Schlagwort-Archive: texterstellung

Wie soll das nur enden? Niemand weiß es …, oder: Der Cliffhänger, Teil 2

Ich begrüße Sie herzlich im neuen Jahr und zurück auf dem textbasis.blog. Um nicht selbst dem zu erliegen, worum es in dieser kurzen Artikelserie geht, folgt heute etwas verspätet der zweite Teil zum Thema Cliffhänger als Stilmittel. Ging es im ersten Teil darum, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert, so wird hier geschaut, an welchen Stellen er überhaupt eingesetzt werden kann. Denn nicht jede Stelle in einem Text ist geeignet, Spannung aufzubauen, indem wichtige Informationen verschwiegen werden.

Der Cliffhänger als Stilmittel besitzt, so schrieb ich im ersten Teil, die Möglichkeit, Gefühle beim Leser hervorzurufen. Im Idealfall vermittelt der Cliffhänger das Gefühl großer Spannung und motiviert zum Weiterlesen, im weniger idealen Fall verärgert er die Leser und enttäuscht sie. Die Kunst ist demnach, den Cliffhänger so einzusetzen, dass er an der jeweiligen Stelle im Text die gewünschte Wirkung hervorruft; und hierfür ist es notwendig, dass man weiß, welche Anforderungen eine Textstelle überhaupt an den Cliffhänger stellt. Aus diesem Grund folgen nun ein paar Überlegungen zu den drei wichtigsten Haupteinsatzgebieten – und ohne lang abzuschweifen beginnen wir dabei mit dem Ende.

Das Ende

Das Textende ist wohl die heikelste Stelle für einen Cliffhänger, denn die Gefahr ist dort am größten, den Leser durch unterlassene Informationen zu verärgern. Das Ende eines fiktionalen Textes bedeutet immer Explosion oder Auflösung. Explosion dann, wenn wie in der Suspense-Literatur üblich ein Geschehen mehr und mehr zugespitzt und verdichtet wird, um am Ende einen großen Knall zu erzeugen. Auflösung bedeutet es dann, wenn der Leser sich mit den Figuren auf eine Reise durch den Text begeben hat, um eine Lösung zu finden und so das Gesamtbild der Handlung zu verstehen. Allein aus dieser groben und einfachen Unterscheidung heraus wird deutlich, dass der Cliffhänger immer auch ein Risiko bedeutet, denn einerseits könnte der große Knall zu einem lahmen Verpuffen werden, andererseits ist es durchaus möglich, dass das Auslassen einer lang gesuchten Information am Ende zu Frustration beim Leser führt.

Wie können Sie also vorgehen, wenn am Ende des Textes ein Cliffhänger stehen soll, der die Leser erfolgreich motiviert, auch die Folgebände zu lesen? Die Antwort ist simpel, die Umsetzung erfordert aber etwas Geschick. Überlegen wir: Der Cliffhänger verschweigt etwas, was der Leser wissen will. Wird etwas verschwiegen, was der Leser wissen will, ist er enttäuscht. Jedoch: Wird etwas verschwiegen, so erzeugt das Spannung. Dennoch gilt: Gleichzeitig Spannung und Enttäuschung hervorzurufen, schließt sich aus und ist unmöglich. Doch das ist nur auf den ersten Blick eine unlösbare Situation! Denn kennt man die Muster, die einem erfolgreichen Cliffhänger zugrunde liegen, kann man genau das erreichen.

Haupthandlung und Nebenhandlung

Um die Auflösung schon vorwegzunehmen: Das Geheimnis ist, den Cliffhänger nicht auf die Haupthandlung zu beziehen, sondern auf die Nebenhandlung. Die Haupthandlung ist das, was Ihre Leser an der Stange hält, was sie umblättern lässt. In einem Seitenmarathon lesen sie sich zum Ende und dort erwarten sie, dass dann auch das Ende steht. Daran sollten Sie keinesfalls herumwerkeln, wenn Sie Ihre Leser auch weiterhin behalten möchten. Die Nebenhandlung allerdings, die ist wie geschaffen für Cliffhänger. Alles, was es dazu bedarf, ist gute Vorbereitung und eine spannende Nebenhandlung an sich. Ich verstehe dabei unter Nebenhandlung all das, was nicht direkt zum Handlungsverlauf gehört, also Charakterbiografien, kleine Abenteuer abseits der Haupthandlung, ein zweiter Handlungsstrang, der parallel zur Haupthandlung verläuft et cetera.

Ein Beispiel: Ein Kommissar ermittelt einen Fall, am Ende löst er ihn. Der Kommissar jedoch soll Protagonist einer Romanreihe sein und auch in weiteren Fällen ermitteln. Um Ihre Leser neugierig zu machen, bietet es sich an, am Ende des Textes einen Cliffhänger einzubauen. Gelingt das, werden die Leser sich mit höherer Wahrscheinlichkeit an Sie als Autorin erinnern, wenn Ihre Folgebände erscheinen. Allerdings kann dieser Cliffhänger nicht so gestaltet sein, dass der zu ermittelnde Fall nicht aufgelöst wird, der Cliffhänger muss also die Nebenhandlung betreffen.
Hierfür können nun verschiedene Muster angewendet werden: Zum Beispiel kann sich der Cliffhänger auf die Biografie des Kommissars beziehen, die selbst Teil der Geschichte ist. Die Leser erfahren gelichzeitig die Auflösung des Falls aber die Geheimnisse, die sich in der Biografie verstecken, werden am Ende nicht verraten, eventuell werden die Geheimnisse sogar effektvoll in den Fokus gerückt. Das schafft Spannung durch die Lesersympathie zum Protagonisten und Befriedigung durch die Auflösung des Falls, dem Abschluss der Haupthandlung. Natürlich funktioniert das in jedem fiktionalen Genre, nicht nur in der Kriminalliteratur.

Eine andere Möglichkeit, den Cliffhänger am Textende einzusetzen ist weniger elegant, aber ebenso zielführend. Wir bleiben beim Kriminalfall: Der Ermittler löst ihn, das Rätsel ist keines mehr. Doch dann! Es huscht eine Person durch die Zeilen, die dem gejagten Bösewicht verdächtig ähnlich ist. Sollte dem Ermittler ein Fehler passiert sein, hat er gar nur einen Doppelgänger gejagt? Das ist der Stoff für weitere Bände und der Leser wird gern wieder mit auf die Reise gehen. Dieses Muster knüpft zwar direkt an die Haupthandlung an, da es jedoch keinen Einfluss mehr auf den Abschluss der Geschichte hat, gehört es zur Nebenhandlung. Deren Aufgabe ist es, die Leser an die eigenen Bücher zu binden. Die Gefahr einer solchen Methode besteht darin, dass man schnell unglaubwürdig wirkt, wenn der Cliffhänger zu abwegig ist. Geschickt eingesetzt, hält er jedoch die Geschichte auch über das Buchende hinaus lebendig.

Geteilte Haupthandlung

Ein ähnliches Vorgehen, das allerdings weitaus größerer Planung im Vorfeld bedarf, ist das Aufteilen der Haupthandlung in Teilhandlungen, die mit jeweils einem bedeutenden Ereignis verbunden sind. Das liest sich abstrakt, ist aber leicht erklärt: Man nehme einen verrückten Killer, der die Polizei an der Nase herumführt. Immer wieder mordet er, immer wieder ist er den Ermittelnden einen Schritt voraus. Sagen wir, dass der Killer am Ende des dritten Bandes gefasst werden soll, so muss ihm die Polizei dreimal auf der Spur sein. Am Ende der beiden ersten Bände wird die bandspezifische Tat aufgeklärt oder verhindert, aber der Killer ist noch auf freiem Fuß. Hier entsteht allein durch die Konzeption der Reihe ein geschmeidiger Cliffhänger, der wohl das Paradebeispiel dafür ist, wie am Ende eines Textes Informationen weggelassen werden können, ohne dass der Leser dadurch verärgert wird. Allerdings ist diese Methode auch diejenige, die am meisten Planung und schriftstellerisches Geschick erfordert, muss doch die Konzeption schon von vornherein über mehrere Bände angelegt werden.

Natürlich gibt es noch unzählige weitere Möglichkeiten, mit dem Cliffhänger Spannung zu erzeugen, aber mit Kenntnis dieser drei sind Sie in der Lage, Ihre Manuskripte so zu gestalten, dass am Ende Spannung und Zufriedenheit gemeinsam auftreten. Diese Muster abzuwandeln oder sich neue auszudenken, funktioniert dann auch viel einfacher, wenn Sie sich dessen bewusst sind, wie und warum genau der Cliffhänger funktioniert. Bis hierhin wurden drei Möglichkeiten vorgestellt: 1) eine spannende Nebenhandlung schaffen, die am Ende offen gelassen wird (etwa über die Protagonistenbiografie); 2) gelöste Teile der Haupthandlung infrage stellen (etwa den Bösewicht wieder auferstehen lassen); 3) die Haupthandlung in Teilhandlungen zerlegen und nur die Lösung der Teilhandlung am Ende vorstellen. Wenn Sie bewusst schreiben und sich an diese Muster erinnern, können Sie leicht Ihre Manuskripte professioneller und komplexer gestalten.

Cliffhänger überall: Kapitelende und Prolog

Abschließend sollen noch zwei weitere Stellen vorgestellt werden, an denen der Einsatz von Cliffhängern sinnvoll ist. Da vieles von dem bereits Gesagten wieder zutrifft, fasse ich mich hier kürzer. Als interessante Stellen für Cliffhänger bieten sich neben dem Ende noch der Prolog und das Kapitelende an. Dabei gilt: Je weiter vorn im Text ein Cliffhänger steht, umso mehr dürfen Sie abweichen von dem, was für den Cliffhänger am Textende gilt. Das bedeutet: Am Kapitelende dürfen Sie Ihre Leser ruhig ein bisschen enttäuschen, dass nicht alle Fragen beantwortet wurden. Denn Ihre Leser wissen ja, dass noch einige Seiten vor ihnen liegen, auf denen sie die Lösung finden werden. Achten Sie dennoch immer darauf, dass das Kapitelende das Ende einer Sinneinheit bleibt. Das heißt: Auch wenn nicht alles aufgelöst wird am Kapitelende, so muss doch eine Entwicklung in der Handlung erkennbar sein, muss der Leser Neues erfahren haben. Sonst wird aus dem Cliffhänger ein Gähner, der dazu führt, dass man nicht weiterlesen möchte.
Eine Besonderheit gilt es fernerhin zu beachten: Wenn Sie mehrere Handlungsstränge anlegen, dann sollten diese gleich spannend sein. Denn ist nur einer wirklich spannend und wird dieser mit einem Cliffhänger am Kapitelende abgeschlossen, so kommt es zu der Situation, dass der Leser möglichst schnell über den zweiten, eventuell langweiligeren Handlungsstrang hinwegliest, nur um die Auflösung des Cliffhängers zu erfahren. Das schafft ein ganz und gar unharmonisches Lese-Erlebnis und sollte tunlichst vermieden werden.

Die größten Freiheiten bei der Gestaltung des Cliffhängers lässt Ihnen der Prolog. Dort ist das oberste Ziel, den Leser in Stimmung zu bringen, möglichst viele Rätsel auf den Weg zu werfen, eventuell auch mit etwas zu locken, das so noch gar nicht zum erwarteten Rest des Buches passt. Spannen Sie hier Ihre Leser auf die Folter, ärgern Sie sie ein wenig damit, dass sie nicht gleich wissen, um was es geht. Denn dann, nach einem solchen Prolog, nach dem man neugierig in der Luft hängt, stürzt man sich erst recht erwartungsvoll in die kommenden Seiten. Dennoch gilt hier natürlich auch, das Maß zu wahren: Schreiben sie den Prolog so wie den Rest ihres Buches, schreiben Sie nicht zu reißerisch und erwähnen Sie nichts, worauf Sie später nicht wieder eingehen. Denn dann fühlt sich der Leser betrogen und ist enttäuscht. Dann wirkt der Cliffhänger am Anfang des Textes wie ein missratener Cliffhänger am Ende: Ihrem Erfolg als Autorin oder Autor entgegen, anstatt Ihre Leser mit der Geschichte zu verschweißen und an Sie zu binden. Ich wünsche stilvolles Abhängen!


Als er seine – Gedanken strich.

Fackeln sind bisher keine Alternative zu Streichhölzern. Nicht verwunderlich, erfüllen beide doch unterschiedliche Funktionen. Wer verloren im Labyrinth mit einem Streichholz den Weg leuchten muss, den trifft es nicht viel besser als den Raucher, dem als Anzündgelegenheit einzig eine schwelende Fackel geblieben ist. Sie stimmen hoffentlich insofern mit mir überein, dass es zumindest seltsam wäre, falls ab morgen mit Fackeln geraucht und mit Zündhölzern der Weg geleuchtet werden würde.

Dieses Beispiel erscheint trivial, da es nur das Offenkundige vor Augen führt: Weil wir wissen, was die Wörter Fackel und Streichholz bedeuten, wissen wir auch, wie wir die Gegenstände verwenden müssen. Wir haben den Gebrauch der Wörter (und damit den der Dinge) gelernt. Diese Herangehensweise an Sprache stammt natürlich nicht von mir, sondern von Ludwig Wittgenstein, dessen Sprachphilosophie eventuell einmal Thema eines separaten Artikels sein wird.

Ganz analog zum Fackel-Zündholz-Beispiel verhält es sich auch mit Bindestrichen (-) und Gedankenstrichen (–). Prinzipiell weiß jede Autorin und jeder Autor, was beide unterscheidet. Bindestriche verbinden Wörter oder trennen sie über das Zeilenende hinaus. Sie sagen dem Leser: Hier geht ein Wort noch weiter. Anders der Gedankenstrich; dieser erfüllt abweichende Aufgaben. Zu den wichtigsten gehören wohl, dass er Sprech- beziehungsweise Lesepausen anzeigen kann und die Möglichkeit bietet, Einschübe im Satz unterzubringen. Im Gedankenstrich steckt sehr viel kreatives Potenzial; im Bindestrich hingegen gerade nicht. Dieser erfüllt eher die funktionalen Aufgaben, die Wortzusammengehörigkeit oder die Worttrennung am Zeilenende zu verdeutlichen.

Eine Parabel als Beispiel:

Es war einmal ein junger Fisch, der unbedingt wissen woll-
te, wie es am anderen Ende des Meeres aussieht. [Trennstrich]

Er gab seiner Fischmutter einen blubberigen Kuss, streichelte sanft ihre Seitenlinie und packte sein Reise- und Abenteurergepäck. [Ergänzungsstrich]

Er schwamm und schwamm – und schwamm. [Gedankenstrich (Sprechpause)]

Eines Tages wurde er – die Orientierung hatte er längst verloren – der anstrengenden Reise überdrüssig, und beschloss umzukehren. [Gedankenstrich (Einschub)]

Leider ist es keine Seltenheit, dass man in Texten Bindestriche anstelle der korrekten Gedankenstiche findet. Die Ursachen hierfür sind schnell ausgemacht. Es liegt natürlich nicht daran, dass der Unterschied zwischen Gedankenstrich und Bindestrich nicht bekannt wäre; mit Sicherheit nicht. Lediglich die Umsetzung bei der Eingabe via Tastatur oder Schreibmaschine führt zu Fehlern.

Da die Schreibmaschinen des analogen Zeitalters keine eigene Taste für den Gedankenstrich besaßen, finden wir ihn auch heute noch nicht auf den Tastaturen. Zumindest nicht in der Primärbelegung. Zwar korrigieren bekannte Textverarbeitungsprogramme die Eingabe automatisch und ersetzen Bindestriche durch Gedankenstriche, jedoch ist diese automatisierte Korrektur einerseits fehleranfällig und fördert andererseits einen oberflächlichen Umgang mit der korrekten Zeichensetzung. Denn nicht überall, gerade nicht im Internet, läuft im Hintergrund ein Eingabescanner (zumindest keiner, der automatisch Bindestriche in Gedankenstriche umwandelt …)

Daher braucht es also das Wissen um die richtige Eingabe. Für Windows-Nutzer empfiehlt sich erneut die Verwendung der Alt-Codes (die schon einmal im Beitrag über die korrekte Anwendung der Auslassungspunkte erwähnt wurden). Dazu lediglich die Alt-Taste gedrückt halten, auf dem Ziffernblock die Kombination „0150“ eingeben und Alt hernach wieder loslassen. Das funktioniert unter Windows unabhängig von der jeweiligen Eingabe-Umgebung und lässt folgenden schönen Gedankenstrich erscheinen:  –.

Ausgerüstet mit „0150“ können Sie das richtige Zeichen nahezu überall verwenden – und Ihren Aussagen mehr Nachdruck verleihen. Wichtig ist, wie schon des Öfteren betont, dass Sie bewusst schreiben. Den Unterschied zwischen Gedanken- und Bindestrich zu kennen und damit kreativ Texte zu gestalten und zu verfassen, ist ein Vorteil. Nämlich gegenüber all den Texten, die aus Unkenntnis auf diese Möglichkeiten verzichten und sie falsch anwenden.

Nachdem Sie die Eingabe des Gedankenstriches mittels Alt-Codes verinnerlicht haben, wird es Ihnen kaum mehr auffallen, diese ungewöhnliche Fingerübung während des Schreibens anzuwenden. Da Bindestriche und Gedankenstriche sehr oft vertauscht werden, bedeutet dies, dass Sie durch korrekte Anwendung mit Ihrem Text positiv auffallen können. Nutzen Sie diese und andere kleine Möglichkeiten beim Schreiben; in Addition können sie große Wirkung erzielen.


[Linkzeit] Buchpakete gewinnen bei Matthias Czarnetzki / Besser schreiben mit Tipps von g:textet

Auf dem Blog von Matthias Czarnetzki läuft derzeit eine sehr schöne Aktion, bei der ordentlich E-Books abzugreifen sind. Das Vorgehen ist simpel:

1. E-Book mit Leseproben für 0,89 € kaufen oder sich auf seinem Blog als VIP-Leser anmelden (dann gibt’s das Buch geschenkt)
2. Leseproben im E-Book lesen
3. Die Fragen zu den Leseproben beantworten (und hier einsenden)
4. Sind die Antworten richtig, nimmt man automatisch am Gewinnspiel teil

Zu gewinnen gibt es humorvolle Bücher folgender Autoren:

  • Hellmut Pöll
  • Daniel Morawek
  • Dori Mellina
  • Michael Meisheit
  • Herfried Loose
  • Matthias Czarnetzki

Wenn Sie interesse haben, surfen Sie doch kurz auf Matthias Czarnetzkis Blog vorbei, dort gibt’s die Details. Teilnahmeschluss ist der 21.05.2013. Auf zu neuen Büchern!

Doch das war noch nicht alles, was es umsonst gibt! Gudrun Lerchbaum hat auf ihrem Blog g:textet einen wundervollen Artikel mit Tipps zum bewussten Schreiben eingestellt. Ein Venedigaufenthalt und die anstehende Überarbeitung ihres Romans haben Sie dazu bewogen, ein bisschen darüber nachzudenken: „Was darf man, was ist unvermeidlich, was geht gar nicht?“ Gemeint ist die Verwendung floskelhafter Sprache. Kurzweilig und aufschlussreich, uneingeschränkt zu empfehlen! Klick!


[Schreibwerkstatt: Spezifisch perspektivisch #01] „In Rage warf er seine Limonadenflasche“

„Miriam, was haben der plötzliche Wasserrohrbruch und die veranlassten Reparaturen für Auswirkungen auf den bevorstehenden Paradeumzug?“

„Die Folgen sind noch nicht abzusehen, Frank. Sicher ist zumindest, dass es zu Verzögerungen kommen wird. Das Organisationskomitee hat über die großen Lautsprecher verkünden lassen, dass sich der Beginn wohl um mindestens dreißig Minuten verschieben werde. Die bunten Fähnchen der Schaulustigen wirbeln seitdem nicht mehr ganz so hektisch durch die Luft, verhaltene Ruhe scheint die Aufregung hier am Brandenburger Tor geschluckt zu haben. Wie sieht es bei dir aus?“

„Vielen Dank, Miriam! Nicht überall ist es so ruhig geblieben! Ein Team von Spezialisten arbeitete ununterbrochen daran, das sprudelnde Wasser unter Kontrolle zu bringen. Einem besonders eifrigen Zuschauer ging das wohl aber zu langsam: In Rage warf er seine Limonadenflasche in den Sinkkasten und unglücklicherweise traf er dabei einen herbeigeeilten Arbeiter am Kopf, der daraufhin mit einer Platzwunde niederstürzte. Seitdem ruhen hier die Arbeiten, ein Notarzt wurde gerufen, er kämpft sich in diesen Sekunden durch die Menge. Im Hintergrund versucht das Sicherheitspersonal den Limonadenwerfer zu erhaschen, aber der scheint geflüchtet zu sein. Weitere Verzögerungen sind möglich, wir halten Sie auf dem Laufenden! Und damit wieder zu dir, Miriam!“ …

Miriam und Frank sind zurück auf dem textbasis.blog! Und sie haben auch gleich eine neue Kategorie mitgebracht. Herzlich willkommen zum ersten Artikel in der Schreibwerkstatt „Spezifisch perspektivisch“! Der Text oben hat dabei noch wenig mit dem eigentlichen Thema zu tun, unser Radioreporterduo liefert uns lediglich die Vorlage, an der sich kommende Artikel orientieren werden.

Um gute Texte zu schreiben, ist es für Sie als Autorin und Autor wichtig, dass Sie sich Ereignisse aus ganz verschiedenen Perspektiven vorstellen können. Und natürlich auch, dass Sie diese Perspektiven dann in interessante Texte verpacken, um einer Situation den besonderen Moment abzugewinnen. Das ist manchmal nicht ganz einfach, aber in den meisten Fällen eine ziemlich gewinnbringende Arbeit. Und die Ergebnisse sind oft erstaunlich.

„Ich will mitmachen!“ – Das freut mich zu hören. Wenn Sie Lust haben, ein bisschen zu experimentieren, greifen Sie sich aus dem bunten Treiben, das Miram und Frank schildern, einen Teil heraus, beschreiben Sie die Ereignisse aus einer ganz anderen Perspektive, raffen Sie, dehnen Sie, erfinden Sie hinzu! Ich bin gespannt, was Miriam und Frank alles nicht gesehen und gehört haben – und ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Einfälle als Kommentar unter den Text setzen würden, damit wir gemeinsam ein bisschen fachsimpeln und schmunzeln können.

Hier noch ein Vorschlag von mir, wie man die Perspektive etwas verdrehen kann. Vielleicht macht er Ihnen Lust, selbst weiterzuschreiben:

„Jetzt kommt bestimmt gleich sein „Vielen Dank, Miriam!“ – und da war es auch schon wieder. Ich mein’, klar, was soll er denn auch sagen? Aber Miriam hat ja gar keine andere Wahl, als ihm zu antworten, ich mein’, sie kann sich ja nicht einfach hinstellen und sagen, naja, nichts sagen eben, oder? Nee, kann sie nicht. Ich hör ja jetzt schon seit drei Jahren die Reportagen der zwei im Radio, und dieses „Vielen Dank, Miriam!“ hab ich schon in der ersten Sendung gehört, da bin ich gerade Richtung Archenhold-Sternwarte gefahren, das weiß ich noch ganz genau – und da ist mir das auch gleich aufgefallen. Und seitdem immer wieder, ich mein’, ist nicht schlimm, mein’ ich, aber mal ehrlich, jetzt, nach drei Jahren noch? Sie sind ja auch gut, klar, ich mein’, klar, das ist jetzt so ein Detail, und ich kann mir schon vorstellen, was du wieder denkst – aber fällt dir das nicht auch auf? Nee? Hmm, mir fällt so was gleich auf, ist mir ja schon in der ersten Folge aufgefallen, wart’! – Was hat der grad’ gesagt, wer ist erschossen worden?! Wie Limonadenflasche? Jetzt hab ich wegen dir alles verpasst, hoffentlich kommen wir nicht zu spät, wir sind sowieso schon viel zu spät, und einen Parkplatz müssen wir auch noch finden, und alles nur, weil du wieder so lange im Bad gebraucht hast, schau dort! Da vorne sieht man schon die ersten Besucher, wir müssen uns ranhalten!“

Wenn Sie mögen, hauen Sie in die Tasten und lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf! Ich freue mich auf Ihre Ideen!


Mit dem 52×1 zum ersten Buch

Im Vergleich zu Kilogramm oder Meter ist die Einheit Buch ganz anders. Man kann zwar zählen 1 Buch, 2 Bücher und so fort, genau wie bei den Maß‑ und Gewichtsangaben auch, aber irgendwie gibt es schon einen Unterschied. Im Artikel dieser Woche soll es jedoch nicht darum gehen, zu zeigen, was genau die Eigenschaften eines Buches sein müssen, damit wir es Buch nennen (denn das bereitet uns im Alltag kaum Probleme). Vielmehr nämlich ist das, was viele vom Schreiben abhält, die Frage: was genau und wie viel muss ich denn eigentlich tun, damit am Ende ein Buch herauskommt?

Dass niemand Angst vor einem Meter hat, weil er aus 1000 Millimetern besteht, verwundert kaum. Aber dass manche Bücher 1000 Seiten haben, das ist für viele, die überlegen ihr erstes Buch zu schreiben, oft etwas abschreckend. Denn 1000 Seiten Text schreiben sich nicht an einem Tag und die meisten Menschen trauen sich nicht zu, soviel zu schreiben (vor allem dann nicht, wenn sie keine geborenen Viel- und Gernschreiber sind). Daraus entsteht dann womöglich eine Art Angst, die sich vom Umfang eines Buches herleitet: Das schaffe ich nie!

Diese Angst ist unbegründet und entsteht einerseits dadurch, dass man sich vom Buchumfang abschrecken lässt („So viel kann ich gar nicht schreiben!“), und zweitens dadurch, dass man sich das Schreiben eines Buches falsch vorstellt („Das würde mir gar nicht alles einfallen!“). Diese beiden Angstursachen lassen sich dabei leicht beseitigen und ich gebe im Folgenden ein paar Tipps, wie sich jeder selbst diese Schreibangst nehmen kann.

(Hinter allen folgenden Ratschlägen steht immer die eine, grundlegende Regel: Man muss Spaß am Schreiben haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist alles andere vergebens.)

Widmen wir uns zuerst der Angst vor den fehlenden Ideen, die ganz eng mit den falschen Vorstellungen vom Schreibprozess selbst verknüpft ist. Eine Idee, um die man das Buch herum schreiben will, die braucht es freilich am Anfang immer. Sonst würde man ja gar nicht erst anfangen. Wenn Sie jedoch Ihre Idee haben, um die ein Buch entstehen soll, dann kann es auch sogleich losgehen. – Aber nicht mit dem (Buch)Schreiben!

Denn das ist (ganz gleich, ob es sich um ein Fachbuch oder einen Roman handelt) der Fehler, der möglicherweise viel zu oft passiert: Man schreibt einfach drauflos und wundert sich dann, dass einem auf dem Weg die Ideen ausgehen, dass das Buch nicht den gewünschten Umfang hat, oder dass man eigentlich nur einen guten Anfang, ein gutes Ende aber einen schnarchlangweiligen Mittelteil zu Papier gebracht hat. Denn solche Meister gibt es nur wenige, die während des Schreibens ihre Bücher erfinden (und dann heißt das auch noch nicht, dass am Ende ein gutes Buch herauskommt).

Den meisten Textschaffenden wird es ähnlich gehen: Ein Buch schreiben, das ist mehr, als wild in die Tasten zu hämmern. Texte schreiben bedeutet: Wissen, worüber man schreibt. Dieses Wissen kann sich dabei je nach Buch ganz unterschiedlich zusammensetzen. Eingehende Recherche bei Fachbüchern ist immer ein guter Beginn, eine Auflistung aller wichtigen Themen schon fast der Startschuss. Ähnlich ist es auch bei Romanen. Auch dort kann in bestimmten Genres eine eigehende Recherche notwendig sein (historischer Roman etc.)

Gehen wir an dieser Stelle davon aus, dass die Recherche erledigt ist und man sich wohlfühlt in dem Thema, über das man schreiben möchte – auch dann sollte man noch nicht mit dem Schreiben selbst beginnen. Denn obwohl die Grundlage schon eine sehr gute ist, so fehlt dem Buch doch noch sein eigentliches Skelett. Dieses zusammenzukitten ist von den wichtigen Vorarbeiten die notwendige. Denn eine Idee ist noch kein Buch. Die Idee muss ausgeführt werden, sie muss zu etwas werden, das länger hält als die Dauer eines Geistesblitzes. Hier liegt nun auch der Dreh- und Angelpunkt aller guten Bücher: Die Idee muss zu einem Text werden.

Das genaue Vorgehen lässt sich nicht beschreiben, wie dieser Schritt bewerkstelligt werden kann. Hier muss jeder seinen eigenen Stil finden. Jedoch ist es immer wichtig, dass man sich über den Anfang und das Ende hinaus überlegt: was passiert eigentlich genau in der Mitte des Buches? Um diese Frage dreht sich dann alle weitere Beschäftigung. Man muss Personen erfinden, ihnen eine Biografie verpassen, man braucht Handlungsmotive, man benötigt Handlungsstränge. Eben all das, was der Schriftsteller erfinden muss, damit er sein Buch schreiben kann.

Je genauer man bei der Planung seines Buches vorgeht, desto mehr bildet sich schon vor dem ersten Wort des eigentlichen Textes die Geschichte im Kopf heraus. Je mehr man Handlungsskizzen, Charakterskizzen und –motive entwirft, umso mehr spinnt sich von ganz allein eine Geschichte im Kopf zurecht. Das beste Buch schreibt man demnach, wenn man vor dem eigentlichen Niederschreiben schon grob (und im Idealfall: genau) weiß, was ein paar Kapitel später passieren wird und warum das wichtig ist für den Mittelteil des Buches. Denn so erzeugt man auch über viele Seiten hinweg Spannung (man muss wissen, was man spannend macht und wie und wo man die Spannung auflöst).

An dieser Stelle haben Sie noch kaum etwas vom Haupttext Ihres Buches notiert, aber Sie sind ausgerüstet mit allem, was Sie brauchen, um sich später beim Schreiben wohlzufühlen: Sie wissen Bescheid (Recherche) und sie haben ihrer Idee Leben eingehaucht (Buchkonzeption und Skizzen). Sind Sie an dieser Stelle angekommen, werden Sie merken, dass die zweite oben genannte Angstursache (die vielen Seiten, die es noch zu schreiben gilt) schon weit in den Hintergrund gerückt ist. Denn nun wissen Sie, was sie alles auf diese vielen leeren Seiten schreiben können. Aber dennoch: Es steht noch nichts da, was mal ein Buch werden könnte, und Sie haben schon viele, viele Stunden an der Ausgestaltung Ihrer Idee verbracht. Jetzt heißt es: letzte Vorbereitungen treffen, sich selbst motivieren und dann wird losgelegt.

Der letzte Schritt, bevor es an die Schreibarbeit geht, ist das Organisieren der Handlung in Kapitel. Sie wissen, was Sie alles behandeln wollen, Sie wissen, was alles vorkommen muss, und Sie wissen, wodurch Ihre Spannung erzeugt wird. Diese Textknochen fügen Sie jetzt zu einem Textskelett. Entwerfen Sie die ersten 10 bis 20 Kapitel Ihres Buches, notieren Sie sich, was darin geschehen soll. Und fertig ist Ihre eigene Buchvorlage, der Sie im letzten Schritt nun „bloß“ noch Leben einhauchen müssen. Es spielt übrigens keine Rolle, wenn Sie nicht alle Kapitel des Buches durchplanen, lassen Sie sich Spielräume für Eingebungen während des Schreibens. Aber orientieren Sie sich immer an Ihren Skizzen, auch wenn Sie die Kapitel später noch einmal umarbeiten.

Und jetzt der Clou: Sie haben die Idee und diese zu einem Konzept gemacht. Aus dem Konzept sind die (noch leeren) Kapitel entstanden. Sagen wir, Sie gliedern Ihr Buch in 52 Kapitel. Und bevor Sie mit Schreiben anfangen, lösen wir noch kurz eine Rechenaufgabe (nicht zufällig entsprechen die 52 Kapitel den 52 Wochen des Jahres). Ihr Ziel ist eine spannende Geschichte mit dem Umfang von 400 Taschenbuchseiten. 400 Seiten ÷ 52 Wochen = ca. 8 Seiten in der Woche. Die weitere Rechnung könnte man sich schenken, aber sie tut gut: 8 Seiten ÷ 7 Tage = etwas mehr als 1 Seite pro Tag.

Lassen Sie uns darüber kurz nachdenken: Sie haben die Idee und Sie wissen, worüber Sie schreiben wollen, und Sie haben Ihre Kapitel und Sie wissen, dass Sie, wenn Sie jeden Tag etwas mehr als eine Seite schreiben, innerhalb eines Jahres Ihr erstes Buch fertiggestellt haben. Da Sie gern schreiben und weil für Sie eine Seite Text am Tag keine Herausforderung ist und weil Sie wissen, was Sie auf diese eine Seite schreiben wollen (aufgrund Ihrer gründlichen Vorarbeiten) – deswegen wissen Sie auch, dass Sie es schaffen, Ihr Buch zu schreiben und keine Angst haben müssen, dass Ihnen nichts mehr einfällt oder dass Sie der Umfang überwältigt.

Um sich noch weiter zu motivieren, rechnen Sie so: Schaffen Sie ca. 3 Seiten an einem Tag, dann haben Sie binnen eines Jahres Ihren 1000 Seiten-Wälzer (wofür natürlich auch genug Stoff da sein muss!). Oder so: Mit 5 Seiten am Tag, haben sie Ihre 400 Taschenbuchseiten in 80 Tagen fertig. Oder rechnen Sie so, wie es Sie motiviert. Wenn Sie die magische Einheit, 1 Jahr, in Ihre Berechnungen einbringen, dann kommen Sie für fast alle Bücher immer zu demselben Ergebnis: Das schaffe ich!

Es sei zum Schluss dieses Eintrags noch angemerkt, dass es in diesem Artikel darum ging, ein Buch in einem Jahr zu schreiben. Die Ideenfindung und Konzeption sind da nicht mit eingerechnet. Aber wenn Sie am Tag etwa 3 Seiten schreiben, dann haben Sie noch 6 Monate, um Ihr Buch zu planen. Erliegen Sie dabei bitte nicht der Illusion, dass eine gute Planung auch zu einem sicheren Erfolg führt. Denn der Erfolg bestimmt sich durch viele zufällige Faktoren am Buchmarkt. Dennoch können Sie Ihre Chancen erhöhen, je besser Ihre Idee ist und umso gründlicher Ihre Vorarbeiten sind.

Denken Sie aber auch daran, dass 100 Autoren aus einer Buchskizze 100 verschieden gute Bücher machen können. Sie müssen zu den besten dieser 100 gehören. Also lassen Sie all Ihr Sprachgefühl und Ihre Kreativität in Ihre Sätze fließen, nachdem Sie festgestellt haben, dass Ihr Buch schon in greifbarer Nähe (1 Jahr!) ist. Denn das ist die zweite Seite des Autorenhandwerks, neben dem Erfinden und Planen des Inhalts: das Schreiben (und das geht umso besser, wenn Sie sich nicht immer Gedanken machen müssen, was Sie schreiben, sondern nur noch: wie Sie es am besten zu Papier bringen).

In diesem Sinne: Wir lesen uns – spätestens in einem Jahr!