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[Der lyrische Mittwoch, Folge 11] Constanze – Das Meer singt Lieder…

Liebe Leserinnen, liebe Leser, diese Woche ist er zurück, der lyrische Mittwoch. Wo vor sieben Tagen die Impressionen der Mainzer Minipressen-Messe an eine schöne Zeit erinnerten, werden auch heute wieder Erinnerungen auftauchen. Es ist mir eine große Ehre, Ihnen Constanze vorstellen zu dürfen. Sie studierte Germanistik und Geschichte, arbeitete als Journalistin vorrangig im Gesundheitsbereich, lebt mit ihrem Mann im Schwarzwald und veröffentlicht auf dem Blog Das poetische Zimmer ihre Gedichte. Ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass Constanzes Liebe zur Oper, zur Musik und zur Satzmelodie Kleinodien feingeistiger Sprachschöpfung hervorbringt, deren wunderbare Wortbilder klingend im Gehörgang lang nachhallen.

Diesen besonderen Klang, dieses Verweilen der Verse und des Reims im inneren Ohr, dieses Eindrücken und Beeinflussen des Empfindens teilt ihre Lyrik mit der besonderen Intensität offener Wahrnehmung. Denn hat man sich erst der Betrachtung ganz hingegeben, so strömen Eindrücke oftmals erstaunlicher Form auf uns zu: Da beginnt ein überpustetes Meer zu singen, da wird aus der ursprünglichen Umgebung eine Eingebung direkt ins Herz, ins Empfinden. Da verschmelzen Wahrnehmung und Welt und stimmen das Wahre Lied des Fühlens an, welches atmend untertaucht „ins große Rauschen“ und feierlich beruhigt und immerzu erfährt: –

Das Meer singt Lieder…

Das Meer singt Lieder der Erinnerungen,
Gedanken, die gen Himmel fliehn.
Mein Herz, das lauscht,
lauscht immerzu im Stillen
zu allem, was mir nah erschien.
Und rinnt hinein ins große Rauschen,
und brandet an in bunten Träumen,
versickert Klang in weiten Räumen,
wo Sehnsuchtsbilder Kreise ziehn…

Constanze

Constanze

Textbasis: Liebe Constanze, ich freue mich, dass Du einer Teilnahme am lyrischen Mittwoch zugestimmt hast und mit Deinem Gedicht eine salzig-melancholische Prise Lyrisches durch den Blog wehen lässt. Welchen Freiraum bietet Dir das Gedicht, bieten Dir Verse, wenn Du über die Welt und dich selbst schreibst, gerade auch im Hinblick auf Deine Tätigkeit als Journalistin?
Constanze: Für mich als gefühlsbetonter, bildorientierter, musikalischer Mensch ist diese Art des künstlerischen Ausdrucks geradezu ideal. Und im Unterschied zum journalistischen Beitrag beziehungsweise zum reinen Sachtext dient es dem Ausdruck des persönlichen, inneren Erlebens. Das heißt nun aber nicht, dass man sich beim Dichten in einem schier unergründlichen, ichbezogenen Gefühlsüberschwang ergehen sollte. Möchte man den Inhalt mit anderen teilen, muss man vielmehr auch etwas allgemein Gültiges nachvollziehbar darin aufleuchten lassen.
Das hier vorgestellte Meergedicht verdeutlicht ein wenig meine Motivation. Mit einem poetischen, meditativen Blick gehe ich oftmals durch die Welt und die Dinge und Vorgänge sprechen dann in sehr eindringlicher Weise zu mir. In ihnen offenbaren sich besondere Stimmungen, zuweilen existentielle Aspekte des Daseins wie etwa Freiheit, Ewigkeit, Vergänglichkeit, Tod und Leben beispielsweise. Das berührt mich und ist es meiner Meinung nach wert, in ästhetisch verdichteter Form gesteigerten Ausdruck zu erfahren. Inspiriert davon, kommen mir Bilder, Gedanken, Melodien hoch, bilden sich Assoziationsketten im Innern. Das Äußere wird mit der Fantasiewelt verschmolzen, „brandet an in bunten Träumen“ und gebiert etwas Neues, ein thematisches Bild oder Gleichnis, welches in der passenden Verschmelzung unterschiedlicher Bedeutungsfelder seinen unvergleichlichen Ausdruck erfährt. Wenn ich Glück habe, erwächst mir im Vorfeld bereits eine melodiöse Verszeile oder ein ganz bestimmter Rhythmus. Dies alles notiere ich mir fast immer erst einmal auf einem kleinen Zettel, um es dann einige Zeit später vollends zu verdichten.

Textbasis: Wie Du mir während der Vorbereitungen unseres Interviews schriebst, fasziniert dich die Musik – und diese Musikalität hört man aus Deinen Zeilen heraus. Wie verbindet die Versmelodie dabei Inhalt und Bilder zu bleibenden Eindrücken? Was passiert, wenn Melodie und Text schief liegen?
Constanze: Dem Lyrischen, Liedhaften im herkömmlichen Sinne bin ich besonders zugetan, denn hier werden eben Wort, Bild und Musik beziehungsweise Rhythmus, Klang aufs Schönste miteinander verwoben. In dieser Art der Verdichtung kann ein mitzuteilender Gedanke zu einem außerordentlich sinnlichen Erlebnis werden und dadurch vielleicht zu einem nachhaltigeren (Selbst-)Erleben führen, weil (Wort)Bilder mit Musik beziehungsweise Rhythmus und Klang unmittelbarer das Gefühl ansprechen und bekanntlich tiefer im Innern verankert werden, als es sonst der Fall sein würde.
Um auf diese Weise eingängig zu sein, muss die Melodie zum einen so geschaffen werden, dass sie für den Leser deutlich im Innern vernehmbar wird, ihn selbst in die ausgedrückte Schwingung versetzt, bestenfalls sogar in einen rauschartigen Zustand, um ihn so in einem Fluss durch den Text zu tragen. Zum anderen besteht die hohe Kunst darin, Zeilen zu kreieren, die den Inhalt (Bild, Gedanke, Bewegung) auf formaler, musikalischer Ebene spiegeln, so wie es uns beispielsweise meisterhaft aus Rilkes „Panther“ entgegenleuchtet: „Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.“
Fügt es sich aber auf allen Ebenen nicht harmonisch zusammen, ja kommt der Leser auf halbem Wege gar ins Stolpern, weil der Rhythmus beispielsweise durch eine falsche Silbenanzahl im Vers oder etwa durch ein klanglich unpassendes Wort an der falschen Stelle aus dem Ruder läuft, dann wirkt es eher lächerlich und aufgesetzt und ein Höhenflug wird nur noch zum kläglichen Absturz.

Textbasis: Das bedeutet dann ja ebenfalls, dass das Gedicht immer vom Vortrag lebt, erst gesprochen sich ganz entfaltet. Kann es nicht auch Lyrik geben, die ganz und gar auf dem Papier aufblüht (sieht man einmal ab von künstlerischen Ausformungen wie etwa der Konkreten Poesie et cetera)?
Constanze: In der Tat ist es meiner Meinung nach so, dass Dichtung im herkömmlichen Sinn ihre Magie erst mit dem Vortrag vollends entfaltet. Ich selbst bin zu dieser Art des Schreibens ja auch erst wieder über die Rezitation von Gedichten hier im Netz gekommen, vornehmlich von Versen meines Lieblingsdichters Rilke. Dadurch haben sich mir gänzlich neue Dimensionen erschlossen. Nicht nur, dass mich das Sprechen von Lyrik für die eigenen Versuche erneut öffnete, nachdem ich seit Studientagen in dieser Richtung gar nichts mehr unternommen hatte, sondern es hat mich auch im besonderen Maße für dieses melodiöse, unvergleichlich schöne, nicht alltägliche Sprechen sensibilisiert. Es lässt mich persönlich Harmonie empfinden und die Schönheit dieser Sprache direkt fühlen und mit ihr auch die Möglichkeiten des Ausdrucks, die in ihr verborgen liegen. Vielleicht müssten Menschen, die nur noch wenig Lust verspüren, sich der traditionellen, liedhaften Dichtung zu nähern, nur einmal damit beginnen, diese wieder bewusster zu lesen und auszusprechen, und sie wird sich ihnen auf eine neue, ungewöhnliche Weise erschließen und sie einnehmen. Übrigens, längst bevor ich überhaupt noch einmal erneut mit dem eigenen Dichten begann, war es mein und meines Mannes liebster Zeitvertreib geworden, gemeinsam Gedichte unserer Lieblingsautoren auswendig zu lernen und uns diese gegenseitig aufzusagen.

Textbasis: Das bringt mich sodann auch direkt zur nächsten Frage. Gemeinsam veröffentlichen Du und Dein Mann (Pseudonym Wolfregen) im „poetischen Zimmer“ jeweils eigene Gedichte, gibt es da ab und an so etwas wie eine gemeinsame Arbeit am Text oder bedeutet das Gedichteschreiben gerade nur subjektive, individuelle Ausformung?
Constanze: Gemeinsame Projekte gab es bisher nur insofern, als ich Gedichte von Wolfregen zu einer ausgewählten Musik im Internet rezitiert habe. Ansonsten arbeitet jeder für sich im „stillen Kämmerlein“, bis ein neuer Text fertig vorliegt. Dann aber kommt die Präsentation vorm jeweils anderen ins Spiel und danach die gemeinsame Überarbeitung der Schwachstellen im Text. Dabei hat sich bewährt, dass sich mein Mann recht gut im allgemein Formalen auskennt und ich hier noch immer einiges dazulernen kann, während ich mehr die Expertin fürs Inhaltliche beziehungsweise Klangliche auf der Wortebene bin. So hat sich das bisher immer sehr gut ergänzt.

Textbasis: Und wie funktioniert das, in einer Welt voller Technik, Verdummungsfernsehen und Hast noch die nötige Muße zu finden? Was braucht es, um hinter dem schnöden Alltag das schöne Besondere zu sehen?
Constanze: Um das schöne Besondere im Alltag zu sehen, muss man mit einem wachen, für die Details offenen Auge durch die Welt gehen, hinter die Erscheinungen blicken, um damit das Wesentliche, Kostbare des Daseins zu ergründen. Auch, um Unschönes ab und zu auszublenden, so wie das Verdummungsfernsehen mit dem Ausschaltknopf am TV-Gerät Gott sei Dank ausblendbar ist. Zumindest im Privaten sollte man sich mit etwas beschäftigen, das der persönlichen Selbstfindung dient und die eigenen Kräfte stärkt. Für mich persönlich leistet dies zum Beispiel unter anderem die Hinwendung zur Historie. Sieht man einmal von den Missständen ab, die es zu allen Zeiten gab, so erscheinen mir frühere Leben zumindest im Privaten doch überschaubarer und damit beschaulicher und anschaulicher gewesen zu sein. Weniger schnelllebig, abstrakt und nüchtern, mehr den natürlichen Harmonien und dem Lauf der Jahreszeiten zugewandt. Mit den Gedichten und der Musik der Klassiker bekommt man eine Ahnung davon.
Mit Blick zurück schätzt man mehr das, was ist, als jenes, was in Zukunft noch alles sein sollte. Damit kommt Ruhe und Gelassenheit in den Tag. Technik wird viel bewusster für die eigenen Belange sinnvoll eingesetzt und nicht zum alles beherrschenden Faktor, der innerlich zerstreut und vom eigenen Selbst wegführt.

Textbasis: Dieses bewusste Wahrnehmen von sich selbst in seiner Umgebung, diese damit gewonnene Ruhe, scheint den Sinn für Struktur, für Wohleingepasstheit zu untermauern, den man in Deiner Lyrik vorfindet. Wenn man einen Blick unter die Verse des hier vorgestellten Gedichtes und die Gedichte auf Deinem Blog wirft, findet man stets eine starke Betonung des Rhythmischen, oft auch eine durchkomponierte Gestaltung in Reim und Metrum. Wie weit engt diese Vorgehensweise ein – gerade heute, wo noch immer viele Gedichte bewusst auf diese Gestaltungsmittel verzichten –, wie weit eröffnet sie Möglichkeiten, die den Freien Rhythmen verschlossen bleiben?
Constanze: Freie Rhythmen tragen der Spontanität des ausgedrückten Erlebens mehr Rechnung. Bei meinen ersten lyrischen Schritten habe ich auch lediglich versucht, die im Innern frei erwachsene, rhythmische Zeile mit weniger Beachtung von Metrum und Reim zu einem vollständigen Gedicht auszuweiten. In einer gewissen Hochgestimmtheit ist mir das dann auch einmal, denke ich, ganz gut gelungen mit den Zeilen zu „Mein Zimmer: die Stille…“. In so einer Situation wächst man fast über sich hinaus, vergisst alles andere um sich herum und ist ganz bei der Sache, und damit auch wiederum ganz bei sich selbst angekommen. Aber solche außerordentlichen Zustände stellen sich ja nicht per Knopfdruck ein und oftmals auch nicht in dieser Intensität. Mittlerweile ist es mir schon mehrfach passiert, dass mir der lyrische Fluss ein Schnippchen geschlagen hat und ich trotz gewecktem Dichterinnengeist einige Plagerei mit dem Rhythmus hatte. Längere Zeit weigerte ich mich, immer zu Anfang eines neuen Textes mindestens ein Gerüst aus festgelegter Silbenanzahl im Vers sowie ein festes Reimschema zu bauen. Ich dachte, dadurch würden die Zeilen einen Großteil ihrer Musikalität einbüßen und vielleicht zu statisch wirken. Dann aber habe ich gemerkt, dass so ein Gerüst eigentlich erst so richtig frei macht für den Inhalt, für das mit den Worten zu malende Bild, sofern man in dieser Manier überhaupt dichten möchte. Man kann sich problemlos daran festhalten und gerät nicht mehr so leicht ins Stolpern. Außerdem können fest durchkomponierte Versmelodien in ihrer Schwingung besser tragen und sind deshalb letzten Endes wahrscheinlich eingängiger, weil der Leser sich diese leichter merken kann, sie sogar mitsingen könnte.

Textbasis: In diesem Zusammenhang bitte ich Dich, kurz noch etwas zu folgendem Satz zu sagen, den Du mir im Vorfeld unseres Interviews mitteiltest. Du schriebst, „dass die echte Schwingung eigentlich erst auf der Wort- und Silbenebene erfolgt.“ Transportieren nicht auch die Strophe und das Gedicht selbst ihre eigenen Schwingungen?
Constanze: Ja, das stimmt natürlich. Aber erst am richtigen Ort platziert, entfalten Wörter und Silben ihren ganz eigentümlichen Zauber im poetischen Gefüge, denn sie unterstützen im besten Fall mit ihrem Klang und ihrer Betonung den Rhythmus in seiner Ausprägung sowie den mitzuteilenden Gedanke auf inhaltlicher Ebene. Das überprüfe ich im fertigen Gedicht stets anhand mehrerer Durchgänge und variiere dann die Worte, stelle sie um oder ersetze sie durch passendere, manchmal sogar öfters innerhalb eines Verses, bis ich schlussendlich den optimalen Fluss und Ausdruck erreicht habe.

Textbasis: Wie sich die Art zu dichten in vielen Jahren verändert hat, so veränderten sich ebenso auch die Möglichkeiten, die eigenen lang erdachten und durchkomponierten Gedichte einem breiten Publikum zu präsentieren. Welche Vorteile siehst Du für Dichterinnen und Dichter in der Möglichkeit, unkompliziert im Internet zu veröffentlichen? Und was macht eventuell auch den gedruckten Gedichtband gerade einzigartig?
Constanze: Das Internet bietet Autoren wie nie zuvor die Möglichkeit, eine interessierte Leserschaft zu finden, auch wenn kein Verlag auf der Welt jemals bereit wäre, ihre Texte zu drucken. Als Autor kann man auch schon einmal vorab zwanglos testen, wie die Gedichte denn ankommen, was gefällt und was weniger gefällt. Und vielleicht bietet sich dann ja irgendwann doch noch einmal die Chance, gerade über eine wachsende Leserschaft die Lorbeeren einer Buchveröffentlichung zu ernten. Dadurch gestaltet sich das Literaturgeschehen im Netz wesentlich bunter, vielfältiger.
Andererseits besteht die Gefahr, dass in einer Invasion pseudokünstlerischer Ergüsse irgendwann das wirklich Kunstvolle untergeht und die ganze Szene zunehmend verwässert. Aus diesem Grund hat eine Veröffentlichung in Buchform meiner Meinung nach wesentlich mehr Gewicht. Es ist schon eher eine qualitative Anerkennung der dichterischen Leistung, wenn man gedruckt wird, denn warum sollte ein Verlag das finanzielle Risiko eingehen mit Texten, von denen er sich eigentlich nicht viel verspricht.
Auch ist es meiner Meinung nach ein viel schöneres, da bewussteres und sinnlicheres Vergnügen, ein gedrucktes Bändchen schlussendlich in Händen zu halten und zu lesen. Denn nach wie vor unvergleichlich ist der Eindruck einer kunstvollen Papiergestaltung, ganz zu schweigen vom einzigartig Haptischen und Akustischen beim Anfassen und Umblättern der einzelnen Seiten. Falls sich also einmal die Gelegenheit ergeben sollte, dass ein Verlag sich meiner Gedichte annehmen möchte, werde ich dies außerordentlich zu schätzen wissen.

Textbasis: Dieser Überlegung stimme ich zu, denn gerade der Rolle der Verlage als „Kontrollinstanzen“ kommt doch die bedeutende Aufgabe zu, der von Dir angesprochenen Möglichkeit des Verwässerns ein bisschen entgegenzuwirken. Damit verabschiede ich mich ganz herzlich von Dir, Constanze, und bedanke mich für Dein Gedicht und Deine Antworten. Ebenfalls verabschiede ich mich von allen Leserinnen und Lesern, denn auch heute muss der lyrische Mittwoch wieder dem Unausweichlichen des Lebens entgegentreten: dem Ende. Doch das bedeutet keinesfalls, dass Sie nicht noch ein Weilchen genießen dürfen: Klicken Sie den folgenden Link, machen Sie es sich bequem und tanzen Sie lesend ein bisschen durch die Gedichte von Constanze und Wolfregen. Ein ganz besonders feiner Sessel ist bereits reserviert, treten Sie also nun ein – in das poetische Zimmer.

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen seiner Texte, eines seiner Gedichte oder Lieder hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.

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[Der lyrische Mittwoch, Folge 7] Danielle – Bodenlos sein.

Lang hat es gedauert, liebe Leserinnen und Leser, geschlagene sieben Folgen des lyrischen Mittwochs, um genau zu sein. Und nun ist es soweit: Der Mittwoch wird verslos verlockend, denn schöne Sprache kann immer lyrisch sein! Auf dem Blog der schweizerischen Schriftstellerin Danielle habe ich wunderbare Prosa gefunden, deren Sprachkraft zwischen den Zeilen hindurchleuchtet. Ob man Danielles Werke Prosagedichte, Skizzen, Kurzgeschichten oder noch anders nennt, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Die 33-jährige Autorin, die auf ihrem Blog unter dem Pseudonym Missscheinsein veröffentlicht, schreibt aus Passion, aus dem Moment heraus – und dabei ganz besonders eindringlich. Ich freue mich, einen ihrer Texte heute hier vorstellen zu dürfen!

„Bodenlos sein.“ lautet der Titel, das Thema ist ein trauriges: Auf dem Weg sein, und an den Kreuzungen unbedingt in die richtige Richtung müssen. Am Ende dort ankommen, wo man keinesfalls hinwollte, und sich fragen: Gab es wirklich einen anderen Ausweg aus diesem finsteren Labyrinth? Waren das echte Kreuzungen? Das Labyrinth selbst: ein undurchdringbarer Dschungel, der dunkler und dunkler wird, umso länger man sich in ihm verliert. Der Weg zurück führt nur wieder an den Anfang, nicht aber hinaus. Die letzte Entscheidung vor dem Licht: Erneut die Hand greifen, die einen so hart hinabstieß in diesen bösen Irrgarten; oder gar nicht mehr zugreifen? Nur noch loslassen, und endlich entsteigen aus diesem unheimlichen Meer toter Bäume? –

Bodenlos sein.

Sie lief schon seit Monaten, immer tiefer in den endlos sich hinziehenden Wald. Die letzte Lichtung lag weit zurück. Sie ging immer weiter. Ziellos, planlos, doch frei war sie nicht. Die schmerzenden Füsse spürte sie kaum mehr, auch nicht die zerkratzen Arme und auch nicht die ausgetrocknete Kehle. Nur der Hunger und die endlose Sehnsucht brachten sie um den Verstand. Sie zerbrach an ihrem Verlangen nach Nähe und entfernte sich dennoch immer weiter. Bei jedem Scheideweg versuchte sie den richtigen Kurs zu wählen. Doch jeder Weg schien falsch. Jeder Weg führte nur noch tiefer ins Dickicht. Jeder Schritt brachte sie weiter fort. Von sich und von allem. Doch plötzlich wurde es hell. Der Wald lag hinter ihr und vor ihr, in weiter Ferne, der Horizont. Doch sie wagte nicht, ihren Blick dorthin zu lenken. Vor ihr lag das Bodenlose. Die Leere. Jede Unachtsamkeit würde sie stürzen lassen. Jeder Fehltritt bedeutete den sicheren Tod. Doch zurück konnte sie nicht. Sie schloss die Augen, spürte den Wind in ihrem Gesicht. Sie atmete tief, hob ihren Fuss, trat an den äussersten Punkt des noch existierenden Haltes. Sie war bereit zu springen. Zu gross war die Angst. Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen. Sie liess die Augen geschlossen, sah die Hand, an der ihr Leben hing. Sie konnte sie nicht daran festhalten. Sie hätte alles mitgerissen. Sie ging alleine. Er hörte den Aufschlag und dann wurde es ruhig.

Danielle

Danielle

Textbasis: Herzlich willkommen, Danielle! Ich freue mich sehr, dass du am lyrischen Mittwoch teilnimmst! Schnell spürt man dein Auge für die Details, wenn man sich von deinen Worten hinfortzerren lässt. Woher kommt deine Liebe und Begeisterung für das Schreiben?
Danielle: Zuallererst herzlichen Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen darf. Als deine Anfrage kam, einen meiner Texte hier vorzustellen, war ich doch etwas überrascht. Ein erster Gedanke war, dass meine Schreiberei viel zu amateurhaft und belanglos sei, um hier vorgestellt zu werden. Aber ich legte diesen Gedanken beiseite und freue mich nun umso mehr. Ich finde die Idee und deine Umsetzung grossartig.
Die Begeisterung für Worte hatte ich schon immer. Als Kind waren es kleine Geschichten, die ich mir ausdachte, später wurden es Texte für ein Magazin und einige Zeitungsartikel. Wirklich professionell war es aber nie und abgesehen von den Geschichten in meiner Kindheit beschränkten sich die Texte auf mehr oder weniger vorgegebene Themen. Diese Art zu schreiben engte mich zu sehr ein und ich verlor das Interesse. Schlussendlich waren es nicht meine Texte und Worte, ich habe sie nur in die Reihenfolge gebracht, die gewünscht war. Ich schrieb folglich nur noch für mich, doch mit der Zeit rückte die Schreiberei ganz in den Hintergrund. Dass ich damit ein wichtiges Refugium aufgegeben hatte, merkte ich erst, als ich vor einigen Jahren wieder mit dem Schreiben angefangen habe. Da waren viele Dinge, die sich angestaut hatten – nicht zuletzt der Tod meiner Mutter. Für diese Gefühle brauchte ich einen Raum. Und heute gehört es einfach dazu, hie und da zu schreiben. Wohl immer dann, wenn die Gedanken laut werden oder mich gewisse Dinge beschäftigen. Für mich ist die Sprache wie ein Bild. Worte sind wie die Farben und mit jedem Pinselstrich wird es mehr und mehr ein Kunstwerk. Einzelne Worte aneinandergereiht ergeben ein Bild, und das Bild ändert sich mit jedem zusätzlichen Wort. Sprache ist lebendig. Und in dieser Lebendigkeit finde ich die Details sehr spannend. Nicht nur in der Schreiberei richte ich meinen Blick auf vermeintliche Nebensächlichkeiten. Ich habe die Ausbildung zur Ergotherapeutin absolviert und auch dort ist es unabdingbar, genau zu beobachten, Dinge zu sehen, welche auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sichtbar sind. Und so ist es auch mit dem Schreiben. Man braucht bloss unter die Oberfläche zu schauen, um die Essenz herauszufiltern.

Textbasis: Wenn man sich ein bisschen auf deinem Blog umschaut und durch deine Texte liest, sind es oft ernste Themen, die einem da begegnen. Was bedeutet es dir, über die Dinge zu schreiben, sie aufs Papier zu bringen?
Danielle: Tatsächlich sucht man auf meinem Blog vergebens nach viel unbeschwerter Kost. Als ich mit dem Blogschreiben angefangen habe, reduzierten sich meine Texte auf Alltägliches und ich suchte nach amüsanten Pointen, die dem Leser ein Lachen entlocken sollten. Doch mit der Zeit wurde ich solchen Texten überdrüssig. Vielmehr wollte ich über Dinge schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Die Worte und Bilder in meinen Gedanken brauchten einen Raum. Einen Raum, um erzählt zu werden, und einen Raum, um gelesen zu werden. Ich schreibe heute über Gedanken und Gefühle, für die ich im Grunde keine Worte finden kann. Das Schreiben vermag aber selbst diese Sprachlosigkeit zu überbrücken. Die Themen betreffen mich selten direkt, wenn dann sind es lediglich einzelne Passagen, die autobiographisch sind. Vielleicht fällt es mir daher auch leichter, dort Worte zu finden, wo einem die Worte eigentlich fehlen. Und nicht zuletzt hilft mir das Schreiben auch, vor gewissen Dingen – oder vielmehr Undingen – die Augen nicht zu verschliessen.

Textbasis: Weiter oben hatte ich es bereits geschrieben: Zum ersten Mal wird beim lyrischen Mittwoch ein Prosatext vorgestellt. Ist es eine bewusste Entscheidung, keine Verse zu verwenden, oder passt der freie Satzfluss einfach besser zu deiner Art des Schreibens? Was passiert in dir, wenn du schreibst?
Danielle: Es ist wohl eine bewusste Entscheidung. Ich lese Verse zwar ebenfalls sehr gerne, aber ebensolche selber aufs Papier zu bringen, liegt mir nicht besonders. Der freie Satzfluss hilft mir, mich weniger auf einzelne Worte und mehr auf das Ganze zu konzentrieren. Wenn ich den ersten Satz hinter mir habe, schreibt es meistens wie von selbst. Ich weiss, was ich sagen möchte und welche Gefühle sich dabei aufdrängen. Aufhören kann ich erst, wenn der letzte Punkt gesetzt ist. Danach stellt sich eine Zufriedenheit ein und ich fühle mich leichter – gerade wenn der Text ein düsteres Thema beinhaltet.

Textbasis: Schauen wir ein wenig hinein in deinen Text. Dort geht mir besonders ein Satz nicht aus dem Kopf. Du schreibst: „Die Dunkelheit hatte seine Spuren hinterlassen.“ Am Anfang stolpert man, doch dann wird einem schlagartig klar, worum es dir wirklich geht, was deine Protagonistin tatsächlich durch die Wälder jagt. In diesen Momenten leuchtet deine Sprache hell, auch wenn das Thema dunkel ist. Wie entstehen solch starke Stellen bei dir? Feilst du an ihnen, oder drängen sie sich einfach auf? Hast du einen Tipp für angehende Autorinnen und Autoren, um starke Texte zu schreiben?
Danielle: Erst einmal lieben Dank für ein solch schönes Kompliment! Meine Antwort auf deine Frage fällt längst nicht so blumig aus. Ich kann nicht lange an einem Text arbeiten, feile wenig an einzelnen Sätzen oder Wörtern herum. Und das nicht nur aus Zeitgründen. Textpassagen wie jene, die du erwähnt hast, drängen sich einfach auf. Ich schliesse beim Schreiben oft die Augen und stelle mir die Situation vor. Ich in diesem Wirrwarr von Gefühlen, im Dickicht gefangen. Es sind die Bilder und Gefühle, die dabei entstehen, die ich in Worte fasse und zu Papier bringe. Ich beobachte, was mit mir geschieht, wenn ich an gewisse Themen und Bilder denke, und welche Gefühle dabei entstehen. Ich schreibe das, was der Moment bringt. Und diese Momente, wo ein Text entsteht und er dann auf meinem Blog erscheint, sind jedes Mal einzigartig.

Textbasis: Auf deinem Blog verbindest du Text und Bild. Ergänzen Bilder deine Texte, oder malen deine Texte die Bilder aus? Was kann ein Text, das ein Bild nicht kann, und andersherum?
Danielle: Die Bilder ergänzen wohl eher die Texte. Grösstenteils steht der Text bereits und ich suche nach einem passenden Bild. Manchmal habe ich eine Idee für einen Text und suche nach einem Bild, das die Gefühle, welche die Idee in mir auslöst, sichtbar machen kann. In diesem Fall schreibe ich den Text um das Bild herum.
Für mich persönlich lässt ein Bild in den meisten Fällen mehr Interpretationsfreiraum. Obschon auch bei der Sprache nicht immer herauskristallisiert werden kann, welches die genauen Beweggründe für den Text waren und welche Gefühle der Schreibende damit verbindet, geben Worte einen gewissen Rahmen vor. Ein Bild von einer leeren Schaukel kann vieles bedeuten. Die Worte Kindsmissbrauch oder Tod sind da eindeutiger.

Textbasis: Durchstöbert man die Internetforen und schaut sich die vielen neuen Veröffentlichungen kleiner und großer Verlage an, bekommt man das Gefühl, dass mehr und immer mehr geschrieben wird. Was zeichnet für dich einen guten Text aus, der aus der Masse heraussticht? Welche Veränderung wünschst du dir eventuell auch?
Danielle: Für mich ist ein Text ein gelungener Text, wenn er beim Leser etwas auslöst und Spuren hinterlässt. Es sind nicht unbedingt jene Texte am lesenswertesten, die mit zauberhaft klingenden Sätzen, wenig Rechtschreibefehlern, dafür umso mehr Fremdwörtern daherkommen. Für mich ist wichtig, dass ich mir dessen bewusst bin, was ich erzählen möchte und welche Gefühle ich vermitteln möchte. Beim Lesen eines Textes dagegen möchte ich die Augen schliessen und das Bild sehen, welches der Schreibende auslösen wollte.
Natürlich gibt es viele Texte, die ich nicht lese, viele lesen auch meine Texte nicht. Die Vielfalt sollte aber auf jeden Fall aufrecht erhalten bleiben. In der heutigen Zeit lässt sich wegklicken, was nicht gefällt. Und so kann jeder entscheiden, was er lesen möchte und was nicht.

Textbasis: Zum Ende noch ein bisschen Magie: Der Zauberstab kreist und … Kawisch – du bist ein Buch! In welches hast du dich verwandelt?
Danielle: Vielleicht in ein Tagebuch. Da stehen alle Wahrheiten über mich drin. Und den Schlüssel habe ich unlängst weggeworfen, natürlich bevor ich es abgeschlossen habe. Oder in den kleinen Prinzen von Antoine de Saint‑Exupéry, weil im Kleinen beginnt, was vielleicht einmal im Grossen enden könnte.

Textbasis: Ein schöner letzter Satz! Danielle, vielen Dank für die Teilnahme und die Einblicke hinter die Kulissen deines Schaffens! Ich hoffe, dass viele Leser – motiviert und gestärkt durch deine Antworten – nun noch beherzter an ihre eigenen Texte herantreten und sie ebenfalls zu Wortbrillanten aufpolieren und mit ihnen das Besondere schaffen. – Noch ein paar Anregungen, wie man auch in kurzen Texten Großes hervorbringen kann, finden Sie auf Danielles Blog. Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie beim Lesen eine gute Zeit haben werden und dass jeder von Danielles Texten Sie ein bisschen mehr staunen lassen wird. Und da ich weiß, dass Sie auf Missscheinseins wunderschönem Blog gut aufgehoben sind, fällt es mir auch nicht schwer, diese Folge des lyrischen Mittwochs zu beenden. Ich hoffe, wir lesen uns nächsten Mittwoch wieder – bis dahin viel Poesie und einen zarten Start in den Frühling!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, einen eigenen Text oder ein eigenes Gedicht hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Endspurt!] Eure Gedichte für den Frühling sucht der sinn.wort.spiel-Blog!

Nur noch neun Stunden! Das ist die Zeit, die Sie noch haben, um Ihr schönstes Frühlingsgedicht an Sybille Ebner vom sinn.wort.spiel-Blog zu senden. Die Gewinnerin oder der Gewinner der Gedichtparade hat offiziell den Frühling herbeigelockt und erhält sogar noch ein tolles Buchpaket obendrauf. Wer also noch ein paar Worte für Herrn Lenz in der Schublade hat, der eile und sende sie ein!


[Der lyrische Mittwoch, Folge 6] Stefan Wirner – Romanze in der Tram

Der Mittwoch bringt schöne Verse, heute die des Germanisten und Journalisten Stefan Wirner. Ich freue mich, dass er zugesagt hat und der eher tristen Wochenmitte wieder einen Hauch lyrischer Laune beigibt. In 2011 veröffentlichte Stefan seinen Liebes-Reise-Gedichtband „Love To Go“, in den Jahren zuvor die Cut-up-Romane „Installation Sieg“ (1999), „Berlin Hardcore“ (2000) und „Schröderstoiber“ (2002). Auf seinem Blog Transvers erscheinen seit Januar weitere Gedichte in kurzer zeitlicher Abfolge. Ich freue mich, Ihnen eines seiner Gedichte hier auf dem textbasis.blog präsentieren zu können.
„Kein Freud ist ohne Schmerz“, schrieb Gryphius; und noch immer grüßt uns das Todesgedenken bei jedem genauen Blick hinein ins Leben mit eisigem Finger. Irgendwo schießen sich Menschen tot und kämpfen für irgendwas, anderswo kämpft einer um seine Liebe, für einen Kuss. Ungleiche Kämpfe: der eine endet mit Blut auf dem Feld, der andere mit Blut in den Wangen. Und doch: Die Tram fährt fort, ein Anruf steht noch aus, dort knallen bald noch die Gewehre, hier piepsen bald schon die Tastentöne des Mobiltelefons. Im Bewusstsein des Leides sich nicht von ihm verzehren lassen: Mit flinkfüßigen Reimen durch die Verse hopsen, am Ende zwar wieder in der Tageszeitung ankommen, doch wenigstens bis dahin alle Freude auskosten –

Romanze in der Tram

Er hat es,
das Strahlen des
Verliebten im
Gefühl des Sieges,

er kämpfte schon lang.

Sie glänzt ihn mit
großen, runden Augen an
und errötet dann.

Beim nächsten Halt
hüpft er aus
dem Abteil
und drückt ihr dabei
einen Kuss auf die Wang’.
„Ich rufe dich an.“

Ein sehnsuchtsvoller Blick
durch die schmutzigen Scheiben,
der Fahrtwind wirbelt
das Herbstlaub zurück.

Autos, ein Hupen,
sie senkt ihren Blick
und liest in den
Schlagzeilen vom Krieg.

Stefan Wirner

Stefan Wirner

Textbasis: Lieber Stefan, ich freue mich, dass du diese Woche am lyrischen Mittwoch teilnimmst. Seit vielen Jahren schreibst du Gedichte, beruflich bist du tätig als Journalist. Was zieht dich immer wieder hin zu den Versen, wo unterscheiden und wo überschneiden sich eventuell auch Lyrik und Journalismus bei dir?
Stefan Wirner: Lieber Sebastian, erstmal vielen Dank für die Einladung. „Der lyrische Mittwoch“ ist eine wunderbare Idee, ich wünsche Dir viel Glück damit und viele interessante Gesprächspartner. Es ist mir eine Ehre.
Zu Deiner Frage: Der Journalismus befasst sich mit den alltäglichen Katastrophen und Ungerechtigkeiten dieser Zeit. Mit Politik, Wirtschaft und Macht, mit den neuesten Nachrichten aus aller Welt. Der Journalist begibt sich selbst in diese Ebene hinein, er lebt in ihr und von ihr. Der Dichter hingegen sollte diese Ebene eher meiden. Denn Gedichte stehen von ihrer Natur her in Widerspruch dazu. Sie stellen per se einen größeren Einspruch dar, als jeder politische Kommentar in einer Tageszeitung es könnte. In einem Gedicht entsteht eine andere Welt, es transzendiert, wenn es gelungen ist, unser alltägliches Dasein. Ich meine damit nicht l’art pour l’art. Ich meine eine Lyrik, die etwas zur Sprache bringt von den anderen Möglichkeiten des Menschen.

Textbasis: Von den Konventionen des bloßen Kommentierens lösen sich ja auch deine drei Romane. Sie sind geprägt von der Montagetechnik William S. Burroughs’, einer experimentellen Methode, Texten neuen und anderen Sinn zu entlocken, sie gerade dadurch in ihrer Absurdität zu entlarven. Deine Gedichte hingegen wirken in sich ruhig und geschlossen. Gab es ein Umdenken, ein Umlenken in deiner Arbeit als Schriftsteller?
Stefan Wirner: Die Cut-up-Romane standen in engem Zusammenhang mit meiner journalistischen Tätigkeit. Sie waren vollständig durchdrungen davon. Damals wollte ich in Diskurse intervenieren. Dann aber habe ich mich wieder nach einem Ort gesehnt, der frei von alltäglicher Politik und von Nachrichten ist. Gedichte eröffnen diesen Raum, ich möchte sagen, diesen sakralen Raum. Es gab eine Zeit, da war es notwendig, die sakralen Räume der Gedichte zu zertrümmern. Sie waren nämlich zu Kitsch und zur Beweihräucherung und Verklärung schlechter Verhältnisse verkommen. In der Folge aber hat man das Gedicht völlig der äußeren Welt ausgeliefert und es zu einer Form des Journalismus degradiert. Dem möchte ich wieder etwas entgegensetzen. Nichts gegen den Journalismus, er hat eine grundlegende Funktion in der Demokratie. Das Gedicht aber muss seinen eigenen Ton finden, jenseits des Jargons des Alltäglichen.

Textbasis: Sprachlich muss es sich hervorheben, da stimme ich dir zu, aber das Gedicht muss doch immer auch hinein in den Alltag und dort das Besondere finden. So ist „Romanze in der Tram“ auch kein reines Liebesgedicht geworden, sondern es ist eingebettet in Weltgeschehen. Wie freudig der Moment für Liebenden und Geliebte in der Tram ist, draußen in der Welt herrscht der Krieg. Er weht nur mit einem Vers ins Gedicht, aber er ist da. Oft konnten wir in den Interviews des lyrischen Mittwochs lesen, dass gerade die Betonung des Subjektiven die Aufgabe der Lyrik sei. Welchen Herausforderungen muss sich deiner Meinung nach die Lyrik noch stellen?
Stefan Wirner: Die radikale Versenkung ins Subjektive ist die Basis des Gedichts. Aber es begnügt sich selbstverständlich nicht damit. Wenn das Gedicht im Subjektiven verharrt, ist es eher ein privates Tagebuch-Poem und sollte in der Schublade bleiben. Durch die Versenkung in das Subjektive versucht der Dichter, Aussagen über unsere Welt zu treffen, die allgemeingültig werden. In dem Sinne, dass der Leser etwas von seiner eigenen Welt darin wiedererkennt, bestenfalls deutlicher sieht und besser versteht.
Zu „Romanze in der Tram“: Als Subthema enthält dieses Gedicht das Verhältnis von Leben und Journalismus. Das Gedicht geht auf eine Beobachtung zurück. Ich sah ein innig flirtendes Paar in der Trambahn, verfolgte, wie der Mann aussteigen musste, die letzten sehnsuchtsvollen Blicke beim Ausstieg. Die Tram fuhr los, er winkte. Die Frau schien erfüllt von dieser Liebe, sie senkte aber, als ihr Geliebter außer Sichtweite war, ihren Blick und sah in die Zeitung. Ein niederschmetternder Moment. Dieser Augenblick der Liebe, der nach Unendlichkeit verlangte, wurde beendet mit Nachrichten vom Krieg, mit profanen Neuigkeiten aus der Innenpolitik, Artikel über wirtschaftliche Entscheidungen et cetera. Diese Beobachtung wollte ich festhalten, weil sie für die Art steht, wie wir heute leben.

Textbasis: Und die Art, wie wir heute leben, trifft der Titel deines Gedichtbandes mit seinem „to go“ treffend. Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen Liebes-Reise-Gedichtband zu schreiben und zu veröffentlichen? Ist die „Romanze in der Tram“ das, was du dir unter einem Liebes-Reise-Gedicht vorstellst?
Stefan Wirner: Der Gedichtband „Love To Go“ beschreibt eine Bewegung, eine äußere und innere Reise. Jedes einzelne Gedicht kann für sich stehen, ergibt aber in der Folge mit den anderen diese lyrische Erzählung. Die Idee dazu entstand in einer Zeit, da ich mich mehr für die Probleme der Liebe als für die der Politik zu interessieren begann. Die Liebe ist ohne Zweifel eines der rätselhaftesten Phänomene. Schauen wir uns die Welt an: Kriege, Umweltzerstörung, religiöser Hass, Neid und Konkurrenz. Und dennoch lieben Menschen andere Menschen: Eltern ihre Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt, Partner ihre Partner, egal, welcher Hautfarbe und Herkunft und welchen Geschlechts. Das erstaunt mich immer wieder und versöhnt mich ein wenig mit den Menschen.

Textbasis: In unserer E-Mail-Korrespondenz schriebst du, dass du dich für einen Book-On-Demand-Dienst entschieden hast, um deinen Gedichtband zu veröffentlichen, da es schwierig sei, einen Verlag für Lyrik zu finden. Was macht es den Verlagen so schwer, Gedichte zu veröffentlichen, was müsste sich auch auf Leserseite ändern?
Stefan Wirner: Viele Menschen können mit Gedichten nichts anfangen. Lyrik verkauft sich schlecht. Da muss man nur einen Verleger fragen. Die meisten Lyrikbände sind entweder Projekte eines idealistischen Verlages, dem an der Sache liegt, oder es handelt sich um Bücher von Schriftstellern, die neben ihren kommerziell erfolgreichen Büchern auch Lyrik schreiben.

Textbasis: Reisen wir in die Zukunft, aber nur ein klein wenig. Die E-Books wirbeln den Buchmarkt durcheinander, das ist bekannt. Welche Chancen bietet das E-Book für Verlage, Dichterinnen und das Gedicht selbst?
Stefan Wirner: Zum E-Book selbst kann ich wenig sagen. Aber vielleicht zu den neuen Möglichkeiten, die durch das Internet entstehen. Heute kann ein Buch, das niemand verlegen will, über das Internet trotzdem seine Leser finden, wenn es der Verfasser klug anstellt und ein bisschen Glück dabei hat. Das ist doch eine gute Entwicklung. Eine Demokratisierung der Literatur, wenn man so will. Vergleichbar vielleicht mit Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks oder der Einführung des Taschenbuchs.

Textbasis: Unsere Reise geht weiter. Fernab in der Zukunft: Das Gedicht hat die langen Texte im Literaturbetrieb verdrängt. Was muss die Prosa tun, um wieder gleichzuziehen, welche Stärken muss sie ausspielen?
Stefan Wirner: Was mich zuweilen an zeitgenössischer deutscher Prosa stört, ist die sprachliche Unzulänglichkeit und die Unglaubwürdigkeit. Die meisten Texte werden der Welt nicht gerecht, die sie schaffen und beschreiben wollen. Sie sind in sich nicht authentisch. Etwa wenn der Verfasser so tut, als wüsste er, wie Gauß und Humboldt gefühlt und gedacht haben, an anderer Stelle dann aber sein Nicht-Wissen als modernen Kniff verkauft.
Wenn die Prosa nicht zu Fernsehliteratur verkommen will, muss sie sich wieder auf ihre ureigensten Stärken besinnen und nicht von den narrativen Möglichkeiten des Films und des Fernsehens träumen und versuchen, sie zu kopieren. Viele Bücher werden schon für die Verfilmung geschrieben, und am Ende weiß man nicht, was schlechter war: das Buch oder der Film. Zeitgenössische Prosa lässt sich meist in vier, fünf Sätzen zusammenfassen. Bei einem guten Gedicht ist das unmöglich. Wer mir nicht glaubt, kann es meinetwegen mit „Der Turmsegler“ von René Char versuchen.

Textbasis: Hoffen wir, dass es nicht zu einem solchen Übergewicht kommen wird, sondern dass Lyrik und Prosa zukünftig gleichauf einhergehen, beide mit kraftvoller Sprache und authentisch in ihrer jeweiligen Art. Ich bedanke mich ganz herzlich bei dir, lieber Stefan, für deine Teilnahme. Wenn Sie, angeregt durch Stefans Antworten, mehr wollen, dann besuchen Sie bitte Stefan Wirners Transvers-Blog und hüllen Sie Ihre Augen noch ein bisschen länger in seine Verse. Ganz im Fahrwasser der „Romanze in der Tram“ freue ich mich, dass durch die Zusammenarbeit mit Stefan diese Folge so schön geworden ist; gleichzeitig ist es schade, dass wir schon wieder am Ende des lyrischen Mittwochs dieser Woche angekommen sind. Warum Gryphius auch immer recht haben muss … Bleiben Sie lyrisch, bis zum nächsten Mal!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.


[Der lyrische Mittwoch, Folge 5] dergrund – Sternförmige Strahlenpupillen

Sich von der Wucht der Poesie erschlagen lassen, auch diese Woche wieder – herzlich willkommen zur fünften Folge des lyrischen Mittwochs! Heute begleitet uns ein Gedicht von Andi, der seit vielen Jahren Gedichte schreibt und unter dem Pseudonym „dergrund“ auf seinem gleichnamigen Blog veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass er zugesagt hat und des Mittwochs Schnödheit aufhellt durch den Glanz seiner Worte.
Wie oft hört man, dass die Liebe alles verändern könne – und wie oft hat man schon darüber gelesen. Dabei sind Wörter wie „Liebe“ mittlerweile nichts mehr als aufgeweichte Worthülsen: breit, breiig, schleimig. Und deswegen findet man „Liebe“ auch nirgends in Andis Versen. Was man hingegen findet, sind die Wirkungen dessen, was man gemeinhin dieser Sinnesregung intensiver Empfindungsoffenheit zuschreibt: Nämlich das Funkeln des Alltäglichen unter dem Schleier wunderbarer Verklärung. Wenn Himmel zu Lapislazuli, wenn Tränen Perlmuttropfen und Augen „sternförmige Strahlenpupillen“ werden, dann zeigt sich, wofür das Wort „Liebe“ zu leer geworden ist –

Sternförmige Strahlenpupillen

Diese Aufregung kenne ich nicht von mir
Wie ich auf sie zugehe – mit Herzklopfen
Sie, Sonnenschein umhüllt sie, sie ist so wunderschön

Ihre Augen
Sternförmige Strahlenpupillen, doppelte Zickzack-Sonnen
Frühlingsgrün und Himmelblau zugleich

Beidseitiger Sog zueinander hin
Magnetisch, magisch, trifft es nicht, unaufhaltsame, unaufhörliche
Sofortige Sucht nacheinander

Es ist plötzlich passiert, einfach passiert
Aus der Leichtigkeit heraus und deswegen umso unglaublicher
Es fühlt sich sowas von fantastisch normal, einfach natürlich
   zwischen uns beiden an

Es ist ein ehrliches und echtes
Ein gemeinsames, wunderbares und synchron starkes Gefühl
Unbewusst von uns beiden vorausgeahnt und jetzt elektrisierend
   bewusst, prickelnd

Ich schaue in ihre Augen, tiefer und tiefer und sie in meine
So dass wir die Zeit vergessen, atemlos aufgeregt sind
Sehnsüchtig die Berührung des Anderen erwarten und verlangen

dergrund

dergrund

Textbasis: Vielen Dank für die Teilnahme am lyrischen Mittwoch, Andi! Ich freue mich, dass du uns pünktlich zum Frühlingsbeginn diese luftlockeren Worte mitgebracht hast. Unübertrieben, leicht und frisch ist deine Sprache; stark und anschaulich deine Bilder. Man spürt, dass dies nicht deine ersten Zeilen sind. Erzähl uns doch bitte kurz etwas über dich und dein bisheriges Schreiben.
Andi: Lieber Sebastian, herzlichsten Dank, dass ich am lyrischen Mittwoch teilnehmen kann und für deine lieben Worte über mein Gedicht.
Ja, die Worte müssen aus mir raus. Immer wenn ich stark fühle, egal ob positiv oder negativ. Es ist für mich eine Art des Verarbeitens des Geschehens, des Gegenwärtigen. Ich schreibe eigentlich nie über weit Vergangenes, Zurückliegendes. Trotzdem sind meine Texte nicht autobiografisch zu sehen. Das Echte in meinen Texten sind die Gefühle, die ich auslote, auskoste.
Ich bin 39 Jahre alt und ich finde es sehr interessant, dass sich meine Art, von Frauen zu schwärmen, die Art des Fühlens, wenn ich mich verliebe, im Vergleich zur Teenagerzeit nicht stark verändert hat. Der Körper wird älter und ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn mich meine Gefühle beflügeln. Aber der pure Ausdruck des Gefühls ist noch genauso wuchtig und mich mitreißend. Ich liebe diese Intensität.
Ich habe mit elf Jahren begonnen, Gedichte zu schreiben. Zum Glück hatte ich in meiner Schulzeit sehr gute Lehrer. Vor allem mein Deutschlehrer hat mich mit seiner Gedichtauswahl beeindruckt und für die Schriftstellerei begeistert.
Ich habe in der Folge Gedichte, Kurzgeschichten, Drehbücher und philosophische Texte geschrieben. Meine Leserschaft war sehr klein und setzte sich aus meinem Freundeskreis zusammen. Damals in den Achtzigerjahren gab es kein Internet und dass an meinen Texten Verlage Interesse hätten, glaubte ich nicht.
2009 fand ich durch Zufall eine Künstler-Community auf Myspace. Diese setzte sich aus Schriftstellern, bildenden Künstlern und Musikern zusammen. Das war eine sehr aufregende Zeit für mich. Wir inspirierten uns gegenseitig und konstruktive Kritik an meinen Texten half mir, mich weiterzuentwickeln. Leider sind die Myspace-Zeiten vorbei. Eine Plattform, auf der wir alle künstlerisch vereint waren, existiert nicht mehr. Jetzt sind wir über viele unterschiedliche soziale Netzwerke beziehungsweise Blogdienste verstreut.
2009 fand ich zudem den Mut, mich auch mit einem meiner Gedichte bei der Brentano-Gesellschaft für die Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts zu bewerben. Ich wurde aufgenommen und auch in den Folgejahren glückte es mir jedes Jahr, dass ein weiteres Gedicht mehr aufgenommen und von mir veröffentlicht wurde. In 2012 nahm eine sehr liebe und verehrte Freundin von mir, Emma Wolff, auch einen Text in ihrer Anthologie „Ein Leben mit Autismus“ auf. Ich selbst bin kein Autist. In meinem Text „Weltenrauschen“ beschreibe ich, wie ich sie im liebevollen Umgang mit ihrem Sohn, der das Asperger-Syndrom hat, wahrnehme.
Interessant finde ich, dass, wenn ich schreibe, ich einen Flow bekomme. Ich nenne diesen Flow auch meine „Mann auf dem Mond-Phase“. Ich bin für niemanden ansprechbar und höre auch niemanden. Ich bin von der Außenwelt abgeschottet und befinde mich tief in meinem Inneren. Ich denke, wenn mir dies in der U-Bahn passierte, dass dies sehr strange auf andere wirken würde, die mich nicht kennen.

Textbasis: Gleich hintenan noch die Frage, die sich vermutlich viele Leser stellen: Was hat es mit deinem Pseudonym „dergrund“ auf sich, und was möchtest du uns über deinen Entschluss verraten, nicht unter deinem bürgerlichen Namen zu schreiben? Was gewinnst du, was büßt du vielleicht auch manchmal durch diese Entscheidung ein?
Andi: Der Ursprung des „dergrund“-Blogs ist, dass ich auf Myspace meistens sehr positiv gestimmte Gedichte veröffentlicht habe und einen anderen Blog haben wollte, in dem ich düster, böse und verzweifelt sein konnte. Also die andere Seite des Lichts, der Dunkelheit in mir Ausdruck verleihen konnte. Mittlerweile ist der „dergrund“-Blog nun mein Hauptblog geworden.
Mit dem Pseudonym „dergrund“ verbinde ich mein Streben, im Kontakt mit meinem Innersten zu stehen. Wie Wurzeln im Boden Halt suchen, verankere ich mich mit meinem Innersten. Für mich war es wirklich ein harter Kampf, wieder zu meinem Innersten zu finden. Es mir einzugestehen, dass ich mich verloren hatte, war der erste Schritt, mich wieder zu finden, mich wieder zu entdecken. Aber wie konnte ich mich selbst verlieren? Sicherlich war mein Ehrgeiz, in allem erfolgreich sein zu müssen, der Grund, viele Jahre im Prinzip wie eine Maschine zu funktionieren. Karriere-Mechanismen sind durchschaubar und die Antizipation der Erwartungen, um erfogreich zu sein, erfordert nur ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Dazu gehörte für mich wohl auch, die Verbindung zu meinem Innersten zu kappen.
Warum will ich anonym bleiben? In meinen Gedichten bin ich frei. Frei von allen Verpflichtungen und Erwartungen des Lebens. Frei von moralischen Grundsätzen. Ich kann mich in meinen Gedichten meinen Gefühlen und Träumen hingeben. Diese Offenheit wäre für mein direktes Umfeld möglicherweise zum Teil sehr irritierend. Auf der anderen Seite wahrscheinlich auch überraschend, wie tief meine Gefühle sein können.
Eine Einbuße wäre es sicherlich, wenn ich nicht mehr alles veröffentlichen könnte, was ich derzeit fühle. Wenn ich Angst haben müsste, dass alles, was ich schreibe, möglicherweise zwanghaft als wahr und autobiografisch gesehen würde. Also fühle ich mich unter „dergrund“ frei und trage keine Maske, außer die des Pseudonyms.

Textbasis: Vielen Dank für diese tiefen Einblicke in deine Arbeit als Künstler. Während des Lesens von „Sternförmige Strahlenpupillen“ spürt man erotische Vibrationen, elektrisches Herzknistern. Woher nimmst du die Inspirationen für deine Texte und warum verschmelzen Liebe und Lyrik so gut miteinander bei dir?
Andi: Ich bin ein Schwärmer. Ich liebe das Leben und die Liebe. Das Gefühl, verknallt, verliebt zu sein, einen guten Flirt zu haben, das ist mein Doping.
Die Synthese von Liebe und Lyrik gelingt, glaube ich, nur, wenn die Gefühle ehrlich sind und nichts hinzufantasiert wird. Mir gelingt es zum Beispiel nicht, wenn ich etwas künstlich erzeugen möchte, etwas übertrieben sexuell verbal ausreize, wenn ich aus der Liebe ein Experiment in einem Textforschungslabor mache. Jegliche Effekthascherei führt zu Kitsch und wird als Unehrlichkeit vom Leser enttarnt. Lyrik ist keine Lüge, sondern der Versuch ehrlich, wahr zu sein.

Textbasis: Schweift man ein wenig durch die Gedichte auf deinem Blog, stellt man auch fest, dass nicht alle deine Texte geprägt sind von Heiterkeit und innerem Scheinen. In Fetzen skizzierst du oft die Welt. Das Fetzenhafte, das Herausgerissene, auch das begegnet uns in und zwischen deinen Versen. Welche Rolle spielt Lyrik, spielt Schreiben allgemein für dich im Umgang mit der Welt?
Andi: Keiner meiner Texte entsteht aus einer inneren Ausgeglichenheit heraus. Ich glaube, wenn überhaupt, gelingt es mir, im Leben ein dynamisches Gleichgewicht aus positiven und negativen Eindrücken zu halten. Ich bin ein Expressionist, der sich in einer Zentrifuge aus „gut“ und „böse“, „Licht–“ und „Schattenwesen“ dreht. Das Schreiben verbindet meine innere Welt mit der Äußeren. Das Schreiben ist die Brücke.
In meinen Texten stelle ich mich natürlich auch meinen „Dämonen“, aufwühlenden Alpträumen oder auch Misserfolgen jeglicher Art, um sie verarbeiten, um aus ihnen Gutes ziehen zu können. Das Leben ist Veränderung, und wenn es einen Traum in Fetzen zerreißt, kann ein Neuanfang das Beste sein, was einem im Leben passieren kann.

Textbasis: Würde das bedeuten, dass am Besten jeder Gedichte schreiben sollte, oder gehört mehr dazu, als Wörter einfach gedankenlos hinzuwerfen? Muss Lyrik immer Kunst sein, oder ist sie ebenso Mittel sanfter Selbst-Therapie, völlig unabhängig von dritten Augen?
Andi: Gedankenlos hingeworfene Worte beinhalten oft mehr Wahrheit als alle künstlich erdachten Wortkombinationen. Sie können ein gnadenloser Spiegel sein. Deswegen kann ich nur jedem empfehlen, der noch nie ein Gedicht geschrieben hat, es zu wagen. Je öfter diese expressionistischen Übungen ausgeführt werden, umso dichter und purer können die dargestellten Emotionen werden. Der entscheidende Faktor, ob diese Texte dann als Kunst wahrgenommen werden, ist, wie intensiv und ehrlich die dargestellten Gefühle dem Leser erscheinen.
Gedichte schreiben ist für mich sicherlich eine Art Selbst-Therapie, aber auch ein Akt der Unabhängigkeit, ein Zeugnis der inneren Freiheit.

Textbasis: Ich hoffe, dass sich viele Dichterinnen und Dichter in spe deine Ermutigung annehmen! Wo ziehst du der Lyrik dennoch eine Grenze?
Andi: Die Lyrik kann das Leben nicht ersetzen. Gedichte sind oft nur entschlüsselbar, ihre Botschaften werden für mich erst hörbar, wenn ich in die selben Lebenssituationen gerate, wie der Dichter, der sie niederschrieb. Und dann sind sie Balsam für meine Seele.

Textbasis: Zum Abschluss noch eine letzte Frage. Viele deiner Texte werden von Bildern oder Bildvariationen begleitet. Sind die Bilder Teile des Gedichtes, der Text ein Teil der Bilder? Wie unterstützen Bilder das schwarze Wortleuchten?
Andi: Ich bin mir da selbst noch nicht sicher.
In letzter Zeit fotografiere ich sehr gerne und editiere die Bilder, verfremde sie, bis aus ihnen etwas Neues entsteht. Vielleicht das, was ich eigentlich gesehen habe in dem Moment, als ich das Foto geschossen habe.
Und die Gedanken, die mir dabei in den Kopf kommen, schreibe ich dann auf …

Textbasis: Und damit ist leider auch der schönste Teil des Mittwochs wieder zu Ende. Ich bedanke mich noch einmal ganz herzlich bei Andi für das Gedicht und dass er sich die Zeit genommen hat für die spannenden Antworten. Ich hoffe, dass auch diese Woche wieder viele Anregungen und Gedanken für Sie im Text steckten, die Sie neugierig auf mehr Lyrik, auf mehr Sichtweisen anderer Künstler machen. Und die in Ihnen eine Frühlingslust der Poesie erwecken, um selbst die schönsten Verse zu dichten. Wenn Sie vor dem Scheiben noch ein paar Lustimpulse brauchen, oder den Drang nach mehr lyrischem Genuss verspüren, folgen Sie dem Link zu Andis Gedichtblog und lassen Sie sich ein bisschen in der Zeit verwehen. Bis zur nächsten Folge, Lyrik ahoi!

PS: Wer von Ihnen ebenfalls Lust hat, eines seiner Gedichte hier vorzustellen und ein paar Worte über sich zu sagen, folge mir mit seinem Blog, oder mache auf andere Weise auf sich aufmerksam. Ich würde mich freuen, ein Zeichen von Ihnen zu erhalten.