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[Der lyrische Mittwoch, Folge 16] Hanna-Linn Hava – klagelied

wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

(Was könnte das Blogger-Herz mehr erfreuen, als die vielen lieben Menschen, die mithelfen, den Mittwoch auf dem textbasis.blog zu einem lyrischen Leckerbissen zu machen? Dieser Folge möchte ich einen großen Dank an all diejenigen vorausschicken, die regelmäßig mitlesen, kommentieren, denen die Beiträge gefallen, die mir intelligente E‑Mails zusenden und natürlich denen, die sich bereits sechzehn Mal die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten, und Ihre Texte zur Verfügung gestellt haben. Vielen herzlichen Dank!)

Diese Woche hat Hanna‑Linn Hava, Bloggerin, freie Autorin und Malerin, Zeit eingeräumt, damit wir ihr ein bisschen über die literarische Schulter und in ihre Gedanken schauen können. Hanna‑Linn ist „in der Fantasie zuhause“ und „in der Realität ein wenig fehl am Platz“, wie sie selbst schreibt. Sie wuchs in unmittelbarer Umgebung zur riesigen Privatbibliothek der Eltern auf, wurde vom Sog der Seiten angezogen und ließ sich schon früh darin treiben. Irgendwann kamen zum Lesen das Geschichtenerzählen und später das Studium der Freien Malerei hinzu. In 2009 belegte sie mit der Kurzgeschichte „Sein Name war Jonas“ den zweiten Platz des Würth‑Literaturpreises und erreichte die Aufnahme ihres Gedichtes „Als die Sätze verschwanden“ in die Jokers–Anthologie. Inzwischen schrieb sie ihren ersten Roman, „Schneewittchens Geister“, der bereits das Interesse eines Verlages gefunden hat, und veröffentlichte vor wenigen Tagen in Kleinstauflage ihren wertig ausgestatteten Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“. Es ist mir eine Ehre, Ihnen heute ein Gedicht daraus vorstellen und Hanna‑Linn als Gast begrüßen zu dürfen.

In ihrem Gedicht „klagelied“ begegnen wir einem lyrischen Ich, das sich auf einer Reise befindet und dessen Gepäck aus den verschiedenen Facetten des Nichts und des Fehlens besteht. Mit schweren Koffern, stechenden Rosen im Arm und enttäuschten Beinen im Leerraum zwischen Boden und Schluchtabgang balancierend, begleiten wir das lyrisch Ich mit Strophen wie Schritten im Prozess des angestrengten Austarierens, begleiten es beim Versuch, Gleichgewicht zu halten zwischen Enttäuschung und Voranschreiten. Wie ein Regen, den der Wind mal schwächer, mal stärker ins Gesicht peitscht, fallen die Reime durch den Text, bis sie am Ende die Neigung gefährlich verlagern und als Diamanttropfen zu Boden schmelzen. In dieser Poesie des Verlorenen verwandelt sich innere Leere in Bilder von Realitätsresten, dort manifestiert sich Klage nicht im Weinerlichen, sondern im Bedrückenden kleiner Alltäglichkeiten –

klagelied

nichts in der hand außer sehnsucht
nichts im kopf außer rand und band
balanceakt auf der angstschlucht
mit dem rücken zur rostigen wand

nichts zu zahlen den teuren wegzoll
nichts zu essen für ein jahr
lieder gesungen in a-moll
ein versprechen, das keines war.

nichts im koffer nur steine
nichts am leib außer haut
wie lange tragen die beine
einer verlassenen braut?

nichts im arm außer rosen
nichts im haar, das ergraut
in töpfen erkaltete soßen
der diamantenschmuck taut.

Hanna-Linn Hava

Hanna-Linn Hava

Textbasis: Liebe Hanna‑Linn, vielen Dank, dass du heute am Lyrischen Mittwoch teilnimmst. Du schreibst, dass du zwischen Buchrückenwänden aufgewachsen bist. Wie hat dich das Lesen beeinflusst und welche Rolle spielt es auch heute noch für dich beim Verfassen von eigenen Texten?
Hanna‑Linn: (lächelt) Ich bedanke mich für die geschmeidige Einleitung zum „klagelied“, lieber Sebastian, und wende mich mit Vergnügen der ersten Frage zu, die ja dort ansetzt wo alles beginnt: in der Kindheit. In meinem Fall wurde damals tatsächlich die Liebe zum gedruckten Wort in all seiner Vielfalt gründlich eingepflanzt; inzwischen ist daraus ein derart tief verwurzeltes Geflecht erwachsen, dass es mein Leben ganz durchdringt.
Dabei ging ich, was die Buchauswahl betrifft, recht wahllos vor: Ich arbeitete mich eben durch alles, was ich kriegen konnte – zuerst die gesamte Kinderbuchauswahl, wie Michael Ende, Astrid Lindgren, aber auch Karl May oder Herr der Ringe, später in der Jugend, wie oft üblich, die deutschen Klassiker und die Existenzialisten, und noch später, und bis heute sehr gern, die amerikanischen Erzähler, wie John Irving. Aber genauso gibt es einiges an Fantasy-Literatur unter meiner aktuellen Lektüre, die oft zu Unrecht belächelt wird. Terry Pratchett zum Beispiel ist ein großartiger Erzähler. Diese Vielfalt prägte mich also insofern, dass ich, wie ich meine, erstens eine recht tolerante Haltung zur Literatur entwickelt habe – in jedem Genre gibt es Lesenswertes und auch Schlechtes – und zweitens gehe ich dadurch vor allem intuitiv an meine eigenen Texte heran. Ich mache mir nicht bewusst, auf was ich zurückgreife, wenn ich formuliere, oder warum ich jenen Stil bevorzuge. Literaturtheoretisch bin ich nämlich weniger belesen.
Wie ein Kind, das mit Pferden aufwächst: das lernt den Umgang mit den Tieren durch Erfahrung und das Tun ganz automatisch. Auch wenn dadurch nicht unbedingt ein guter Reiter daraus wird.
Habe ich gerade Bücher mit Pferden und das Schreiben mit dem Reiten verglichen? (lacht) Schnell zur nächsten Frage!

Textbasis: Würdest du also den Weg hin zum fertigen Text als ein findiges Suchen oder ein aufmerksames Warten beschreiben? Was bedarf der Inspiration, was der Planung?
Hanna‑Linn: (überlegt kurz) Auch wenn ich gerade deutlich feststellte, dass ich vom Gefühl geleitet schreibe, was ja also das Finden im riesigen Speicher des Unbewussten bedeutet, so muss ich auch dem Prozess des Suchens einige Wichtigkeit einräumen. Das eine bedingt das andere: Weder die reine, freie Inspiration, noch die totale, intellektuelle Planung ergeben ein rundes Ganzes. Oft ist es so, dass einfaches, nicht mal allzu aufmerksames Warten genügt, um von einer fantastischen Idee oder einem besonderen Bild oder auch nur einem hinreißenden Satz gefunden zu werden. Das ist dann die Muse, die manchmal und so unberechenbar küsst.
Aber um daraus dann einen abgeschlossenen Text zu schaffen, sei es eine Kurzgeschichte, ein Gedicht, bedarf es – und das betone ich nachdrücklich – dem bewussten Suchen, dem Handwerk und auch, jawohl, der Disziplin.
Wie schön wäre es, wenn man einfach müßig warten dürfte, bis man, erfüllt von feuriger Inspiration, seitenweise Meisterschaftliches schaffen würde!
Aber oft kamen die besten, wie ich finde, meiner Werke zustande, nachdem ich mich stundenlang an einer Stelle quälte, die nicht so werden wollte, wie sie sollte – und durch pure Hartnäckigkeit dann doch noch wurde.

Textbasis: Bevor wir uns weiter vorwagen, und ein bisschen mehr ins Detail gehen, eine Frage noch, die sich ganz dem „normalen Leben“ zuwendet. Wie verbindest du Alltag und Schreibarbeit miteinander, und warum lohnt es sich, diese Mühen auf sich zu nehmen?
Hanna‑Linn: Es lohnt sich nicht nur, diese Mühen auf sich zu nehmen, es ist eine Voraussetzung dafür, dass beides funktioniert. Das ist ein wichtiger Punkt, den du hiermit ansprichst, und der einiges aus der letzten Frage aufgreift: Genauso, wie Inspiration und Disziplin sich verbinden müssen, um ein schönes Kind zu bekommen – das war jetzt wieder ein zu bildlicher Vergleich, stellt euch das bitte nicht allzu genau vor (lacht) – genauso schließen sich die alltägliche und die künstlerische Welt nicht gegenseitig aus, sondern bedingen sich.
Als Künstler kann man sich durchaus schnell von der Realität entfernen, wenn man für sich alleine sich nur seinen Werken und Innenwelten widmet. Ein gewisser Rückzug ist ja auch nötig, um die Ruhe und Konzentration zu erlangen, die man dringend braucht, um sich intensiv und produktiv mit einem Projekt zu beschäftigen – ob in der Malerei oder Literatur. Es ist also nichts dagegen einzuwenden, einmal für einige Wochen in eine einsame Hütte zu verschwinden.
Aber das kreative Schaffen speist sich auch aus dem Alltag – ohne Alltag, ohne Erfahrungen, ohne Leben: die inneren Welten trocknen aus, versiegen. Der Künstler kreist nur noch um sich selbst.
Wenn ich bis tief hinein in die Nacht eifrig an einer Arbeit gesessen habe, und am nächsten Morgen um sechs Uhr klingelt der Wecker – dann fluche ich, sicher. Aber ich bin auch froh, dass mein Alltag mich dazu zwingt, mich in der Realität zu verwurzeln und einen Rhythmus zu finden.

Textbasis: Kommt daher auch ein bisschen dein Wunsch nach künstlerischer Freiheit und Zwanglosigkeit?
Hanna‑Linn: (seufzt) Oh, gewiss: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann wäre das ein Leben ohne jegliche materielle Einschränkungen, das es mir erlauben würde, nur noch und ausschließlich ein Künstlerleben zu führen. Allerdings war ich schon immer jemand, der sich gesellschaftlichen Zwängen gern und konsequent entzogen hat. Ich habe mir sehr viele Freiheiten genommen und recht unkonventionelle Entscheidungen getroffen – nur um hin und wieder festzustellen, manchmal auch durchaus schmerzhaft, dass das, was mir zuerst als weite Freiheit erschien, dann doch überraschenderweise mit Regeln und Beschränkungen aufwartete.
Inzwischen glaube ich nicht mehr an den Segen der Zwanglosigkeit, wie ich ja bereits zuvor erläuterte.
Allerdings (seufzt nochmal tief) wünsche ich diese ganzen stupiden Verpflichtungen, zu denen der Alltag uns zwingt, oft genug und aus vollem Herzen zum Teufel. Aber wer tut das nicht?

Textbasis: Wie harmoniert dieser Wunsch nach freier Kunst mit deiner bewussten Zuwendung zum Reim und der Wahl eher traditioneller Strophen‑  und Gedichtformen? Oder löst sich diese Diskrepanz auf im hüpfenden Versmaß?
Hanna–Linn: (lacht) Ja, das hüpfende Versmaß, das löst alle Anspannungen vergnüglich auf! Dabei sehe ich den tradionellen Reim nicht als Widerspruch zur freien Lyrik. Letzendlich ist der Reim nichts anderes als ein Kleid; darin kann eine bereits tausendmal gesehene Plastikpuppe stecken, die uns langweilt, oder ein spannend unbekanntes, lebendiges Wesen, welches wir kennenlernen möchten.
Ich persönlich nutze den Reim aus verschiedenen Gründen: Zum einen ködert mich einfach der Klang, die Musik, die entsteht, wenn Worte sich reimen. Zum anderen sind meine Gedichte oft voller altmodischer Bilder: voller Rosen, Jünglinge, Schicksale und Tod. Ich erwähnte mal vor Kurzem den Begriff Neoromantik, nicht ganz ernst gemeint, aber so ein wenig die Atmosphäre beschreibend, die mir vorschwebt. Dafür erlaube ich mir zum Beispiel die Freiheit, alles, auch alle Substantive, kleinzuschreiben – weil ich denke, dass in einem Gedicht die Wörter alle gleichberechtigt sind und sogar ein und eine wichtige Bedeutung hat, ganz anders als in längeren Prosatexten. Wobei das jetzt ein anderes Thema wäre.
Außerdem erscheint es mir schon eher wie ein Zwang, dass Reime nicht mehr salonfähig sind in der modernen Lyrik. Vielleicht will ich beweisen, dass ein Reim immer noch mehr sein kann als kunstloser Kitsch. Ob mir das gelingt, mögen andere beurteilen. Vielleicht, ganz vielleicht, will ich auch ein wenig damit provozieren. (grinst) Du hattest sicher doch damit recht, Sebastian, dass ich bei aller später im Leben erlangten Vernunft, immer noch der Zwanglosigkeit zugewogen bin und starre Regeln nicht akzeptieren will!
Und: Wie man ein gereimtes Gedicht liest, ist von höchster Wichtigkeit! So gesprochen, wie man es in der Schule vorträgt, mit der Betonung immer auf den letzten Silben, also dem Reim, so gesprochen klingt selbst Goethe blöde.

Textbasis: Wahr gesprochen … Nun ist vor ein paar Tagen dein neuer Lyrikband „Trotzigschön. Poesie aus anderswann“ erschienen, zu dem ich dir herzlich gratuliere. Wie lange hast du an ihm geschrieben und was hast du für die Zukunft geplant?
Hanna‑Linn: Die Verwirklichung von „Trotzigschön“ entsprang dem Wunsch, eine Auswahl der gesammelten Gedichte in einer schönen Form zusammenzufassen; aus einer losen Sammlung also ein wirkliches, in sich geschlossenes und fassbares Werk zu machen.
Daran geschrieben habe ich so ungefähr die letzten drei Jahre – also immer dann, wenn ich mich mit meinem Romanmanuskript irgendwo verrannt hatte, aber trotzdem noch voller Wörter und Bilder war. Es ist so befriedigend, ein Gedicht innerhalb eines Tages zu beenden, während sich die Fertigstellung eines Romans so endlos hinzieht. Damit bin ich schon bei meinen weiteren Plänen: Als erstes die Veröffentlichung von „Schneewittchens Geister“. Zweitens durch genügend Interesse der Leser für „Schneewittchens Geister“ ausreichend Geld zu verdienen, um einen zweiten Roman zu schreiben, und auch, um mich ausschließlich dem Schreiben dieses Romans widmen zu dürfen.
Wenig originell, ich weiß. Aber wenn es funktioniert, und ich endlich in meiner alten Villa mit Park und Atelier und so weiter lebe, dann, Leute, werde ich dort die schicksten literarischen Salons abhalten, versprochen! (winkt fröhlich in die Runde)

Textbasis: Auf diese literarischen Salons freue ich mich, sag auf jeden Fall Bescheid, wenn es soweit ist – ich bin mir sicher, dass wir mit großem Gefolge einrücken werden. Aber noch rasch zur letzten Frage. Stellen wir uns vor, die Literatur wäre eine Uhr mit nur einem Zeiger, dem Gedicht. Welchen Takt schlüge dieser Zeiger?
Hanna‑Linn:

Die Lyrik ist die blaue Stunde auf dem Ziffernblatt der Literatur.

die poesie erwacht zur dämmerstunde
ein glockenschlag erklingt gedämpft und tief
der zeiger zittert stumm in seiner runde
die zarte nacht ists, die zum wortgespiele rief.

Textbasis: Mit diesen schönen Versen gleitet es sich ja fast widerstandslos hinein ins Ende dieser gutgelaunten und interessanten Folge des Lyrischen Mittwochs. Ich freue mich, dass du so offen und froh aus dem Schreibstübchen geplaudert hast, und natürlich über die Kostprobe aus „Trotzigschön“. Deinem Romanprojekt wünsche ich, dass es die Kraft haben werde, dir mehr als nur eine Villa zu bescheren, und dass es die literarischen Salons ermöglichen möge, in denen wir uns schon bald wiedertreffen wollen. Es hat mir großen Spaß gemacht, deine Antworten zu lesen, und ich wünsche dir für alle kommenden Schreibarbeiten gute Finger und flinke Ideen. — Möchten Sie nach diesem Ausflug in die Buchstabenwelt von Hanna‑Linn Hava auch noch ein bisschen in der „Poesie von anderswann“ verweilen? Dann ziehen Sie den Versfüßen Verssocken über und tapsen sie zum Blog der Autorin, auf welchem Sie viele weitere verdichtete Gedanken und auch ein paar sehr anregende Reflexionen über das Schreiben finden. Verssockenträger, hier entlang: Hanna‑Linn Hava.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 7] Danielle – Bodenlos sein.

Lang hat es gedauert, liebe Leserinnen und Leser, geschlagene sieben Folgen des lyrischen Mittwochs, um genau zu sein. Und nun ist es soweit: Der Mittwoch wird verslos verlockend, denn schöne Sprache kann immer lyrisch sein! Auf dem Blog der schweizerischen Schriftstellerin Danielle habe ich wunderbare Prosa gefunden, deren Sprachkraft zwischen den Zeilen hindurchleuchtet. Ob man Danielles Werke Prosagedichte, Skizzen, Kurzgeschichten oder noch anders nennt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die 33-jährige Autorin, die auf ihrem Blog unter dem Pseudonym Missscheinsein veröffentlicht, schreibt aus Passion, aus dem Moment heraus – und dabei ganz besonders eindringlich. Ich freue mich, einen ihrer Texte heute hier vorstellen zu dürfen!

„Bodenlos sein.“ lautet der Titel, das Thema ist ein trauriges: Auf dem Weg sein, und an den Kreuzungen unbedingt in die richtige Richtung müssen. Am Ende dort ankommen, wo man keinesfalls hinwollte, und sich fragen: Gab es wirklich einen anderen Ausweg aus diesem finsteren Labyrinth? Waren das echte Kreuzungen? Das Labyrinth selbst: ein undurchdringbarer Dschungel, der dunkler und dunkler wird, umso länger man sich in ihm verliert. Der Weg zurück führt nur wieder an den Anfang, nicht aber hinaus. Die letzte Entscheidung vor dem Licht: Erneut die Hand greifen, die einen so hart hinabstieß in diesen bösen Irrgarten; oder gar nicht mehr zugreifen? Nur noch loslassen, und endlich entsteigen aus diesem unheimlichen Meer toter Bäume? –

Bodenlos sein.

Sie lief schon seit Monaten, immer tiefer in den endlos sich hinziehenden Wald. Die letzte Lichtung lag weit zurück. Sie ging immer weiter. Ziellos, planlos, doch frei war sie nicht. Die schmerzenden Füsse spürte sie kaum mehr, auch nicht die zerkratzen Arme und auch nicht die ausgetrocknete Kehle. Nur der Hunger und die endlose Sehnsucht brachten sie um den Verstand. Sie zerbrach an ihrem Verlangen nach Nähe und entfernte sich dennoch immer weiter. Bei jedem Scheideweg versuchte sie den richtigen Kurs zu wählen. Doch jeder Weg schien falsch. Jeder Weg führte nur noch tiefer ins Dickicht. Jeder Schritt brachte sie weiter fort. Von sich und von allem. Doch plötzlich wurde es hell. Der Wald lag hinter ihr und vor ihr, in weiter Ferne, der Horizont. Doch sie wagte nicht, ihren Blick dorthin zu lenken. Vor ihr lag das Bodenlose. Die Leere. Jede Unachtsamkeit würde sie stürzen lassen. Jeder Fehltritt bedeutete den sicheren Tod. Doch zurück konnte sie nicht. Sie schloss die Augen, spürte den Wind in ihrem Gesicht. Sie atmete tief, hob ihren Fuss, trat an den äussersten Punkt des noch existierenden Haltes. Sie war bereit zu springen. Zu gross war die Angst. Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen. Sie liess die Augen geschlossen, sah die Hand, an der ihr Leben hing. Sie konnte sie nicht daran festhalten. Sie hätte alles mitgerissen. Sie ging alleine. Er hörte den Aufschlag und dann wurde es ruhig.

Danielle

Danielle

Textbasis: Herzlich willkommen, Danielle! Ich freue mich sehr, dass du am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Schnell spürt man dein Auge für die Details, wenn man sich von deinen Worten hinfortzerren lässt. Woher kommt deine Liebe und Begeisterung für das Schreiben?
Danielle: Zuallererst herzlichen Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen darf. Als deine Anfrage kam, einen meiner Texte hier vorzustellen, war ich doch etwas überrascht. Ein erster Gedanke war, dass meine Schreiberei viel zu amateurhaft und belanglos sei, um hier vorgestellt zu werden. Aber ich legte diesen Gedanken beiseite und freue mich nun umso mehr. Ich finde die Idee und deine Umsetzung grossartig.
Die Begeisterung für Worte hatte ich schon immer. Als Kind waren es kleine Geschichten, die ich mir ausdachte, später wurden es Texte für ein Magazin und einige Zeitungsartikel. Wirklich professionell war es aber nie und abgesehen von den Geschichten in meiner Kindheit beschränkten sich die Texte auf mehr oder weniger vorgegebene Themen. Diese Art zu schreiben engte mich zu sehr ein und ich verlor das Interesse. Schlussendlich waren es nicht meine Texte und Worte, ich habe sie nur in die Reihenfolge gebracht, die gewünscht war. Ich schrieb folglich nur noch für mich, doch mit der Zeit rückte die Schreiberei ganz in den Hintergrund. Dass ich damit ein wichtiges Refugium aufgegeben hatte, merkte ich erst, als ich vor einigen Jahren wieder mit dem Schreiben angefangen habe. Da waren viele Dinge, die sich angestaut hatten – nicht zuletzt der Tod meiner Mutter. Für diese Gefühle brauchte ich einen Raum. Und heute gehört es einfach dazu, hie und da zu schreiben. Wohl immer dann, wenn die Gedanken laut werden oder mich gewisse Dinge beschäftigen. Für mich ist die Sprache wie ein Bild. Worte sind wie die Farben und mit jedem Pinselstrich wird es mehr und mehr ein Kunstwerk. Einzelne Worte aneinandergereiht ergeben ein Bild, und das Bild ändert sich mit jedem zusätzlichen Wort. Sprache ist lebendig. Und in dieser Lebendigkeit finde ich die Details sehr spannend. Nicht nur in der Schreiberei richte ich meinen Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten. Ich habe die Ausbildung zur Ergotherapeutin absolviert und auch dort ist es unabdingbar, genau zu beobachten, Dinge zu sehen, welche auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sichtbar sind. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man braucht bloss unter die Oberfläche zu schauen, um die Essenz herauszufiltern.

Textbasis: Wenn man sich ein bisschen auf deinem Blog umschaut und durch deine Texte liest, sind es oft ernste Themen, die einem da begegnen. Was bedeutet es dir, über die Dinge zu schreiben, sie aufs Papier zu bringen?
Danielle: Tatsächlich sucht man auf meinem Blog vergebens nach viel unbeschwerter Kost. Als ich mit dem Blogschreiben angefangen habe, reduzierten sich meine Texte auf Alltägliches und ich suchte nach amüsanten Pointen, die dem Leser ein Lachen entlocken sollten. Doch mit der Zeit wurde ich solchen Texten überdrüssig. Vielmehr wollte ich über Dinge schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Die Worte und Bilder in meinen Gedanken brauchten einen Raum. Einen Raum, um erzählt zu werden, und einen Raum, um gelesen zu werden. Ich schreibe heute über Gedanken und Gefühle, für die ich im Grunde keine Worte finden kann. Das Schreiben vermag aber selbst diese Sprachlosigkeit zu überbrücken. Die Themen betreffen mich selten direkt, wenn dann sind es lediglich einzelne Passagen, die autobiographisch sind. Vielleicht fällt es mir daher auch leichter, dort Worte zu finden, wo einem die Worte eigentlich fehlen. Und nicht zuletzt hilft mir das Schreiben auch, vor gewissen Dingen – oder vielmehr Undingen – die Augen nicht zu verschliessen.

Textbasis: Weiter oben hatte ich es bereits geschrieben: Zum ersten Mal wird beim lyrischen Mittwoch ein Prosatext vorgestellt. Ist es eine bewusste Entscheidung, keine Verse zu verwenden, oder passt der freie Satzfluss einfach besser zu deiner Art des Schreibens? Was passiert in dir, wenn du schreibst?
Danielle: Es ist wohl eine bewusste Entscheidung. Ich lese Verse zwar ebenfalls sehr gerne, aber ebensolche selber aufs Papier zu bringen, liegt mir nicht besonders. Der freie Satzfluss hilft mir, mich weniger auf einzelne Worte und mehr auf das Ganze zu konzentrieren. Wenn ich den ersten Satz hinter mir habe, schreibt es meistens wie von selbst. Ich weiss, was ich sagen möchte und welche Gefühle sich dabei aufdrängen. Aufhören kann ich erst, wenn der letzte Punkt gesetzt ist. Danach stellt sich eine Zufriedenheit ein und ich fühle mich leichter – gerade wenn der Text ein düsteres Thema beinhaltet.

Textbasis: Schauen wir ein wenig hinein in deinen Text. Dort geht mir besonders ein Satz nicht aus dem Kopf. Du schreibst: „Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen.“ Am Anfang stolpert man, doch dann wird einem schlagartig klar, worum es dir wirklich geht, was deine Protagonistin tatsächlich durch die Wälder jagt. In diesen Momenten leuchtet deine Sprache hell, auch wenn das Thema dunkel ist. Wie entstehen solch starke Stellen bei dir? Feilst du an ihnen, oder drängen sie sich einfach auf? Hast du einen Tipp für angehende Autorinnen und Autoren, um starke Texte zu schreiben?
Danielle: Erst einmal lieben Dank für ein solch schönes Kompliment! Meine Antwort auf deine Frage fällt längst nicht so blumig aus. Ich kann nicht lange an einem Text arbeiten, feile wenig an einzelnen Sätzen oder Wörtern herum. Und das nicht nur aus Zeitgründen. Textpassagen wie jene, die du erwähnt hast, drängen sich einfach auf. Ich schliesse beim Schreiben oft die Augen und stelle mir die Situation vor. Ich in diesem Wirrwarr von Gefühlen, im Dickicht gefangen. Es sind die Bilder und Gefühle, die dabei entstehen, die ich in Worte fasse und zu Papier bringe. Ich beobachte, was mit mir geschieht, wenn ich an gewisse Themen und Bilder denke, und welche Gefühle dabei entstehen. Ich schreibe das, was der Moment bringt. Und diese Momente, wo ein Text entsteht und er dann auf meinem Blog erscheint, sind jedes Mal einzigartig.

Textbasis: Auf deinem Blog verbindest du Text und Bild. Ergänzen Bilder deine Texte, oder malen deine Texte die Bilder aus? Was kann ein Text, das ein Bild nicht kann, und andersherum?
Danielle: Die Bilder ergänzen wohl eher die Texte. Grösstenteils steht der Text bereits und ich suche nach einem passenden Bild. Manchmal habe ich eine Idee für einen Text und suche nach einem Bild, das die Gefühle, welche die Idee in mir auslöst, sichtbar machen kann. In diesem Fall schreibe ich den Text um das Bild herum.
Für mich persönlich lässt ein Bild in den meisten Fällen mehr Interpretationsfreiraum. Obschon auch bei der Sprache nicht immer herauskristallisiert werden kann, welches die genauen Beweggründe für den Text waren und welche Gefühle der Schreibende damit verbindet, geben Worte einen gewissen Rahmen vor. Ein Bild von einer leeren Schaukel kann vieles bedeuten. Die Worte Kindsmissbrauch oder Tod sind da eindeutiger.

Textbasis: Durchstöbert man die Internetforen und schaut sich die vielen neuen Veröffentlichungen kleiner und großer Verlage an, bekommt man das Gefühl, dass mehr und immer mehr geschrieben wird. Was zeichnet für dich einen guten Text aus, der aus der Masse heraussticht? Welche Veränderung wünschst du dir eventuell auch?
Danielle: Für mich ist ein Text ein gelungener Text, wenn er beim Leser etwas auslöst und Spuren hinterlässt. Es sind nicht unbedingt jene Texte am lesenswertesten, die mit zauberhaft klingenden Sätzen, wenig Rechtschreibefehlern, dafür umso mehr Fremdwörtern daherkommen. Für mich ist wichtig, dass ich mir dessen bewusst bin, was ich erzählen möchte und welche Gefühle ich vermitteln möchte. Beim Lesen eines Textes dagegen möchte ich die Augen schliessen und das Bild sehen, welches der Schreibende auslösen wollte.
Natürlich gibt es viele Texte, die ich nicht lese, viele lesen auch meine Texte nicht. Die Vielfalt sollte aber auf jeden Fall aufrecht erhalten bleiben. In der heutigen Zeit lässt sich wegklicken, was nicht gefällt. Und so kann jeder entscheiden, was er lesen möchte und was nicht.

Textbasis: Zum Ende noch ein bisschen Magie: Der Zauberstab kreist und … Kawisch – du bist ein Buch! In welches hast du dich verwandelt?
Danielle: Vielleicht in ein Tagebuch. Da stehen alle Wahrheiten über mich drin. Und den Schlüssel habe ich unlängst weggeworfen, natürlich bevor ich es abgeschlossen habe. Oder in den kleinen Prinzen von Antoine de Saint‑Exupéry, weil im Kleinen beginnt, was vielleicht einmal im Grossen enden könnte.

Textbasis: Ein schöner letzter Satz! Danielle, vielen Dank für die Teilnahme und die Einblicke hinter die Kulissen deines Schaffens! Ich hoffe, dass viele Leser – motiviert und gestärkt durch deine Antworten – nun noch beherzter an ihre eigenen Texte herantreten und sie ebenfalls zu Wortbrillanten aufpolieren und mit ihnen das Besondere schaffen. – Noch ein paar Anregungen, wie man auch in kurzen Texten Großes hervorbringen kann, finden Sie auf Danielles Blog. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie beim Lesen eine gute Zeit haben werden und dass jeder von Danielles Texten Sie ein bisschen mehr staunen lassen wird. Und da ich weiß, dass Sie auf Missscheinseins wunderschönem Blog gut aufgehoben sind, fällt es mir auch nicht schwer, diese Folge des lyrischen Mittwochs zu beenden. Ich hoffe, wir lesen uns nächsten Mittwoch wieder – bis dahin viel Poesie und einen zarten Start in den Frühling!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen eigenen Text oder ein eigenes Gedicht hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.