noch nicht, denkt er. Wir sind immer noch: etwas Anderes, etwas anders. Bei allen Elternabenden, bei allen Besuchen von Disney-Filmen, allem Kuchenbacken für den Sonntagskaffee ist das Andere nicht in der Mehlschwitze der deftigen Bratensoße ertrunken.

Ein Streifen helles Blau oben, ein Streifen dunkles Blau unten. Ein Tag am Meer. Wenn du es auf den Kopf stellst, wird es eine Nacht mit einem dunklen Himmel, und einem vom Restlicht aufgehellten Meer. Als habe sich das Meer für die nächsten Milliarden Jahre für das Gleiten als vorübergehenden Zustand entschieden. Er weiß ja, dass das Meer das schon ewig tut, dieses Hin und dieses Her. Wenn es still liegt, kann man sich nicht vorstellen, dass es rau und wild sein kann. Wenn es aufgewühlt Wellen an den Strand wirft, glaubt man, es wird nie wieder damit aufhören. Wenn Jan sich besinnt, weiß er, dass niemand sagen kann, ob es immer so weitergeht: Ebbe, Flut, Ebbe, Flut, ständige Wiederholung, die ja angeblich nirgendwo hinführt. Gleichmaß, Gleichförmigkeit, im ewig gleichen Rhythmus, wie Herzschlag. Fort sein, anschwellen, da sein, abschwellen. Nie für immer da, nie für immer fort.
Er weiß ja, dass auch nach 1000 Seiten, nach 30, 40 oder 70 Jahren nicht alles gesagt ist. Das letzte Wort; noch nicht gesprochen, welches wird es sein? Er weiß, er kann nur versuchen, Fäden zu finden und festzuhalten, bis sich eine Art Netz bildet, einzelne Fundstücke, Knüppel von Treibgut sammeln und zusammenzufügen, bis das Gebaute einem Floß gleicht, auf dem man theoretisch fahren kann. Er kann nur Puzzleteil auf Puzzleteil versuchen unterzubringen und nicht zweifeln, wenn auch nach Jahren nur ein unwesentlich abgestuftes Blau zu sehen ist. Er kann nur Karte um Karte umdrehen, in der Hoffnung, dass die richtige irgendwann kommt. In seinen Träumen muss er Auto fahren, stundenlang im Kreisverkehr, und er tut das erstaunlich langmütig, immer dran glaubend, dass die richtige Ausfahrt irgendwann, wie aus dem Nichts, auftaucht und irgendwo hinführt.

Jan sitzt auf einer Bank am Wasser und besieht die Wolken. Sie ziehen sehr langsam, sehr tief. Jan sieht ein um das andere Mal eine tiefschwarze Regenwolke auf eine helle folgen, beide jeweils von der sinkenden Sonne grell beleuchtet, in ihrer Farbkraft verstärkt. Jan sieht den Schwarm Möwen auf der nahen Düne unter jeder dunklen Wolke, die darüber zieht, sich nervös erheben und sich unter der folgenden hellen wieder niederlassen. Er empfindet, an einem Bonbon lutschend, auf einmal das Glück, nichts anderes zu tun zu haben, und erwartet das Endes dieses Gefühls. Er nimmt sich das erste Mal seit Langem als handelnde Person mit einem Effekt wahr, als auf sein Rascheln mit dem Bonbonpapier ein dicker schwarzer Vogel neben ihm auf der Bank landet.
Es ist, als probiere er ein Spiel aus, als Zeitvertreib; das Spiel, die Dinge genau andersherum zu betrachten als gewohnt. Er sieht, wie das Meer endlos Wellen an den Strand stößt, die dort schnell versanden; wie die Wolken ständig kleine, vom Wind bald aufgelöste Teile absondern, und weiß plötzlich, er hat die ganze Zeit ebenso Teile von sich abgestoßen und ist trotz dessen immer noch der, der er ganz am Anfang war. Alles, was er an Selbstauslöschung und Auflösung betrieben hat, ist gescheitert.
Ist er gescheitert?
Er weiß es nicht.
Als wäre alles, was er sich nicht zugestehen wollte, ihm heimlich gefolgt und nun, da er einen Augenblick unachtsam war, unwiderruflich zu ihm zurückgekehrt. Er weiß noch nicht, ob er das gutheißen soll, aber er weiß, er muss es nicht jetzt entscheiden, und das tut ihm wohl.